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Fury
- Blinde Wut
Nein, es ist nicht Neugierde,
sondern eher ihre voyeuristische Abart; es ist nicht Interesse, sondern massive,
brutale Einmischung in die Angelegenheiten anderer. Es ist nicht die Sorge um
ein Entführungsopfer, nein, es sind ominöse Rachsucht und der Wille
zur Macht - die den Mob treiben. Es ist jener lack of culture, jene geübte Lücke, jene grenzenlose und ungebändigte
Lust am Töten, an der Vernichtung - die den Pöbel in Bewegung setzt.
Kein einzelner vermag, was jeder einzelne in der Menge schafft. Dort, wo der
einzelne zu feige oder ängstlich ist, wird er in der Masse übermütig
und unberechenbar. Die Masse trägt ihn, lässt ihn sich aufbäumen,
verhilft ihm zu Handlungen, die er als einzelner nie vollziehen würde.
Hitler hat davon viel gewusst; er wusste um die Macht der Masse, genauer: um
den Schein dieser Macht, wenn man ihn für sich selbst auszunutzen gedenkt.
Hitler wusste es.
Und auch Fritz Lang wusste um
diese Macht. Gerade aus Nazi-Deutschland emigriert, schickte er sich an, seinen
ersten US-amerikanischen Film zu drehen - einen Film, der nach seiner Fertigstellung
wegen seiner unverhohlenen Kritik an pöbelhaften Ausbrüchen, aber
eben auch an der Kritik der Politik(er) und der Medien und nicht zuletzt an
der Preisgabe fundamentaler Menschenrechte und Grundfreiheiten in bestimmten
Situationen beinahe von MGM zurückgezogen worden wäre.
"Fury - Blinde Wut"
erzählt von Joe Wilson (Spencer Tracy), der seine Verlobte Katherine (Sylvia
Sidney) heiraten will, zuvor aber einen Job sucht, der beiden ein einigermaßen
vernünftiges Auskommen sichern kann. Sylvia hat eine Arbeit in einer anderen
Stadt angenommen. Joe ist ein rechtschaffener Kerl. Er glaubt an Recht und Gesetz,
an die Freiheit des einzelnen und er glaubt an die Vereinigten Staaten als ein
Land, in dem all dies möglich erscheint - vor allem: Gerechtigkeit. Er
setzt alles daran, seine Brüder Charlie und Tom (Frank Albertson, George
Walcott) aus dem Umkreis eines Gangsters herauszuholen. Alle drei pachten eine
Tankstelle. Und knapp ein Jahr später, nachdem Joe und seine Brüder
sich eine Existenz geschaffen haben, verabreden sich Joe und Katherine, die
sich so lange nicht gesehen haben, um endlich zu heiraten.
Auf der Fahrt zum verabredeten
Treffpunkt aber wird Joe von einem Polizisten festgenommen. Und der Sheriff
erklärt ihm, er stehe unter dem Verdacht, das Kind einer reichen Familie
entführt zu haben. Die Indizien sind mager: Der Täter soll Erdnüsse
gern gemocht haben - wie Joe. Und man findet bei Joe einen Geldschein, der angeblich
aus dem bezahlten Lösegeld stammen soll.
