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Dead
Man
Der
Mensch des Menschen Wolf ...
„To
see a world in a grain of sand,
And
a heaven in a wild flower,
Hold
infinity in the palm of your hand,
And
eternity in an hour.
A
robin redbreast in a cage
Puts
all heaven in a rage.
A
dove-house fill'd with doves and pigeons
Shudders
hell thro' all ist regions.
A
dog starv'd at his master's gate
Predicts
the ruin of the state.
A
horse misused upon the road
Calls
to heaven for human blood.
Each
outcry of the hunted hare
A
fibre from the brain does tear.“ [1]
Wege,
die sich kreuzen oder auch nicht. Strecken, die zurückgelegt werden. Endlos
scheinende Wege, durch eine Wildnis, die keine mehr ist, durch eine Zivilisation,
die etwas auf sich hält, vor allem auf ihre kulturelle Hybris gegenüber
allem, was nicht weiß, nicht europäisch, nicht indianisch und nicht
schwarz ist. Wege, die zu nichts zu führen scheinen – in einem „kulturell
erschlossenen“ Land, dessen Weite eben doch nicht endlos und dessen Kultur eben
doch nicht hochstehend ist. „Machine“ – ein Ort am Arsch der Welt, schmutzig,
schlammig, verkommen, verkorkst, eben Sinnbild der „neuen Welt“, des nicht mehr
so neuen Amerika, Symbol für die Maschine, die sich durch die Weite des
Westens unaufhaltsam vorwärts bewegt, bis zum Pazifik, mal als Dampfwalze,
die alles nieder macht, was sich ihr in den Weg stellt – vor allem Indianer
und ihre Habe, ihre Zelte –, mal als scheinbar örtlich gebundene Industrieanlage,
die von einem der Protagonisten der „neuen Welt“, Mr. John Dickinson (Robert
Mitchum), in patriarchalisch-diktatorischer Manier mit dem Colt oder dem Gewehr
in der Hand verteidigt wird – ein Werk, herüber exportiert aus der alten
Welt, wiederholend, was in nur wenigen Jahrzehnten schon in Europa die Welt
umgekrempelt hat für die neuen Herren und die neuen Sklaven. Es ist angerichtet.
„A
skylark wounded in the wing,
A
cherubim does cease to sing.
The
game-cock clipt and arm'd for fight
Does
the rising sun affright.
Every
wolf's and lion's howl
Raises
from hell a human soul.
The
wild deer, wand'ring here and there,
Keeps
the human soul from care.
The
lamb misus'd breeds public strife,
And
yet forgives the butcher's knife.
The
bat that flits at close of eve
Has
left the brain that won't believe.
The
owl that calls upon the night
Speaks
the unbeliever's fright.“ [1]
Das
„Zeitalter der Industrialisierung“ hat alles gleich gemacht: die Menschen, die
nun entweder arbeiten oder Unternehmer sind, die Städte, die alle gleich
aussehen, wie der Indianer Niemand (Gary Farmer) konstatiert, der durch halb
Amerika und dann über den Atlantik nach England verschleppt wurde, bis
er in seine kaum wieder zu erkennende Heimat zurückkommen konnte. Jetzt
hat das „kulturelle Aufbauwerk“ hier den Hobel angesetzt.
Nur
der Unschuldige, der unbedarfte junge Mann, der in der Eisenbahn sitzt, mit
einer Nickelbrille auf der Nase, einem karierten Anzug aus Cleveland, einem
Koffer – der sieht das alles nicht, der kennt nichts und der weiß nichts,
vor allem nicht, was ihn erwartet, in „Machine“. Eine Stelle wurde ihm, Mr.
William Blake (Johnny Depp), zwei Monate zuvor versprochen, eine Stelle als
Buchhalter bei Mr. Dickinson. Da sitzt er, im Zug, der sich durch die amerikanischen
Landschaften bewegt, als wäre hier nichts geschehen, als sei alles in Ordnung.
Schweigend sitzt er in seinem Abteil. Die Fahrgäste wechseln, keiner sonst
spricht ein Wort. Ein paar Blicke hier und da. Nur der im Gesicht von Ruß
geschwärzte Maschinist (Crispin Glover) spricht ihn an, und wir erfahren,
dass Blake seine Eltern verloren hat und nun auf eine neue Zukunft in „Machine“
hofft. Ha, was glaubt der, wo er hinkommt und was ihn erwartet.
