zur startseite
zum archiv
Bunny Lake ist verschwunden
Zu neuen Ufern. Von Amerika in
das Gewühl Londons. Eine neue Heimat. Ein neues Haus. Vielleicht ein neues
Leben. Hoffnung auf ein bisschen Glück. Eine lange Reise liegt hinter einem.
Man muss die Sachen auspacken, sich zurecht finden. Eine Tochter ist auch noch da, die versorgt sein muss.
Eine vierjährige Tochter.
Oder ist das alles nur Einbildung?
Wunsch? Phantasie? Macht da jemand sich selbst und anderen etwas vor? Werden
da Kindheitstraumata in die Zukunft getragen?
Otto Preminger, der am 5.12.2006
100 Jahre alt geworden wäre, drehte 1965 einen dieser typischen, "klaren",
ja fast nüchternen Thriller, die ein bisschen ins Mysteriöse eintauchen,
einen Thriller jener 60er Jahre, in denen im Übergang von der Phase der
Nachkriegszeit zu einem neuen Aufbruch in eine vermeintlich neue Welt Euphorie
einerseits, aber auch leicht depressive Stimmung andererseits herrschte. Diese
spezielle Mischung, die sich teilweise im Film genauso offenbarte wie in der
Architektur, in der Politik oder in anderen Bereichen der Kultur, zeigte sich
ebenso in der Personenzeichnung eines Films wie diesem. Da treffen wir auf eine
junge Frau, die auf einen neuen Anfang hofft, aber eben auch auf einen Superintendent,
der an nichts anderes glaubt als an das, was er sehen, riechen, schmecken oder
hören kann. Ein Realist könnte man sagen, einer dem die Phantasie
abhanden gekommen ist, da ihn das, was er aufklären muss, längst auf
dem einzig realen Boden belassen hat, den es zu geben scheint: dem Boden der
berühmten "Tatsachen". Alles andere wird in den Bereich des Irrationalen
verbannt, von dem man nicht zehren kann, das zurückgeführt werden
muss auf das Reale. Superintendent Newhouse - gewohnt glänzend gespielt
von einem Schauspieler der "alten" Garde, dem Shakespeare-Mimen Laurence
Olivier.
Carol Lynley spielt jene junge
Frau namens Ann Lake, voller Optimismus, voller Liebe zu ihrer kleinen Tochter,
die sie Bunny nennt, obwohl sie eigentlich Felicia (Suky Appleby) heißt.
Ann ist im Stress - im Stress des Umzugs, im Stress, den das Neue verursacht.
Wir sehen sie zu Anfang des Films in einer Vorschule, in der sie Bunny angemeldet
hat. Sie sucht nach einem Ansprechpartner, doch alle Lehrerinnen scheinen beschäftigt.
Nur die Köchin (Lucie Mannheim) beschäftigt sich mit ihr. Ann bittet
sie, auf Bunny, die in einem Warteraum sitze, aufzupassen, bis eine Lehrerin
käme. Ann muss zurück in ihre neue Wohnung. Die Köchin sagt zu,
auch wenn sie gerade sehr damit beschäftigt ist, Buttermilch zu produzieren.
Als Ann später Bunny abholen
will, trifft sie auf zahlreiche Eltern, Lehrerinnen und die Leiterin der Vorschule
Elvira Smollett (Anna Massey) - nur nicht auf Bunny. Das Kind ist spurlos verschwunden.
In ihrer Verzweiflung ruft sie ihren Bruder Stephen (Keir Dullea) an, der Frau
Smollett beschuldigt, auf das Kind nicht aufgepasst zu haben. Auch die alte
Lehrerin Ada Ford (Martita Hunt), die im Dachgeschoss der Einrichtung lebt,
hat Bunny nicht gesehen. Man durchsucht das ganze Haus - nichts. Die Köchin
allerdings, die ihren Job aufgegeben hat, ist spurlos verschwunden.
