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Departed:
Unter Feinden
Disclaimer: Ich habe das Hongkong-Original
"Infernal Affairs" nie gesehen. (Was ich, wie man liest,
mit Martin Scorsese gemeinsam habe.) Nun aber, nach "The Departed",
habe ich eine Vision davon, wie das Original der bessere Film wäre. Der
unbekümmertere Film, bei dem das Artifizielle des Plots den Rhythmus des
Erzählens bestimmt. Ein Film, der nicht Figuren malen will, sondern sich
auf Situationen zuspitzt. Ein Film, der eine Geschichte ad absurdum führt
und das Wissen darum in eine balancierte Mischung aus Ernst und Leichtigkeit
überführt.
Eine Ratte spaziert übers Geländer am Ende
des Films. Zu dem Zeitpunkt sind die metaphorischen Ratten sehr buchstäblich
Blut geworden und die Metapher wird Fleisch. Scorsese, der Katholik mit Sinn
fürs Pompöse, setzt ein Wandlungswunder ins Bild, aber es verrutscht
ihm, gewiss nicht unfreiwillig, ins Unernste. Vielleicht, weil ihm die Iren-Mafia
nicht ganz so am Herzen liegt. Vielleicht auch, weil er die ganze Angelegenheit
aus Hongkong importiert hat oder importieren hat lassen vom Autor eines Drehbuchs,
dessen Glauben an die eigene Abgebrühtheit man von den Lippen der Darsteller
ablesen kann.
Aber ist das, im Ernst, eine Scorsese-Geschichte?
Der Cop undercover bei der Mafia, der Mafioso undercover bei der Polizei: die
reine Symmetrie. Die Symmetrie - und ihre Künstlichkeit - kriegt man nicht
raus aus dem Film; und doch scheint es oft, als wollte Scorsese genau das erreichen,
indem er aufs figurenpsychologisch fundierte Drama zielt. Er setzt Undercover-Cop
Costigan (Leonardo DiCaprio) und Undercover-Mafioso Sullivan (Matt Damon) nicht
einfach ins Umfeld ihrer Wirkung und beobachtet die Reaktion, sondern faltet
sie umständlich aus zu Personen mit Vorgeschichte, Erektionsstörungen
und Medikamentenabhängigkeit.
Was die symmetrisch gespiegelten Männer verbindet,
ist die Frau ohne Funktion im Plot. Sie ist reines Zwischenstück, aber
damit ist es nicht gut. Drum ist sie Psychologin und damit nicht nur zuständig
für den Sex, der gelingt oder nicht, sondern auch für die Philosophie
der Lüge sowie die Intim-Betreuung der Psyche, die den Druck aushält
oder nicht. An ihr wird das Scheitern des Films am deutlichsten: Buch und Regie
wollen vertiefen, wo es darum ginge, die Figuren flach zu halten. Der Drang
zur Tiefe kostet Dynamik, so kommt der Plot, der geeignet wäre, ein einziges
Schwungrad zu sein, nie in Gang. Und als dann endlich die Fetzen fliegen, ist
die Unwucht bereits so stark, dass alles eher egal ist. (Von den beiden Racheengeln,
die am Ende aus dem Hut gezaubert werden, der Tragik, der Gerechtigkeit und
der Oscars wegen, ganz zu schweigen.)
Was "The Departed" fehlt, ist der Sinn
fürs Funktionale. Und das im Rahmen einer Geschichte, die nur Sinn machte
als schnurgerade Abwicklung einer zu Beginn in Gang gesetzten Mechanik. Auch
die Beweglichkeit der Ballhausschen Kamera ist daher leerer Überschuss
- sie fügt Schnörkel hinzu, wo sie sich aufs Wesentliche konzentrieren
müsste, fährt eine Runde hier und eine Runde da, als gäbe es
Kilometergeld für Tracking Shots. Das Buch ist angestrengt bemüht
ums Hartgekochte, aber um den Preis, dass nicht nur Mark "Fucking"
Wahlberg zur Karikatur wird.
Scorsese ist längst so versessen aufs Virtuosentum,
dass er nichts und niemandem Einhalt gebietet. (Am wenigsten leider sich selbst.)
Alle demonstrieren immerzu, was sie können. Am Ende aber passt nichts mehr
zusammen. Matt Damons extreme Limitiertheit als Schauspieler steht unverbunden
neben Nicholsons Schmiere. Die Musik tobt aufgeputscht, wo sich nichts entwickelt.
Die Lust des Kamerablicks an der Gewalt wird zynische Lust am Dekorativen des
versehrten Körpers. Anders als Brian DePalma aber stellt Scorsese sein
Virtuosentum nicht einfach als Virtuosität des Dysfunktionalen aus und
zur Schau und stülpt das Innere nach außen, auf dass der Film beim
Auseinanderfallen seine eigene Zentrifugaldynamik entwickle. Scorsese Wille
zum Meisterwerk resultiert nur noch in maßlos eleganten Implosionen, bei
denen reihenweise aufgedonnerte Einzelteile seufzend in sich zusammenfallen.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen
bei:
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Departed:
Unter Feinden
The Departed.
USA 2006. R: Martin
Scorsese. B: William Monahan. K: Michael Ballhaus. S: Thelma Schoonmaker. M:
Howard Shore. P: Warner Bros. Pictures, Vertigo Entertainment, Initial Entertainment
Group u.a. D: Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg u.a.
155 Min. Verleih ab 7.12.06
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