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Dark
Blue World
Die
Welt war Provinz im Jahr 1939, und das war gut so. Sie war beschränkt und
gemütvoll und leuchtete in heimeligen, warmen Farben. Die Tschechoslowakei
zum Beispiel, ein Land der Lebensfreude und der Liebe, schwejkianisch gewissermaßen.
Karel hat seine Fliegerprüfung bestanden, sein väterlicher Freund
Franta schleicht sich abends zum munteren Rendezvous mit seiner Geliebten -
wo er prompt erwischt wird, als die deutschen Truppen einmarschieren. Risse
gehen von da an durch die Welt, es ist, als ob ihre Schutzhülle zerstört
wäre, irreparabel, nun ist sie offen und preisgegeben. Franta und Karel
fliehen vor den Nazis, landen in England auf einem Stützpunkt der Royal
Air Force. Nach demütigender Warte- und Bewährungszeit werden sie
Piloten, ebenbürtige Kampfgenossen der Briten und Amerikaner.
Seit
einigen Jahren haben die Europäer wieder Spaß am nationalen Epos
- die Neuverfilmung von "Quo Vadis" feierte in Polen Triumphe, "Amélie"
eroberte Frankreich, "Der
Schuh des Manitu"
war der Renner in Deutschland, und "Dark Blue World" hat Hunderttausende
von Tschechen in die Kinos gelockt - ein Film, der in fahlen Bildern vom Scheitern
erzählt und von einer Treulosigkeit, die schlimmer ist als jede Niederlage.
Es sind die Szenen von Verfolgung und Absturz, die dem Film seinen Rhythmus
geben, von durchschossenen Cockpits und zerschmetterten Maschinen. In kühner
Zeitverschiebung projiziert er auf die Wirklichkeit des Antinazikriegs die Träume
vom Fliegen, wie sie in den 20ern virulent waren, von Jugend, Freiheit, Glücksgefühl.
Dem Zweiten ist in diesem Film der Erste Weltkrieg überblendet.
Es
ist eine verlorene Welt, die der Film beschwört, doppelt verloren auch
was seine Herstellung angeht, die Fabrikation der Flug- und Kampfszenen, die
zusammengefügt sind aus Computeranimation, Aufnahmen mit Modellen und Material
aus dem legendären "Battle Over Britain". Was weniger zur Nostalgie
als zu einem geschärften Sinn fürs Heterogene, fürs endgültig
Fiktive aller Kinoerfahrungen Anlaß gibt.
"The
Blue Room" heißt das kleine Museum in Prag zum Gedenken an Jaroslav
Jezek, einem bekannten Jazzer und Komponisten. Er war fast blind, und Dunkelblau
war die einzige Farbe, die er erkennen konnte. Er hat, heißt es, in diesem
Raum das Lied von der "Dark Blue World" komponiert. Das Dunkelblau
bestimmt auch die Liebe, von der dieser Film erzählt, einem Gegenstück
zur frechen Romanze am Anfang. Die Liebe zu Susan, in der Karel und Franta Rivalen
werden. Susan, die in einem Haus auf dem Land lebt und für eine Schar Kinder
sorgt wie Lillian Gish in "Night
of the Hunter".
Susan, deren Mann vermißt wird, die eines Nachts den abgestürzten
Karel aufnimmt, sich in ihn verliebt, dann aber doch zum älteren Franta
wechselt und ihm den Weg weisen muß. "A
dense blue cloud now covers all, the impenetrable dark blue world..." Dem
Blau der Romantik ist hier ein dunkler und melancholischer, ein Ton der Verzweiflung
beigemischt. Am Ende ist das ganze Kino ein Filter auf die Wirklichkeit geworden.
Day
for night.
Fritz
Göttler
Dieser
Text ist zuerst erschienen im:
Dark
Blue World
CZ/D
2001. R: Jan Sverak. B: Zdenek Sverak. K:
Vladimir Smutny. S:
Alois Fisarek. M: Ondrej Soukup. P: Biograf, Portobello, Helkon. D: Ondrej Vetchy,
Krystof Hadek, Tara Fitzgerald, Charles Dance u.a. 114 Min. Helkon ab 2.5.02
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