„He
who shall hurt the little wren
Shall
never be belov'd by men.
He
who the ox to wrath has mov'd
Shall
never be by woman lov'd.
The
wanton boy that kills the fly
Shall
feel the spider's enmity.
He
who torments the chafer's sprite
Weaves
a bower in endless night.
The
caterpillar on the leaf
Repeats
to thee thy mother's grief.
Kill
not the moth nor butterfly,
For
the last judgement draweth nigh.“ [1]
Was
ihn erwartet? Mr. Dickinson hat längst einen Buchhalter, und sein Adjutant
Scholfield (John Hurt) und die anderen Angestellten des kapitalistischen Patriarchs
im Büro lachen hämisch, als Blake darauf besteht, Dickinson persönlich
sprechen zu wollen. Der jagt ihn mit der Flinte hinaus. Aus der Traum. Und wie
das Schicksal so spielt, wenn man keinen Cent mehr in der Tasche hat, nimmt
das Drama seinen Lauf. Der Papierblumen verkaufenden jungen Thel (Mili Avital)
schaut Blake ein bisschen zu tief in die Augen und in den Üppiges enthüllenden
Ausschnitt. Ihr Freund Charlie (Gabriel Byrne), Sohn von Dickinson, überrascht
die beiden im Bett, erschießt Thel, nachdem sie ihm erklärte, sie
habe ihn nie geliebt, und trifft auch Blake, woraufhin dieser, unerfahren im
Umgang mit rauchenden Colts, Charlie beim dritten Versuch tödlich im Hals
trifft – und von einer Sekunde auf die andere zum Outlaw wird, auf den Dickinson
die drei Killer Cole Wilson (Lance Henriksen), Conway Twill (Michael Wincott)
und „The Kid“ Pickett (Eugene Byrd) ansetzt.
Wieder
Schicksal: Nobody, der Indianer, der von seinem Stamm weggegangen ist, der alleine
und philosophierend durch die Berge, Wälder und Prärien zieht, findet
den verletzten Blake, versorgt ihn – und hält ihn für den englischen
Dichter gleichen Namens. Der Dichter ist tot, und den, den Niemand hier sieht,
sehen will, dass ist der Dichter auf seinem letzten Weg in die ewigen Jagdgründe,
einer, der seinen Tod noch nicht gefunden hat, weil er ihn vielleicht nicht
akzeptieren will. Niemand sieht seine Aufgabe darin Blake, den vermeintlichen
Dichter, auf seinem Weg zu begleiten, ihn vor dem Zugriff durch die Blake verfolgenden
Killer zu schützen. „Hast
du Tabak?“ Nein,
Blake hat keinen Tabak, er raucht nicht, und muss sich doch diese Frage mehrmals
anhören. Rauchen steht hier auch für eine Art symbolisch-kulturelle
Untermauerung der eigenen Vergänglichkeit.
„He
who shall train the horse to war
Shall
never pass the polar bar.
The
beggar's dog and widow's cat,
Feed
them and thou wilt grow fat.
The
gnat that sings his summer's song
Poison
gets from slander's tongue.
The
poison of the snake and newt
Is
the sweat of envy's foot.
The
poison of the honey bee
Is
the artist's jealousy.
The
prince's robes and beggar's rags
Are
toadstools on the miser's bags.
A
truth that's told with bad intent
Beats
all the lies you can invent.“ [1]
Warum
glaubt dieser William Blake nicht an seinen Tod? Weil der weiße Mann den
Tod in seinem Leben nicht wirklich einkalkuliert hat. Die „neue Welt“ ist eine
Welt der scheinbar Unsterblichen, eine des unaufhaltsamen, rastlosen und endlosen
Fortschritts, der sich mit Gewalt und Geld seine Wege bahnt – Wege, nicht zu
verwechseln mit den Pfaden, auf denen Niemand auf seinem Pferd dahin trabt,
Wege, die so breit sind wie ein ganzer Landstrich.
