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Bruno
Manser
–
Kampf um den Regenwald
Das finale Bild ist von großer Poesie: Ein
Wolkenvorhang verhüllt nach und nach die Spitze des Batu Lawi, bis der
phallische Berg hoch über dem Dschungel gänzlich im trüben Weiß
verschwunden ist. Nicht weniger nebulös verliert sich die Spur des Bruno
Manser im malaysischen Bundesstaat Sarawak. Von 1984 bis 1990 lebte der Schweizer
im Regenwald von Borneo bei dem Volk der Penan, die zu den letzten Urwaldnomaden
der Erde zählen. Während seine „zweite Familie“ ihn das Überleben
im Dschungel lehrte, unterstützte Manser die Penan im Widerstand gegen
die Vernichtung ihres Lebensraums durch die Holzindustrie. Er mobilisierte die
Freunde, Rodungsarbeiten zu blockieren, wurde zum Staatsfeind in Malaysia erklärt
und machte nach seiner Rückkehr in die Schweiz mit Protestaktionen Furore:
Mit einem Hungerstreik vor dem Berner Parlamentsgebäude, um einen Importstopp
von Tropenholz zu erwirken, oder einem riskanten Gleitflug auf die Residenz
des Ministerpräsidenten von Sarawak 1999. Manser zog es zurück in
den Dschungel. Im Mai 2000 überschritt er die bewaldete Grenze vom indonesischen
Inselteil aus. Seither gilt er als verschollen.
Wurde Manser, auf den eine Prämie von 50.000
Dollar ausgesetzt war, von Kopfgeldjägern ermordet oder durch einen Schlangenbiss
getötet? Christoph Kühn enthält sich in seinem Dokumentarfilm
einer Mutmaßung über das mögliche Ende des 1954 geborenen Appenzellers.
Das dichte, äußerst vielschichtige Filmporträt über einen
couragierten Mann und seine bedrohte Wahlheimat erschöpft sich eben nicht
darin, die politische Bedeutung und den an Sisyphus’ Mühen erinnernden
Kampf eines Umweltaktivisten hervorzuheben. Weit darüber hinaus gibt der
Film eine Ahnung vom gelebten, in gewisser Weise auch gescheiterten Traum eines
Grenzgängers nach einem radikal selbstbestimmten Leben. „Vom entfremdeten
König der Zivilisation, dem Geld“ will Manser laut Tagebuchnotiz unabhängig
werden – und die Tragik seines Lebens besteht darin, dass ihn diese Diktatur
des Geldes in Gestalt profitgieriger Holzfirmen am anderen Ende der Welt doch
wieder einholt. Schon der Zwölfjährige schreibt in einem Schulaufsatz,
in dem er sich einen Beruf als Naturforscher ausmalt: „Ich möchte alle
Fabriken, die nicht lebensnotwendig sind, dem Erdboden gleichmachen. Einen großen
Wald mit klaren Bächen und vielen Tieren an dieser Stelle leben lassen.“
Während seiner sechs Jahre auf Borneo wird er Zeuge des schmerzhaften Gegenteils.
Christoph Kühns Collage aus Tonbandbriefen,
die sein Protagonist nach Hause schickte, aus Mansers Tagebüchern, aus
dessen eigenen Videoaufnahmen und wunderschön-detailverliebten Dschungelzeichnungen
ergibt ein lebendiges und doch nicht distanzloses, keineswegs verklärendes
Bild dieses Abenteurers, Mystikers und Rebellen. Dem Autor gelingt es, das verbreitete
Klischee des überengagierten Aktivisten zu schwächen, der sich als
eine Art Oberhaupt der „Eingeborenen“ aufgespielt haben soll. Von entscheidender
Bedeutung ist daher die eigene Expedition Christoph Kühns in den Regenwald,
um mit jenen zu sprechen, die noch Kinder waren, als der später zärtlich
„Laki Penan“ (Penan-Mann) genannte Weiße zu ihnen stieß. Über
weite Strecken überlässt es Kühn den Penan, ihren Weggefährten
zu schildern. So wird der zwangsläufig eurozentristischen Perspektive auf
das „Paradies“ der umgekehrte Blick auf den Europäer gegenübergestellt.
Neben liebevollen Schilderungen geben die Interviewten auch ihrer Verwunderung
und Skepsis angesichts einiger Manser-Aktionen Ausdruck – Menschen, die im Gegensatz
zu ihrem die Extreme suchenden Freund stets wussten, was sie taten. Mit Befremden
reagierten einige unter ihnen auch auf die Wesensänderung Mansers, als
er von einer Bergwanderung auf den Batu Lawi zurückkehrte. Unter den Penan
kursiert die Vermutung, der Schweizer sei dort einem Geist begegnet, von dem
eine ihrer Mythen erzählt.
Kühn bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Mit
beiläufiger Eindringlichkeit dokumentiert er, wie radikal sich die Lebensverhältnisse
der Penan in den vergangenen 20 Jahren gewandelt haben. Sie sind sesshaft geworden,
nachdem sich das dichte Blätterdach über ihren Köpfen gelichtet
hat und nurmehr zehn Prozent (!) des ursprünglichen Waldbestands in Sarawak
verblieben sind. Von 300 Penan-Familien sind gerade 100 übrig. Die kommenden
Plagen für seinen Stamm skizziert ein Penan-Häuptling, der mit weiteren
Palmölplantagen und einem Wasserkraftwerk am Fluss, an dem er lebt, rechnet:
„Meine Kinder und sogar ich werden darunter leiden.“ Es ist freilich längst
anerkannte „unbequeme Wahrheit“ – die in neueren Dokumentationen auch US-amerikanischer
Provenienz ausgesprochen wird –, dass solche „lokalen“ Probleme weltweite Kreise
ziehen: Stichwort Treibhauseffekt. Die Hoffnung stirbt zuletzt – dass Mansers
nachwirkendes Engagement und der von ihm 1990 gegründete Bruno-Manser-Fonds
mithelfen können, weiteren Raubbau im Regenwald Borneos zu stoppen. Und
immerhin bringt auch Christoph Kühn ein verhaltenes, aber eindringliches
Plädoyer für Gerechtigkeit und Umweltschutz vor.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-dienst
Bruno
Manser - Kampf um den Regenwald
Schweiz
2007 - Originaltitel: Bruno Manser - Laki Penan - Regie: Christoph Kühn
- Darsteller: (Mitwirkende) Bruno Manser in Selbstzeugnissen, Asit Nyelit, Sigang,
Payak, Selai Segak, Pega, Toi Laso - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge:
94 min. - Start: 29.11.2007
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