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Blueberry
und der Fluch der Dämonen
Held
im Halbdunkel
Eigentlich
kann eine "Blueberry"-Verfilmung gar nicht gelingen. Der Protagonist
ist einer der wenigen Comichelden, die tatsächlich mit der Zeit altern,
und er hat sich im Lauf von über drei Dutzend Alben ständig verwandelt,
vom jungen, rasierten Kavallerieleutnant zum abgerissenen Outlaw, vom regen
Befürworter der Prostitution zum Naturromantiker. Ebenso war seine Welt
und Umwelt, vom genialen Zeichner Moebius nun seit über 40 Jahren in Szene
gesetzt, immer neuen Veränderungen und künstlerischen Stilen unterworfen,
vom Edelwestern á la Howard Hawks zu den schmutzigen Braunmänteln
eines Sergio Leone. Das übliche Problem der Literaturverfilmung ist hier
aufgrund der enormen Stoffülle multipliziert: Für jeden Handlungsstrang
und Darstellungsstil, den eine Verfilmung wählt, muß sie gleichzeitig
zig andere außer Acht gelassen.
Da
hilft es nicht, daß Jan Kounen eingestandenermaßen an der Vorlage
insgesamt nicht sonderlich interessiert ist. Sein "Blueberry" ist
ein Missverständnis, manchmal ein trauriges, manchmal ein unterhaltsames,
manchmal auch ein ärgerliches, aber mit Sicherheit ein Missverständnis,
eine Suche nach dem spirituellen Kern des Stoffes, den dieser zu haben niemals
vorgegeben hatte. Der holländisch-französische Regisseur, der in "Dobermann"
ein Gespür für comichafte Farben und Perspektiven, einen elaborierten
Schnittstil und viel technisches Talent bewies, tendiert hier zum epischen Ansatz,
was ihm spürbar nicht liegt. Er brilliert weiterhin technisch, fällt
aber letztlich seinen Schwächen als Erzähler zum Opfer. Ob es an seinem
eigenen Input am Script lag oder ob das Material der Vorlage den legendären
Drehbuchautor Gérard Brach einfach uninspiriert gelassen hat, ist dabei
nicht mehr festzustellen.
Ein
halbe Stunde lang immerhin sieht es so aus, als hätte man die Vorlage,
zumindest in ihrer bekanntesten Form, ernstgenommen. Da stolpern staubige, ungewaschene
Tagediebe mit Schweißflecken durch den Westen, die gerne grölend
lachen, auf Zigarillostumpen herumkauen, dabei erbärmlich schlechte Zähne
offenbaren und ständig von Fliegen umschwirrt werden. Unter ungepflegten
Vollbärten und im ständigen Halbdunkel glaubt man schemenhaft Indie-Größen
wie Michael Madsen und Colm Meaney zu erkennen, die in pianoklimpernden Vaudeville-Absteigen
in überdimensionale Spucknäpfe kuddeln. Und wenn dann noch Djimon
Hounsou in seiner herrlich schlaksigen Art einen der zahlreichen Schwarzen gibt,
die in der "Blueberry"-Reihe (realistischerweise) den Westen bevölkern,
erkennt man durchaus Ansätze zu einer neuen, eigensinnigen Variation auf
ein eigentlich schon überstrapaziertes Genre. Zwar stört Vincent Cassels
Titelheld, obwohl er angemessen schief aussieht, das Bild ein wenig, weil man
von seinem Gutmenschentum jede Sekunde überzeugt ist und dementsprechend
gelangweilt. Und auch seine in jeder Hinsicht störenden Romanze mit der
unpassend sauberen Juliette Lewis als halbemanzipierte Engelsfigur rutscht schnell
in Altbekanntes und wenig Aufregendes zurück.
Trotzdem:
Wäre da nicht die zweite Hälfte, die ein Drogen- und Indianerfilm
sein möchte, dies hätte ein erdiger, organischer Western werden können.
Aber
Kounens eigener Zugang, der sowohl dem Helden als auch dem Antagonisten eine
spirituelle Reise aufdrängt, bleibt stilistisch und narrativ mit der ersten
Hälfte des Films unvereinbar und reißt daher die Struktur des Films
schlicht auseinander. Der Regisseur wollte einen bildgewaligen Indianerfilm
drehen, seine Vision besteht aus aztekischer Symbolik, Animistik, rituellem
Voodoo und vor allem: einigen wirklich heftigen Drogen, komplett mit rotierender
Kamera und psychedelischen Close-Ups. (Schon bei "Doberman" fragte
man sich ja, welche Drogen Kounen zu nehmen pflegt und ob das nicht vielleicht
zu viele sind.)
Dieser
durchaus auch blutige Spiritismus hebt sich zwar angenehm von mancher esoterischer
Verklärung des Indianertums ab, entfernt sich aber eben auch denkbar weit
von der Realität, die bei Moebius und im Rest des Films so strikt abgebildet
sein will. Zur kompletten Brechung mit der Glaubhaftigkeit kommen dann noch
einige völlig unangekündigte und nur leidlich gelungene Special Effects
hinzu, die aussehen wie in Bret Leonards Verfilmung des "Rasenmähermann"
und wohl den epischen Showdown darstellen sollen, den sich Held und Bösewicht
im Land der Drogenträume liefern. Oder so. Und spätestens da merkt
man, dass dies vielleicht auch ein wirklich interessanter, hochtechnisierter
Drogen- und Indianerfilm geworden wäre, wäre da nicht die erste Hälfte,
die ein Western sein möchte. Nur leider gehen die beiden Hälften überhaupt
nicht zusammen. Und da eben liegt das Missverständnis.
Daniel
Bickermann
Dieser
Text ist zuerst erschienen im:
Blueberry
und der Fluch der Dämonen
Blueberry.
F,GB,MEX 2004. R,B:
Jan Kounen. B: Gérard Brach, Matt Alexander. K:
Tetsuo Nagaka. S:
Benedicte Brunet, Joël Jacovella, Jennifer Auge. M: Jean-Jacques Hertz,
François Roy. P: La Petite Reine, Aijoz Films, UGC Images, u.a. D: Vincent
Cassel, Michael Madsen, Juliette Lewis, Ernest Borgnine u.a. 145 Min. Tobis
ab 1.7.04
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