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Botschafter
der Angst
Zwei Dinge spinnen sich um Frankenheimers,
Axelrods und Condons Geschichte um eine Verschwörung amerikanischer, chinesischer
und sowjetrussischer Halunken: die McCarthy-Ära und der nur ein Jahr nach
Start des Films in den Kinos begangene, bis heute nicht vollständig aufgeklärte
Mord an John F. Kennedy. Richard Condon hatte den Roman als eine satirische,
ja bitterböse Kritik an der Angst vieler Amerikaner vor einer kommunistischen
Verschwörung, aber auch und gerade am Schüren dieser Ängste durch
konservative und reaktionäre Kräfte in den 50er Jahren geschrieben
- eine historische Phase, die ein für allemal mit dem Namen des Senators
McCarthy verknüpft ist. Dass Fiktionen von den Fakten eingeholt werden,
mag selten vorkommen. Doch die Fiktion in "Botschafter der Angst"
musste vielen Amerikanern ins Gedächtnis zurückkehren, als Kennedy
ermordet wurde. Und Lee Harvey Oswald, dessen Ermordung und die gesamten bis
heute ungeklärten Umstände beider Morde werfen ein Licht auf die Zeit,
aber auch auf die allenthalben vorhandenen verdeckten Strukturen, Operationen
und Verwicklungen in modernen politischen Systemen.
Zunächst scheint der Film
dem allenthalben vorhandenen kruden Antikommunismus der damaligen Zeit sogar
noch Vorschub zu leisten, wenn eine Verschwörung russischer, nordkoreanischer
und chinesischer Agenten, Politiker und hoher Militärs in Szene gesetzt
wird. Schon deren Mimik und Gestik, deren Aussehen, ihre Dialoge usw. aber sind
- das wird sehr schnell deutlich - letztlich nichts anderes als eine Visualisierung
der Vorurteile und antikommunistischen Attitüden jener Jahre innerhalb
weiter Teile der Bevölkerung. Sehr schnell spielen die ausländischen
Kräfte der Verschwörung zudem keine wesentliche Rolle mehr, und der
Film fokussiert die Aufmerksamkeit auf die inneren Verhältnisse in den
Vereinigten Staaten selbst.
Eine Gruppe von amerikanischen
Soldaten wird während des Korea-Krieges von feindlichen Kräften festgenommen
und einer Gehirnwäsche unterzogen. Ein General namens Zilkov (Albert Paulsen)
demonstriert vor ausgewähltem Publikum, wie man diese Soldaten als lebende
Waffen für eigene Zwecke einsetzen kann. Er befiehlt einem der Soldaten,
Raymond Shaw (Laurence Harvey), einen Kameraden zu erwürgen und einen anderen
durch Kopfschuss zu töten. Shaw gehorcht - ohne irgendwelche Emotionen
zu zeigen.
Nur wenige Wochen später
erhält Shaw den höchsten Verdienstorden in seiner Heimat, weil er
die Gruppe der tagelang in Korea verschwundenen Soldaten gerettet habe. Ein
anderer der Gruppe, Major Marco (Frank Sinatra), allerdings, beginnt langsam,
aber sicher an der offiziellen Version vom Helden Shaw, der ihn und die anderen
gerettet habe, zu zweifeln. Denn Marco hat jede Nacht den gleichen Alptraum:
Er sieht ihm Traum genau diese Szene von der Ermordung seiner Kameraden durch
Shaw auf Befehl Zilkovs. Auch ein anderer der Gruppe, Melvin (James Edwards),
hat den gleichen Alptraum immer wieder. Marco zweifelt an der offiziellen Version,
dass nämlich die beiden Kameraden im Gefecht gefallen seien. Allerdings
nimmt ihm zunächst niemand die Version ab, der Alptraum entspreche der
Realität, während die offizielle Version des Geschehens eine Lüge
sei. Marco ist verzweifelt, weil er nicht weiß, ob Shaw, den er nicht
mehr für einen Helden hält, aus eigener Überzeugung gemordet
hat oder für seine Taten nicht haftbar gemacht werden kann, weil er nicht
Herr seiner selbst dabei war.
