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Daratt
Choreografie
der Körper
Die Geschichte einer Rache, die nicht gelingt,
einer Annäherung, die gefährdet bleibt, eine Parabel auf Gewalt und
Versöhnung ist Mahamet-Saleh Harouns Film "Daratt".
Eine Amnestie steht am Beginn, ein Aufruf zum Ende
der Gewalt nach Jahrzehnten des Mordens. Atim (Ali Bacha Barkai) und sein Großvater
leben in einem Dorf im Tschad. Der Großvater ist blind. Er hört im
Radio von der Amnestie und ruft in die Wüste, nach seinem Enkel. Der Großvater,
der durch die Gewalt seinen Sohn verloren hat, drückt dem Enkel eine Waffe
in die Hand: Er soll nach Ndjamena gehen, in die Hauptstadt, den Vater rächen,
dessen Mörder dort lebt. Mit der Waffe und diesem Befehl zur Fortsetzung
der Gewalt zieht der Enkel los.
Atim bewegt sich durch die Fremde der großen
Stadt, er lernt einen Kleingangster kennen, mit dem er Neonröhren stiehlt
und verhökert. Es dauert nicht lange, da findet er den Mann, der der Mörder
seines Vaters ist. Er heißt Nassara (Youssouf Djaoro) und arbeitet als
Bäcker. Atim beobachtet Nassara, der jeden Tag vor die Tür seiner
kleinen Bäckerei tritt und Brot an bedürftige Kinder verteilt, Nassara,
der an keinem Tag den Gang zur Moschee versäumt. Atim sieht mit an, wie
ein Konkurrent mit dem Auto vorfährt und zu niedrigem Preis Brot verkauft.
In sehr sachlichen Bildern beobachtet seinerseits der Film den Beobachter Atim,
ohne erklären zu müssen, was in ihm vorgeht. Er zeigt Atim, der die
Waffe im Gewand hat, aber nie abdrückt. Der sich wortlos Nassara nähert,
wütend und trotzig, aber er tötet ihn nicht.
Stattdessen fasst Nassara Interesse an dem Jungen,
der jeden Tag vor seiner Tür steht. Nassaras Kehlkopf ist zerstört,
er kann nur mühsam mit einem elektronischen Verstärker sprechen; darum
spricht er selten. Auch Atim hat, wie es scheint, die Sprache verloren, er ist
auf der Suche nach einem Ausdruck für das, was er fühlt oder fühlen
zu müssen glaubt. In sehr ruhigen und sehr genau inszenierten Einstellungen
zeigt Regisseur Mahamat-Saleh Haroun diesen stillen Kampf um Ausdruck und Tat.
Atim gelingt, wie Hamlet, die Rache nicht, nur wird der innere Widerstreit nicht
Wort, sondern innerer Kampf bei scheinbarer äußerer Ruhe.
Dann macht Nassara, der nicht ahnt, wer Atim ist,
dem Jungen, der ihn verfolgt, das Angebot, in seinen Dienst zu treten als Bäckerlehrling.
Atim ist erst wütend und voller Widerstand, aber dann nimmt er das Angebot
an. Wir sehen, wie er das Backen lernt, Nassara wird sein Lehrer und als Atim
einmal die Hefe vergisst, erteilt ihm Nassara eine Lektion: die Bedürftigen,
an die er das Brot verteilt, bewerfen ihn mit den viel zu harten Kanten. Um
nichts anderes als das Verhältnis zwischen Nassara und Atim geht es in
"Daratt" (Übersetzung des Titels: Trockenzeit), als ein Verhältnis,
das sich weniger klärt, als dass es sich immer neu konstelliert: von Rächer
und Opfer zu Lehrling und Meister; später möchte Nassara den Jungen
gar adoptieren, der aber wird in einer weiteren, langsam herbeigeführten
Veränderung der Konstellation, zum Konkurrenten um Nassaras junge, hochschwangere
Frau Aicha (Aziza Hisseine).
"Daratt" ist eine Parabel über die
Möglichkeit von Versöhnung, eine Parabel aber ohne alle Aufdringlichkeit
(und mit einem sehr ambivalenten Ende). Die große Stärke des Films
liegt in seiner Kraft, die Dinge und die Verhältnisse immer offen zu halten
und unmerklich geradezu, in einer sehr stimmigen Choreografie der Körper
ständig neue Optionen ins Spiel zu bringen in einer Situation, die von
Anfang an aussichtslos scheinen musste. Souverän eignet sich Haroun die
dominierende Weltkino-Grammatik an, mit ihrer Wortkargheit, ihren langen Einstellungen,
in denen mit nachdrücklicher Beiläufigkeit immer auch das Nebensächliche
ins Bild gerückt wird. Es ist eine, wie "Daratt" beweist, durchaus
humorfähige Grammatik der demonstrativen Zurückhaltung, der Sprödigkeit,
in der sich das Parabelhafte mit dem genau beobachteten Sosein der Dinge sehr
überzeugend ausbalancieren lässt.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Daratt
Österreich,
Belgien, Frankreich 2006
Filmlänge:
96min
Regie:
Mahamat-Saleh Haroun
Drehbuch:
Mahamat-Saleh Haroun
Kamera:
Abraham Haile Biru
Produktion:
Mahamat-Saleh Haroun, Abderrahmane Sissako, Franck-Nicolas Chelle
Verleih: Trigon
Film
Produktionsfirma:
Chinguitty Films, Entre Chien et Loup, Goi-Goi Productions
Besetzung: Hisseine Aziza, Ali Barkai, Khayar Oumar Defallah, Youssouf Djaoro
Start(D): 6.3.2008
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