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Die Bettwurst
An der schönen Kieler Förde
lernen sich Luzi und Dietmar kennen. Das Liebespaar ist ungleich: sie ist eine
üppige Sekretärin in den besten Jahren, er ein Hilfsarbeiter aus Berlin,
jung noch und schon mit krimineller Vergangenheit. Dem ungleichen Paar steht
die kleinbürgerliche Welt offen. Selig genießen sie die Wonnen des
»beliebten Ausflugsorts mit Tanz«, und zu den Klängen der Hammondorgel
(»Das schöne Mädchen von Seite 1, das will ich haben und weiter
keins«) probieren sie einen Tanz inmitten der Rentner und Hausfrauen und
in Gesellschaft eines dreijährigen Mädchens, das die großen
Ereignisse mitgenießt. Stolz führt Luzi ihrem neuen Freund den Schrebergarten
vor. Das alte Plumsklo hat sie, sehr praktisch, in einen Geräteschuppen
umgerüstet. Der Weihnachtsbaum ist noch nicht angewachsen und muß
gegossen werden. Und dann verschweigt sie auch die Sorgen nicht: die Grasaussaat
will nicht aufgehen. Doch Struppilein verscheucht die bösen Gedanken. Brav
gibt er Frauchen die Hand, und schon guckt Luzi triumphierend in die Kamera.
- Luzi ist stark und strahlend. Alles wendet sich ihr zum Guten. In ihrer tipptopp
aufgeräumten Wohnung zeigt sie dem Geliebten die Fotoalben. Muttchen im
Sarge! Luzi betend davor! Das Klischee beseitigt alle Probleme. Die Liebesnacht
kann beginnen. Unterm von innen beleuchteten Jesusbild räkelt Luzi sich
in rosa Reizwäsche. Luzi: »Dietmar ich liebe dich, ich liebe dich.«
Dietmar: »Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich will immer, daß
du bei mir bleiben sollst. Es muß immer so bleiben wie heute. Luzi, du
bist die erste Frau -« Luzi: »Ich liebe dich.« Dietmar: »- die
ich so liebe.« Luzi: »Ich liebe dich.« Dietmar: »Die erste Frau, deine Haare und alles, deinen
Busen und alles.« - Aber bittere Vergangenheit schleicht sich ein. Dietmar:
»Die Leute haben zu mir gesagt: >Hitler hat vergessen, dich zu vergasen.<«
Luzi zückt den Lippenstift und findet sowohl Trost als auch das richtige
Wort: »Ist ja furchtbar.« - Einem Duschbad folgt die Einweihung
in die Rituale des Staubsaugens. Luzi: »Dieser Teil ist zum Klopfen, dieser
zum Bürsten, dieser, um Rillen und Ritzen sauber zu machen, dieser für
den Boden.« Dietmar setzt das Gerät in Tätigkeit und trällert:
»Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn.« Und schon ist alles
sauber für den geschmückten Tannenbaum. Dietmar packt sein Geschenk
aus: »Oh, eine Bettwurst, die habe ich mir schon immer gewünscht.
So eine schöne Bettwurst, ich danke dir, Luzi. Du bist so gut zu mir.«
Die Kamera zoomt ziemlich ruckend auf die Weihnachtsbaumspitze, und dann ist
Schluß mit der Abbildung der Kleinbürgerklischees (oder besser: mit
der Anweisung, sich ihrer zum eigenen und fremden Vergnügen zu bedienen).
Was folgt, ist ein Medienklischee. Die action kommt. Praunheim bedient sich
der Rituale des Kinothrillers. Kriminelle Exfreunde (darunter Steven Adamczewski)
entführen Luzi und würgen sie. Krimimusik. Nahtlos fügt sich
das Klischee des Großen Theaters ein. Stockend aber passend memoriert
Dietmar Shakespeares Macbeth: »Ist das ein Dolch, was ich vor mir erblicke,
den Griff mir zugekehrt. Oder bist du nur ein Dolch der Einbildung?«
Letzteres scheint der Fall zu sein. Denn das Bild zeigt, wie er eine Pistole
aus der Schublade kramt. In einer dramatischen action-Szene erschießt
er die Gangster an den Strandbuhnen und entflieht mit der geretteten Geliebten
über eine Jungviehweide zum Privatflugplatz. Das happy end ist die logische
Folge. In der letzten, langen Einstellung zieht jemand das einmotorige Flugzeug
aus der Einstellung, und das Bild bleibt leer. Das Klischee lädt zur nächsten
Besetzung ein.