Unterdessen will Shaw einer Tätigkeit
als Redakteur nachgehen. Gleichzeitig versucht er, sich dem Einfluss seiner
Mutter, Mrs. Iselin (Angela Lansbury), und seines Stiefvaters Senator Iselin
(James Gregory) zu entziehen. Beide führen eine wilde Hetzkampagne gegen
alle möglichen politischen Gegner, die sie fast allesamt als Kommunisten
denunzieren, insbesondere gegen den liberalen Senator Thomas Jordan (John McGiver),
mit dessen Tochter Jocelyn (Leslie Parrish) Shaw vor Jahren ein Verhältnis
hatte. Seine Mutter hatte damals alles daran gesetzt, diese Verbindung zu zerstören
- mit Erfolg.
Marco setzt alles daran, seine
These von einer Gehirnwäsche zu beweisen. Es ist zu befürchten, dass
weiteres Unglück passiert. Mit dem Zug, in dem er die schöne Rose
(Janet Leigh) kennenlernt, fährt er nach New York, um Shaw zu treffen und
Licht ins Dunkel zu bringen.
Kurze Zeit später werden
die Leichen eines bekannten Politikers und seiner Tochter gefunden. Bei Shaw
taucht ausgerechnet der koreanische Kriegskamerad auf, der die amerikanischen
Soldaten damals in den Hinterhalt gelockt hatte. Und im sich zuspitzenden Wahlkampf
um die Präsidentschaft plant jemand die Ermordung des Präsidentschaftskandidaten ...
Frankenheimer, der Condons Roman
an fast keiner Stelle abschwächte (bis auf eine inzestuöse Stelle
im Roman, in dem Mrs. Iselin mit ihrem Sohn ins Bett geht, im Film wird an dieser
Stelle nur ein Kuss gezeigt, der aber diese inzestuöse Absicht offen andeutet),
zeigt nun vor allem, wie die Verschwörung von Amerikanern selbst in Szene
gesetzt wird. Er zeigt eine intrigante und skrupellose, von Angela Lansbury
hervorragend gespielte Mrs. Iselin, die nicht nur ihren zweiten Mann, Senator
Iselin, als Marionette für ihre Ziele einsetzt, sondern auch ihren Sohn
immer wieder in Abhängigkeit versetzen kann. Er zeigt einen Raymond Shaw,
der seine Mutter und seinen Stiefvater zwar hasst, sich aus der Beziehung zu
seiner Mutter aber nicht lösen kann. Er zeigt einen Captain Marco, der
von seinen Alpträumen anfangs bis fast zur Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit
gelähmt scheint, dann aber alles daran setzt, den Ursachen für diesen
furchtbaren Traum auf den Grund zu gehen.
Doch auch die Verlagerung der
Verschwörung in die USA selbst und auf Amerikaner ist stets begleitet von
der Darstellung der vorurteilsbehafteten diffusen Ängste vor einer kommunistischen
Verschwörung. Die Inszenierung wechselt zwischen Realismus, surrealen Elementen
und der Visualisierung dieser Vorurteile. Realistisch wirken vor allem jene
Szenen, in denen Senator Iselin in öffentlichen Anhörungen oder im
Fernsehen alle möglichen politischen Gegner der kommunistischen Subversion
bezichtigt. All das erinnert stark an die McCarthy-Ära. Anderes, wie etwa
die - in dieser Weise nicht mögliche - Manipulation Raymond Shaws durch
irgendeine nicht näher dargestellte Gehirnwäsche, die ihn zu einem
willenlosen Werkzeug einer Verschwörung macht (ausgelöst durch eine
Spielkarte, die, wenn er sie aufdeckt, seinen Willen bricht, so, als ob er hypnotisiert
worden wäre, um als Attentäter zu dienen), gehört eher dem surrealen,
fast märchenhaft wirkenden Teil des Films an.
Aber "The Manchurian Candidate"
kann man auch noch anders lesen, nämlich als eine Kritik an jenen Kräften
in den USA selbst, denen jedwede Form von Demokratie wesensfremd ist, die den
Antikommunismus für den Versuch benutzen, demokratische Zustände zu
beseitigen, und die sich nicht zu schade sind, sich dafür auch gerade jener
Kräfte zu bedienen, die sie öffentlich stets angreifen. Gerade in
der Gestalt der Mrs. Iselin kommt dies deutlich zum Ausdruck. Es kann offen
bleiben, ob Mrs. Iselin und ihr Mann überzeugte Kommunisten sind, die sich
nur als Antikommunisten ausgeben, oder ob sie für eigene Zwecke der Machenschaften
ihrer auswärtigen Gegner nutzen wollen. Der entscheidende Gesichtspunkt
ist der des ungebrochenen, extremen Machtwillens, der sie treibt und für
den sie jedes nützlich erscheinende Mittel zu nutzen bereit sind.
