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Bitter
war der Sieg
Der
Krieg, die Wüste und der Mut: "Bitter Victory", eine Parabel
von Nicholas Ray, erzählt ambivalent und spannend über das Töten
zu Kriegszeiten.
Es
gab Regisseure, für die war das klassische Hollywood-System - bei all seiner
Repressivität - wie geschaffen. Nicht nur die einfallslosen hacks, die
nur ihren Job als klar definiertes Zahnrad einer Filmherstellungs-Industrie
zu machen brauchten. Auch Leute, die spätestens seit der Aufklärungsarbeit
der Nouvelle Vague als das gelten, was sie waren: Künstler. Hitchcock,
Lubitsch, Hawks, Aldrich, Ford, Wilder, um einige der Bekanntesten zu nennen.
Natürlich musste auch ein Hitchcock seine düsteren Visionen (etwa
für die Enden zu "Suspicion" und "The Birds") von Produzenten
beschneiden lassen. Und auch einem Billy Wilder konnten die Geldgeber für
"The Seven Year Itch" statt seiner Wunschbesetzung Walter Matthau
einfach einen Tom Ewell als Hauptdarsteller aufs Aug drücken.
Aber
auf der anderen Seite: Was für enorme Mittel, welches Know-how, welche
Stars standen jenen Regisseuren zur Verfügung, die weniger trotz als wegen
eines Genre-Kinos mit fixen Regeln und Einschränkungen ihre Meisterschaft
fanden: Weil sich die Schemata des Hollywood-Kinos in ihre eigenen Visionen
integrieren ließen, weil sie dieses Kino für ihre Zwecke nutzbar
machen, ja im Anfangsstadium der Genres sogar (wie Hitchcock beim Thriller und
Lubitsch bei der sophisticated comedy) mitbegründen konnten.
On
Dangerous Ground
Zu
diesen Gewinnern des Systems zählte Nicholas Ray definitiv nicht. Um François
Truffaut das Wort zu übergeben, der es auf den Punkt bringt: "So richtet
ein Hawks sich ein in Hollywood und lässt sich’s wohl sein, flirtet mit
der Tradition, um dann nur so heftiger zu höhnen, und bleibt allemal Sieger,
während Ray, der unfähig ist, mit dem Teufel zu paktieren und aus
dem Paktieren Gewinn zu schlagen, verschaukelt wird und den Kampf verliert,
ehe er überhaupt zu kämpfen begonnen hat." Knapp 15 Jahre, von
1948 bis 1963, dauerte Nicholas Rays Kampf mit Hollywood, in dem er dem System
Ressourcen und Freiheiten für ein Werk abzuringen versuchte, dessen Sensibilität
einfach zu eigenwillig, zu "europäisch" war, um das Regelwerk
der Genres nicht anzugreifen. In dieser Zeit - bevor Ray endgültig zur
persona non grata erklärt wurde und für die letzten 17 Jahre seines
Lebens keinen big budget-Auftrag mehr erhielt - entstanden Filme wie "Johnny
Guitar", "On Dangerous Ground" oder "Bigger Than Life",
die noch heute verstören können ob ihrer stilistischen Exzesse und
ihres dramaturgischen Wagemuts. Bezeichnend, dass zum Beispiel Gilles Deleuze
in seinem kinophilosophischen Wurf "Das Bewegungs-Bild" Nicholas Ray
nicht zu den Realisten, zu Hawks, Ford, Lubitsch oder Kazan, sondern zu den
Vertretern der lyrischen Abstraktion, zu Von Sternberg, Dreyer, Bresson, zählte.
Ray
schleuste seine Visionen - wenn er genügende Kontrolle bekam - nicht durch
die Hintertür in die Genres ein, um sie in seinem Sinne umzubauen: Er nahm
die Genres, zerbrach sie in ihre Einzelteile, und formte das, was er davon brauchen
konnte, nach eigenen Vorstellungen zu Filmen zusammen, bastelte "liebevoll
hübsche kleine Dinge aus Stechpalmenholz" (wieder Truffaut). "Bitter
Victory" ist auch so eine kleine Bastelei, und dass sie von den unzufriedenen
Produzenten verstümmelt wurde, sodass jetzt die eine oder andere Klebestelle
der Handlung unsauber wirkt, das unterstreicht nur den selbst gemachten Charakter.