Praunheim hat den Film zehn ganze
Tage lang für 50 000 Mark ZDF-Geld gedreht. Besetzt hat er die Rollen mit
der Tochter der Schwester seines Großvaters väterlicherseits, nämlich
mit Lucy (um die korrekte Schreibweise zu notieren) Kryn, sowie mit seinem Freund
Dietmar Kracht. Die 16 mm-Arriflex-Pilottonkamera war vom Kameraassistenten
Bernd Upnmoor organisiert, der auch den Ton machte. Die Drei-Minuten-Rollen
wurden jeweils in einem Stück gedreht. Das gab Luzi und Dietmar Zeit, sich
ein- und auszuspielen - und doch nicht Zeit genug. Praunheim berichtet vom Gefühl
der beiden, im Film nicht richtig zu Wort gekommen zu sein.
Beide spielen sich selbst, das
heißt sie treiben sich im Film (mittels des Films) ins äußerste.
Luzi, nach dem Krieg aus Zoppot ausgewandert, reüssierte an der kieler
Universitätsklinik als Sekretärin. Dietmar, von Stiefeltern und Heimerziehern
terrorisiert, fand im kriminellen Milieu Trost. Der BETTWURST-Film, schon länger
geplant, hatte sich verzögert, weil Dietmar, auf der Flucht vor der Schwester
eines Freiers, beim Sprung aus dem 1. Stock eines Hauses beide Arme und Beine
brach.
Gedreht hat Praunheim den Film
in der kieler Wohnung seiner Tante. An der Ausstattung brauchte er nichts zu
ändern. Auch nichts an den Dialogen, die Luzi und Dietmar vor der Kamera
improvisierten. Der Film ist (bis auf den Thriller-Schluß) authentisch.
Man könnte ihn einen Dokumentarfilm nennen. Und doch ist er ein solcher
nicht. Denn allzu ostentativ und kokett-naiv spielen die Darsteller ihre eigenen
Rollen. Luzis Blicke in die Kamera verderben das Dokument. Sie gibt sich nicht
als Objekt her.
Der Verstoß gegen die heilige
Regel der Filmaufnahme (Nicht in die Kamera gucken!) verstört und betört
den Zuschauer gleichermaßen. Die Direktheit des Augenkontakts ist ästhetisch
nicht vermittelbar, etwa als geplante Provokation. Zu offensichtlich ist, daß
den Hauptdarstellern dergleichen nicht in den Sinn kommt. Die Kamera ist ihnen
lediglich Stimulanz, sich zu entfalten. Die Aufnahmetechnik ist ihnen dienlich,
nicht uns. Keine Frage, daß sie nicht vorhaben, sich unseren Erwartungen
anzupassen. Da sie ihre eigene Rolle spielen, ist ihnen die Rolle, die sie für
andere spielen, schnuppe.
Grade durch diese Nicht-Anpassung
wird jedoch das Medium selbst bewußt - und die Rolle, die der Zuschauer
innerhalb der Klischees spielt, in denen er sich selbst befindet. Die BETTWURST
bietet ein nicht nur für das Jahr 1970 radikales Nicht-Anpassungs-Konzept.
Während sich damals in der Kultur-Szene das Gegen-Klischee des Aussteigers
entwickelte, der zur (klein-)bürgerlichen Ordnung auf Konfrontationskurs
ging (wie man 1984 weiß: mit mäßigem Erfolg), schlugen die
BETTWURST-Darsteller einen anderen Kurs ein. Die Fahrt ging durch die Klischees
hindurch, nicht von ihnen weg. Die Inbesitznahme und Intensivierung der Konsumwelt
der 70er Jahre traf den Spießer ins Mark. Die unverschämte Privatisierung
der schönen Dinge dieser Welt (von Woolworth bis Hertie) zeugte von einer
Position der Stärke. Das, vielleicht, ist das Geheimnis des BETTWURST-Erfolges.
Während 1970 die nichtangepaßten Aussteiger die Position der Angst
einnahmen, sich bürokratisch genau abgrenzten und ein unersättliches
Legitimationsbedürfnis entwickelten, zeigen Luzi und Dietmar Mut und beziehen
alle Dinge ein: von Hitlers Judenvergasung über Shakespeares Macbeth-Monolog
(Dietmar hatte die Rolle für den MACBETH-Film gelernt, aber er sprang, wie gesagt, aus dem 1. Stock) bis
zur rosa Reizwäsche. Und es gibt keinerlei Anlaß, dafür Strategien
zu entwickeln.
