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Dreamcatcher
Stephen Kings Romane verlockten schon etliche Regisseure zu filmischen
Adaptionen – mit mehr oder weniger Erfolg –, u.a. etwa Rob Reiner 1990
mit „Misery“, Tommy Lee Wallace 1990 mit „It“ (für's Fernsehen), Brian de
Palma 1976 mit „Carrie“, Frank Darabont 1999 mit „The Green Mile“ und
last but not least Stanley Kubrick 1980 mit „The Shining“. King besitzt
eine ausgeprägte Fähigkeit, den Horror in alltäglichen Situationen zu
finden und so beängstigend zu beschreiben, das man des nachts mindestens
einmal nachsieht, ob auch alle Türen und Fenster verschlossen sind. In
den Filmen, die auf seinen Romanen beruhen, ist das wahrlich nicht immer
so gewesen. Mein liebstes Kind in dieser Hinsicht bleibt Kubricks Film,
mit dem wiederum King überhaupt nicht einverstanden war.
Jetzt begab sich Lawrence Kasdan aufs Eis, Kings „Duddits“ unterm Arm,
einen Roman, den ich nicht kenne. Kasdan machte sich einen Namen durch
Filme wie „The Accidental Tourist“ (1988), „Grand Canyon“ (1991), „Wyatt
Earp“ (1994) und „Mumford“ (1999). Kasdan war maßgeblich an den
Drehbüchern zu den Star-Wars-Filmen „Return of the Jedi“ (1983) und „The
Empire Strikes Back“ (1980) beteiligt.
• I N H A L T •
Vier Freunde und ein geistig zurückgebliebener, aber mit übersinnlichen
Fähigkeiten ausgestatteter fünfter Junge im Bunde – das ist der
Ausgangspunkt für eine Geschichte zwischen Komödie und Horror, Kriegsfilm
und Sciencefiction, Drama und Krimi. Und genau das ist das Problem, das
Kasdan und sein Drehbuch-Co-Autor William Goldman auf Zelluloid verewigt
haben. Sie konnten sich nicht entscheiden. Dabei fängt der Film ganz
vielversprechend an. Die vier Freunde – Henry (Thomas Jane), Beaver
(Jason Lee), Jonesy (Damian Lewis) und Pete (Olyphant) – retteten in
ihrer Kindheit Douglas Cavell, genannt Duddits, vor ein paar anderen
Jungen, die Duddits zwingen wollten, Kot zu essen. Der Dank Duddits: er
übertrug ihnen die Fähigkeit, Gedanken zu lesen. Seitdem sind die vier mehr miteinander verbunden als andere
Jugendfreunde, die in die Jahre gekommen sind. Duddits hingegen haben sie
seit Jahren nicht mehr gesehen. Später erfahren sie, dass er an Leukämie
erkrankt ist.
Zur Feier von Duddits und in Erinnerung an ihre damals geschlossene
Freundschaft treffen sich die vier Männer in jedem Winter in einer Hütte
irgendwo in den Bergen von Maine. Doch in diesem Jahr ist alles anders.
Zuerst finden sie einen völlig erschöpften Mann, Rick (Eric Keenleyside),
der dauernd Blähungen hat und rülpsen muss, sowie eine Frau im tiefen
Schnee, die merkwürdige rote Male im Gesicht und am Hals haben. Nicht nur
das: Als Rick plötzlich auf der Toilette verschwunden ist, finden ihn
zwei der Freunde tot und blutüberströmt. Ein Alien ist aus Ricks Körper
geplatzt und bedroht die beiden Männer.
Zur gleichen Zeit macht sich Colonel Abraham Curtis (Morgan Freeman) von
einer geheimen Armee-Einheit namens „Blue Unit“ daran, die Aliens
ausfindig zu machen, um sie ins Jenseits zu befördern. Zur Seite steht
ihm Captain Underhill (Tom Sizemore). Als letzterer erfährt, Curtis wolle
die durch einen unüberwindbaren Hochspannungs-Zaun eingepferchten
infizierten Menschen, die irgendwie Kontakt zu den Aliens hatten, töten,
um eine Epidemie zu verhindern, untergräbt Underhill Curtis Vorhaben und
schließt sich mit dem inzwischen hinter dem Elektrozaun gefangenenHenry
zusammen, um einen anderen Weg zu suchen, die Gefahr durch die
Außerirdischen zu bekämpfen. Die Situation spitzt sich zu, als sich ein
„Mr. Gray“ genannter Alien Jonesy's Körper und Geist bemächtigt – mit eindeutiger Absicht: Zerstörung
der Menschheit. Kann Duddits helfen? ...
• I N S Z E N I E R U N G •
... Nach den Vorstellungen Kasdans kann Duddits helfen. Dem Film
allerdings macht Kasdan selbst den Garaus. Schon die Dialoge zwischen den
vier Freunden erinnern eher an allzu bekannte Witzchen aus ebenso
bekannten Nach-dem-Teenie-Alter-Teenie-Filmen. Der „Humor“, den Kasdan
und Goldman hier verbreiten, sollte wohl den alien-mäßigen Horror
kontrastieren. Doch schon das ging – trotz der gelungenen Ausgangsidee:
vier Männer mit telepathischen Fähigkeiten usw. – glatt daneben. Etwa
wenn Henry bei der infizierten Frau mitten im Wald im Schnee sitzt und
von einem der Aliens angegriffen wird. Da musste der Angriff natürlich
auf des Mannes bestes Körperteil (nein, nicht den Kopf) ausgerichtet
werden: Ho ho ho! Diese Art der Inszenierung, die den Schrecken nicht
komödiantisch überformt, sondern dem Film die Ernsthaftigkeit nimmt, wird
noch dadurch blasser, dass die Konstruktion der Außerirdischen verdammt
überdeutlich an die Aliens in Ridley Scotts Klassiker gleicht: eine Mischung aus Wurm und Schlange mit
extrem gefährlichem Gebiss nistet sich in den Körpern von Menschen ein,
um irgendwann herauszuplatzen. Vorher „leiden“ diese befallenen Menschen
an Blähungen und Aufstoßen, was Kasdan wiederum dazu benutzt, „Humor“ zu
produzieren: die vier Freunde können sich kaum halten vor Lachen, weil
sie nicht ahnen, was hinter den außergewöhnlichen Tönen und Gerüchen
steckt. Ho ho ho!
