BROTHER
Der Krieg ist nur eine Anordnung zum Spielen -
BROTHER und was passieren muss, damit der Krieg zu Ende geht
"We're in the middle of the war." Dies ist Yamamotos Analyse über den Zustand der japanischen
Gesellschaft, die veranlasst, dass er, oberer Yakuza-Krieger, vom Ältestenrat aus der Familie verbannt
wird. Yamamoto wird nach Los Angeles exiliert. Er sucht dort seinen kleinen Bruder auf, der sich mit
seinen Kumpels durch den städtischen Drogendschungel schlägt, vorbei an Geldforderungen und
Schlägereien mit den Auftraggebern. Yamamoto bringt den Drogenclan auf die Fährte der richtigen
Geschäfte, die da heißen: Macht zu haben und die Straße zu regieren. Eigene Gesetze zu schaffen, die
Welt mit einer Sprache zu durchziehen, in der der Yakuza heimisch ist. Bald reist ihm sein ideeller Bruder
Kato nach Amerika nach. Und mit den Getreuen, die sich mit bedingungslosem Gehorsam und
unbrechbarem Stolz der Yakuza-Krieger um Yamamoto sammeln, beginnt die Neuordnung der
amerikanischen Stadt. Bald befindet sich Los Angeles in japanischen Verhältnissen - in the middle of the
war.
Es wird jedoch deutlich, daß Yamamoto sich, entgegen der eigenen Analyse, nicht mitten in einem Krieg
befindet, sondern daß er diesen herbeiführt. Er macht den Krieg, ist dessen Generator. Er ist eine
Kriegsmaschine, und die Maschine macht vor nichts halt, bis hin zu jenem point of no return, in dem die
erste bedingungslose Selbsttötung des Yakuza-Kriegers Kato für den großen Bruder Yamamoto vollführt
wird. Die suizide Blutlust endet in der Totalexekution der eigenen Familie. Das finale Selbstopfer
Yamamotos, sein Schritt in den Tod und die damit herbeigeführte Vernichtung der Kriegsmaschine steht
unter dem gleichen heroischen Ehrenkodex, der das Ende der Yakuzas eingeleitet hatte. Denn Yamamoto
trifft wie alle Yakuza-Krieger selbst die Entscheidung für das Sterben. Der Yakuza ist immer Meister über
Leben und Tod. Und unter der Selbstbewusstheit, sich dem Tod zu übergeben, wird das Sterben eine
Schenkung und bedeutet das Gegenteil von Kapitulation.
Hinter dieser seriellen Selbstexekution der Japaner in den USA scheint einer rigider Politismus durch, der
das geschichtliche Verhältnis zwischen Japan und den USA neu beleuchtet, unter die Metapher des
Banden- und Mafia-Krieges bringt. In einem Interview in der taz vom 18.01.2001 hat Kitano darauf
hingewiesen, daß in BROTHER immer auch die politische Parabel über Pearl Harbor und seine Folgen
mitschwingt. Das Selbstopfer der japanischen Yakuzas ist nur die tödliche Konsequenz für den von ihnen
herbeigeführten Krieg in den USA. Unter diesem Blick erscheint es als aufmüpfige Wiederholung von
Geschichte, bei der die japanische Infiltration Amerikas zur Reminiszenz an ein bereits mehrfach
erbrachtes Opfer wird. Die Japaner, Sieger über Pearl Harbour, sind an den geschichtlichen Folgen ihres
Aufbegehrens gegenüber den Amerikanern erlegen. Yamamoto hat den Tod bereits erlitten, bevor er nach
Los Angeles kommt. Aus dem Kreis der Yakuza-Krieger ausgestoßen ist er jetzt eine Tötungsmaschine,
die ins Leere läuft und sich zuletzt selbst vernichtet. Und genau das macht die Kriegsmaschine so
unangreifbar, aber auch so sinnlos.
Was die Wiederholung von Geschichte und Geschichten in BROTHER so spannend macht, ist die
Erzählweise der Films. Er setzt ein mit einer Rückblende auf die Geschehnisse in Japan, die dazu führten,
daß Yamamoto von den Seinen verstoßen wird. Die Erzählbilder der Vergangenheit werden jedoch
später, als sich die Kriegsmaschine in Los Angeles in Gang setzt, zu Vexierbildern des Erzählten: Was als
Vorgeschichte erschien, hat auf die Zukunft der Ereignisse vorausgegriffen. Es gibt keine Geradlinigkeit der
Zeit. Die geschichtliche Zeit schließt sich vielmehr, wie in einer mythischen Erzählung, zur Schleife, bei der
es weder ein Vorher noch ein Nachher gibt. Jeder Zustand der Zeit verharrt hier im Status allgemeiner
Temporalität. So gibt es Momente, wie der Blick auf die ominöse Sporttasche oder das Warten auf einem
Flughafen, die unter dem Anschein einer Rückblende erzählt werden, die sich jedoch später, als die Bilder
identisch wiederkehren, als Vorwegnahme der immer nur gleichen Geschichte herausstellen. Es gibt keine
Verschiedenheit der Ereignisse. Dort wo die Kriegsmaschine Yamamoto ist, werden sich die Bilder
gleichen, die Handlungen, die Situationen. Die Gleichheit der Bilder, ihre Indifferenz gegenüber dem
Zeitfluß, ist immer auch die Gleichgültigkeit der Geschichte gegenüber ihrer eigenen Geschichtlichkeit.
