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Collateral
Killing
Cruise
Der
Albtraum
jedes
Taxifahrers: Anstatt eines ganz gewöhnlichen Fahrgastes nimmt ein mordender
Soziopath Platz auf der gepolsterten Rückbank, beschlagnahmt den fahrbaren
Untersatz und erpresst den hilflosen Mann am Steuer, dessen Nachtschicht von
nun an einem Drahtseilakt zwischen Leben und Tod gleicht. Eine Extremsituation,
in dieser Form zu bestaunen in Michael Manns aktuellem Thriller Collateral (2004),
der stilistisch und motivisch an das episch breite Crime-Drama Heat (1995)
erinnert und an dessen düsteren Schauplatz, nach Los Angeles, zurückkehrt.
Der
Mann am Steuer, das ist Max (Jamie Foxx). Seit 12 Jahren „übergangsweise“
als Taxifahrer beschäftigt, übergangsweise deshalb, weil in seinem
Hinterkopf noch immer der Traum vom eigenen Limousinen-Service existiert, der
Wunsch nach einem Leben in Selbstständigkeit. Sein Taxi ist ungewöhnlich
gut gepflegt, passend zur pedantischen Natur des Fahrers, dessen Präzision,
Ordnungsliebe und Ehrlichkeit in dieser Nacht auf eine schwere Probe gestellt
werden. Der Fahrgast und Misanthrop auf dem Rücksitz nennt sich Vincent
(Tom Cruise). Der schlichte graue Designeranzug korrespondiert mit seiner Haarfarbe,
ein Geschäftsmann möglicherweise, vielleicht sogar Anwalt.
Doch
der erste Eindruck täuscht. Für 700 US-$ ist selbst der penibel korrekte
Max gegen die bestehenden Vorschriften bereit, seinen Kunden in dieser Nacht
zu fünf verschiedenen Geschäftsterminen zu fahren, Vincent will in
Los Angeles Leute treffen, Unterschriften abholen, Hände schütteln.
Doch bereits bei ihrer ersten Station gerät die Situation außer Kontrolle
und auch Max bleibt nicht länger verborgen, dass sich sein Begleiter in
einem extravaganten Geschäft beängstigend gut auskennt: Mord. Es beginnt
eine hochsensible und klaustrophobisch spannende Allianz zwischen
dem Taxifahrer Max und dem professionellen Auftragskiller Vincent, der binnen
weniger Stunden fünf Kronzeugen und Staatsanwälte eines groß
angelegten Gerichtsprozesses eliminieren soll, um die weiße Weste seines
Auftraggebers - Unterweltgröße Felix (Javier Bardem) - über
den nächsten Morgen hinaus sauber zu halten. Vollkommen unfreiwillig wird
der unbescholtene Chauffeur Komplize des emotionslosen Killers, der seinen Helfer
in jeder Hinsicht manipuliert. Die Fahrten von einem Opfer zum nächsten
werden zur zerreißenden Geduldsprobe für Max, denn es gilt sein eigenes
Leben zu schützen, hat er doch als Hauptzeuge keine guten Überlebenschancen.
Michael
Mann inszeniert die nächtliche Todesfahrt durch Los Angeles als naturalistisches
Erlebnis der seltsam vitalen Beziehung zwischen Max und Vincent, die trotz ihrer
offenkundigen charakterlichen Unterschiede im Laufe der Zeit ein geradezu vertrautes
Verhältnis entwickeln, das sich im Gegensatz zu früheren Werken Manns
auch durch eine süffisante Prise Situationskomik und Zynismus auszeichnet.
