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Birkenau
und Rosenfeld
Marceline
Loridans autobiographischer Spielfilm
Es
ist nicht einfach, Marceline Loridan-Ivens angemessen vorzustellen. Denn die
heute 75-Jährige hat eine Filmographie vorzuweisen, die vier Jahrzehnte
cineastischen Schaffens umfasst. Doch ihre Credits beschränkten sich dabei
auf die Co-Regie und andere unterstützende Positionen, eine eigene Regiearbeit
war nie dabei. Typisch für jene Zeit? Ja, denn Loridan-Ivens war fast ihr
ganzes Filmarbeitsleben lang Ehefrau - und wichtigste Mitarbeiterin von Joris
Ivens, einem der bedeutendsten politischen Dokumentarfilmer des 20. Jahrhunderts.
Ivens starb 1989 in Paris.
Jetzt,
fast 15 Jahre später, tritt Marceline Loridan-Ivens zum ersten Mal als
Regisseurin an die Öffentlichkeit. La
petite prairie aux bouleaux
(Die kleine Birken-Au), wie der Film in der französischsprachigen Originalfassung
heißt, ist kein Dokumentarfilm. Und er trägt deutlich autobiographische
Züge. Die Filmemacherin, deren Eltern, als Juden aus Polen vertrieben,
1940 mit der Tochter aus den Vogesen in den unbesetzten Teil Frankreichs flüchteten,
wurde auch dort von der Verfolgung eingeholt: 1944 wurde Loridan nach Auschwitz-Birkenau
deportiert. Ihr filmisches Alter Ego Myriam (Anouk Aimée) teilt dieses
Schicksal: Zu Beginn des Films kehrt die Protagonistin nach langen Berufsjahren
in New York nach Paris zurück, um bei einer Festveranstaltung überlebender
Deportierter ihre Lager-Freundinnen wieder zu treffen - dem ersten Eindruck
nach ein paar sehr lebenslustige alte Damen. Bei einer Tombola gewinnt sie ein
Fahrrad, das sie gegen einen anderen Hauptpreis eintauscht: eine Fahrkarte nach
Krakau.
Vom
(seit Schindlers
Liste)
weltbekannten ehemaligen Ghetto Kaziemirz geht es ins nahe gelegene Auschwitz.
Durch ein Hintertor schleicht Myriam sich in ihre eigene Vergangenheit: ein
Lager ohne Andenkenläden und lärmende Schulklassen; stattdessen sind
die banalen Überreste der Schreckensarchitektur von den Geistern ihrer
ehemaligen Bewohner bevölkert, mit denen Myriam spricht. Irgendwo im frischen
Grün muss auch die Stelle sein, wo sie damals ihren Vater begraben hat,
der das Lager nicht überlebte. Und dann trifft sie den jungen Deutschen
Oskar, den Enkel eines KZ-Aufsehers, der jetzt die "Spuren und Zeichen"
des Mordens fotografisch einfangen will. Myriam dagegen sucht das "Unsichtbare"
der Erinnerung, sagt sie. Oder doch das Vergessen?
Für
die Polen, die um das Lager leben, scheint auch Myriam ein Gespenst, dessen
unheimliche Präsenz sie bei der alltäglichen Tagesarbeit einfach übersehen.
Die junge Frau, die die ehemalige Wohnung der Rosenfelds bewohnt, fürchtet
um ihren Besitz einschließlich der Kristallvase, die immer noch so auf
der Kommode steht wie auf Myriams Erinnerungsfoto. Dabei gerät auch Myriam
zunehmend in eine Paranoia, die in der Besucherkantine des Lagers zu einem Ausfall
gegen das Personal führt, weil sie sich als Jüdin absichtlich schlecht
behandelt fühlt. Und auch die Bauernfamilie, die neben dem Lager lachend
Getreide erntet, ist wohl solch eine Projektion. Dazwischen immer wieder die
junge Myriam - mit Fahrrad und Sommerkleid.
"Es
war einmal ein 15-jähriges Mädchen", heißt es im Vorspann.
Und mit seinen Traumbildern und Erinnerungsfeldern ist Birkenau und Rosenfeld
wohl auch am treffendsten als subjektive Phantasie der Regisseurin zu deuten,
die ihr Alter Ego Anouk Aimée im Filmverlauf auch optisch immer stärker
dem eigenen Aussehen anpasst. Gerade auf der surreal überhöhten Ebene
schlägt der Film dabei schon mal vom gewollt Bedeutungsvollen ins ungewollt
Kitschig-Lächerliche um, etwa wenn die Notenständer des ehemaligen
Lager-Orchesters im hohen Sommergras arrangiert werden, während der Soundtrack
den Radetzky-Marsch anstimmt. Diese radikalsubjektive Perspektive ist es vermutlich
auch, die die Regisseurin ihren Stoff mit ebenso viel Wagemut wie manchmal befremdlicher
Naivität entrollen lässt. Für manche sprachliche Verzerrung ist
wohl die deutsche Synchronfassung zuständig, die die Hauptrolle Hannelore
Elsners bekannter Profistimme übergib. "Ich lebe noch", schreit
diese am Ende aus dem Fenster des Wachturms über das Lager hinweg. Dann
steigt die erwachsene Myriam wieder in einen Eisenbahnwaggon - Richtung Frankreich.
Das Mädchen aber bleibt auf den Wiesen von Birkenau zurück.
Silvia
Hallensleben
Marceline
Loridan, Auschwitz-Überlebende, thematisiert für ihre erste Regiearbeit
ihr eigenes Schicksal. Eine Überlebens-Geschichte als Lebenswerk, subjektiv,
wagemutig, aber manchmal auch kitschig.
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: epd Film
Birkenau
und Rosenfeld
La
petite prairie aux bouleaux
Frankreich/Deutschland/Polen
2002. R:
Marceline Loridan-Ivens. B: Jean-Pierre Segent, Elisabeth D. Prasetyo, Marceline
Loridan-Ivens. P: Bénédicte Lesage, Ariel Askenazi, Alain Sarde.
K: Emmanuel Machuel. Sch:
Catherine Quesenmand. T:
Paul Lainé. A:
Dorota Ignaczak. Ko: Chouchane Abetllo-Tcherpachian, Malgorzata Gwiazdecka.
Pg:
Mascaret/Cine Valse/Capi/P'Artisan/Heritage. V: academy-films, Friedrichstr.
23 a, 70174 Stuttgart, Tel. 0711/365960-0. L: 90 Min. DEA: Berlinale 2003. Da:
Anouk Aimée (Myriam), August Diehl (Oskar), Marilu Marini (Suzanne),
Zbigniew Zamachowski (Gutek), Elise Otzenberger (Sarah), Claire Maurier (Ginette),
Monique Couturier (Rachel).
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