Blake,
verletzt, unfähig sein Schicksal als Outlaw nun in die eigene Hand zu nehmen,
zu reagieren und zu agieren, ist auf dem Weg, den ihm ein anderer weist. Er
erwehrt sich seiner Verfolger, zum Beispiel der beiden glatzköpfigen Marshalls
(Mark Bringleson, Jimmy Ray Weeks), des auf die Belohnung gierigen Händlers
auf der Poststation (Alfred Molina), der drei die Bibel zitierenden Fellhändler
(Iggy Pop, Billy Bob Thornton, Jared Harris), die alle das Zeitliche segnen,
während der skrupellose Kopfgeldjäger Cole Wilson sich seiner beiden
ihm von Dickinson aufgezwungenen Partner entledigt.
Nur
Niemand weiß, was William Blakes Schicksal sein wird. Er, der an Mythen
und die Kraft der Natur glaubende Indianer – ein dicker Indianer mit zerzaustem
Federschmuck auf dem langen schwarzen Haar –, ist sich seiner und des Schicksals
sicher. Die Welt der Geister ist die Welt, in der Blake aufgehoben scheint.
„It
is right it should be so;
Man
was made for joy and woe;
And
when this we rightly know,
Thro'
the world we safely go.
Joy
and woe are woven fine,
A
clothing for the soul divine.
Under
every grief and pine
Runs
a joy with silken twine.
The
babe is more than swaddling bands;
Every
farmer understands.
Every
tear from every eye
Becomes
a babe in eternity;
This
is caught by females bright,
And
return'd to ist own delight.
The
bleat, the bark, bellow, and roar,
Are
waves that beat on heaven's shore.“ [1]
Jim
Jarmuschs „Dead Man“ ist nicht nur formal ein Western, der gegen fast alle Klischees
und Regeln des Genres inszeniert ist: Ein Outlaw wider Willen, ein unfreiwilliger
Held, der keiner ist, ein Indianer, der nach körperlichem Aussehen und
Mentalität eher als verkleideter Indianer wirkt, drei Killer, von denen
einer ein Kannibale, der seine Eltern missbraucht, ermordet und gegessen hat,
der andere ein endloser Schwätzer ist – vor allem aber eine Geschichte,
die nicht in Ruhm und Ehre, Rettung und Erlösung endet und die amerikanische
Gesellschaft als kulturell hochstehende aussehen lässt und immer wieder
reproduziert, sondern eine Handlung, die von vornherein das Todbringende in
zweierlei Hinsicht vor Augen führt: William Blake hat in dieser Welt nichts
verloren. Der Irrtum, dem Niemand in der Person des Buchhalters unterliegt,
ist nur die eine Seite der Reise in die ewigen Jagdgründe. Die andere besteht
in der Leere, nachdem Blakes Illusionen nach dem Rausschmiss bei Dickinson zerbrechen
und durch nichts ersetzt werden. Blake ist dem Leben ausgeliefert und damit
dem Tod - a dead man. Sein Tod ist „beschlossene Sache“, sein Tod als Outlaw
oder sein Tod als vermeintlicher Dichter in einem mit allerlei Dingen der Natur
ausgestatteten Boot, in das ihn Nobody bettet. Blake endet als „legendärer“
Outlaw – wie viele vor ihm. Für Niemand aber endet er als der große
Dichter William Blake.
Andererseits
das Todbringende des Westens, der „neuen Welt“, in der außer halsabschneiderischen
und skrupellosen Industriekapitalisten wie Dickinson nur Wegelagerer wie die
drei Killer und die drei Fellhändler zu existieren scheinen. Jarmuschs
Sicht auf die amerikanische Geschichte, aber auch auf die Filmgeschichte und
ihr Western-Genre ist eben eine ganz andere, eine wirklich eigene, ein besonderer
Kommentar zur Geschichte der Zivilisation, eine spezifische Fußnote zu
unserer Kultur, vorab der amerikanischen.
„The
babe that weeps the rod beneath
Writes
revenge in realms of death.
The
beggar's rags, fluttering in air,
Does
to rags the heavens tear.
The
soldier, arm'd with sword and gun,
Palsied
strikes the summer's sun.
The
poor man's farthing is worth more
Than
all the gold on Afric's shore.
One
mite wrung from the lab'rer's hands
Shall
buy and sell the miser's lands;
Or,
if protected from on high,
Does
that whole nation sell and buy.