I’m
a Stranger Here Myself
Mit
"Bitter Victory" erzählt Ray seinen ganz persönlichen Kriegsfilm.
Zwei britische Offiziere im Zweiten Weltkrieg gibt es da, den jungen, charismatischen
Capt. Leith (Richard Burton) und den lang gedienten, steifen Maj. Brand (Curd
Jürgens). Zwischen den beiden kommt es zu Spannungen, einerseits wegen
einer waghalsigen, prestigeträchtigen Mission, um deren Oberkommando sich
beide bemühen, und andererseits, weil - justament zur selben Zeit, Ray
hat nun wirklich andere Sorgen, als sich um Wahrscheinlichkeit zu kümmern
- beide erfahren, dass die attraktive Frau des älteren vor ihrer Ehe schon
mit dem jüngeren liiert war. (Der hat sie damals aus Feigheit verlassen
und ihr Herz gebrochen.) Aber Ray verliert sich nicht in dieser "Casablanca"-ménage
à trois, sondern durchmisst sie zielstrebig, als eine unter anderen notwendigen
Stationen auf seinem Weg.
Genauso
konzentriert - wenn auch ohne Hast oder gar Desinteresse - wickelt er darauf
die spektakuläre Militäraktion selbst ab, einen blutigen Überfall
auf ein lybisches Nazi-Lager, wo wichtige Geheim-Dokumente Rommels entwendet
werden sollen. Während derartige Sondereinsätze in anderen Kriegsfilmen
oft (siehe das Standard-Beispiel "The Dirty Dozen") als probates Mittel
verstanden wurden, den Krieg einer Genre-Dramaturgie zu unterwerfen, die auf
ein vorgegebenes Finale hinausläuft (auf eben diesen Einsatz), setzt Ray
diese Episode ins erste Drittel des Films.
Und
wo die klar definierte Mission in diesen Filmen den Krieg eingrenzt, die Gewalt
bedenkenlos konsumierbarer Action und den Kriegsfilm dem Abenteuerfilm annähert,
da wird in "Bitter Victory" gerade der Mangel an Anonymität,
das Konkrete am Morden problematisiert: Der erfahrene Stratege Brand, der mit
einem eigenhändigen Mord an einem deutschen Wachmann die Mission einleiten
soll, zögert gefährlich lang, sodass Leith kurzerhand die Initiative
ergreift und selbst den Wachmann ersticht. Was folgt, sind schnelle Handgriffe
und plötzliches Sterben, angespannte Stille und eruptiver Feuerlärm.
Und man muss bloß in das erschrockene, gequälte Gesicht von Leith
beim ersten Mord schauen, um zu wissen, dass Ray kein schmerzloses Morden kennt.
In
a Lonely Place
Dieser
Mord, diese Probe auf Kriegstauglichkeit, an der Brand scheitert, ist die eigentliche
Initialhandlung für den weiteren Verlauf des Films, den es nun, wie so
oft bei Ray, hinaus in die Natur treibt. Die Einsatztruppe muss mit den Dokumenten
durch die lybische Wüste zur eigenen Armee vorstoßen. Und wie zuvor
etwa Rays Krimi-Phantasie "On Dangerous Ground" die Weite unbewohnter
Winterlandschaften brauchte, um sich ganz von den Stereotypen des urbanen Film
noir zu befreien, der der Film im ersten Drittel ist, so spitzt sich auch "Bitter
Victory" in der Wüstenlandschaft, in der Einsamkeit, die eine Parabelform
ermöglicht, immer eigenwilliger, immer deutlicher zu. (Die oft atemberaubenden
Cinemascope-Ansichten der Wüstenlandschaft sind nicht bloß Kulisse,
sondern ein Resonanzraum: Wie Ray Dünen so ins Bild setzt, dass sie wie
unheilvolle Drohungen, wie Bild gewordene Spannungen wirken, das muss man sich
selbst angesehen haben.)
