Croupier
Die an Fernsehserien geschulte Wahrnehmung möchte schnellstens mit dem
und den Helden des Films vertraut werden. Niemand erwartet, daß ihm
Probleme der Gegenwart vermittelt werden sollen. Die Handlung dieses
britischen Films wiederzugeben, sagt daher wenig darüber aus, warum er
so gut funktioniert. Ein ausgebildeter Croupier, Jack Manfred (Clive
Owen), der sich erfolglos als Schriftsteller versucht, kehrt
erfolgreich in seinen Beruf zurück, wodurch es ihm überdies gelingt,
einen Bestseller zu schreiben, Titel: "Croupier".
Das Geheimnis des Erfolges dieser zunächst recht mager anmutenden
Großdramaturgie liegt darin, daß es an einer zweiten Hauptrolle fehlt.
Statt dessen sind unserem Helden drei Frauen beigesellt, die sämtlich
daran scheitern, daß sie den Mann vor Alternativen stellen. Entweder
nachts im Bett der Ex-Polizistin Marion (Gina McKee) oder auf immer
ohne Marion nachts bei der Arbeit am Roulettetisch. Entweder der
kriminelle Coup mit dem Vamp Jani (Alex Kingston) oder ohne sie und
ohne Liebe. Entweder unkomplizierter Sex mit der Kollegin Bella (Kate
Hardie) oder der große Eifersuchtskomplex; Dialogmuster (Bella zu
Marion): "Dein Freund hat mich gefickt, mein Dope geraucht und mich
verpfiffen."
Ins Spiel gebracht werden die Frauen dadurch, daß das Telefon
klingelt oder aufs Band gesprochen wird; entfernt werden die Frauen
dadurch, daß sie überraschend verreisen (Südafrika) oder ihnen das
Drehbuch halt keinen Platz einräumt. Letztlich betritt wer die Szene,
einfach so, und bleibt dann wieder weg. Das gibt trotzdem schöne
Nebenrollen, denn jeder, der Fernsehserien guckt, hat die tröstliche
Gewißheit, daß auf den Auftritt der einen der der anderen folgt und
wieder von vorn, bloß der Held ist immer da. Das gibt große
Nebenrollen, die Handlung ist proportioniert, wiederhol-, erkenn- und
konsumierbar. Und warum sollten wir dieses industrielle
Fertigungsverfahren, das wir alle schon geliebt haben - wobei, wer mag,
hinzusetzen darf: "als ich jung war", - warum also sollte dieser
Wahrnehmungsmodus nicht auch in einem Kinofilm funktionieren?
Im Croupier können wir die von Fernsehserien geschulte Sehweise
erfolgreich benutzen. Hierzu lädt bereits der gleichmütige Blick des
Hauptdarstellers ein, der den Film hindurch auf stets dieselbe Weise
die serielle Abfolge der Personen registriert, die ihm das Drehbuch
vorsetzt. Die vielen Aufregungen neben ihm regen ihn selbst nicht auf;
einen dramaturgischen Höhepunkt, das spüren wir schnell, gibt es nicht.
Sein rezipierender Blick ist auch der unsere. Der Zuschauer kann sich
problemlos mit ihm identifizieren.
Während Jack Manfred den Frauen nicht vertrauen mag, zieht er den
Zuschauer ins Vertrauen; ist kurz davor, sich anzubiedern. Die
eigentliche Großstruktur des Films ist unsichtbar, gleichwohl auf dem
Filmmaterial. Auf der Tonspur spricht Jack im Off den ganzen Film
hindurch mit dem Publikum. Durch diese Vertraulichkeit finden Held und
Zuschauer auf einer wohligen emotionalen Basis zueinander; so beginnt
eine große Freundschaft.
Die Stimme des Märchenerzählers, des Komplizen, des Verführers. Der
Zuschauer wird dazu gebracht, sich gegen das Entweder-Oder der drei
Frauen und für das Sowohl-als-auch des einzigen Helden zu entscheiden.
Er ist eine erfolgreiche multiple Persönlichkeit; den Spielsaal des
Londoner Casinos hat der Production Designer ringsum mit Spiegelwänden
ausgestattet. Professionellerweise ist die Kamera darauf niemals zu
sehen, wohl aber eine Vervielfältigung der Einzigartigkeit unseres
Croupiers, der als freischaffender Künstler blond ist und Jack heißt,
als top-professioneller Angestellter dagegen schwarzes Haare hat und
auf den Name Jake hört. Wie wir wissen, bringen Alternativen nichts -
schon gar nicht eine Konstellation von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Der
Croupier kultiviert dementgegen vor unseren Augen seine Persönlichkeit
durch disparate Eigenschaften, auch fährt er sowohl U-Bahn wie Auto.
Zum Schluß bestätigt Jack Manfred sowohl sich als das Publikum. Das
Telefon klingelt, eine der Frauen ruft aus Südafrika an, - ein
Cliffhanger -, es muß weitergehen, der Held braucht dazu seine
multiplen Kräfte, der Zuschauer erwartet "Croupier 2".
Eine Bereicherung der Kinoerfahrung ist es wohl, wenn ein Film wie
Croupier die sonst nur im Fernsehen wahrgenommene Seriendramaturgie
plausibel ins Spielfilmformat bringt. Desaströse Ergebnisse lassen sich
denken. Doch Croupier läßt sich sehen, TV-Schulung dominiert, die
Schauspielerinnen und Schauspieler sind zuvor sämtlich und ausgiebig in
Fernsehserien aufgetreten, Regisseur (Mike Hodges) und Drehbuchautor
(Paul Mayersberg) arbeitet in den neunziger Jahren fürs TV, die
Produktionsfirma (Little Bird) führt in der Herstellung von
Fernsehwerbespots (Saatchi & Saatchi, McCann Erickson, McConnells).
Produzenten und Konsumenten finden sich beim Croupier im Kino wieder.
Dietrich Kuhlbrodt
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