All das ist für Joe und Katherine
- die vergeblich auf ihn wartet und nicht weiß, was geschehen ist - schlimm
genug. Es kommt schlimmer. Schnell sorgen die einschlägigen Klatschbasen
der kleinen Stadt, in der Joe im Gefängnis sitzt und auf den Staatsanwalt
wartet, dafür, dass sich die Verhaftung des vermeintlichen Kidnappers überall
herumspricht. Und ebenso schnell sind Männer wie der Aufrührer Kirby
Dawson (Bruce Cabot) zur Stelle, um Front gegen Joe zu machen. Dawson und ein
Dutzend andere Männer "wissen" genau, was mit Kerlen wie Joe
zu tun sei. Laschheit helfe da nicht weiter. Und in Windeseile sind einige hundert
Menschen vor dem Gefängnis zusammengelaufen, um sich Zugang zum Gefängnis
zu verschaffen - mit der fadenscheinigen Begründung, sie handelten nur
zum Schutz ihrer Kinder. Der Sheriff und seine paar Leute sind der sich bildenden
Meute gegenüber machtlos. Und ehe man es sich versieht, wird das Gefängnis
gestürmt und wenig später in Brand gesteckt. Die Meute denkt, Joe
sei bei dem Brand ums Leben gekommen. Alle denken dies, auch Joes Brüder
und Katherine, die ohnmächtig vor dem brennenden Gefängnis zusammengebrochen
war. Doch Joe lebt. Wie durch ein Wunder kann er den Flammen entkommen - und
sinnt auf Rache am Mob
...
Fritz Lang - bekannt durch Filme
wie "M"
(1931), "Das Testament des Dr. Mabuse" (1933) - drehte "Fury" nach seiner Emigration
in die USA und nach "Liliom" (1934) - einem Film, mit dem er sich
insbesondere bei der katholischen Kirche keine Freunde gemacht hatte - sicher
auch unter dem Eindruck der Verfolgungssituation in Hitler-Deutschland und den
immer wieder gezeigten Massenszenen der NS-Wochenschauen in den Kinos. Nachdem
Hitler inzwischen dem teilweise unkontrollierten SA-Mob durch die Ermordung
des SA-Führers Röhm und dessen Anhänger den Garaus gemacht hatte,
präsentierten sich die Massen in Deutschland nun als wohl organisierter
und staatlich gesteuerter Haufen - ganz im Sinne der NS-Ideologie.
"Fury" zeigt im Grunde
auch, aus welchen Elementen sich derartige Organisationsstrukturen entwickeln
konnten. Darüber hinaus aber zeigt Lang nicht nur, wie zivilisatorische
und kulturelle Schranken - sozusagen über Nacht - eingerissen werden. Er
zeigt auch, wie sich Politik und Medien aus taktischen respektive kommerziellen
Interessen heraus sozusagen dem Mob "anhängen". Der Gouverneur,
der schon die Nationalgarde gegen die zur Lynchjustiz bereiten Menschen einsetzen
will, lässt sich von einem "Berater" aus wahltaktischen Gründen
davon abhalten. Die Journalisten aus allen Ecken des Landes strömen an
den Ort des Geschehens - aus welchen Gründen, lässt sich denken. Lang
gelingt es, diese lebensgefährliche Atmosphäre in erschreckenden Bildern
Wirklichkeit werden zu lassen.
Aber "Fury" zeigt darüber
hinaus auch, wie ein Opfer solcher Exzesse seinen Glauben an Zivilisation und
Kultur, an Freiheit und Recht verliert. Denn Joe - exzellent verkörpert
von Spencer Tracy - sinnt nach seinem Entkommen aus dem brennenden Gefängnis
nur noch auf: Rache. Mit Hilfe seiner Brüder und des über die Geschehnisse
empörten Staatsanwalts (der nicht weiß, dass Joe noch lebt) will
er die Verantwortlichen - ca. ein Dutzend Einwohner, Männer und Frauen
- vor Gericht bringen und zum Tode verurteilen lassen, ohne dass jemand erfahren
soll, dass er, Joe, noch lebt. Lang zeigt hier, wie ein bis dahin an Menschlichkeit
und Gerechtigkeit glaubender Mann durch die Dinge, die ihm zustoßen, zum
geraden Gegenteil seiner selbst wird. Joe ist alles gleichgültig: was mit
ihm passiert, was mit Katherine passiert, und seine Brüder, die er vor
kaum einem Jahr aus dem Sumpf des Verbrechens herausgeholt hatte, instrumentalisiert
er, um seine Rachegelüste zu befriedigen.