Wesentlicher Träger dieser Gleichgültigkeit ist die Farblichkeit der Bilder. Ob in Japan oder in Los
Angeles, die abgefilmten Ansichten der Städte und Innenräume sind stets im gleichen stahlhartem Blau
gefroren. Der Schauplatz für die Kriegsmaschine ist eine technoide, abweisende Oberfläche. Aber nicht
nur der Ort ist Träger einer Uniform. In ähnlicher Weise werden den Figuren Kostüme angelegt, die sie als
Krieger der Maschine gleichschaltet. Die Street-Wear der amerikanischen Drogendealer wird eingetauscht
gegen ein gestyltes Anzugblau, das keine Individualität mehr verrät und das Leben hinter den schwarzen
Brillen ausblendet. Es ist symptomatisch, daß Denny am Schluss eine hellbraune Wildlederjacke und
cremefarbene Jeans tragen darf. Eine Sanftheit wird damit ins Bild getragen, Erdigkeit und Ahnungen an
eine Natur, die sich aus dem Zugriff der Maschine befreit hat. Und auf diesem Naturpfad kommt Denny
davon. Mit dem Schluss, der die Überwindung der Kriegsmaschine visuell bereithält, bricht BROTHER
aus der nekrophilen Schleife von Tod und Tötung aus: die Rituale und die heroische Gesinnung werden
weitervererbt, mit der Tradierung jedoch in bessere, weil menschlichere Hände gelegt.
Eine Maschine, selbst eine Kriegsmaschine, hat immer auch eine spielerische Komponente, die sich aus
ihrer mechanischen Funktion heraus erklärt. Mechanik gehorcht bestimmten physikalischen Regeln, und
diese Regeln außer Kraft zu setzen, sie zu überlisten oder bis zum Äußersten zu reizen ist das Spiel, das
die Maschine bereithält, selbst wenn sie dabei kaputt geht. Wenn die Kriegsmaschine der Yakuzas das
Ritual der Loylitätsbekundung bis hin zum selbstmörderischen Tod mißbraucht, so ist das nur die ernste
Seite der blutigen Trickserei, die woanders immer wieder im echten Spiel provoziert wird. So z.B. im
Würfelspiel, bei dem Denny unehrenhaft übers Ohr gehauen wird, das jedoch mit seiner stumm-erstaunten
Fügung unter die plumpe List Yamamotos zu einem Beweis für seine Ergebenheit wird.
Das jenseits von Ernst und Tod stattfindende Spielerische der Kriegsmaschine zeigt sich, wenn beide
Seiten, Krieg und Spiel, zusammengeführt werden. So wenn der gegnerische Mafia-Boss von den
Yakuzas durch eine zusammengebastelte Pistolen-Apparatur bedroht wird, an dem fünf verschiedene
Drähte hängen, nur einer aber mit dem todbringenden Abzug verbunden ist. Da wird eine Art russisches
Roulette gespielt, das die Form einer mechanischen Maschine angenommen hat. Damit aber diese
Tötungsapparatur zu einem Spiel auf Leben und Tod werden kann, bei dem der Tod eine Spielvariante ist,
nie aber vom Spiel in den Ernst hineingeführt werden darf, müssen sich die gegnerischen Seiten zwischen
den Spielleitern (Yamamoto und Denny) und dem unfreiwilligen Mitspieler (der Italo-Mafia-Boss) im
Schummeln auflösen. Der Mafia-Boss wählt einen Draht, den Yamamoto ihm gegen das Wissen von
Denny als richtigen - also harmlosen - Draht anzeigt. Dieser aber führt zum Auslösen des Pistolenabzugs,
und der Betrug am Spielleiter durch das heimliche Einsagen wird zum Betrug am Mafiosi, über den
feindlichen Graben hinweg. In der Spielanordnung zeigt sich mit einemmal wieder die Kriegsmaschine, aus
dem Spiel heraus wird der Krieg freigesetzt. Aber alles wäre kein Spiel, wenn dieser ausgelöste Schuss
tödlich wäre. Der Schuss geht vorbei. Dort, wo die Kriegsmaschine beherrscht wird und einen Sieg
herbeiführen könnte, muss sie Spielmaschine bleiben. Denn der Yakuza ist immer Meister über Leben und
Tod. Aber nur wenn er über seinen eigenen Tod bestimmt, nur dann findet die Kriegsmaschine ihre
Vollendung.
Diese Kritik ist zuerst erschienen bei:
artechock : FILM- UND KUNSTMAGAZIN
BROTHER
Japan/USA 2000 - 114 Minuten -
Regie: Takeshi Kitano
Kamera: Katsumi Yanagishima
Drehbuch: Takeshi Kitano
Besetzung: Takeshi Kitano, Omar Epps, Kuroudo Maki, Ryo Ishibashi u.a.