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Die
Blumen des Heiligen Franziskus
Es ist, als habe Gott ihre Körper in Bewegung
versetzt, auf dass sie nicht mehr stille stehen. Ein Rennen, ein Voraneilen,
ein Fallen, ein Sich-Zusammenziehen und Wieder-Auseinandergehen, zuletzt das
Kreiseln und Schwindeln auf Franziskus' Befehl, auf dass sie stürzen und
der Richtung folgen, die ihnen der Körper so gibt. Keine Gemeinde, sondern
ein Schwarm von Brüdern, dem Franziskus als der Kopf dieses Körpers
eine Ordnung gibt, eine Einrichtung und eine Ausrichtung für den Moment,
aber ohne die Dauer der Institution. So wie Rosselini das filmt, kann daraus
kein ordentlicher Orden werden.
Immer wieder schlägt Franziskus die Hände
vors Gesicht. Diese Geste ist mehrfach deutbar. Es ist die Geste der Demut und
des Erschreckens vor der eigenen Hybris: der zu sein, der den anderen sagt,
wie sie ihr Leben zu leben haben (um ihn sich scharend, rennend, eilend, fallend,
kreiselnd, von ihm gehend). Franziskus als der Narr Gottes wird, setzend, ordnend,
befehlend, die Hände vors Gesicht schlagend, der nicht institutierende
Gründer sein, der die Gewissheit in dem, was er tut, nicht aus sich selbst
nehmen kann. Er gründet seine Autorität auf eine unmögliche Bescheidenheit,
als der, den Gott gewählt hat, der Größte zu sein. Darum erträgt
er die Kleinsten.
Der Schwarm, dem er vorsteht, hat keinen Kopf außer
ihm. Franziskus ist der weise Narr Gottes, umgeben von Idioten. Ins Zentrum
der Legenden, die Rossellini historischer Vorlage frei folgend hier entfaltet,
rückt Bruder Ginepro, ein Kasuist ohne Arg und Verstand. Seine Kutte schenkt
er den Darbenden - und als ihm Franziskus diese Freigebigkeit untersagt, gibt
er nicht mehr, sondern lässt sich nehmen. Er gerät ins Kriegslager
der Barbaren, wird zum Spielball ihrer Rohheit, wird geworfen und gefangen,
dem Anführer vorgeführt, der in einer furchteinflößend
lächerlichen Rüstung steckt und einen furchteinflößend
lächerlichen Bart trägt. Man schlägt Ginepro den Kopf ab - um
ein Haar. Und dann geschieht das Wunder. Angesichts seiner Unschuld beenden
die Barbaren die Belagerung, ziehen von dannen.
Rossellini zeichnet den Schwarm der ersten Franziskaner
als eine Bande von Kindsköpfen Gottes. Zu dumm zum Kochen, zu Jux und Tollerei
ebenso aufgelegt wie dazu, sich lächerlich zu machen, wann immer es geht.
Die Begebenheiten werden als ebensolche vorgeführt, kaum dramatisiert.
Die Schrifttafel, die die folgende Episode erläutert, ein, zwei Orgeltöne,
dann geschieht mit einiger Beiläufigkeit mehr oder minder Heiligmäßiges.
Franziskus und der Leprakranke: Ein Nachstellen eher als eine großartige
Begegnung. Ein Davoneilen und Hinterherstolpern, dann die flüchtige Umarmung,
dann trennen sich die Wege.
Es liegt nahe, von einer franziskanischen
Ästhetik zu sprechen. Fromm ohne Frömmelei, auf eine Simplizität
bedacht, der jede künstlerische Bewusstheit zu fehlen scheint wie dem Brüderschwarm
die Intelligenz. Sie wissen nicht, was sie tun - und gerade darin, scheint Rossellini
zu behaupten, liegt ihre Kraft. Franziskus gründet (ohne Setzungsakte)
einen Orden, der sich nicht auf Schriften stützt, aber auch im Grunde nicht
eine Frömmigkeit des Herzens proklamiert. Vielmehr fehlen diesem Orden und seinem
Glauben das Proklamatorische ebenso wie jeder ostentativ vertikale Bezug. Die
Bewegung des Schwarms entzieht sich der Formulierbarkeit, der Verfestigung,
die Dogma wäre oder Ideologie. Franziskus gibt Befehle, daraus folgen Aktionen,
aber kein Programm. Franziskus spricht mit Gott, wie er mit den Vögeln
spricht, Rossellini erzählt es mit Schnitt und Gegenschnitt als die normalste
Sache von der Welt.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen
in:
Die Blumen des Heiligen Franziskus
Giullare di Dio Francesco
Italien 1950
Alternativtitel:
God's Jester Francis
The Flowers of St. Francis
Laufzeit: 75 min / Canada:83 min
Regie: Roberto Rossellini
Drehbuch: Federico Fellini, Pater Antonio Lisandrini,
Pater Félix Morión, Roberto Rossellini
Produzenten: Giuseppe Amato, Angelo Rizzoli
Musik: Enrico Buondonno, Renzo Rossellini
Kamera: Otello Martelli
Schnitt: Jolanda Benvenuti
Darsteller: Aldo Fabrizi, Bruder Nazario Gerardi, Arabella
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