Nach De Niro/Pacino aus Heat (1995)
oder Crowe/Pacino aus The
Insider
(1999) schickt Mann wieder einmal ein männliches Duo ins Rennen, das sich
im Verlauf dieser Handlung durch ein stilistisch unterkühltes und nahezu
ausgestorbenes Nachtleben von Los Angeles laviert. Voll und ganz konzentriert
sich Collateral auf
den psychologischen Nervenkitzel der Hauptfiguren und initiiert nur marginal
– dann aber ebenso erfolgreich – den Versuch, aus dem grandiosen Taxi-Thriller
auch einen bildgewaltigen Actionfilm zu machen. Cruise und Foxx bilden innerhalb
dieses eingeengten Universums großstädtischer Verlorenheit und tödlicher
Präzision ein beeindruckendes Gespann, in dem nicht nur der vordergründig
gegen jedes Rollenprofil besetzte Cruise, sondern auch ein ungeahnt zurückhaltender
Jamie Foxx brilliert, dessen Schauspiel sich in Collateral über
Details definiert.
Dritte
Hauptfigur und nicht unwesentlicher Bestandteil der phänomenalen Optik
des Films, ist die Stadt Los Angeles selbst oder vielmehr die Art mit der Michael
Mann ihren Charakter einfängt. Der Gebrauch von digitaler Videotechnik
macht sich auf das primäre Erfassen des Stadtbildes ebenso bemerkbar wie
die ständig wechselnden Schauplätze, die sich nicht auf gläserne
Hochhäuser, asphaltierte Highways oder bebende Nachtclubs beschränken.
Mann ergründet die Stadt in ihrer Vielfältigkeit, verwendet verlassenes
Industriegelände, Raffinerien, die sich soweit vom Zentrum entfernen, dass
die trostlose Wüste nicht mehr weit sein kann und selbst herumirrende Kojoten
zum nächtlichen Stadtbild gehören. Eine Stadt mit Misstönen,
eine Komposition in Moll, nicht zu vergleichen mit Martin Scorseses expressiver
Darstellung eines Höllenvorhofs in New York, zu sehen im Klassiker Taxi
Driver
(1976), doch auf eine eigene Art bizarr, unterkühlt und erschreckend anonym.
Viel
hat Collateral mit
Musik zu tun, „Jazz“ erscheint an dieser Stelle das richtige Stichwort zu sein,
nicht nur weil auf Vincents Todesliste auch der eloquente Barbesitzer und Musiker
Daniel (Barry Shabaka Henley) steht, dessen Begegnung mit seinem Mörder
zu einer faszinierenden Konversation und einer erschreckend guten Demonstration
von Professionalismus wird, sondern auch weil der Film auf eine kongeniale musikalische
Untermalung setzt, welche Max und Vincent auf ihrem Trip durch Los Angeles begleitet.
Eine wundersame Verschmelzung verschiedener Musikrichtungen, über Klassik,
Jazz bis hin zu elektronischem Pop, deren scheinbare Improvisation nicht über
die Perfektion hinwegtäuschen kann mit der Michael Mann sie verwendet und
von der Collateral lebt.
Wie
improvisiert wirkt auch die schleichende Metamorphose der
ungleichen Antagonisten. Während Max die biedere Hülle des selbstgefälligen
Illusionisten sukzessiv abnehmen muss, um letztendlich sein eigenes und das
Leben anderer zu retten, der unscheinbare Taxifahrer somit zur Heldenfigur avanciert,
entblößt der sarkastische Menschenfeind und Existenzialist Vincent
ungeahnte charakterliche Leere, die sich für den professionellen Auftragsmörder
als moralisches Schutzschild erweist. Wahlweise sinniert er über philosophische
Sachverhalte, deren Innerstes einerseits die Suche nach männlicher Identität
repräsentiert, andererseits offensichtlich gesellschaftskritisch hinter
das professionalisierte Töten und die isolierende Anonymität der Großstadt
blickt. Vincent ist mehr als eine programmierte Maschine, intelligent, auf seine
Art tiefsinnig und gerissen, doch letzten Endes doch nur das personifizierte
Böse in einem schicken, grauen Anzug. Für Tom Cruise, der in der Vergangenheit
allzu häufig die Rolle des ehrgeizigen Yuppies und Karrieristen verkörperte,
stellt diese negative Figur zugleich einen Bruch mit dem altbekannten Figurentypus
dar, der in der Regel im Laufe der Handlung eine kathartische Reinigung bis
zum glückseligen Ende erfährt, und ist in seinem Kern doch nur eine
pervertierte Form, eine gesteigerte Weiterentwicklung des aufstrebenden Perfektionisten.
