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Dämonen
im Garten
Der Film von Manuel Gutiérrez Aragón
ist der Idealfall einer Bild-Erzählung. Man kann gar nicht genug die Kraft
der Ambivalenz und Phantasmen bewundern, mit denen Aragón seine Geschichte
nicht etwa nur bereichert, sondern mit denen er sie konstituiert. Die Geschichte
selbst bleibt einsichtig und übersichtlich. Der sensationelle Publikumserfolg
in Spanien spricht für die direkte Wirkung des aragónschen Erzähltalents.
Die »Dämonen im Garten« heimsten Preise auf diversen Festivals
ein. 1983 bekam der Film in Italien den Preis „David di Donatello René
Clair" für den besten europäischen Film des Jahres. Bei uns ist
der Film in den Händen eines Kleinverleihs (endfilm), dem wir daher für
diesen Film den verdienten Erfolg wünschen.
El Jardin, der Garten, heißt der Kaufmannsladen,
der der Großmutter Gloria gehört. Sie weist ihren Enkel Juanito,
der neu zu ihr ins Haus kommt, in die Geheimnisse von Haus und Hof ein. Dazu
gehören die Stammkundinnen: „Die Frauen, sieh sie dir an, sie sind bös",
und tatsächlich schauen sie unheilvoll drein, denn die Kamera nimmt sie
von unten aus auf, vas wiederum nicht Willkür, sondern die Wahrheit des
Films ist, denn der kleine Juanito kann nicht anders, als die Erwachsenen von
unten aus zu sehen. „Ich habe manchmal Angst in diesem Haus", sagt er,
denn die Tier- und Nachtgeräusche sind nicht anders als dämonisch
zu nennen.
Großmutter Gloria hat Geschäfte
und Moral fest im Griff. Zur Geschäftsmoral gehört, daß sie
- es ist das Spanien der Nachkriegszeit - einen schwungvollen und einträglichen
Schwarzhandel mit bewirtschaftetem Gut betreibt; nachts kellt sie Speiseöl
aus dunklen Fässern. Auf die Familienmoral läßt sie dagegen
keinen Flecken kommen. Und so müßte der kleine Juanito, nichteheliches
Kind ihres Sohnes Juan, eigentlich weiter draußen auf dem Land wohnen,
auf dem einsamen Primitivhof, ganz allein mit seiner schönen Mutter Angela.
Es sei denn, ein Priester käme und gäbe ihr den kirchlichen Befehl,
sich um das verwahrloste und todkranke Kind zu kümmern. Ein solcher Befehl,
genauer: eine dringliche Empfehlung ergeht in der Tat. Juanito erlebt eine Weichenstellung
und lernt, daß er sie selbst herbeiführen kann, wenn er hierfür
eine Strategie zu entwickeln weiß. Im Haus der Großmutter wird er,
krank, so umsorgt und gepflegt, wie man es sich nur vorstellen mag. Mangelt
es ihm auch nur im entferntesten am Appetit, zögert Großmutter Gloria nicht, ihm eigens
eine Forelle zu garen. Juanito weiß die neue Situation souverän zu
nutzen. Erfolgreich den Dahinscheidenden simulierend, formuliert er mit letzter
Kraft: „Ich will, daß meine Mutter mir das Essen gibt". Er stellt
jetzt selbst die Weiche; Mutter Angela kommt zu ihm in „Den Garten". Jetzt
fehlt ihm noch sein Vater Juan.
Juan „hat eine verantwortungsvolle Stellung bei Franco";
Sohn Juanito ist daher gezwungen, den Caudillo in die Strategie einzubauen.
Er diktiert seiner Tante Ana einen Brief: „Lieber Caudillo, ich möchte
nicht sterben, ohne meinen Vater gesehen zu haben“. Der große Franco ist
fürs Kind Juanito nur ein taktischer Zug, um zum Ziel zu gelangen, den
Vater vor die Augen zu bekommen. Als er den Vater und den Franco ganz in der
Nähe trifft - ein Staudamm wird eingeweiht -, reagiert er nicht auf die
dringlichen Ermahnungen „Ich stelle dir den Caudillo vor: Grüß Franco.
