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Berlinale 06
Und wieder eine Unterrichtsstunde,
eine doppelte. Auf der Berlinale wird ein Heldenleben nachgespielt: mal eine
manische Untersuchungsrichterin (Isabelle Huppert), mal eine naive Bondagekünstlerin
(Bettie Page), mal ein lustiger Haßprediger (Iman Mohammed Fazazi), mal
ein schräger Schriftsteller (Truman Capote). Sehr interessant, die legendären
Helden wiederzusehen, besonders als Erstinformation für die Jungsemester.
Für die Volkshochschule kommt es nicht darauf an, wie kunstfertig die Botschaften
vermittelt werden. Es geht um den Inhalt, und ästhetische Ambitionen sind
verfehlt. Sie stören.
Ich will da auch nicht stören,
wenn ich all die Begeisterten sehe, die aus einem total langweiligen und vollbekloppten
Film rauskommen. Als Filmkritiker bin ich in der Informationsveranstaltung über "The Notorious
Bettie Page" fehl am Platz. Immerhin war ich wegen des interessanten Lehrstoffes
gern bis zum Schluß geblieben. Bloß --, nä, ich sags nicht.
Lassen wir es dabei, daß das Bondage-Model von damals heute eine Heldin
ist. Nein: eine Heilige. Schluß ist mit dem Posieren, und sie kehrt reumütig
in den Schoß der Kirche zurück. Züchtig nimmt sie Platz unter
den Gläubigen, sechste Reihe links am Gang, und dann die Orgel.
Als Heilige endet auch Michaela
Klingler in der Kirche. Jedenfalls in dem bayerischen Film "Requiem" von Hans-Christian Schmid.
Die Pädagogikstudentin wird vom Erstsemesterkollegen - ich verfluche ihn
hiermit - statt in die Klinik ins verfrommte Elternhaus gefahren, obwohl im
dörflichen Kinderzimmer epileptische Anfälle fachgerecht nicht behandelt
werden können, weil es ist ja keine Krankheit, sondern Besessenheit. Die
Dämonen! In den US-Filmen - "Der Exorzist" und sein Remake - kriegten wir eine Wahnsinnswut auf die
bigotten Klerikalen im Bibelgürtel, die mit bischöflicher Erlaubnis
der Kranken erst die Dämonen und dann das Leben austrieben. - Im bayerischen
Film (Bavaria) wird uns das Austreibungsmassaker erspart, dafür wird uns
eingeredet, das Opfer habe sich ja sowas von freiwillig der Austreibungsprozedur
unterworfen, weil sie ja gern eine Heilige werden wollte. Was sie schließlich,
wie uns dürre Schlußtitel unterrichten, auch geworden ist.
Hans-Christian
Schmid, Du Bayer, shame on you. "Sie starb an Entkräftung", informierst Du. Einfach
so. Und? Okay? Heilig?! - Scheiß drauf. Heute würden Eltern, deren
Kind im Haus "an Entkräftung" stirbt, vor dem Kadi landen, und
der Sozialdienst, der nicht nachgeguckt hat, obendrein. Aber in Schmids Erbauungstraktat
ist das alles Gottes Segen, denn der Herr Bischof hat das, was Ermordung ist,
gnädigst genehmigt. - Die, die dem Film einen Preis gaben, sollen in der
Hölle schmoren. Und äh, ästhetisch einwandfrei gemacht, ist "Requiem"
schon. Und jetzt bin ich es, dem das gepriesene Schauspiel (Sandra Hüller),
egal ist. Weil ich wütend bin und weil Emotionen ein tolles Gefühl
sind.
Ich verlaß jetzt kurz, hoffe
ich, mein Helden- und Heiligenleben, um auf meine Wahnsinnswut zu kommen, die
Michael Winterbottom und Mat Whitecross geschürt haben. "The
Road to Guantanamo"
ist eine einzige Haßpredigt, und ich hasse mit, was die Militärclique
in den USA an Terrorexorzismus anrichtet. Der Bibelgürtel an der Macht,
und mit mittelalterlicher Folter kennt Bayern sich bestens aus. Ja, wir waren
hier schon längst Experten, und so nimmt es kein Wunder, daß der
Bundesgeneralstaatsanwalt Nehm gegen Bush und Konsorten, die den Angriffskrieg
gegen den Irak vorbereiteten, nicht ermitteln will, auch nicht gegen deutsche
Helfershelfer. - Sorry, ich komme nicht vom Thema ab, es ist mein Thema, schon
vor drei Jahren habe ich meine Eigenschaften als Exstaatsanwalt aktiviert und
im Roten Salon der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz gegen die deutsche
Justiz agitiert, die die Kriegsverbrecher von heute begünstigt.
Barbara Schweizerhof mokierte
sich in der taz über "schmissig nachgestellte Szenen von Krieg, Gefangenschaft
und Folter". - Sie hat völlig recht, aber überhaupt kein
Gefühl.
Wie versprochen, zurück zum
Heldenthema. In den USA, wir kennen und lieben das oder nicht, stehen Helden
gern vor Gericht, und vom Heldentum müssen bekanntlich nicht die Richter,
sondern die Geschworenen überzeugt werden. Wie macht man das mit Gefühl?
Der gute als Sidney Lumet ("Die zwölf Geschworenen") inszeniert in "Find Me Guilty" den legendären
Mafia-Prozeß von 1987/88 nach. Die New Yorker Richter verhandeln gegen
20 Mitglieder des Luccese Clans. Einer davon ist unser Held, Held sowieso schon
unter dem Namen Vin Diesel ("xXx-Triple X"), jetzt aber in der Rolle
des DiNorscio, der sich als einziger selbst verteidigt - und eine Show hinlegt,
die nicht nur die Geschworenen glatt umhaut. Er hat das Gefühl, wie man
Menschen gewinnt und wie es egal wird, daß man eigentlich ja doch ziemlicher
Gangster ist.
