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Blue
Moon
Der
Mann ohne Vergangenheit
Man
hätte diesen Film auch ganz anders inszenieren können: Ein Mann, von
dessen Vergangenheit wir wenig - ja gar nichts, eigentlich - wissen, verbockt
eine Geldübergabe, deren Hintergründe wir nicht kennen. Eine so schöne
wie geheimnisvolle Frau rettet ihn aus dieser misslichen Situation, dem folgt
eine Irrfahrt quer über den (ost-) europäischen Kontinent, an deren
Ende es doch nur noch um eine Sache gehen kann: Dass beide sich, wie auch immer,
kriegen. Man hätte ein Genre-Einerlei draus machen können, mit etwas
Action hier und da, mit etwas behaupteter Dramatik und Sentiment. Einen Film
wie viele andere auch: Schnell gedreht, gesehen, vergessen. Regisseurin Andrea
Maria Dusl hat sich anders entschieden. Zum Glück.
Es
ist eine seltsame, langsame Reise, deren Zeuge wir werden. Quer durch Ost-Europa,
das trotz steter geografischer Benennungen - paradoxerweise - doch orts- und
bezugslos zu bleiben scheint. Eine Welt, nicht vollkommen jener fantastischen
"Interzone" aus Cronenbergs Naked
Lunch
fremd, in der sich die Wege der Menschen kreuzen, vereinen, teilen, immer wieder.
Weite Fernen, weiter Himmel.
Der
Mann, den wir nicht kennen, das ist der Österreicher Johnny Pichler (Josef
Hader). Ob das wirklich sein Name ist, wer weiß das schon. Zumindest hat
er kurz, vielleicht ja wirklich einen Moment zu lang, überlegt, als er
danach gefragt wurde. Johnny, das klingt vielleicht etwas verwegener als, sagen
wir, Johannes. Klingt nach Freiheit und, ein wenig zumindest, nach alten Westernhelden.
Wie ein solcher bewegt er sich - stets unrasiert, leger gekleidet, eher etwas
wortkarg, im Handgepäck stets eine kleine Digitalvideokamera, die ihm doch
eigentlich gar nicht gehört - durch die weite Prärie Osteuropas, durch
endlose Landschaftsflächen und die Saloons der Plattenbaumetropolen. Und
ja, die Freiheit! Ein Ballerina-Püppchen, das, in einer Flasche eingekorkt,
vor sich hintanzt, wird ihm zum Anlass von Meditationen, das zerschmetterte
Glas zum Sinnbild für den Ausbruch. Schafen will er in einem der schönsten
Bilder des Films beibringen, über die einpferchenden Zäune zu springen:
Eine der wenigen Szenen, in denen er lacht, ausgelassen scheint. Und dann das
Meer, so weit weg, wie gern will er doch dahin. Ein Mensch, der sein altes Leben
- wie es aussah, wissen wir nicht, ein paar Weisheiten der "Pichler-Oma"
gibt's manchmal aus dem Off - ohne mit der Wimper zu zucken hinter sich lässt,
als sich die Gelegenheit bietet.
Nach
dem Namen gefragt wurde er von der Russin Shirley (Victoria Malektorovych).
Oder Jana. Oder Dana. Wer weiß das schon. Sie, Hostess, saß im Wagen
des russischen Gangsters gleich zu Beginn, der Johnny, weil er zu wenig Geld
mitbringt, ins Auto packt und mitnehmen will, als Geisel vermutlich, denn Johnny
ist ja nur der Kurier. Beherzt rettet sie ihn, klaut den Wagen und ab dann,
nach Slowakien, bloß zurück in die Ukraine, irgendwie. Der Gangster
ist für den Film nicht mehr wichtig, denken wir nicht mehr an ihn. Für
Johnny wird diese Frau zur fixen Idee, wie einst Kim Novak für James Stewart
in Hitchcocks Vertigo. Kein Zufall wohl, dass sie später, nachdem sie Johnny
um sein Geld gebracht hat und abgehauen ist, brünett statt blond, mit kurzgeschnittenem
statt langem Haar, wieder auftauchr: Kaum, gar nicht eigentlich, wiederzuerkennen,
schon gar nicht für Johnny, der mit der vorgeblichen Zwillingsschwester
der Frau, die er irgendwo im ehemaligen Ostblock sucht, eine Affäre beginnt.
Auch sie entflieht einem Leben, das wir nicht näher kennen, das ebenso
leer scheint, deren traumatischen Voraussetzungen nur am Rande beiläufig
erhellt werden. Und wie die unvergessliche Kim Novak wird auch sie ins Wasser
springen.