Joe lässt alles fallen, an
was er bislang geglaubt hat. Er stellt sich - ohne dass ihm das (zunächst)
bewusst ist - auf dieselbe Ebene wie der Mob, der ihn lynchen wollte. Die Schwere
des Verbrechens an ihm scheint jedes Mittel recht zu machen, um Vergeltung zu
üben. Das Verfahren, das Staatsanwalt Adams (Walter Abel) gegen zwölf
Rädelsführer des Mobs anstrengt, gerät so - in Unkenntnis, dass
Joe noch lebt und die Fäden des Verfahrens zieht - zu einer Farce, an dessen
Ende die Verurteilung der Angeklagten zum Tode stehen könnte. Selbst Katherine,
die von Joes Überleben nichts weiß, weil auch dessen Brüder
schweigen, will Joe für seine Rache funktionalisieren - bis sie anhand
eines anonymen Briefes erkennt, dass Joe noch lebt und welches "Spiel"
er offensichtlich treibt.
Für Katherine spielt sich
das Geschehen sozusagen doppelt ab: Zuerst muss sie zusehen, wie Joe hinter
den Gitterstäben den Flammen ausgesetzt ist. Dann muss sie erleben, wie
Joe sich grundlegend verändert hat. Lang lässt Joe am Schluss erkennen,
dass Rache keine geeignete Antwort auf das Geschehene ist. Aber man könnte
sich auch den umgekehrten Fall praktisch vorstellen.
Leider gehört "Fury"
zu den eher vergessenen Filmen des großartigen Fritz Lang - und dabei
ist dieser Film, der auch die Gesellschaft der USA nicht besonders gut aussehen
lässt, nicht nur in Inszenierung, Konzentration auf das Wesentliche und
Darstellung ein Meilenstein in seinem Werk. Der Film ist hochaktuell und weiterhin
brisant wie damals. Das betrifft nicht nur das Problem pöbelhafter Ausbrüche.
Es betrifft vor allem auch die Veränderungen, die Opfer von Gewalttaten
bzw. deren Angehörige durchmachen können - wenn alle Überzeugungen
in Bezug auf Menschlichkeit, Rechtsstaatlichkeit usw. plötzlich verschwinden,
wenn auch hier zivilisatorische und kulturelle Schranken einreißen, wenn
plötzlich das furchtbare Denken des "Auge um Auge" Platz greift.
DVD
Format: Dolby, HiFi Sound, PAL
Sprache: Deutsch,
Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch,
Englisch, Spanisch, Türkisch
Region: Region
2
Bildseitenformat:
4:3
FSK: Freigegeben
ab 12 Jahren
Studio: Warner Home Video - DVD
DVD-Erscheinungstermin:
26. August 2005
Die von MGM 2005
editierte DVD enthält neben dem Film in guter Ton- und Bildqualität
einen Audiokommentar von Regisseur Peter Bogdanovich ("Is was, Doc?")
mit Auszügen aus Interviews mit Fritz Lang zu den Hintergründen und
Motiven des Films. Die DVD kostet derzeit bei amazon € 15,95.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
in:
Fury
- Blinde Wut
(Fury)
USA
1936, 90 Minuten
Regie:
Fritz Lang
Drehbuch:
Bartlett Cormack, Fritz Lang, nach dem Buch "Mob Rule" von Norman
Krasna
Musik:
Franz Waxman
Kamera:
Joseph Ruttenberg
Schnitt:
Frank Sullivan
Ausstattung:
Cedric Gibbons
Darsteller: Sylvia Sidney (Katherine Grant), Spencer Tracy (Joe Wilson), Walter Abel (Staatsanwalt Adams), Bruce Cabot (Kirby "Bubbles" Dawson), Edward Ellis (Sheriff Thaddus Hummel), Walter Brennan ("Bugs" Meyers), Frank Albertson (Charlie Wilson), George Walcott (Tom Wilson), Arthur Stone (Richard Durkin), Morgan Wallace (Fred Garrett), George Chandler (Milton Grimes), Howard C. Hickman (Gouverneur)
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