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Bilanz
eines Lebens
Normalität
und Wahnsinn
Es herrscht eine fast unerträgliche Hitze. Das
schlägt auch auf die Gemüter, die eh schon erhitzt sind. Eine Schlichtungskommission,
bestehend aus einem Richter, einem Anwalt und einem Arzt als Beisitzer, soll
über die Entmündigung von Kiichi Nakajima entscheiden. Dessen Familie,
drei Söhne, zwei Töchter, ein Schwiegersohn und Kiichis Frau, haben
den Antrag gestellt, den alten Mann zu entmündigen, weil der sein Vermögen
- u.a. eine Fabrik, in der fast alle Familienmitglieder arbeiten - verkaufen
und nach Brasilien auswandern will. Denn Kiichi hat nicht nur, wie fast alle
Japaner, Angst vor Atom-, Wasserstoffbomben und radioaktiver Strahlung. Kiichi
will etwas unternehmen, seine Familie vor einem möglichen atomaren Tod
retten. Und in Brasilien glaubt er ein Land gefunden zu haben, das vor diesen
Gefahren sicher ist.
Akira Kurosawa stellt in "Bilanz eines Lebens"
einmal mehr einen Außenseiter in das Zentrum einer Geschichte, die um
Normalität und Wahnsinn, Angst und Neid kreist. Die Großstadt ist
das Zentrum der Geschichte, und die japanische Großfamilie - und eine
gar nicht so diffuse Angst vor atomarer Zerstörung und Tod. Die Zeitungen
sind fast jede Woche einmal voll von Berichten über radioaktive Strahlung.
Es wird behauptet, durch die Atombombenversuche der Amerikaner und Sowjets sei
insbesondere Japan betroffen, weil der Wind Reste der radioaktiven Strahlung
vor allem nach Japan bringe. Die Katastrophe von Hiroshima liegt gerade einmal
zehn Jahre zurück. Jeder hat Angst vor den möglichen Folgen eines
atomaren Krieges. Und jeder weiß, dass nach der kurzen Phase der Kooperation
zwischen den Großmächten nach 1945 der Kalte Krieg und die Ideologie
des "nuclear response" schnell zu einer solchen Katastrophe führen
könnten.
Trotzdem hält Kiichis Familie ihn für verrückt.
Keiner von ihnen will nach Brasilien. Alle fühlen sich wohl in Japan, haben
ihr Auskommen aus den Erträgen der Fabrik. Sie sagen, sie würden Kiichis
Angst verstehen, aber seine Konsequenz halten sie für ein gewagtes, ja
verrücktes Abenteuer, auf das sie sich nicht einlassen wollen.
Die Schlichtungsstelle tagt. Und die Hitze wird immer
unerträglicher. Während der Richter und der Anwalt die Familie mehr
verstehen als Kiichi, zweifelt Dr. Harada daran, dass der alte Mann wirklich
verrückt ist. Warum auch? Ein ärztliches Gutachten hat ihm zudem bescheinigt,
dass er völlig normal ist. Kiichi hat alles genauestens geplant, hat Kontakt
mit einem Japaner aufgenommen, der lange Zeit in Brasilien gelebt hat und nun
seine Plantagen verkaufen will, um seinen Lebensabend in Japan zu verbringen.
Kiichi will ihm diese Plantagen abkaufen, als Farmer mit seiner Familie ein
neues Leben in Südamerika verbringen.
Doch seine Familie lässt nicht locker. Kiichi
habe vor einiger Zeit schon verrückte Dinge getrieben, ein großes
Stück Land gekauft, um darauf einen Atombunker zu errichten. Er wolle die
Familie in den Ruin treiben.
Trotz aller Bedenken Haradas entscheidet die Kommission,
Kiichi zu entmündigen. Verzweifelt versucht der alte Mann, trotz seiner
Entmündigung heimlich durch Eintreiben von Schulden die erste Rate für
den Kauf der Plantagen zusammen zu bekommen. Doch er scheitert. Und ob sein
Einspruch gegen die Entscheidung der Schlichtungskommission Erfolg haben wird, ist zweifelhaft ...
Kurosawa zeichnet in "Ikimono no kiroku"
ein dezidiertes Bild einer begüterten japanischen Familie, in der das Familienoberhaupt
Kiichi den Ton angibt. Über viele Jahre hinweg funktioniert dieses patriarchalische
System fast reibungslos. Kiichi hat nicht nur seine Familie, er hat auch zwei
Geliebte, von denen er zwei uneheliche Kinder - einen Teenager und ein Baby
- hat, sowie einen erwachsenen Sohn von einer früheren, verstorbenen Geliebten.
Seine Töchter und Söhne und seine Frau wissen von diesen Geliebten;
aber niemand wagte bislang, darüber ein Wort zu verlieren.
Erst als Kiichi aus seiner Angst vor Radioaktivität
und Atombomben eine radikale Konsequenz ziehen will und sich als Patriarch der
Familie das Recht nimmt, über alle Köpfe hinweg eine existentielle
Entscheidung zu treffen, bricht dieses System nach und nach auseinander. Denn
sein Handeln, seine Absichten sind gegen dieses System gerichtet. Von dem Patriarchen,
der durch die Entmündigung entmachtet wird, bleibt "nur" ein
grenzenlos fürsorglicher Mann, dem es nicht einmal um sich selbst geht.