Und
dann Ignaz Springer (Detlef Buck). Ebenso ein Irrlicht auf den Straßen
und Raststätten des wilden Ostens. Der Deutsche, der Piefke, der alles
zu Geld machen will, für den alle nur in Verkäufer und Käufer
einteilbar sind, der sich auf einen hirnrissigeren Tausch nach dem nächsten
einlässt und Johnny, dem er immer wieder, hier und dort, begegnet, nur
in Schwierigkeiten bringt. Was er nun wieder für ein Mensch ist? Keine
Ahnung! Eher grobschlächtiger Unsympath, tingelt er durchs Land, mehr oder
weniger kleinkriminell, ohne Ziel, Vergangenheit oder gar Zukunft. Wo er herkam,
was er wollte, was er da draußen, eigentlich doch recht privilegierter,
wenn auch glückloser Deutscher, zu suchen hat, wer weiß das schon.
Auch er Endpunkt einer Biografie, die offenbar so wenig attraktiv ist, dass
sie kaum der Rede wert, vor allem aber als Rückzugsmöglichkeit nicht
denkbar scheint. Etwas besseres findet sich allemal.
Ruhig
und bedächtig entfaltet sich der Film, keine Hektik, keine Eile. Wenn gleich
zu Beginn der Gangster mit CS-Gas ruppig überwältigt wird, war's das
dann auch eigentlich schon fast mit Action und Aufregung. Was folgt ist ein
bald melancholisches, bald heiteres Road Movie, in dem sich Menschen in der
Fortbewegung entwickeln, Facetten preis geben, sich immer wieder aufs Neue miteinander
konfrontiert sehen, aneinander wachsen oder aber sich auseinander leben. Momente
lakonischen Humors - wenn Pichler von jungen Russen ausgeraubt wird und sich
anschließend mit einem saloppen "Danke" verabschiedet - wechseln
sich ab mit solchen höchster emotionaler Intensität, wenn Pichler
etwa Janas wahrer Identität mittels ein paar alter Fotos auf die Schliche
kommt oder er sich, unter enormen seelischen Druck, in die Autoaggression flüchtet.
Reduziert, ja kaum wahrnehmbar fließen diese Untertöne ineinander
über, werden Entwicklungen im Detail nachgezeichnet, nicht selten unter
Ausblendung des wesentlichen: Wie wenn man sich anblickt und, ganz ohne Worte,
weiß, was das Gegenüber denkt, ohne aber der Gefühlsduselei
zu verfallen. Nicht nur Haders understatement-haft dargebotener Humor, auch
seine enormen schauspielerischen Fähigkeiten sind es, die dieser Figur,
bei aller lakonischen Reduktion, eine im Detail oft atemberaubend emotionale
Dynamik verleihen - ein personeller Glücksgriff für BLUE MOON, der,
ohne Bucks oder Malektorovychs Leistungen damit gering schätzen zu wollen,
doch, wie kaum ein anderer seiner bemerkenswerten Filmografie, ganz und gar
Haders Film ist.
BLUE
MOON ist einer jener Filme, die plätschern, in denen oft alles in der Schwebe
zu sein scheint, nichts ausgesprochen wird und doch unglaublich viel passiert.
Einer jener Filme, denen (und deren Charakteren) man einfach immer nur weiter
zuschauen möchte. Zum Ende hin ist's wie mit einem guten Buch, das man
über die Tage hinweg zu lieben gelernt hat, dessen baldiger Beschluss einen
traurig macht. Man liest langsamer, legt es oft weg, will sich noch so viel
wie möglich aufsparen, greift aber doch immer wieder danach, mit einem
kleinen Stich in der Seite. Man verabschiedet sich nur ungern von diesen Menschen.
Dieser flirrenden Atmosphäre, die zwar den Raum, nicht aber die Zeit zu
kennen scheint. Von den Wolkengemälden, die diese Figuren und Abenteurer
so oft umschmeicheln. Kurzum: Von diesem langsamen, schönen Film.
Thomas
Groh,
2003
Diese Kritik ist auch erschienen in: F.LM - Texte zum Film
Blue
Moon
Österreich
2002
Regie,
Drehbuch: Andrea Maria Dusl
Kamera:
Wolfgang Thaler
Schnitt:
Karina Ressler, Andrea Wagner
Musik:
Peter Dusl, Christian Fennesz, Yuri Naumov
Darsteller:
Josef Hader, Detlef W. Buck, Victoria Malektorovych u.a.
Internet
Moviedatabase
http://german.imdb.com/title/tt0328901/combined
Pressespiegel
bei angelaufen.de
http://angelaufen.de/31.10.02.html#Anchor-55372
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