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Cocktail
für eine Leiche
Nietzsche
meets Oscar Wilde
Selbsternannte
Übermenschen sind meist nur ziemlich überheblich und nerven andere.
Der Übermensch kann nur einmal erfunden werden, alles weitere ergibt Karikaturen.
Also Dogmatiker. Die angerufenen begnadeten Zweiten und Dritten sehen das natürlich
anders. Sie verstehen ihr hohes Dasein als Wink dessen, der es verschmäht
oder der einfach nicht mehr dazu in der Lage ist, vielleicht weil er schon tot
ist, auch sie noch zu vernichten. Starke Menschen, so die Doktrin, die geflüsterte,
haben das Recht zu töten. Sie haben sogar die Pflicht, da irgendwo geschrieben
steht, dass lebensunwertes Leben ausgemerzt werden muss.
Philippe
und Brandom, zwei lustige Studenten der Uni Princeton, haben sich das zu Herzen
genommen. Irgendwann hatte ihr Lehrer Rupert (James Stewart) ihnen mal von Friedrich
Nietzsche erzählt. Das hat ihnen so gut gefallen, dass sie dachten, das
doch auch mal umzusetzen. Gesagt, getan. Ein Kollege, der allerdings den Makel
besitzt, die Uni Harvard zu besuchen, ist das Opfer, dem, wie gesagt, kein Recht
auf Leben unterstellt wird. Erstaunliche Schlussfolgerungen für ein Hochplateau,
zu denen sich aber noch Kategorienfehler gesellen, denn auf einmal halten die
beiden Handlanger sich zu Gute, mit dem Mord einen „acte gratuit“ ausgeübt
zu haben, also eine zweckfreie Handlung, die nicht immer nur wohltätig
ist. Wenn so viel durcheinander gerät, nimmt es nicht Wunder, dass der
deklarierte perfekte Mord schnell des Dilettantismus überführt wird.
Und der Geschmacklosigkeit, denn neben Nietzsche ist es Oscar Wilde, dessen
Salon-Ästhetizismus auf der Party, die der Film zeigt, eine sehr krude
Wiederauferstehung feiert. Zumal sich die beiden Salonlöwen mehr und mehr
wie betrunkene Häschen verhalten. Die Haken, die da geschlagen werden,
lassen den Zyniker Rupert, der aber noch viele andere Berufe hat, die Ohren
spitzen, und die Party verliert schnell ihren eigentlichen festlichen Charakter,
weil sie genau das Element vermissen lässt, was auch einen Mord auszeichnet,
das Motiv.
Niemand
weiß so recht, warum man überhaupt zusammengekommen ist. Niemand
weiß außerdem, warum ein Gast, eben jener beseitigte Douglas, nicht
erschienen ist. Da diese beiden Abwesenheiten so schön verteilt sind auf
die Gastgeber und die wartenden Gäste, die teils mit dem Opfer verwandt
und verlobt sind, ist es nur logisch, sich nach einem gemeinsamen dritten Element
umzuschauen, das diese Lücken erklären könnte. Unaufhaltsam nähert
sich das Pendel der Kiste, in der mit Sicherheit auch eine Erstausgabe von Edgar
Allan Poe’s „The Tell-Tale Heart“ und anderer Geschichten lag, bevor man sie,
die Kiste, zum Sarg und zum Altar umfunktionierte, und man wartet schon darauf,
nachdem der schlaue Rupert noch einmal an den Ort des heiligen Verbrechens zurückgekommen
ist, dass der mittlerweile total nervöse, ängstliche und betrunkene
Philipp, das leider ein wenig schwächliche und überschätzte Glied
der Tat, das Maul aufreißt, und fast als Zitat dem unwillkommenen Schnüffler
entgegenschleudert: „Tear up the blankets, I admit the deed“. Man kann nie vorher
wissen, ob man auf der Höhe seines eigenen Engagements steht. Manche wollen
es allerdings auch gar nicht wissen.
Dieter
Wenk
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Cocktail
für eine Leiche
ROPE
USA
- 1948 - 80 min. - Literaturverfilmung, Thriller - FSK: ab 16; feiertagsfrei
- Verleih: UIP, Universal/13th Street (Video) - Erstaufführung: 25.7.1963/18.11.1999
Video - Fd-Nummer: 12112 - Produktionsfirma: Transatlantic
Produktion:
Alfred Hitchcock, Sidney Bernstein
Regie:
Alfred Hitchcock
Buch:
Arthur Laurents, Hume Cronyn, Ben Hecht (ungenannt)
Vorlage:
nach einem Bühnenstück von Patrick Hamilton
Kamera:
Joseph Valentine. William V. Skall
Musik:
Leo F. Forbstein, Francis Poulenc, David Buttolph (ungenannt)
Schnitt:
William Ziegler
Darsteller:
James
Stewart (Rupert Cadell)
John
Dall (Shaw Brandon)
Farley
Granger (Philip)
Dick
Hogan (David Kentley)
Joan
Chandler (Janet Walker)
Cedric
Hardwicke (Mr. Kentley)
Constance
Collier (Mrs. Atwater)
Edith
Evanson (Mrs. Wilson)
Douglas
Dick (Kenneth Lawrence)
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