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Blutrausch
der Zombies
Im Prinzip weiß man längst, dass es Filme
gibt, die so schlecht sind, dass sie schon wieder gut sind. Wer Léon
Klimovskys Blutrausch der Zombies (1972) für einen heiteren Filmabend unter Freunden
vorschlägt, gerät dennoch rasch an die Grenzen seiner Überzeugungskraft:
Zu blutrünstig klingt der Titel für alle, die nicht gerade eingefleischte
Fans des Splatter- und Gore-Genres sind. Dabei hat dieser Film zwar tatsächlich
eine leicht überdurchschnittliche Rate an Todesfällen, und die eine
oder andere Axt im Gesicht ist durchaus dabei. Von einem „Blutrausch der Zombies“
kann man dennoch nicht sprechen, zumal die Zombies – mit schwarzem Lidschatten
geschminkte, ansonsten aber recht unversehrte junge Frauen – eher zu den friedfertigen
Figuren des Films zählen.
Überhaupt ist der Film eher charmant als gruselig:
Knallige Farben, großzügig eingesetzte Blaufilter und ein durch und
durch geschmackvolles Setting aus Schlaghosen, Zigarettenrauch und extravaganten
Designer-Lampen vermitteln ein 70er-Jahre-Flair, das man einfach lieben muss.
Die Rebellion der lebenden Leichen (im Englischen noch besser: The
Rebellion of the Dead Women), wie
der spanische Film bisweilen auch betitelt wurde, hätte vielleicht besser
zu diesem Kleinod gepasst als der reißerische Titel der deutschen Videoveröffentlichung,
der für die damalige Zeit – lange vor der nach Romeros Dawn
of the Dead (1978) eintretenden
Zombiefilm-Welle der 1980er – immerhin erstaunlich innovativ ausgefallen ist,
sofern man das von einem Titel wie Blutrausch
der Zombies überhaupt sinnvoll
behaupten kann.
Innovativ aber, wenn auch auf ungewollte Weise, ist
vor allem der Film selbst: Es gibt im Grunde keine einzige Szene, die nicht
durch irgendeinen Fauxpas ins Abstruse gezogen wird. Sei es, dass man die Augenbewegungen
der Schauspieler beim Ablesen ihrer Dialoge bemerkt oder sich über die
zahlreichen Filmfehler (Zombies einmal mit Pantoletten, einmal ohne) amüsiert
– der Film hat zumindest auf dieser Ebene eine Pointe nach der anderen zu bieten.
Morde mit Getränkedosen oder per Lassowurf und blinzelnde Tote gehören
ebenso zum Programm der unfreiwilligen Komik wie sinnfreie Esoterik-Dialoge,
unmotivierte Knutschszenen oder das meisterhaft surreale Szenario einer geträumten
(sowie später einer realen) schwarzen Messe mitsamt allen Klischees.
Besondere Freude bereitet die deutsche Synchronisation,
die man sich nicht entgehen lassen sollte. Da diskutieren beispielsweise zwei
Polizisten, die einen Friedhof überwachen sollen, über ihre Angst
vor eventuell auftauchenden Zombies, als auch schon pünktlich auf’s Stichwort
drei Frauen in schwarzen Umhängen und eindeutiger Tötungsabsicht auf
sie zu kommen. Woraufhin dann der eine Polizist allen Ernstes meint: „Mmh, was
sind das denn für schnucklige Zuckerpuppen?“ Und der andere antwortet:
„Los, zieh die Wumme!“ Klar, dass bei dieser Synchronisierungsqualität
auch gerne mal Todesschreie aus unbewegten Mündern ertönen.
