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Die
Bestie mit den fünf Fingern
Die Hand ...
Was wäre das Böse, was wäre der Grusel
und was wäre das schreckliche Schicksal in Filmen ohne Peter Lorre (eigentlich:
László Löwenstein) diesen aus Deutschland in den 30er Jahren
vertriebenen Schauspieler (man denke etwa an Fritz Langs M
Eine Stadt sucht einen Mörder,
1931, Der Malteser Falke, 1941, oder auch Arsen
und Spitzenhäubchen, 1944)?
Man denke auch an die zahlreichen amerikanischen Spielfilme mit Lorre von
dem man oft denken konnte, er spiele auch viel von seinem eigenen Leben in seinen
Rollen.
Kurz nach dem zweiten Weltkrieg nahm sich Robert
Florey einer gruseligen Geschichte von William Fryer Harvey an und auch in
dieser Geschichte, die in dem italienischen Ort San Stefano angesiedelt ist,
gehört Lorre zu den zentralen Figuren.
Auf einem prunkvollen Landsitz in der Nähe von
San Stefano lebt der früher einmal erfolgreiche Pianist Francis Ingram
(Victor Francen) seit einem Schlaganfall, der ihn an den Rollstuhl fesselt.
Er wird von der Krankenschwester Julie Holden (Andrea King) gepflegt. Ingram
glaubt, ohne Julie nicht mehr existieren zu können. Er bindet die junge
Frau derart fest an sich, dass Julie ernsthaft erwägt, wieder nach Amerika
zurückzugehen. Auf Ingrams Landsitz lebt noch sein Sekretär Hilary
Cummins (Peter Lorre), der sich in der Bibliothek, deren Bücher ihm von
Ingram nach und nach gekauft wurden, mit Astrologie und einer speziellen Art
der Wahrsagerei beschäftigt. Ab und an bekommen die drei Besuch von dem
Komponisten und Musiker Bruce Conrad (Robert Alda), der viele Stücke für
Ingram geschrieben hatte, dessen Erfolg als Pianist vor allem auf Conrads Musik
gründet.
Eines Tages bittet Ingram alle Genannten zum Abendessen,
fragt sie, ob sie ihn für einen Mann halten, der im Vollbesitz seiner Kräfte
ist, und bittet sie, seine letztwillige Verfügung mit ihrer Unterschrift
als authentisch zu bestätigen in Anwesenheit des Anwalts Duprex (David
Hoffman).
Doch kurz danach kommt es zu einer Katastrophe. Hilary
erzählt Ingram von einem Gespräch zwischen Julie und Bruce, das er
heimlich mit angehört hatte. Julie will Ingram verlassen; sie fühlt
sich zu sehr in dessen Leben eingezwängt, und Conrad will mit ihr gehen.
Ingram ist erbost, hält Hilary für einen Lügner weiß
aber letztlich genau, dass alles der Wahrheit entspricht. Als Ingram nachts
durch ein Gewitter geweckt wird, fährt er im Rollstuhl aus seinem Zimmer,
stürzt in Gedanken daran, dass Julie ihn verlassen will die Treppe
hinunter und ist tot.
Bei der Testamentseröffnung kommt es zu einer
Überraschung: Weil Ingram sein ganzes Vermögen Julie vermacht hat,
wollen sein Schwager Raymond Arlington (Charles Dingle) und dessen Sohn Donald
(John Alvin) das Testament anfechten, behaupten gar, jemand könne Ingram
die Treppe hinunter gestürzt haben. Hilary fürchtet um seine geliebten
Bücher, die ihm die Arlingtons nicht lassen, sondern verkaufen wollen.
Duprex bietet sich den Arlingtons an, für ein Drittel des Vermögens
als Honorar das Testament anzufechten. Julie ist verzweifelt. Doch das alles
ist nicht das Schlimmste.
Nachts wird Duprex erwürgt aufgefunden und
in dem Mausoleum, in dem Ingram begraben liegt, stellen der herbeigeholte Kommissar
Castanio (J. Carrol Naish), Conrad und die Arlingtons fest, dass Ingram mit
einem Messer eine Hand abgetrennt wurde, die spurlos verschwunden ist. Vor der
Gruft entdecken sie Spuren dieser Hand. Mitten in der Nacht spielt jemand auf
dem Flügel Ingrams, auf dem auch sein Ring deponiert wurde und Hilary
behauptet steif und fest, er habe gesehen, wie die Hand auf dem Flügel
gespielt habe ...