Und jetzt meine Kollegenschelte.
Christian Schröder sah sich im Tagesspiegel in einem überlangen, uninspiriert
abgefilmten Theaterstück. - Wieder gut getroffen! Genauso ist es! Aber
ich hatte es auf den Informationsveranstaltungen der Berlinale ja schon längst
aufgegeben, als Filmkritiker zu beckmessen. Dann hätte ich zwar recht gehabt,
aber was solls. Lasse ich die Heldensaga vom voll sympathischen Großverbrecher
Jackie Dee Di Norscio über mich ergehen, komme ich mit glänzenden
Augen aus dem Kino raus und fühl mich gut. - Noch Fragen?
Auch Großmeister Claude
Chabrol inszenierte ein Heldenleben nach: das der Untersuchungsrichterin Eva
Joly im Korruptionsskandal von Elf Aquitaine zu Beginn der neunziger Jahre,
in der BRD als Skandal bei der Abwicklung der DDR bestens bekannt. Isabelle
Huppert also legt sich mit einer Bessessenheit ins Zeug, daß ihr in Bayern
die Dämonen gründlich ausgetrieben worden wären. Wir sind aber
im Strafjustizgebäude auf der Seine-Insel in Paris, und der korrupte Konzernpräsident
kommt mitsamt dem Rotwein trinkenden und dicke Zigarren rauchenden Männerpakt
von Konzernpräsident, Politiker, Lobbyisten und nicht zuletzt von Justizpräsident
und Vorgesetzten vor der besessenen Untersuchungsrichterin in die Bredouille.
Die Huppert wird nicht in kirchlichem Verließ oder in ihrem Kinderzimmerchen
umgebracht, sondern ganz im Gegenteil groß befördert. Klasse Dienstzimmer
jetzt. Tolle Bodyguards, und was an Entkräftung stirbt ist nicht sie, sondern
die Untersuchung. Ein subtiles Kammerspiel, eine großartige schauspielerische
Leistung. Hoch Isabelle Huppert. Der Filmkritiker ist mit sich eins. Aber zum
wütend- oder traurig- oder lustigwerden ist das nichts. Information abgehakt.
Ende.
Höchste Zeit, von den Lehrveranstaltungen
wegzukommen. Wie wärs, mal nicht auf große Vorbilder zurückzugucken,
sondern sich lieber umzugucken. Was läuft?
Eine Exklusivmeldung: Meinen Preis
für die 56. Berlinale vergebe ich an den polnischen Film "Komornik".
Er spielt im schlesischen Waldenburg, das auf polnisch wie im Deutschen ausgesprochen
wird. Wal.Den.Burg. Manche Häuser sind renoviert, alle anderen sehen aus
wie vor 1989. Ein manischer Untersuchungsrichter, äh, Gerichtsvollzieher
verklebt Pfandsiegel. Bohme ist sein Name. Andrzej Chyra ist genauso gut wie
die Huppert, aber seine Rolle ist fiktiv. Wir müssen nichts lernen. Wir
sehen ihm zu. Voll kraß, wie er in die Kleine-Leute-Wohnungen eindringt
und in die waldenburgischen Großbetriebe. Ein Maniac. Nach dem Film fragte
ich im Foyer, ob er in Polen ein Star sei. "A rising one", versicherte
er mir und guckte frech. - Ich kann das nicht schecken, weil ich von diesem
Film und vom neuen polnischen Kino nichts weiß. Als Filmkritiker bin ich
da echt schlecht. Sind doch nur 60 km bis zur polnischen graniza! Aber
nun, surprise surprise, freute ich mich über die Wahnsinnswendungen des
Films, über das moralische Abkippen. Plötzlich ist unser Gegenwartsheld
erleuchtet. Eine Epiphanie! Er bringt die gepfändete Standuhr zurück.
"Danke, die einzige Erinnerung an die Oma", hauchen die Polen. Kaum
ist unser guter Mann weg, sagen sie: "Naja, eigentlich ist sie gestohlen.
Sie gehörte ja Deutschen, die damals vertrieben wurden". - Uff, sowas
kann kein deutscher Film sagen. Eigentlich auch kaum ein polnischer. Aber er
sagt es. Nun fang mal politisch damit was an.
Bevor ich das tue, lob ich mir
die antiheldischen deutschen Filme, die im Alltag herummuddeln. Das sind Filme
nicht zum Lernen, sondern zum Zusehen, Zuhören und Miterleben: ein brandenburger
Dorf in "Sehnsucht" von Valeska Grisebach, Neukölln in "Knallhart" von Detlev Buck, die Mörderskins
von Potzlow (wieder Brandenburg) in "Der Kick" von Andres Veiel, das Beziehungstraining in "Komm
näher"
von Vanessa Jopp (schade, mein Berlinale-Preis ist schon vergeben) und das unprätentiöse
"schöner leben" von Markus Herling: ein Zufallsgenerator würde
nicht überraschender (und besser) den Alltag aus dem Trott bringen. Berlin,
Herrmannplatz, allein erziehend, schlimm das oder gar nicht, es gibt dicke Taxifahrer,
epileptische Polizisten, räuberische Mütter und die Wundertüte
Zukunft. Herzerwärmend, schöner leben. Ein gutes Gefühl.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist auch erschienen in der: Jungle World
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