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Die
dritte Generation
Bitterböse
Farce über deutsche Verhältnisse
„Eine Komödie in sechs Teilen
um
Gesellschaftsspiele voll Spannung,
Erregung
und Logik, Grausamkeit und
Wahnsinn,
ähnlich den Märchen, die
man
Kindern erzählt, ihr Leben
ertragen
zu helfen.”
(Rainer
Werner Fassbinder)
Wie
erträgt man den „Deutschen Herbst” 1977?
Mit
Petra, die ihren Mann hasst – und ihn „bei günstiger Gelegenheit” tötet?!
Mit
Susanne, die sich selbst verachtet, aber nicht so arg – und deshalb ihren Mann
mit ihrem Schwiegervater, dem Schwein, betrügt?!
Mit
dem Großvater Gast, der die Welt nur so verstehen kann, dass er sich einen
Krieg herbeisehnt – weil die neue Generation nur so den wahren Wert der Werte
wieder entdecken könne?!
Mit
Ilse, die der Welt abhanden gekommen ist – und das Rauschgift hilft ihr dabei?!
Mit
Paul, dem treffsicheren Schützen, dem selbst ernannten Illegalen – der
seine Selbständigkeit dadurch beweist, dass er Hilde erniedrigt?!
Mit
Hilde, die von irgendeiner Leidenschaft träumt und von den Aufzeichnungen
einer 17jährigen Selbstmörderin fasziniert ist – und sich gern erniedrigen
lässt?!
Deutscher
Herbst 1977. Aber jetzt schreibt man das Jahr 1979. Es ist kalt, Winter, in
Westberlin. Und der Chef einer amerikanischen Computerfirma, Peter J. Lurz (Eddie
Constantine) muss seinem Vorgesetzten in den Staaten mitteilen, dass leider
momentan in Deutschland niemand Computer kaufen will. Keine Personal PCs, versteht
sich, denn die gab es erst kurze Zeit später (wenn man von Apples 1976
entworfenem Computer im Holzgehäuse einmal absieht). Nein, Abnehmer für
die aus heutiger Sicht riesigen Magnetbänder waren Firmen oder staatliche
Stellen.
Doch
Lurz hat eine phänomenale Idee: Wenn man in der Öffentlichkeit den
Eindruck einer nach dem Deutschen Herbst 1977 wieder brisanter gewordenen Sicherheitslage
vermitteln könnte, würden die Verkaufszahlen schon steigen und die
staatlichen Sicherheitsorgane würden um entsprechende (Fahndungs-)Computer
betteln. Für die Inszenierung einer solchen Scheingefahr allerdings benötigt
man die richtigen Leute. Nein, keine RAF aus früheren Zeiten wäre
da hilfreich. Eher Leute wie das Ehepaar Edgar und Susanne Gast (Udo Kier, Hanna
Schygulla), er ein Möchtegern-Komponist aus reichem Elternhaus, sie Sekretärin
bei Lurz und Geliebte des Schwiegervaters Gerhard Gast (Hark Bohm), der seine
Brötchen als Polit-Kriminalpolizist verdient. Hinzu gesellen sich noch
Petra Vielhaber (Margit Carstensen), die enttäuschte Frau des kleinen Bankiers
Hans Vielhaber (Jürgen Draeger), Rudolf Mann (Harry Baer), der seine riesige
Wohnung aus Mitleid mit der drogenabhängigen und in ihrer eigenen Welt
lebenden Ilse Hofmann (Y Sa Lo) teilt, sowie die Lehrerin Hilde Krieger (Bulle
Ogier), die ihren erwachsenen Schülern die richtigen Kenntnisse über
die Revolution von 1848 vermitteln will. Und last but not least der adrett im
Anzug gekleidete August Brem (Volker Spengler). Ach ja, und später gesellen
sich noch Franz Walsch (Günther Kaufmann), Freund von Ilse und Sprengstoffexperte,
und Bernhard von Stein (Vitus Zeplichal) hinzu, beide frisch von der Bundeswehr
verabschiedet.
All
diese in mehr oder weniger gut bürgerlichem Milieu lebenden Damen und Herren
verbindet vor allem eines: Langeweile und ein gewisses Gefühl der Unbehaglichkeit.
Das eint sie unter dem „frei nach Schopenhauer” vereinnahmten Motto „Die Welt
als Wille und Vorstellung”, ein Code-Wort, dessen Bedeutung man wahrscheinlich,
nein sicher nicht verstanden hat, das im alltäglichen, verschwörerischen
Umgang miteinander aber gut zu gebrauchen ist. Man erkennt sich an ihm. Vor
allem aber träumt man von einer großen Aktion, einem Fanal, einem
Zeichen, das gesetzt werden müsse, um ... Ja, warum eigentlich? Um sich
nicht mehr unbehaglich zu fühlen? Vielleicht.