Das Herz dieses Films jedoch ist Paul Naschy – jener
gutaussehende spanische Gewichtheber, der so vielen Schrottproduktionen der
70er sein unverwechselbares Gesicht verlieh und hier sogar das Drehbuch schreiben
durfte. Naschy nutzte diese Gelegenheit anscheinend recht unverblümt aus
und gab sich gleich drei Rollen: Krishna, einen sympathischen Hippie-Guru, der
die Trennung von Körper und Geist seinem ungläubigen Publikum demonstriert,
indem er den qualmenden Inhalt eines Aschenbechers auf seine Hand schütten
lässt, ohne eine Miene zu verziehen; einen „Satan“ in einer surrealen Traumszene;
und Kantaka, den Bruder von Krishna, einen fiesen Voodoo-Meister und Zombiediktator
mit Neurodermitis und finsteren Racheplänen. Im Zentrum freilich steht
Krishna, der warmherzige und stets frisch rasierte Edel-Guru, der mit seinen
Anhängern auf einem Anwesen in London lebt, aber auch gern Urlaub auf dem
Land macht, weil sich der Großstadtlärm negativ auf seine Selbstfindung
auswirkt. Dort darf er dann so manchen tiefsinnigen Satz in den Diskurs einbringen:
„Wird der Körper vom Geist beherrscht, ist das keine Krankheit.“
Gelegentlich gibt Krishna öffentliche Darbietungen
seiner Kraft, und bei einer solchen „Séance“ lernen wir dann auch die
weibliche Hauptdarstellerin Elvira kennen, die mit einem sehr skeptischen Freund,
Dr. Redgrave, gekommen ist, um sich das Ganze mal anzusehen. Natürlich
entbrennt rasch der obligatorische Streit über die Wissenschaftlichkeit
der Esoterik, aber das anschließende „Interview“ im Haus des Gurus dreht
sich dennoch nur um Krishnas famose Dolchsammlung. Als die beiden Besucher dann
anschließend im Auto nach Hause fahren, spricht Dr. Redgrave, der nämlich
ein Psychiater ist, einen der schönsten Sätze des Films, den er mit
ausgeprägter Lässigkeit einfach mal so in den Raum wirft, nur um ihn
dort dann unglaublich pointenlos verpuffen zu lassen: „Das Interview war sehr
interessant für mich als Psychiater.“
Die restliche Story muss man – zumal sie auch, freundlich
formuliert, recht komplex ist – eigentlich gar nicht zu Ende erzählen,
sie ist nämlich nicht wirklich wichtig in einem Film, der ohnehin in keinem
Moment so etwas wie Spannung aufbauen kann. Die Highlights des Films stehen
handlungstechnisch eher unverbunden nebeneinander: Zu nennen wären da vor
allem die phantasievollen Mordszenen, bei denen alle Opfer bei der kleinsten
Berührung sofort tot zu Boden fallen und grundsätzlich keine Gegenwehr
leisten. Mitunter genügt es, wenn man seinem Opfer eine Getränkedose
an den Hals hält – in der nächsten Szene ist prompt schon alles voll
mit hellroter Dispersionsfarbe. Da kann der böse Voodoo-Meister mit der
Maske sich den hämischen Kommentar im Vorbeigehen denn auch nicht verkneifen:
„Na, hat’s wehgetan, Opa?“ – Was dieser mit der maximalen Regungslosigkeit eines
Toten beantwortet, bis er dann, weil die Großaufnahme doch etwas zu lang
ging, noch einmal in die Kamera blinzeln muss. Wurde die Hintergrundmusik des
Films übrigens schon erwähnt? Fröhlicher Lounge-Jazz im Stil
der 70er, der die nicht vorhandene Spannung, zu dessen Steigerung er eingesetzt
wird, maximal konterkariert.