He
who mocks the infant's faith
Shall
be mock'd in age and death.
He
who shall teach the child to doubt
The
rotting grave shall ne'er get out. [...]“
[1]
Unterstützt
wird dies durch die wieder einmal exzellente Kameraarbeit Robby Müllers,
der dem in Schwarz-Weiß gedrehten Film Szenen abgewinnt, die diesen anderen
Blick hervorheben. Bereits in den Anfangssequenzen erweist sich dies, wenn Müller
nur eingeschränkte Blicke nach außen und die Sicht auf die Räder
der Eisenbahn erlaubt, wenn er später den Weg der Darsteller vor allem
als einen Weg im Kreis visualisiert, als einen inneren Weg ohne Ausweg, ohne
Alternative, der mit den Pfaden da draußen kaum etwas zu tun hat. Hinzu
kommen die genialen Gitarrenriffs von Neil Young, vor allem das beherrschende
„Dead Man Theme“.
„The
whore and gambler, by the state
Licensed,
build that nation's fate.
The
harlot's cry from street to street
Shall
weave old England's winding-sheet.
The
winner's shout, the loser's curse,
Dance
before dead England's hearse.
Every
night and every morn
Some
to misery are born,
Every
morn and every night
Some
are born to sweet delight.
Some
are born to sweet delight,
Some
are born to endless night.
We
are led to believe a lie
When
we see not thro' the eye,
Which
was born in a night to perish in a night,
When
the soul slept in beams of light.
God
appears, and God is light,
To
those poor souls who dwell in night;
But
does a human form display
To
those who dwell in realms of day.“ [1]
„Dead
Man“ zeigt Wege, die keine wirklichen sind, die zu nichts führen als dem
Tod, Wege einer Kultur, die sich selbst genügsam ist und in der das Leben
keine wirkliche, und das heißt auch: keine spirituelle Wirklichkeit einschließende
Bedeutung hat. Und der Film zeigt analog dazu Räume, deren klaustrophobische
Enge erschreckend ist, zumal diese Räume in der schier endlosen Weite des
Westens angesiedelt sind. Dass Jarmusch seinen Protagonisten dennoch Komik in
der Tragik abgewinnt, dürfte nach „Down
by Law“,
„Night
on Earth“,
„Stranger
than Paradise“
und zuletzt „Coffee
and Cigarettes“
kaum verwundern.
Johnny
Depp und Gary Farmer überzeugen ebenso wie Alt-Mime Robert Mitchum sowie
Michael Wincott und Lance Henriksen. Für Depp eine Paraderolle, für
Farmer eine (gut genutzte) Chance, einen ganz besonderen Indianer darzustellen.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Prädikat:
besonders wertvoll.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte
[1]
William Blake: Auguries Of Innocence, geschrieben zwischen 1800 und 1803, zuerst
veröffentlicht 1863 (Auszug)
Dead
Man
(Dead
Man)
USA
1995, 121 Minuten
Regie:
Jim Jarmusch
Drehbuch:
Jim Jarmusch
Musik:
Neil Young
Director
of Photography: Robby Müller
Schnitt:
Jay Rabinowitz
Produktionsdesign:
Bob Ziembicki
Darsteller:
Johnny Depp (William „Bill“ Blake), Gary Farmer (Nobody / Niemand), Robert Mitchum
(John Dickinson), Lance Henriksen (Cole Wilson, Kopfgeldjäger), Michael
Wincott (Conway Twill, Kopfgeldjäger), Eugene Byrd (Johnny „The Kid“ Pickett,
Kopfgeldjäger), Iggy Pop (Salvatore „Sally“ Jenko, Jäger), Billy Bob
Thornton (Big George Drakoulious, Jäger), Jared Harris (Benmont Tench,
Jäger), Mili Avital (Thel Russell), Gabriel Byrne (Charles Ludlow Dickinson),
Alfred Molina (Händler in der Poststation), Crispin Glover (Maschinist),
John Hurt (John Scholfield, Büroleiter bei Dickinson), John North (Buchhalter
bei Dickinson), Mark Bringleson (Lee, Marshall), Jimmy Ray Weeks (Marvin, Marshall),
Michelle Thrush (Niemands Freundin)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0112817
©
Ulrich Behrens
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