Jedenfalls
engagiert man, das heißt diese Gruppe, einen von außen, einen, der
es versteht, mit der Waffe präzise zu treffen, Paul (Raúl Gimenez),
um mit ihm gemeinsam die große Aktion durchzuführen. August ist der
Vermittler, der, der die Fäden in der Hand hält, nur, dass die anderen
nicht wissen, woher die Fäden gezogen werden. August steht in ständigem
Kontakt mit Peter J. Lurz – und so nehmen die Dinge ihren Lauf. Und dazwischen
steht Gerhard Gast, der über jeden Schritt der Gruppe stets gut informiert
ist ...
„Die
dritte Generation könnte meinen
das
deutsche Bürgertum von 1848-1933,
unsere
Großväter und wie sie das Dritte
Reich
erlebten und wie sie sich daran
erinnern,
unsere Väter, die nach Ende
des
Krieges die Chance gehabt haben,
einen
Staat zu errichten, der so hätte
sein
können, wie es humaner und freier
vorher
keinen gegeben hat, und zu was
diese
Chancen letztlich verkommen sind.”
(Rainer
Werner Fassbinder)
„Die
dritte Generation” ist eine Art Farce, ein kolportageähnliches Spiel, das
bei seiner Uraufführung in Hamburg 1979 die Sympathisanten der RAF-Szene
und andere Linke furchtbar ärgerte. Symptomatisch ist, dass einige verärgerte
Zuschauer die Kopie des Films mit Säure zerstören wollten. Und tatsächlich
deutet der Titel des Stücks auf die dritte Generation der RAF, Leute, die
längst nicht mehr wie Meinhof oder Ensslin aus der Verzweiflung heraus
zu Mitteln griffen, die sie ins politische und individuelle Abseits stellten,
für deren Motive jedoch etliche Menschen noch Verständnis haben konnten,
weil sie verstehbar waren, sondern Leute, für deren Handeln es keine nachvollziehbaren
Gründe mehr gab. Ihr Tun begründete sich ausschließlich durch
die Tat selbst.
Genauso
werden die oben genannten Personen im Stück dargestellt.
„Ich
bin überzeugt, sie wissen nicht,
was
sie tun, hat Sinn in nichts weiter
als
im Tun selbst, der scheinbar erregenden
Gefahr,
dem Scheinabenteuer in diesem
–
zugegeben – immer beängstigend
perfekter
verwalteten System. Handeln
in
Gefahr, aber ganz ohne Perspektive,
und
wie im Rausch erlebte Abenteuer
zum
Selbstzweck, das sind die Motivationen
der
dritten Generation.”
(Rainer
Werner Fassbinder)
Allerdings,
und das räumte Fassbinder in diesem Kontext ein, könne eine solche
„dritte Generation” in ihrer un-politischen, un-bewussten, un-motivierten und
un-historischen Handlungsweise auch nur in einem Land aufwachsen und gedeihen,
das es nicht gelernt habe zu lernen – vor allem aus der eigenen Geschichte.
„Die
dritte Generation” ist insoweit – als Farce, als „komische Oper” – zugleich
ein Blick in das Bürgertum und in die Geschichte des deutschen Bürgertums.
Im Film selbst werden Hinweise gegeben, etwa, wenn Hilde Krieger über die
Konsequenzen des feigen Handelns des feigen Bürgertums 1848 (das die begonnene
Revolution nur halbherzig unterstützte, um sich dann der Obrigkeit zu beugen)
nicht mit ihren Schülern sprechen will. Oder wenn Opa Gast in seiner ganzen
Unwissenheit und Unbewusstheit der eigenen Geschichte gegenüber meint,
nur regelmäßige Kriege könnten die Menschen wieder daran erinnern,
die Werte (welche eigentlich?) zu schätzen.
Eine
„komische Oper” – wenn zugleich allerdings auch eine deutsche Tragödie
– ist der Film vor allem in der Art der Inszenierung. Fassbinder ließ
den gesamten Film über Fernseher oder Radios laufen, mit den aktuellen
Nachrichten sowie an einer Stelle einer Diskussion zwischen Rudi Dutschke und
(wenn ich es richtig gesehen habe) Daniel Cohn-Bendit. Diese permanente Präsenz
der Medien, gepaart mit der nicht sichtbaren, aber ebenso permanenten Anwesenheit
der Polizei im Hintergrund und die Verschwörung zwischen Lurz und Brem
lassen die Gruppe als Marionetten erscheinen, die ausschließlich fremden
Zwecken dient, ohne es zu wissen. Der Film basiert also äußerlich
auf einer Verschwörungstheorie (das Kapital erfindet den Terrorismus, um
den Schutz des Kapitals durch den Staat zu verbessern, eine „Idee”, die in einer
Szene Gerhard Gast Lurz als seinen eigenen Traum erzählt, worüber
beide nur lachen).