Praunheim stimmt sich ihnen ein,
indem er im Schlußteil des Films seinerseits vormacht, was es heißt,
von einem Medienklischee wie dem action-Film Besitz zu ergreifen. DIE BETTWURST
reizt zur Nachahmung. Sie macht Mut und appelliert - unausgesprochen - an Minderheiten,
an Praunheim »als Schwulen, Künstler und schöpferischen Menschen«,
an die Frau (Luzi), an den Asozialen (Dietmar) und an alle anderen. Das Programm
ist human und einfach, und wenn es nicht zu bürgerlich-begrifflich klänge,
müßte man es ein Minderheitenprogramm nennen.
Das Spezifische dieses Konzepts
ist jedoch, daß BETTWURST-Darsteller und -Regisseur sich nicht in Randschichten,
gar den Underground abdrängen lassen, sondern fröhlich und zentral
durch die Mitte des Bürgerlichen gehen. Luzi Kryn läßt sich
noch heute in Kiel als Star (und nicht als Super-Star) feiern. Dietmar Kracht
ist durch den Film mit Erfolg den Zwängen und der Repression im kriminellen
Milieu entfremdet worden (sagt jedenfalls Rosa von Praunheim). Während
des Films ist mit den Augen zu sehen und mit den Ohren zu hören, daß
die beiden Hauptdarsteller die Filmaufnahmen für sich auszubeuten wußten.
Es würde nicht erstaunen,
wenn die Repräsentanten der Mitte das Konzept des Films als Unverschämtheit
empfanden. Als »grausam« und »peinlich« empfand ihn
in der Tat der berliner Tagesspiegel. Doch davon abgesehen, stieß
der Film, der die politischen Barrieren abgeschafft hatte, auf freudige Zustimmung
in allen Presselagern, gerade auch auf der Rechten. Das Springer-Blatt Funkuhr jubelte nach der ersten Fernsehsendung:
»Für Millionen ein Lachschlager« und forderte eine Wiederholung
für die 20-Uhr-Zeit (Sendezeit war 22.45 Uhr gewesen). »Auch das
nicht-kommerzielle Kino hat seine Meister, ihr größter in Deutschland:
Rosa von Praunheim«, stimmte die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung ein. In der Süddeutschen Zeitung fand Günther Pflaum im BETTWURST-Film dagegen Soziologisches,
nämlich »eher das Protokoll der Verkümmerung sozial unterprivilegierter
Menschen durch ihre Lebensbedingungen«, während Film + Fernsehen Pädagogisch-Ästhetisches
entdeckte: »Wie Form frei macht«.
Breitenwirkung hatte DIE BETTWURST.
Günter Herburger leitete daraus in einem Brief an Praunheim, geschrieben
am Tag nach der Sendung, den Wunsch ab nach »noch vieler solcher >Filme
für Kioske<. Ich meine, man sollte sie wie Heftchen an Kiosken kaufen
können.« Wenige Stunden nach der Sendung hatten Peter Lilienthal und sein
Freund Ingo in einem Telegramm an Rosa von Praunheim die allgemeine Meinung
formuliert: »Wir umarmen dich!«
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: Rosa von Praunheim; Band 30 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek
von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien
1984, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung
des Carl Hanser Verlags
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Texte
DIE BETTWURST.
BRD 1970
Regie, Buch, Kamera: Rosa von Praunheim. - Kamera-Assistenz: Bernd
Upnmoor. - Schnitt: Rosa von Praunheim, Gisela Bienert, Bernd Upnmoor. - Ton:
Bernd Upnmoor. - Musik: »Das schöne Mädchen von Seite 1«,
gespielt von einer Cafehaus-Kapelle; Strawinski: »Le sacre du printemps«;
»Roter Mohn«; »Ich küsse Ihre Hand, Madame«. -
Regie-Assistenz: Peter Hartwell, Christa Stock. - Darsteller: Lucy Kryn, Dietmar
Kracht, Steven Adamczewski. – Produzent: Rosa von Praunheim im Auftrag des ZDF.
- Drehzeit: 10 Tage im Sommer 1970. - Drehort: Kiel. - Produktions-Kosten: ca.
50 000 DM. - Format: 16 mm, Farbe (Ferrania). – Original-Länge: 78 min.
- Kinoerstaufführung: 1.9. 1971, Hamburger Filmschau. - TV: 2.2. 1971,
10.6. 1975, 25.10. 1978 (ZDF); 4.9. 1976 (HRIII/S3). - Verleih: Basis (16 mm).
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