In Filmen wie Jerry
Maguire
(1996) oder Vanilla
Sky
(2001)
bewirkt das Phänomen der Liebe eine Art geistigen Umschwung, der aus einem
besessenen Einzelgänger einen liebenden, geliebten und moralisch vertretbaren
Männercharakter formt. Vincent verweigert sich dieser Entwicklung, denn
er bleibt bis zum Ende professionell, verhält sich nach seinem eigenen
Code, nach den Regeln des Spiels und das bedeutet für ihn in erster Linie:
Töten. Zum Broterwerb.
Sicherlich
eine von Cruises stärksten Rollen, gelingt ihm doch die Darstellung von
Vincents ambivalenter Natur, deren Merkmal es ist, archaisches Morden mit intelligentem
Zynismus zu kombinieren, perfektes Töten wie improvisierte Gewalt erscheinen
zu lassen. Es gibt keinen moralischen Wandel, keinen reinigenden Effekt, der
aus ihm einen liebenswürdigen Charakter machen könnte. Charismatisch
ist er allemal, in seiner peniblen Perfektion und zynischen Weltanschauung geradezu
sympathisch und auch daher schwer einzuordnen. Dazu passend kleidet er sich
gut, interessiert sich für Jazz und entlarvt das bieder-bodenständige
Verhalten seines Komplizen Max, dessen berufliche Ambitionen er schnell zu den
utopischen Wünschen eines Träumers sortiert. Aus dieser brisanten
Zwei-Mann-Konstellation entwickelt Collateral eine
beinahe schwebende Rasanz mit der Mann immer wieder Haken in seiner Erzählung
schlägt, während sich sein Thriller vor allem auf den „Thrill“ zwischen
den Charakteren bezieht. Nach einem langsameren Beginn in dem Max die erste
Fahrt der Nacht für die Staatsanwältin Annie (Jada Pinkett Smith)
macht, nimmt die Handlung mit Vincents Erscheinen sogleich Fahrt auf, um sich
auf das intensive Spiel zwischen Cruise und Foxx einzulassen.
Ohne
weiteres wäre es auch hier möglich den Film an einigen Stellen zu
kürzen, um den für Manns Verhältnisse ohnehin komprimiert wirkenden
Figuren und Situationen noch mehr atmosphärische Präsenz und letale
Intensität zu verleihen. Doch Mann wäre nicht der Regisseur, der er
heute ist, würde er nicht noch etwas mehr erzählen wollen aus diesem
düsteren Universum von Los Angeles. Collateral funktioniert
als Film, als Geschichte, als Unterhaltungsware ganz exzellent. Man wird hier
nicht die epische Tragweite von Heat (1995)
wiederfinden, dafür ist die Handlung in weiten Teilen zu rasant, der Erzählrhythmus
zu fokussiert und auf die klaustrophobische Spannung beschränkt, dennoch
bietet Collateral großartige
Charaktere und intelligente Dialoge, die man in diesem Genre leider viel zu
selten findet. Der Film wirkt wie eine vage Improvisation des Regisseurs, ein
Spiel mit bekannten und unbekannten Stilmitteln, technisch und stilistisch brillant
inszeniert. Nicht zuletzt deshalb verdient sich Collateral ein
anständiges Trinkgeld, eine Wertschätzung mit der Taxifahrer Max in
dieser Nacht nicht unbedingt rechnen kann.
Patrick
Joseph
Diese Kritik ist zuerst erschienen bei: www.ciao.de
Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Collateral
USA
2004 - Regie: Michael Mann - Darsteller: Tom Cruise, Jamie Foxx, Jada Pinkett
Smith, Mark Ruffalo, Peter Berg, Bruce McGill, Irma P. Hall, Barry Shabaka Henley,
Richard T. Jones, Klea Scott, Bodhi Elfman - FSK: ab 16 - Länge: 120 min.
- Start: 23.9.2004
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