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Bent
Eine
schwule KZ-Ballade. – Man kommt dem Film am nächsten, wenn man seine Bühnenhaftigkeit
bejaht. Die Kraft, Leben, Liebe und Tod im KZ Dachau selbst zu inszenieren,
nämlich sich durch theatralische Phantasie Freiraum – insbesondere sexuelle
Nischen – zu verschaffen, mag mit realistischen Abbildungen nichts gemein haben,
fördert aber Mut und stillt Verlangen. Inszenierung als Lebenshilfe, ja
so ist es.
Wir
sehen ein Kammerspiel, in dem Schauspieler poetische Texte sprechen. Philip
Glass glättet die Szenen mit der vertrauten repetitiven Musik. Die eher
abstrakten Landschaften (Wald, Industriebrache, Mond, Wolken) muten wie Bühnenprospekte
an. Und was SS-Schergen in die Hand nehmen, scheint aus dem Fundus zu stammen.
Und das alles ist gut so. Denn nur wer lernt, mit Kostümen und Requisiten
umzugehen, weiß zu handhaben, was für die anderen Ohnmacht, Terror
und Leid ist.
Max
und Horst also, die sich im KZ körperlich nicht angehören dürfen,
inszenieren in einem grandiosen Wort-Duett einen Liebesakt, der in wechselseitigem
Orgasmus mündet. Das ist einerseits sehr direkt, aber auch exemplarisch
und pädagogisch. Das Wort, das ist der Glaube unserer Bühnen, springt
ein, wenn die Verhältnisse nicht so sind. Ein Schelm, wer bei diesen Auftritten
an Telefonsex denkt, denn ausgehebelt wird, wenigstens für die Dauer der
Vorstellung, das Schreckensregiment der SS-Herrschaft. Max inszeniert seinen
Tod am Zaun des Lagers, melodramatisch, die Funken stieben. Er ist tot, aber
er behält durch diesen theatralischen Akt das letzte Wort. Wider die realistische
Vernunft. – Halten wir fest, daß der Glaube an die heilsame Kraft des
Theaters schonend, aufbauend und menschenfreundlich ist. Vielleicht ist dies
der Grund, daß der Film Bent
reüssiert und Publikumspreise einheimst.
Wir
dürfen aber nicht verschweigen, daß die mutige KZ-Inszenierung immer
dann, wenn sie ihre Kraft verliert, ins Dekorative abfällt, und das mag
dann schon bei dem einen oder anderen Zuschauer, der sowieso das Thema theatralisch
für nicht operabel hält, Unmut auslösen. Schwierig wird es mit
den Soloauftritten von Nebendarstellern, die einerseits dem Kammerspiel zu Opulenz
verhelfen sollen, andererseits die Aufgabe haben, die Geschichte schwuler Emanzipation
zu vermitteln. Mick Jagger (Greta) trägt in der Prä-KZ-Zeit glamourös
den Song „Streets of Berlin" vor und schwärmt vom „pretty boy with
ocean blue eyes", während im schnellen MTV-Schnitt eindringlich alle
möglichen Arten von schwullesbischem Sexualverkehr geboten werden. Wir
werden informiert, daß Röhm, die fette Schwuchtel, Hitlers Freund
gewesen sei. Und Max, unser Kammerspielheld, treibt es mit dem hübschen
SA-Mann mit den meerwasserblauen Augen. Was also war in den Straßen von
Berlin los – in der seligen Zeit vor dem Röhm-Putsch? Will Bent
uns sagen, daß die schwule Welt in Ordnung war? Er sagt es später
explizit. Mein Gott, wenn bloß die SS nicht gewesen wäre! Schon kommt
einer dieser Intellektuellen, das Gemüt eiskalt, die Uniform tiefschwarz,
zückt ein Messer mit einer mehr als 15 cm langen Klinge und schneidet dem
SA-Boy die Kehle durch, daß das Blut hoch aufspritzt. Und das vorn an
der Rampe, theatralisch, denn es ist die Nacht der langen Messer. Das ist exemplarisch,
empörend, und – wie wir wissen – Theater. Aber ich fürchte, es gibt
trotzdem Diskussionsbedarf.
Gut,
die Basis-Informationsvermittlung ist vorhanden; sie funktioniert nach dem Dialogmuster
„Das rosa Dreieck, was ist das?" – „Das rosa Dreieck ...", und jetzt
weiß es auch der letzte. Das ist richtig, das geht in Ordnung. Aber was
fängt der letzte damit an, daß ihm die Fahrt nach Dachau kunstgewerblich
verbrämt wird? Zwischengeschnitten sind übereinander geblendete Schienen,
wie wir sie aus der späten Stummfilmzeit kennen. Macht KZ-Ästhetisierung
Mut? Das Publikum hat, wie berichtet wird, die Frage bejaht; das war auf den
Festivals in Emden und Freiburg. Ich akzeptiere das, denn amor vincit omnia,
oder, wie es im Schlußmonolog auf englisch heißt – der Film ist
einschließlich Mick Jagger unsynchronisiert –: „I love you. What
is wrong with that. Oh
my God" – aber deutsch untertitelt.
Dietrich
Kuhlbrodt
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
bent
Großbritannien
1996. R: Sean Mathias. B: Martin Sherman (nach seinem gleichnamigen Theaterstück).
P: Michael Solinger, Dixie Linder. K:
Yorgos Arvanitis. Sch:
Isabel Lorente. M:
Philip Glass. A: Stephen Brimson Lewis. Pg: Channel Four Films/NDF Inc./Ask
Kodansha Co. Ltd./Arts Council. V:
Salzgeber. L: 104 Min. FSK: 16, ffr. St: 12.11.1998. D: Clive Owen (Max), Lothaire
Bluteau (Horst), Brian Webber (Rudy), Ian McKellen (Onkel Freddie), Mick Jagger
(Greta/George).
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