Sag, es lebe Spanien": sie sind für seine Strategie unerheblich geworden.
Das Ziel ist erreicht, übrigens ist er damit unzufrieden: „Mein Vater ist
Kellner bei Franco, er ist Kellner!" Juanito entwickelt die nächsten
Pläne.
Er selbst ist das Zentrum. Er läßt um
sich die Welt drehen. Das macht Spaß und Mut. Grad weil die gewohnte Perspektive
nicht stimmt und die Soldaten des Caudillo aus der Juanito-Perspektive kopflos
erscheinen: für den Kinderblick ist der obere Bildrand allzu schnell erreicht.
Die Garten-Dämonen sind für Juanito dienstbare Geister, sie haben
keine eigene Bedeutung, auch der Franco nicht, auch Tante und Onkel nicht. Was
herrscht, ist das Zentrum ganz am Rande der gewohnten Zentren: das Zentrum des
Kindes, in der Provinz, fern von den einstigen grandiosen Mitten des Katholizismus,
des Faschismus (und des Kommunismus müßte man hinzufügen, wenn
man sich an die langjährige Mitgliedschaft des Regisseurs erinnert). -
Der Film macht Lust und Laune, weil er so gut funktioniert, wie er dem Marginalen
zur Herrschaft verhilft. Aragón weiß eindringlich, wahrhaftig genug
zu erzählen. Es bleibt wirklich, was aus jeder anderen zentralen (dogmatischen,
erwachsenen) Perspektive „nur" Wunder wäre: „nur" die Vorstellungskraft
eines energischen Kindes. Juanito hat längst keine Angst mehr im Haus,
in dem er das Herrschen gelernt hat.
Sein Zentrum am Rande lädt zur Nachahmung, zur
Verbindung und zu Bündnissen ein. Diese Geste war es sicherlich, die dem
Film zur Resonanz verhalf. Tante Ana - sie schielt und hat zu lange Zähne
- kommt zum Rauchen ans Bett vom kranken Kind; die Geschäftsfrau Gloria
duldet solche Laster nicht. Juanito kramt unter seinen Matratzen ein Feuerzeug
hervor und gibt der Tante Ana Feuer. Sein Bett ist das Zentrum der Welt; für
die nächste Minderheit hat er eine Flasche Alkohol parat. Bei ihm laufen
die Fäden der Familienintrigen zusammen. Er hat weitreichende Entscheidungen
zu treffen, deren Gewicht für die Beteiligten den Entscheidungen des zentralen
Diktators nicht nachstehen. Drum kniet die Frau vor ihm, die er auserwählt
hatte: „Du schnürst mir die Schuhe!", und in einem feierlichen Ritual
wird Juanito schließlich angekleidet: vorm großen Spiegel, die Requisiten
liegen bereit.
Der große Torero ist heute das kleine Kind
am Rand des Weltgeschehens. Juanito appeliert an viele Minderheiten. Die »Dämonen
im Garten« machen glauben, daß die Minderheiten es sind, die intakt
sind. Das große zentrale Foto der Gloria-Sippe - damit endet der Film
- hat nur noch eine Scheinfunktion. Sohn Juan hält sich grade noch aufrecht:
er lächelt, doch den Todesschuß hat er grad zuvor bekommen. Und das
Großfamilienfoto gibt's nur noch zur Erinnerung.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: epd film 1/84
Dämonen
im Garten
DEMONIOS
EN EL JARDIN
Spanien
1982. Regie: Manuel Gutiérrez Aragón. Drehbuch: Manuel Gutiérrez
Aragón, Luis Megino. Kamera: José Luis Alcaine. Schnitt: Jose
Salcedo. Musik: Javer Iturralde. Ton: Bernardo Menz. Ausstattung: Andrea d'Odorico.
Produktion: Luis Megino P.C. Verleih: endfilm. Länge: 100 Min. Erstaufführung:
Juni 1983, Filmfest München. Kinostart: 13.1.1984. Darsteller:
Angela Molina (Angela), Ana Belén (Ana), Encarna Paso (Gloria), Alvaro
Sánchez-Prieto (Juanito)
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