Schließlich ruft man die
Polizei. Superintendent Newhouse ermittelt. Gründlich. Befragt alle. Denkt
nach. Doch dann muss er feststellen, dass Bunny von niemandem in der Einrichtung
gesehen wurde. Keiner kann sich an die Kleine erinnern - trotz einer exakten
Personenbeschreibung. Und so erwägt er auch die Möglichkeit, dass
Bunny möglicherweise überhaupt nicht existiere. Denn Ada Ford hat
ihm von einem Gespräch mit Stephen Lake erzählt, in dem dieser geäußert
habe, Ann habe als Kind - wie dies viele Kinder tun - eine Figur phantasiert,
die sie: Bunny Lake genannt habe. Stephen weist die Unterstellung von Newhouse
entschieden zurück, seine Schwester würde sich ihre Tochter nur einbilden
und wäre quasi nicht ganz normal.
Doch dann sind auch alle Kleider,
Spielsachen usw. der angeblichen Bunny aus dem Haus verschwunden, in das Ann
eingezogen ist. Nur ein Geschenk, das Ann Bunny gekauft hat, findet sich noch
in der Küche versteckt. Newhouse allerdings zweifelt trotzdem, ob es Bunny
tatsächlich gibt.
Da erinnert sich Ann, dass Stephen
die kaputte Puppe ihrer Tochter bei einem Puppenmacher abgegeben hatte. Aber
ist das ein Beweis für Bunnys Existenz? Und warum weist die Passagierliste
des Schiffes, auf dem Ann mit Bunny angeblich von Amerika herüber gefahren
ist, deren Namen nicht auf?
Dann allerdings nimmt der Fall
des verschwundenen Kindes plötzlich eine ganz andere Wendung ...
Während der erste Teil des
Films sich in den "üblichen", wenn auch glänzend gespielten,
nüchternen Bahnen des spannenden Krimis bewegt - der Suche nach den Gründen
des Verschwindens von Bunny -, steigert sich der Film im zweiten Teil zu einem
hoch spannenden, psychologisch sehr geschickt inszenierten, mit klaustrophobischen
Elementen versetzten Thriller - mit Todesgefahr für einige Beteiligte.
Während im ersten Teil Superintendent
Newhouse die Fäden in der Hand zu haben scheint, er es ist, der die Richtung
der Ermittlungen angibt und die "Definitionsmacht" über den Fall
zu haben scheint, wankt dieses Gebäude geradliniger Ermittlungsarbeit im
zweiten Teil, bricht geradezu zusammen. Nun sind es zwei andere Personen, die
plötzlich die Fäden ziehen - und Newhouse braucht am Schluss nur noch
zuzugreifen. Mehr zu verraten, wäre eine Gemeinheit.
Geprägt ist der Film jedoch
nicht nur von der realistischen Ausrichtung im oben beschriebenen Sinn. Die
Handlung wird zudem überformt von der Psychologie Freuds oder das, was
man damals im wesentlichen dafür hielt - insbesondere von der These, dass alle schwerwiegenden
psychischen Defekte aus Kindheitstraumata erwachsen müssten. In dieser
Hinsicht ist der Film einigen Streifen Hitchcocks sehr ähnlich.
Großartig auch die Leistungen
der Schauspieler. Während sich Laurence Olivier in der Rolle des Superintendent
fast nüchtern zurückhält, beweist Carol Lynley, wie großartig
sie diese junge Mutter zwischen Hoffnung, Angst, Verzweiflung und Mut darstellen
kann. Ähnliches gilt für Keir Dullea.
Ein leider fast vergessener Thriller
Premingers, der so manche Gegenwartsfilme glatt in den Schatten stellen kann.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist
zuerst erschienen bei:
Bunny Lake ist verschwunden
(Bunny Lake Is Missing)
Großbritannien 1965, 107 Minuten
Regie: Otto Preminger
Drehbuch: John Mortimer, Penelope Mortimer, nach dem Roman von
Marryam Modell (Evelyn Piper)
Musik:
Paul Glass
Kamera: Denys N. Coop
Schnitt: Peter Thornton
Ausstattung: Donald M. Ashton
Darsteller: Laurence Olivier (Superintendent Newhouse), Carol
Lynley (Ann Lake), Keir Dullea (Stephen Lake), Martita Hunt (Ada Ford), Anna
Massey (Elvira Smollett), Lucie Mannheim (Köchin), Clive Revill (Sergeant
Andrews), Finlay Currie (Puppenmacher)
zur startseite
zum archiv