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Dad
DAD ist das Spielfilm-Debut des
alten TV-Hasen Gary David Goldberg (Serie „Family Ties", 1982): sentimental,
larmoyant, hilfreich und entlastend, der Alltag als therapeutische Veranstaltung.
Und das alles in höchster Perfektion. Jack Lemmon brilliert sowohl in stationärer
wie in ambulanter Behandlung. Der Pflegefall wird zum Star, und DAD ist ein
ganz und gar erstaunlicher Starfilm.
Die Intensivstation macht die
Familie wieder intakt. Als erste wird Mummy (Olympia Dukakis) eingeliefert.
Jetzt müssen sich Sohn (Ted Danson) und Enkel (Ethan Hawke) um den schwer
senilen Dad, 75 (Jack Lemmon), kümmern. Die vereinten geriatrisch-therapeutischen
Bemühungen vollbringen ein Doppelwunder. Denn erstens erwacht Dad, Mummys
bevormundender Fürsorge ledig, aus den Regressionen seiner Debilität
und macht noch einmal seinen Führerschein. Zweitens wächst die Familie
wieder zusammen: Der Sohn wird befreit vom vereinnahmenden Streß des Managers,
und der Enkel wird befreit von der vereinnahmenden Lethargie der mexikanischen
Kommune. Die drei Generationen führen echte Gespräche und fragen sich:
„Warum nicht schon früher?"
Die Intensivstation bleibt unentbehrlich.
Noch fester schmiedet sich die Familie zusammen. Dad ist jetzt in dieser dramaturgisch
und lebenswichtigen Anstalt. Er hat Krebs. Kann man den Ärzten die Versorgung
überlassen? Der Sohn weiß, daß er zu tun hat, was er tun muß,
und teilt das Schläuche-Bett mit Dad. Und wie reagiert die Familie auf
die Altershalluzination des 75jährigen? Auch hier tut sie das Richtige:
Sie teilt die Wahnvorstellungen. Denn damit kann man leben, sogar gut. Der Film
macht es vor: wunderbare Einstellungen im weichen Abendlicht, vor der Scheuer
weites Land, und Musik verzaubert den Himmel. Einige exemplarische Ärzte-Dialoge
sichern das Ergebnis medizinisch ab. Es ist zu schön, um wahr zu sein.
Aber auch nicht wahr
ist das intakte Familienleben am, sagen wir, Heiligen Abend. Was nichts darüber
sagt, ob wir es nicht brauchen. Zumindest als fromme Lüge und private Utopie.
DAD kostet diese Familien-Sentimentalität bis zum äußersten
aus. Das satte Rührstück ist glamourös verpackt: das festliche
Geschenk einer Traumfabrik, die für ihre Verheißungen neuerdings
ein neues profitables Terrain erkundet hat. Die Nähe, das Alter, die Krankheit
ist jetzt das Operationsfeld, auf dem
Wünsche - freilich halluzinierte Wünsche
- nach der intakten, „heiligen" Familie wahr werden. Die historische oder
geographische Ferne, Hollywoods Römerfilme, die Abenteuer im exotischen
Erdteil, unter Wasser oder im Weltenraum, genügen nicht mehr den Erfordernissen
des Markts noch den Erwartungen des Zuschauers.
Der debile, aber rührende
Dad ist der neue Held des Kinos. Goldbergs Film lädt zur Identifikation
ein, bietet Lebenshilfe, treibt die Tränen in die Augen, dramaturgisch
wohl dosiert: mal zum Lachen, mal zum Weinen. Und nie vergißt man - und
das ist das Phänomenale an diesem Film -, daß er gar nicht wahr sein
will, sondern Festgeschenk und Festtagserlebnis. Genauso möchte sich die
Familie sehen, so unrealistisch-realistisch. Ein Hochglanzphoto, gerahmt, jedes
Familienmitglied kriegt einen Abzug und kann ihn sich wohin hängen, d.h.
sich von ihm befreien. Mit dieser sentimentalen Technik kennt sich jeder aus,
und der Film bedient sich der Familienserientechnik auf das Beste.
Der DAD-Film ist ein Geschäft.
Für die psychische und physische Betreuung alter Familienangehöriger
wirbt er - mit durchaus und mehrfach gehobenem Zeigefinger - im Hinblick auf
den Ertrag, der für die eingebrachten emotionalen (und materiellen) Investitionen
winkt. Zinsen bringt das nie dagewesene Familienglück, das während
der Intensivbehandlung der komatösen Alten entsteht. Dad, Sohn und Enkel,
die sich doch ganz und gar auseinandergelebt hatten, liegen sich in den Armen,
die übrige Familie inbegriffen, und an keiner Stelle ist davon die Rede,
daß die Generationen-Repräsentanten aus ihren eigenen, freilich familienfremden
biographischen Karrieren ausgestiegen sind und eventuelle Nachteile in Kauf
nehmen müssen. In der Intensivstation des DAD-Films aber ist die Welt wieder
in Ordnung. Der Handel geht in Ordnung. Die Rechnung stimmt, der Film auch.
Wer soll an diesem Punkt etwas dagegen sagen.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text
ist zuerst erschienen in: epd Film 4/90
DAD
USA 1989. R u. B: Gary David Goldberg (nach dem Roman
von William Wharton). K: Jan Kiesser. Sch: Eric Sears. M: James Horner. T:
Stephen H. Flick, Ron Bartlett. Ba: Jack DeGovia. Ko: Molly Maginnis.
Pg: Universal Pictures. Gl: Steven Spielberg, Frank Marshall, Kathleen Kennedy.
P: Joseph Stern, Gary David Goldberg. V.- UIP. L: 117 Min. FSK:
12, ffr. St: 8.3.1990. D: Jack Lemmon (Jake Tremont), Ted Danson (John Tremont),
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