Die klaustrophobische Atmosphäre des Films steigert
sich permanent mit der Handlung. Während anfangs noch ein lebhafter italienischer
Ort zu sehen ist, verengt sich die Perspektive zunehmend auf den Landsitz Ingrams,
in dem sich alle Personen versammelt haben. Ein weiterer Mordanschlag auf Donald
Arlington und die immer wieder zu sehende abgeschnittene Hand Ingrams, die am
Flügel spielt, sich über den Schreibtisch lang hangelt, sich hinter
Büchern in der Bibliothek zu verstecken scheint all das lässt die
Beteiligten erschauern. Obwohl anfangs weder der faktengläubige Kommissar,
noch Conrad, noch Julie an etwas Übernatürliches glauben, ist es vor
allem Hilary, der immer mehr Angst vor dem vermeintlichen Geist des toten Ingram
bekommt, der sich in der abgetrennten Hand zu verkörpern scheint. Und als
der Kommissar selbst nachts Zeuge des versuchten Mordes an Arlington wird, glaubt
er, alle seine vernünftigen Überzeugungen über den Haufen werfen
zu müssen.
Tatsächlich wird auch dem Zuschauer nahe gelegt,
an das übernatürliche Treiben der Hand zu glauben. Die entsprechenden
Bilder der Hand sind zudem tricktechnisch sehr überzeugend in Szene gesetzt.
Man rätselt lange Zeit, wo die Lösung des Falls zu finden sein könnte:
im Übernatürlichen oder in einer ganz plausiblen Lösung?
Hinzu kommt, dass um das Erbe des Toten gestritten
wird. Stecken die Arlingtons hinter den merkwürdigen Ereignissen? Wohl
kaum, denn ausgerechnet der Anwalt, der ihnen bei der Anfechtung des Testaments
behilflich sein wollte, wird ermordet. Steckt Julie hinter den Vorgängen,
die immerhin befürchten muss, dass man ihr das Erbe streitig machen will?
Hat Conrad ein Interesse, Leute aus dem Weg zu räumen, die seinem Glück
mit Julie und ihrem Erbe entgegenstehen? Oder hat Hilary einfach Angst um seine
Bücher, die ihm von den Arlingtons weggenommen werden sollen, wenn sie
erfolgreich das Testament anfechten würden? Oder: Spukt der Geist Ingrams
tatsächlich durch das Haus? Aber warum und mit welchem Ziel? Immerhin glauben
auch viele Menschen im Ort an einen Fluch und den herum spukenden Geist Ingrams.
Ingram war schließlich ein in seinen letzten Lebensjahren völlig
auf sich selbst bezogener Mann, ein Einzelgänger, schroff zu anderen, vereinnahmend
gegenüber Julie.
Peter Lorre spielt einmal mehr einen jener Verlorenen
und im Grund einsamen Menschen, die nur noch existieren, weil ein Gedanke sie
vorwärtstreibt. Es ist Lorres Blick zwischen Trauer, Verzweiflung, Aggression
und geschickt eingesetzter Intelligenz, der auch seine Rolle, sein Verhalten
in diesem Film bestimmt.
So lässt Florey die Geschichte zwischen Wahn,
Übersinnlichem und Täuschung ihrem Ende zugehen und nicht zuletzt
wird auch der Zuschauer getäuscht über das, was tatsächlich passiert
ist. The Beast with Five Fingers gehört zu jenen klassischen Gruselfilmen,
die es heute nicht mehr gibt, die mit ganz wenigen Mitteln auskommen, um eine
klaustrophobische und beängstigende Atmosphäre zu erzeugen hier
eigentlich nur die Hand und Peter Lorres Spiel. Auch die weiteren Zutaten sind
minimal: ein einsam gelegenes Haus und die Dunkelheit. Diese Filme leben daneben
nur noch von den schauspielerischen Leistungen, den Charakteren und einer
Schlüsselhandlung, die relativ einfach konstruiert ist.
Zu den gruseligen Szenen gehören vor allem jene,
in denen Hilary von der Hand bedroht wird, wenn er versucht, die Hand zu fangen,
einzusperren, im Kaminfeuer zu verbrennen usw. Und so abrupt, wie sich die Lösung
aller Rätsel plötzlich ergibt, so abrupt endet der Film dann auch.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
in:
Die
Bestie mit den fünf Fingern
(The Beast
with Five Fingers)
USA
1946, 88 Minuten
Regie:
Robert Florey
Drehbuch:
Curt Siodmak, nach einer Geschichte von William Fryer Harvey
Musik: Max
Steiner
Kamera:
Wesley Anderson
Schnitt:
Frank Magee
Ausstattung:
Stanley Fleischer Walter F. Tilford
Darsteller:
Robert Alda (Bruce Conrad), Andrea King (Julie Holden), Peter Lorre (Hilary
Cummins), Victor Francen (Francis Ingram), J. Carrol Naish (Kommissar Ovidio
Castanio), Charles Dingle (Raymond Arlington), John Alvin (Donald Arlington),
David Hoffman (Duprex)
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