Kiichi ist alt, und er hat keine Angst vor dem Tod. Aber er möchte, wie
er sagt, nicht durch atomare Strahlung ermordet werden, und vor allem will er
seiner Familie und seinen Geliebten und deren Kinder eine einigermaßen
sichere Zukunft verschaffen.
Besonders eindrücklich ist eine Szene, in der
Kiichi, der seine Familie und seine Geliebten und unehelichen Kinder zusammen
geholt hat, alle miteinander anfleht, trotz seiner Entmündigung auf ihn
zu hören und nach Brasilien auszuwandern. Seine Frau Toyo und seine Tochter
Sue haben als einzige jetzt begriffen, um was es Kiichi geht. Als er vor Verzweiflung
und Entkräftung in ein Krankenhaus eingeliefert wird, feilschen seine Söhne
und der Vater einer der Geliebten schon um das Erbe. Man kann es auch anders
formulieren. Durch Kiichis Fürsorge bricht sein Patriarchismus zusammen,
während seine Söhne ihn für sich rekonstruieren wollen.
Doch "Ikimono no kiroku" geht noch darüber
hinaus. Kurosawa zeigt, wie ein Mann, der eigentlich nur konsequent auf eine
potentiell lebensbedrohende, existentielle Situation logisch reagiert, langsam
aber sicher dem Wahnsinn überantwortet wird. Während sich alle anderen
mit dem Wahnsinn der atomaren Bedrohung mehr oder weniger abgefunden haben und
das als Normalität empfinden, stigmatisieren sie den eigenen Vater zum
Wahnsinnigen. Kiichi reagiert - was auch in der Logik der Geschichte liegt -
in völliger Verzweiflung und setzt seine Fabrik in Brand. Die nächste
und letzte Konsequenz ist seine Einweisung in die Psychiatrie, in der er dem
Wahn verfällt, nicht mehr auf der Erde, sondern auf einem sicheren Planeten
zu sein.
Toshirô Mifune spielt diesen Kiichi überzeugend
als einen eigensinnigen Mann, einen, der sich nicht beirren lässt - auch
wenn seine Lösung, die Auswanderung nach Brasilien - sich vielleicht als
sinnlos erweisen würde angesichts der extensiven Möglichkeiten der
atomaren Bedrohung. Trotzdem ist Kiichi der einzige, der seinen Weg konsequent
zu Ende geht - bis zum eigenen Wahnsinn, der doch nur Ausdruck des Wahnsinns
einer Welt ist, die die mögliche Selbstzerstörung auf ihre Fahnen
geschrieben hat. Sein Wahnsinn am Schluss ist nichts weiter als ein Schutzmechanismus
- der letztmögliche Schutzmechanismus, um den Rest seiner individuellen
Existenz zu retten - bis zum Tod.
Das wirklich Wahnsinnige
bleibt erhalten - eine atomare Welt, die sich als Normalität versteht.
Dem Individuum, das dagegen aufbegehrt, bleibt nur der Weg in den individuellen
Wahnsinn, weil es den systematischen Wahnsinn nicht anders ertragen kann. Lediglich
Harada - gespielt von dem großartigen Takashi Shimura -, Kiichis Tochter
Sue und seine Frau entwickeln ein Gespür für die Stärke dieses
Mannes - und für seine Schwäche.
DVD
Auch dieser Film
ist in der Reihe "Meisterwerke" bei KS Media und Pegasus Home Entertainment
erschienen. Obwohl diese Reihe kein Bonusmaterial liefert, sind die Kurosawa-Filme
auch für sich ein Genuss. Man kann den Film in deutscher oder japanischer
Fassung, wahlweise mit deutschen Untertiteln sehen. Das Bild lässt nicht
zu wünschen übrig; der Ton wirkt manchmal etwas "übersteuert".
Derzeit kann man diese DVDs bei 2001 für wenig Geld bei 2001 erwerben ("Bilanz
eines Lebens" für € 8,99).
Siehe: http://www.zweitausendeins.de//
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei:
Bilanz
eines Lebens
(Ikimono
no kiroku)
Japan
1955, 103 Minuten
Regie:
Akira Kurosawa
Drehbuch:
Shinobu Hashimoto, Fumio Hayasaka, Akira Kurosawa, Hideo Oguni
Musik:
Fumio Hayasaka, Hachiro Matsui, Masaru Satô
Kamera:
Asakazu Nakai
Ausstattung:
Yoshirô Muraki
Darsteller:
Toshirô Mifune (Kiichi Nakajima), Takashi Shimura (Dr. Harada), Minoru
Chiaki (Jiro Nakajima, Sohn Kiichis), Eiko Miyoshi (Toyo Nakajima, Frau Kiichis),
Kyôko Aoyama (Sue Nakajima, Tochter Kiichis), Haruko Togo (Yoshi Nakajima,
Tochter Kiichis), Yutaka Sada (Ichiro Nakajima, Sohn Kiichis), Masao Shimizu
(Yamazaki, Ehemann Yoshis), Akemi Negishi (Asaka, Geliebte Kiichis), Kichijiro
Ueda (Hr. Kuribyashi, Vater Asakas), Hiroshi Tachikawa (Ryoichi Sayama, unehelicher
Sohn Kiichis), Eijirô Tono (alter Mann aus Brasilien), Ken Mitsuda (Richter),
Toranosuke Ogawa (Hori, Anwalt, Mitglied der Schlichtungsstelle)
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