Eine interessante Figur ist auch „Tai“, ein Diener
von Naschy, der trotz seiner schwarzen Hautfarbe in der deutschen Fassung einen
osteuropäischen Akzent verpasst bekam und zudem das „R“ als „L“ sprechen
muss, als ob er einen Chinesen darzustellen hätte. Seine Dialoge gehören
zu den besten des Films: „Schon geht ab das Wagen.“ Nicht weniger gelungen geriet
der Dialog eines Pärchens beim Seitensprung, der mit der restlichen Handlung
eigentlich gar nichts zu tun hat, außer dass das Pärchen später
Opfer eines Mordes wird. Sie besucht ihren Liebhaber im Büro einer Konservenfleischfabrik,
er fragt: „Und was hast du deinem Mann gesagt?“ – „Albert, lass mich doch endlich
mit diesem Perversling in Ruhe.“ – „Er ist immerhin mein Chef!“ – Darauf sie:
„Ja, Industrieprodukte kennt er.“
Die unbestreitbaren Höhepunkte des Films sind
die Schwarzen Messen – eine im Traum, eine in real. Für die erste hat Paul
Naschy alias „Satan“ sich zwei Hörner aufgesetzt, etwas Fell auf die Beine
geklebt und sich allen Ernstes eine Erwachsenwindel angelegt... Um dennoch die
nötige Stimmung zu erzeugen, wurden ein paar Menschenknochen gleichmäßig
im hell beleuchteten Keller des Hauses ausgestreut und ein Leintuch mit einem
Pentagramm an die Wand gehängt. Nicht weniger phantasievoll ist die zweite,
nun reale Schwarze Messe, die im Grunde ganz ähnlich aussieht – die bunt
bemalte Papiertüte, die sich eine Helferin aufgesetzt hat, sollte man besser
gar nicht erwähnen. Das Vergnügen an dieser zweiten Messe bleibt leider
nicht ganz ungetrübt: Aus irgendeinem Grund meinte man, diese Szene mit
der realen (!) Köpfung eines Huhns anreichern zu müssen. Sicher, unsere
Hühnerschnitzel wachsen auch nicht auf Bäumen, man kann sich also
nicht wirklich darüber empören. Geschmacklos und bescheuert ist dieser
Unsinn gleichwohl, und macht die Szene noch nicht mal besonders wirkungsvoll.
Weiß der Teufel, was den Regisseur da geritten hat – man fragt es sich
sowieso den ganzen Film hindurch.
Wer mag, kann dieses Filmchen also getrost als Machwerk
unterster Schublade bezeichnen, auch wenn man doch gestehen muss, dass er sich
im Vergleich zum italienischen Zombieschund der 80er geradezu vorbildlich zivilisiert
ausnimmt, auch wenn der Titel harte Kost suggeriert. Stattdessen haben wir es
eher mit einer Komödie zu tun, die einem fast ununterbrochen entweder ein
lautstarkes Lachen oder ein ungläubiges Kopfschütteln auf’s Gesicht
zu zaubern vermag. Ich kenne keinen Film, bei dem Intention und Wirkung so dermaßen
weit auseinander fallen, und auch keinen, bei dem dieses Auseinanderfallen so
derart viel Mehrwert an Witz erzeugt. Ein Meisterwerk also, das man jedem Menschen
mit Sinn für Trash (und einer nicht gar zu großen Überempfindlichkeit
gegen Dispersionsfarbe) nur wärmstens empfehlen kann: Der unterhaltsame
Abend ist garantiert. Und eigentlich kommen auch die Cineasten auf ihre Kosten:
Sei es, dass sie sich an der farbenfroh-psychedelischen Inszenierung oder den
dadaistischen Dialogen erfreuen, oder sei es nur, weil sie einsehen, dass auch
die absoluten Tiefpunkte der Filmgeschichte es verdient haben, in eben diese
Filmgeschichte mit aufgenommen zu werden. Für mich als Psychiater war der
Film außerdem sehr aufschlussreich.
Samuel Strehle
Blutrausch
der Zombies
Originaltitel:
La Rebelión
de las Muertas
Alternativtitel:
• Rebellion der lebenden Leichen
• Die Beschwörung des Teufels
• Vengeance of the Zombies
• Revolt of the Dead Ones
• The Rebellion of the Dead Woman
• Walk of the Dead
• La Vendettea del Morti Viventi
Spanien/Italien
1972
84
Min.
Regie:
Leon Klimovsky
Darsteller:
Paul Naschy, Romy, Mirta Miller, María Kosti, Aurora de Alba, Luis Ciges,
Pierre Besari, Antonio Pica, Elsa Zabala, Montserrat Julió, Ramón
Lillo, Norma Kastel, Ingrid Rabel, Asunción Molero, Fernando Sánchez
Polack
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