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Benny's Video
Rücklauf, Einzelbildschaltung, das Plopp des Bolzenschußgerätes,
groß die weit aufgerissenen, erstarrten Schweineaugen, der Augenblick
des Todes. Schüler Benny lernt das Sehen, und er wendet an, was er auf
diesem Heimvideo gesehen hat. Er besorgt sich die Schlachterwaffe und drückt
ab: auf das Mädchen, das eben noch „Drück ab, Feigling" gerufen
hat. Das Schußgerät hielt er wie den Penis in der Hand. Kein Videospiel,
darum hat das Mädchen auch nur ein Leben. Aber wir sahen das Unglück/den
Mord/das Spiel halbwegs durch die Videokamera, die mitlief, d.h. wir sahen von
der Tat gar nichts, nur einen Ausschnitt vom Raum, leer, aber die Todesschreie
hat das Mikro, das bekanntlich als passives Instrument mehr registrieren kann
als das zupackende Kameraauge, grausam und nervzehrend dokumentiert.
Wir sind am Ende des ersten Filmdrittels. Der Film wird sich jetzt
den Eltern zuwenden, die ihren Sohn Benny überreichlich mit teurer Hardware
ausgestattet - und alleingelassen - haben. Daher sehen wir Benny in den letzten
zwei Dritteln des Films als Opfer fehlgeleiteter elterlicher Gewalt. Dem Sühnebedürfnis
wird Genüge getan, indem Benny die Videokamera als Waffe gegen die Eltern
einsetzt. Sie entlarvt emotionale und moralische Krüppel, die an Vertuschung
und Schadensbegrenzung denken („Die Leiche zerstückeln, zersägen und
runterspülen"), während Sohn Benny in seelischer Not sich sowohl
eine Glatze schert als auch im Motettenchor den Herrn anruft ("Jesu. meine
Freude" und "Liebster Jesu, wir sind hier").
Regisseur Michael Haneke (DER 7. KONTINENT) versucht, die Wohlstandsgeneration, der im perfekten Design Seele
und Gemüt abhanden kam, mit eigenen Waffen zu schlagen. Seine Kamera steht
an Perfektion, stilsicherer Cadrage und eleganter Bewegung dem herrschaftlichen
Auftritt und der bis zur Unbenutzbarkeit aufgeräumten bürgerlichen
Ordnung in nichts nach. Auch enthält sich BENNY'S VIDEO jedes direkten
Kommentars, gar etwaiger psychologischer Deutungen oder Einfühlungen. Wie
Benny von seinen Eltern wird der Zuschauer auf den ersten Blick vom Regisseur
alleingelassen, hilflos ausgesetzt dem Kurswechsel: nicht Bennys Gewalttat,
sondern der Mißbrauch der elterlichen Gewalt wird geklärt und gesühnt.
Hanekes blitzblanker, vordergründig kritikloser und seinerseits derb emotionsloser
Film erledigt nichts und gibt keinerlei Antwort.
Diese Unerträglichkeit ist es, die wie zuvor im 7. KONTINENT
das Eingreifen Dritter, die Antworten der Zuschauer, emotionale Empörung
und moralische Anteilnahme erzwingt. Hanekes offene Form setzt in der Kommunikation
Ungeheuerlichkeit frei. Wer gar nicht anders kann, als mit den Bildern weiterzuleben,
hat bereits gelernt, den Haneke-Film als Projektionsfläche und als Modell
zu nutzen. Vielleicht mag es ein wenig altmodisch sein, auf jeden Fall ist es
die pure Menschenfreundlichkeit, Hilfe zur Selbsterkenntnis zu liefern. - besonders
da der Regisseur mit BENNY'S VIDEO im zweiten Teil der Trilogie über „die
fortschreitende emotionale Vergletscherung" mehr als nur Verzweiflung und
Ausweglosigkeit anbietet. Der Benny des Films lernt, Waffen zur Selbstverteidigung
und zur Befreiung zu gebrauchen (vom Bolzenschußgerät zur Videokamera);
gesteuert wird er von einem ihm zunächst noch nicht bewußten Grundbedürfnis
nach Erkenntnis (Motettenchor). Haneke setzt also, sicherlich zur Befremdung
und Verblüffung des Publikums, auf den jugendlichen Gewalttäter. Gleichzeitig
hütet er sich, das Medium Video für den Realitätsverlust, den
der Protagonist erleidet, allein verantwortlich zu machen. Dieser läßt
die Kamera lauten, um zu erfahren. was auf der Straße passiert. Um den
Monitor optimal zu sehen, hat er das Fenster verdunkelt, durch das er genau
das sehen könnte, was der Monitor zeigt.
Eine lehrhafte Installation. Aber dennoch wird nicht, was bequem wäre.
eine Institution verantwortlich gemacht, sondern die, die sich aus Bequemlichkeit
der Videohardware Kamera bedienen, um ein Kind ruhigzustellen. Das Haneke-Modell
bringt Menschen in Interaktion. So aufreizend, penetrant und lehrhaft wahr wie
nie: Angela Winkler und Ulrich Mühe im Part der gesellschaftskonformen
und anpassungsgerechten Eltern („Halten wir uns an die Spielregeln!").
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen in:
BENNY'S VIDEO
Österreich/Schweiz 1992. R und B: Michael Haneke. P: Veit Heiduschka, Bernard Lang. K: Christian Berger. Sch: Marie
Homolkova. T: Karl Schlifelner. A: Christoph Kanter. Ko: Erika Navas. Pg: Wega Film/Bernard Lang AG. V: Pandora. L:
105 Min. DEA: Münchner Filmfest 1992. St: 27.5.1993. D: Arno Frisch (Benny), Angela Winkler (Mutter), Ulrich Mühe
(Vater), Ingrid Stassner (Mädchen).
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