Nicht zuletzt belegt die (Außen-)Politik
der USA selbst, in welcher Weise sich ansonsten entgegengesetzte extremistische
Positionen zumindest sporadisch und für eine gewisse Zeit miteinander verbinden
können. Das wechselhafte Verhältnis der USA zum Irak (gegenüber
Saddam Hussein) ist da nur ein Beispiel für viele. Gerade das Remake des
Films (inszeniert von Jonathan Demme 1994), in dem nicht eine ausländische
Macht, sondern ein global operierender Konzern eine solche Verschwörung
initiiert, lässt auch die Aktualität des Frankenheimer-Films deutlich
werden.
Im Vordergrund von Frankenheimers
"The Manchurian Candidate" steht allerdings die politische
Satire und die Kritik an einem spröden, oberflächlichen Antikommunismus
mit all seinen Folgen auf die Gesellschaft selbst. Deutlich wird dies auch an
den Charakteren selbst, die teils als reale Figuren, teils aber in ihrer visualisierten
Mentalität wie ein Spiegelbild der Vorurteile wirken - als ob die Zerrbilder
von Ideologien personale Gestalt angenommen hätten. Zwischen den Polen
einer wirklichen - nicht durch Gehirnwäsche, sondern durch Propaganda und
andere medial vermittelte Mechanismen wirkenden - Manipulation der öffentlichen
Meinung und des Denkens hier, der Karikatur der Vorurteile und diffusen Ängste
dort entwickelt sich so im Lauf des Films ein dichtes, fein gewebtes Bild amerikanischer
Verhältnisse in jenen Jahren. Und das Remake beweist zumindest über
weite Strecken, dass dies alles an Aktualität nichts verloren hat.
Gerade in einer Szene, als Marco
Rose im Zug auf der Fahrt nach New York kennen lernt (im Remake ist die entsprechende
Person eine FBI-Agentin, die Marco überprüfen soll), kommt noch etwas
anderes zum Vorschein. Frankenheimer implementiert mit dem merkwürdigen
Dialog zwischen beiden einen Verdacht bzw. die Möglichkeit eines Verdachts,
dessen Hintergründe im Film nicht aufgeklärt werden. Die Szene gibt
Anlass zu Spekulationen; sie testet sozusagen den Zuschauer, inwieweit auch
er anfällig für diffuse Verschwörungstheorien ist - nur weil
er bestimmte Sätze von Rose und einige ihrer Andeutungen nicht anders erklären
kann.
Summa summarum eine der besten
politischen Satiren, die in Amerika je gedreht wurden.
DVD
Die
von MGM vor etlichen Jahren veröffentlichte DVD enthielt ein Interview
mit Sinatra, Axelrod und Frankenheimer sowie ein achtseitiges Booklet mit Zusatzinformationen
zum Film. Das ca. acht Minuten lange Interview trägt allerdings zum Verständnis
des Films nicht sonderlich bei, das Booklet hingegen schon. Diese DVD ist nur
noch sporadisch in DVD-Online-Shops noch zu bekommen.
Man
greife lieber zu der im Rahmen der SZ-Cinemathek erschienenen DVD mit dem Film.
In gewohnter Bild- und Tonqualität kann man hier den Schwarz-Weiß-Film
genießen - zu einem ebenso gewohnt annehmbaren Preis von unter 10 Euro.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen in: follow me now
Botschafter
der Angst
(The
Manchurian Candidate)
USA
1962,126 Minuten
Regie:
John Frankenheimer
Drehbuch:
George Axelrod, nach dem Roman von Richard Condon
Musik:
David Amram
Kamera:
Lionel Lindon
Schnitt:
Ferris Webster
Ausstattung:
Richard Sylbert
Darsteller:
Frank Sinatra (Bennett Marco), Laurence Harvey (Raymond Shaw), Janet Leigh (Eugenie
Rose Chaney), Angela Lansbury (Mrs. Iselin), Henry Silva (Chinjin), Leslie Parrish
(Jocelyn Jordan), James Gregory (Sen. John Y. Iselin), John McGiver (Sen. Thomas
Jordan), Khigh Dhiegh (Dr. Yen Lo), James Edwards (Cpl. Allen Melvin), Douglas
Henderson (Col. Milt), Albert Paulsen (Zilkov)
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