Das
Thema, das sich bereits zuvor angedeutet hat, und um das der Film nun in immer
neuen Variationen immer offensichtlicher kreist, ist Mut, und was Mut im Krieg
bedeuten kann. Ray stellt den Krieg als eine Verkehrung zivilisierter moralischer
Werte dar. Aber andererseits erscheint es im Fall des Zweiten Weltkriegs moralisch
vertretbar, sich diesem Krieg auszuliefern. Aus diesem Dilemma speist sich die
zusehends düstere Stimmung des Films: Denn Mut, also die Entschlossenheit,
selbst nach eigener Überzeugung zu handeln, bedeutet, wenn man sich für
den Krieg entschieden hat, zwangsläufig, amoralische Dinge zu tun.
Brand
erklärt einmal später, er habe den Wachmann nicht selbst erstechen
können, weil kaltblütiger Mord nichts mit Krieg zu tun hätte:
Er glaubt tatsächlich an einen "sauberen" Krieg, er hat nicht
den (äußerst ambivalenten) Mut, selbst den Krieg in die Hand zu nehmen.
Leith dagegen lässt der Film in seinen intensivsten, spannendsten Szenen
zu diesem Mut finden, etwas "Richtiges" zu tun, das aber in unauflösbarem
Widerspruch zu seinem eigenen moralischen Empfinden steht. Dieser innere Kampf
macht ihn ganz klar nicht zum Helden (diese Kategorie gibt es hier einfach nicht),
aber er bringt ihm Rays deutliche - wahrscheinlich zu deutliche, aber davon
später - Sympathien ein. Währenddessen wird Brand immer unmenschlicher
und heimtückischer: Er schämt sich seiner vor Leith offenbarten Feigheit
im entscheidenden Moment und möchte ihn auf der Reise beseitigen, aber
auch das will er nicht selbst, ja nicht einmal eingestehen kann er es sich.
Aber er lässt keinen Vorwand aus, um ihn loszuwerden.
Was
folgt, ist eine unheilvolle Reise, jede Szene ein Gleichnis, das die Spirale
der Paradoxien ein bisschen weiter dreht. "I
kill the living, and save the dead", sagt Leith einmal als bitteres Resümee
einer besonders perversen Situation.
Bigger
Than Life
Natürlich,
Rays Konzeption des Kriegs kommt in die Nähe jenes Heldenmythos vom Soldaten,
wie ihn Steven Spielberg in "Saving Private Ryan" inszeniert, und
der da lautet: Der Krieg ist eine furchtbare Sache, also sind die, die sich
ihm im Kampf für die richtige Sache aussetzen, umso edlere Menschen. Und
ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf dann doch nicht, denn mit seiner
konkreten Darstellung der beiden Hauptcharaktere erweist der Film der in ihm
angelegten Ambivalenz einen Bärendienst.
Burtons
Leith zeigt, fast von Anfang an, nichts als offene Verachtung für Curd
Jürgens’ Brand, was auch immer er tut, und der Film erst recht. Leith wird
von den inneren Widersprüchen seiner Kriegsmoral zwar zerfressen, aber
er bleibt bis zum Ende charismatisch und schlau. In gemeinsamen Szenen darf
Burton Jürgens zu oft spitze und bisweilen besserwisserisch moralische
one-liner ins zusehends bedrohlich besessene Gesicht werfen, während dieser
nur missmutig Befehle und Unmutsäußerungen raunen darf. Das tut keiner
der beiden Figuren gut.
Überspitzt,
ja überhitzt ist das Kino des Nicholas Ray des Öfteren: Aber das schützt
es wenigstens davor, versöhnlich zu werden. Und so endet dieser Film mit
einem unheimlichen, einem bitteren und wieder seltsam vieldeutigen Bild, das
- und hier liegt der fundamentale Unterschied zu Spielbergs Kriegs-Sinnstiftung
- am Erlebten nicht die Spur eines Trostes finden kann: Curd Jürgens, neben
ihm eine von der Decke baumelnde menschengroße Puppe, an der man das Töten
trainieren kann, mit einem aufgemalten Herz, an dem nun ein Orden hängt.
Joachim
Schätz
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
Bitter
war der Sieg
(Amére
Victoire / Bitter Victory)
Frankreich
1957
99
Minuten
Regie :
Nicholas Ray
Buch:
René Hardy, Nicholas Ray, Gavin Lambert, nach einem Roman von G. Lambert
Kamera:
Michel Kelber
Darsteller:
Curd Jürgens, Richard Burton, Raymond Pellegrin, Ruth Roman, Anthony Bushell
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