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Die
Brautjungfer
Der
Mann, der zu viel liebte
Wieder
schön böse: „Die Brautjungfer“, der neue Claude Chabrol
Ein
neuer Chabrol, schon wieder. Schön! Oder nicht? Denn der Kritiker will
auf keinen Fall schon wieder die abgedroschene Sentenz von den Abgründen
des Unheimlichen aufschreiben, die hinter der biederen Fassade des bürgerlichen
Lebens lauern. Aber keine Sorge: Auch die „Die Brautjungfer“ ist zwar ein echter
Chabrol, doch kommt das Böse diesmal nicht aus dem Innersten der Bourgeoisie,
sondern aus einer obskuren Parallelwelt hereingeschneit.
Wie
schon „Biester“ entstand auch dieser Film nach einem Roman der Krimiautorin
Ruth Rendell. Die Familienkonstellation und das Kleinstadt-Setting wiederum
könnten ohne weiteres aus Chabrols letztem Werk, „Die Blumen des Bösen“,
übernommen sein – nur dass sie diesmal einen kräftigen Zug ins Kleinbürgerliche
aufweisen. Und wieder interessieren Chabrol vor allem die halbwüchsigen
Kinder der Familie, auch wenn der Film mit den Beziehungsnöten der alleinstehenden
Mama beginnt. Doch schon bald konzentriert sich das Drehbuch auf Benoit Magimel
als Philippe, den Sohn des Hauses, der bei der Hochzeit seiner Schwester ein
geheimnisvolles Mädchen kennen lernt. Stephanie, so heißt sie eigentlich,
gibt sich mit wechselnden Namen eine mysteriöse Aura und kann ebenso gegenwärtig
sein, wie sie sich bald wieder ins Ungewisse entzieht.
So
etwas lässt uns Zuschauer ahnungsvoll aufhorchen. Es macht eine Frau interessant,
zumindest für die Männerwelt. Philippe jedenfalls beißt sofort
an. Und diese Senta – so nennt sie sich gerade – ist schon außerordentlich.
Der Schauspielerin Laura Smet, Tochter von Nathalie Baye und Johnny Hallyday,
gelingt der Balanceakt, ihrer französischen Mädchenfigur eine ungewöhnlich
aggressive Note zu geben, ohne dabei dem Femme-Fatale-Klischee anheim zu fallen:
Senta ist auf kinounübliche Weise herrlich ordinär. Nur den Script-Autoren
scheint das nicht ganz zu behagen. Das Drehbuch lässt die Figur einen traurig
vorhersehbaren Weg gehen, der in ihrem Unterschlupf im höhlenartigen Souterrain
eines verfallenen Geisterhauses seinen Ausgang nimmt und vorerst in einem Spiel
gipfelt, das als gegenseitigen Liebesbeweis unter anderem die Tötung eines
Menschen verlangt. Senta ist auch eine Liebesfetischistin. Doch wie ernst soll
Philippe solche Wahnvorstellungen nehmen? Was treibt sein Begehren? Und was
ist mit dieser Statue, die er abgöttisch verehrt und die angeblich der
Mutter ähnelt?
Antworten
gibt es nicht. Manchmal – das sind nicht die schlechtesten Momente – sieht dieser
in gediegener Ensemble-Arbeit gefertigte Film so aus, als habe Chabrol Versatzstücke
verschiedener Hitchcock-Filme zu einem Potpourri des Schreckens zusammengebastelt,
in dem er uns mit verrätselten Symbolen an der Nase herumführen will.
Manchmal – und das sind die psychologisch glaubwürdigsten Momente – ist
„Die Brautjungfer“ aber auch einfach nur die Aufzeichnung der Seelenqualen eines
Mannes, der sich immer hoffnungsloser in die Liebe verrennt.
Am
schönsten ist jedoch die ungebärdige Heldin. Umso enttäuschender
der Verrat an ihrer Person – und einer Entwicklung, bei der der Regisseur immer
deutlicher den gewöhnlichen Moralisten gibt. Chabrol als Biedermann?
Silvia
Hallensleben
Diese
Kritik ist zuerst erschienen im: Tagesspiegel
Die
Brautjungfer
Frankreich
/ Deutschland 2004 - Originaltitel: La Demoiselle d'honneur - Regie: Claude
Chabrol - Darsteller: Benoît Magimel, Laura Smet, Aurore Clément,
Bernard Le Coq, Isolde Barth - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12
- Länge: 110 min. - Start: 6.1.2005
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