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Diese
obskure Objekt der Begierde
Liebe,
ein Aufschub
Es
gibt immer wieder Anlass darüber nachzudenken, dass die Frauen den Männern
gegenüber eine verschworene Gemeinschaft bilden. Als ob sie sich immer
von Mutter zu Tochter vermittelt verabredet hätten, den Männern
auf eine bestimmte Art mitzuspielen. Weil Männer so einfach gestrickt sind
und immer nur das eine wollen. Und weil Frauen auch nicht so viel komplizierter
sind, aber sich in der schwächeren Position befinden. Jedenfalls bis vor
einer bestimmten Zeit, und auf jeden Fall im Spanien noch der 70er Jahre. Conchita
(in der Maskerade von Angela Molina oder in der von Carola Bouquet?) spricht
das Geheimnis aus: Wenn ich dir alles geben würde, was du willst, würdest
du mich nicht mehr lieben.
Für
Männer ist so ein Satz erst mal unverständlich, und sogar Mathieu
in seinen schon mehr als reifen Jahren kann damit natürlich überhaupt
nichts anfangen. Aber der Film zeigt, dass der Satz stimmt. Jedenfalls in der
Weise, wie der Film diese Übung durchexerziert, und ein Exerzitium ist
sie. Deshalb auch die zwei Gesichter und Repräsentantinnen der einen Conchita.
Gasgeben und Bremsen, ohne dass das aber plump auf jeweils eine der Schauspielerinnen
verteilt wäre, so viel Verwirrung muss sein. Für Mathieu kommt also
immer etwas dazwischen, das den Akt aufschiebt. Eine schöne Pointe, dass
die Geschichte noch lange nicht zu Ende ist, auch wenn Mathieu glaubt, sie abgeschlossen
zu haben, doch weiß der Zuschauer bereits mehr als das machistische Opfer.
Die Wassertaufe am Anfang war nur eine Provokation mehr. Und so ist es logisch,
dass am Ende des Films, wenn die Rückblenden in der erzählenden Gegenwart
angekommen sind, der Faden der Demütigungen und das Seil der Liebe wieder
aufgenommen und weitergeknüpft werden können. Bis es so weit ist,
geschehen auch beim Erzählen komische Dinge, Unterbrecher, wie man sie
aus dem Erzählten kennt.
Eine
der schönsten Szenen des Films ist die, in der sich die Reisenden im Abteil
bekannt machen, besser gesagt, darauf hinweisen, dass sie sich schon aus Paris
kennen, der Richter, die Mutter, der zwergische Psychologe. Und das Kind ist
natürlich auch an Bord. Der Zuschauer weiß nicht, wie hier von Mathieu
erzählt wird, er sieht nur die Bilder, auch die der beiden mehr oder weniger
nackten Conchitas. An einer Stelle, wo es für Mathieu zum ersten Mal spannend
wird, weil Conchita im Korsett vor ihm steht und sich eine schlüpfrige
Stelle anbahnt, wird ins Zugabteil umgeschaltet, wo man Mathieu sieht, wie er
mit lauter Stimme gegen die Geräusche ankämpft, weil man gerade durch
einen Tunnel fährt. Ein anderes Mal wird es auch wieder nicht ganz jugendfrei,
und da liegt schon eine ganze Traube von Kindern um den Erzähler, dem in
diesem Augenblick einfällt, dass sich auch Kinder bei ihm befinden, aber
er wiegt ab und beruhigt die Mutter, dass er doch korrekt erzählt habe,
worauf die Mutter nur stöhnt, tja, die Kinder heutzutage, die dann auch
zum Spielen geschickt werden.
Weitere
Unterbrechungen gibt es in der Erzählung durch die zahlreichen Terrorakte,
die die Gesellschaft nicht zur Ruhe kommen lassen und auch Mathieu mal mehr
mal weniger direkt betreffen: Auch hier heißt es, wie immer, aufschieben.
Conchita verschwindet dann auch immer wieder, sei es durch eigenen Entschluss,
sei es durch Rauswurf, allein die Geschichte ist ewig, sie kann nie aufhören,
wie die Liebe eben, aber eben nur wie diese Liebe, wie sie hier erzeugt wird,
wie sie hier aufgespannt wird, denn die einzige Liebe ist das nicht, es ist
auch nicht die zuverlässigste, aber es scheint die einzige zu sein, die,
wenn das Spiel irgendwie funktioniert, im Grunde endlos sich hinziehen kann.
Dieser Grund hat heute keinen Grund mehr, das macht den Film auch so wunderbar
antiquiert und es gibt ihm seine Dunkelheit zurück, von der wir nur noch
träumen. Die Liebe ist ein Sack.
Dieter
Wenk
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Dieses
obskure Objekt der Begierde
CET
OBSCUR OBJET DU DESIR
Frankreich
/ Spanien - 1977 - 103 min. Literaturverfilmung - FSK: ab 12 (feiertagsfrei.
16) - Prädikat: besonders wertvoll - Verleih: Jugendfilm - Erstaufführung:
16.11.1978/19.9.1980 Kino DDR - Fd-Nummer: 20949 - Produktionsfirma: Greenwich
Produktion:
Serge Silberman
Regie:
Luis Buñuel
Buch:
Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière
Vorlage:
nach dem Roman "La Femme et le Pantin" von Pierre Louys
Kamera:
Edmond Richard
Musik:
Richard Wagner u.a.
Schnitt:
Hélène Plemiannikov
Darsteller:
Fernando
Rey (Mathieu)
Carole
Bouquet (Conchita)
Angela
Molina (Conchita)
André
Weber
Julien
Bertheau
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