Nachdem das Kapitel Horror und Komödie erfolglos abgehakt ist, schwenkt
der Film ein auf die Linie: Sciencefiction und Kriegsfilm. Warum sich
Morgan Freeman für die Rolle des Colonel Curtis und ein dermaßen
schlechtes Drehbuch zur Verfügung stellte, bleibt sein Geheimnis.
Jedenfalls spielt er einen angeblich angesichts des jahrelangen Kampfes
gegen die Biester aus dem All verrohten Soldaten, der nicht davor
zurückschrecken würde, die gefangenen Menschen hinterm Zaun
niederzumetzeln. Die Figur dieses Colonel ist derart schwach gezeichnet,
dass einem die berühmten Haare zu Berge stehen. An Freemans Curtis ist
nun wirklich nicht viel mehr dran als die schlechte Karikatur eines
militärischen Haudegens in einer jetzt in Richtung „Save America“
umgelenkten Handlung. Und ruckzuck sitzen er und Tom Sizemore – „Black
Hawk Down“-erfahren sozusagen – in ihren Kampfhubschraubern und
versuchen, die um ihr Raumschiff versammelten Aliens niederzumähen:
Krieg, Krieg und nochmals Krieg ...
... u nd wieder eine Kehrtwendung: Nun folgt das menschliche Drama.
Henry besinnt sich auf die Fähigkeiten des alten Freundes Duddits, der
mittlerweile an Leukämie erkrankt ist, kaum noch laufen kann, und dessen
Mutter Henry bittet, ihn zum Endkampf gegen die Aliens mitzunehmen. Dort
zu sterben, sei für Duddits sicher besser als in seinem miefigen Zimmer
bei Muttern. Heul, heul, heul.
Und im Oberstübchen von Jonesy, der ja inzwischen vom Oberhaupt der
brandgefährlichen Außerirdischen befallen ist, fahndet der letzte Rest
von Jonesy nach Erinnerungen, um irgendwie dem Bösewicht Mr. Gray das
Leben schwer zu machen.
• F A Z I T •
Auch die teilweise großartigen Aufnahmen von den verschneiten Wäldern in
Maine, Szenen wie die, als die Tiere des Waldes in seltener Eintracht
geeint, schnurstracks in eine Richtung laufen, um dem Schrecken zu
entgehen, können nichts daran ändern, dass Kasdan und Goldman ein selten
schreckliches Kuddelmuddel an Genre-Versatzstücken, Klischees, geklauten
Figuren (man schämte sich nicht einmal, Scotts Alien-Figur selbst in
einem Dialog als Vergleich zu den hier gezeigten Außerirdischen zu
nennen) usw. angerichtet haben. „Dreamcatcher“ ist weder Sciencefiction,
noch Horrorfilm, sondern von jedem ein schlechter Ansatz, vermischt mit
Kriegsfilm- und Billigkomödien-Elementen. Kasdan konnte sich nicht
entscheiden. Und statt den King-Stoff zu konzentrieren, sozusagen die
Idee, die Kings „Duddits“ wohl ausmacht, konsequent in ein einheitliches
Drama umzusetzen, zerfleddert der Film an allen Ecken und Enden, weil
noch dies herein muss und jenes usw. usf.
Von Themen wie „Identifikation mit Personen“ oder „Glaubwürdigkeit“ oder
emotionale Nähe zu den Figuren will ich lieber schweigen.
Das beste am Film – ist der zehn Minuten dauernde Vorfilm „The Final
Flight of the Osiris“, ein fast perfekt computeranimierter Film mit
Kampfszenen, der Geschmack machen soll auf die beiden kommenden
„Matrix“-Sequels, ein Film, der demnächst zusammen mit weiteren Kurzfilmen auf einer DVD erscheinen
wird.
Wertung: 1,5 von 10 Punkten.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst unter dem Namen „Posdole“ erschienen in:
ciao.de
Dreamcatcher
(Dreamcatcher)
USA, Kanada 2003, 134 Minuten
Regie: Lawrence Kasdan
Drehbuch: William Goldman, Lawrence Kasdan, nach dem Roman von Stephen King
Musik: James Newton Howard
Director of Photography: John Seale
Schnitt: Raúl Dávalos, Carol Littleton
Produktionsdesign: Jon Hutman, Kendelle Elliott, W. Steven Graham
Hauptdarsteller: Morgan Freeman (Col. Abraham Curtis), Damian Lewis (Prof. Gary
„Jonesy“ Jones), Thomas Jane (Dr. Henry Devlin), Jason Lee (Jim „Beaver“ Clarendon), Timothy Olyphant (Pete Moore),
Tom Sizemore (Captain Owen Underhill), Donnie Wahlberg (Douglas „Duddits“ Cavell),
Eric Keenleyside (Rick McCarthy), Mike Holekamp (der junge Henry Devlin), Reece
Thompson (der junge Beaver), Giacomo Beassato (der junge Jonesy), Joel Palmer (der
junge Pete), Andrew Robb (der junge Duddits)
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