Aber
dieser Gedanke bezieht sich lediglich auf den äußeren Ablauf der
Dinge. Tatsächlich schließt Fassbinder – wenn auch vor dem Hintergrund
der noch nahen Ereignisse des Jahres 1977 (Schleyer-Entführung und -Mord,
Politik des starken Staates, Mogadischu, Kontaktsperregesetz, Verfolgung von
Intellektuellen etc.) – mit „Die dritte Generation” an seine „historischen”
Filme an, die einer Aufarbeitung deutscher Geschichte gewidmet waren. Tatsächlich
„entsteht” der terroristische Gedanke der im Film agierenden Gruppe aus der
Mitte des Bürgertums selbst – so wie der Faschismus auch (wenn auch nicht
in der primitiven Lesart der Kommunistischen Internationale). Fassbinder schrieb
damals zum Film:
„Dennoch,
dass es dieses Phänomen
ausschließlich
in diesem Land gibt,
das
hat natürlich mit diesem Land
zu
tun, hat tatsächlich erschreckend
viel
zu tun mit diesem Land, seinen
Fehlern,
seinen Versäumnissen, seiner
zum
Geschenk erhaltenen Demokratie,
der
man wie dem geschenkten Gaul
nicht
ins Maul schaut, einer Demokratie,
deren
Grundwerte, auf denen sie basiert,
man
immer entschiedener zu Tabus
verkommen
lässt, die der Staat gegen
seine
Bürger blind verteidigt, und
das
zudem – versteht sich – im
wiederum
blinden Einverständnis mit
eben
diesem Bürger, der unaufgeklärt
...
gar nicht in der Lage ist, aufmerksam
zu
werden darauf, dass das Gebilde um
ihn
herum, dass dieser Staat von Tag zu
Tag
ein ganz kleines bisschen totalitärer wird."
(Rainer
Werner Fassbinder)
Man
kann diese Meinung teilen oder auch nicht. Man könnte es auch anders formulieren
– böse wie man sein könnte: Die 68er, die zu Recht die Verschleierung
der Verbrechen des NS, den Vietnam-Krieg usw. anprangerten, waren eben doch
die Söhne und Töchter ihrer Eltern und in diesem Sinne und in einem
speziell deutschen Sinne in ihrem Denken und Handeln begrenzt. Die einen wagten
den Gang durch die Institutionen und machten teilweise Karriere. Die anderen
machten die Wut zum Inhalt ihres politischen Handelns – und kamen um. Der Staat,
der im Film tatsächlich in der Person des Gerhard Gast totalitär dargestellt
wird, tat so gut wie nichts, um aus der Protestbewegung seit 1968 einschließlich
der terroristischen Entwicklung etwas zu lernen und das Gelernte weiter zu geben
und zu diskutieren.
Die
Überzogenheit der staatlichen Reaktionen vor, während und nach dem
„Deutschen Herbst 1977” ist später oft kritisiert worden. Man kann es auch
anders formulieren – und das wird gerade in weiser Voraussicht durch Fassbinder
formuliert: Die Ereignisse gaben niemand Anlass dazu, in eine breite gesellschaftliche
Diskussion einzusteigen über die Wunden, Verletzungen, Fehlentwicklungen
usw. der deutschen Geschichte und die Frage, was man tun könne. Im Gegenteil:
Der Staat baute statt dessen den Hochsicherheitstrakt in Stammheim, und die
Linke schmorte weiterhin in eigenen, verkrusteten Strukturen.
So
endet „Die Dritte Generation” denn auch mit der Pseudo-Entführung von Lurz,
am Karnevalsdienstag des Jahres 1979. Die noch lebenden Entführer – einige
hat Gast schon ins Jenseits befördert, ganz im Sinne der verfolgten Strategie
– haben sich in Karnevalskostüme verpackt, und in den Schlusssätzen,
die Lurz in die laufende Kamera der Entführer, immer mit einem leichten
Lächeln im Gesicht, spricht, offenbart sich der ganze Zynismus der Geschichte:
„Heute ist Dienstag, der 27. Februar 1979. Karnevalsdienstag. Ich werde hier
gefangen gehalten – im Namen des Volkes und zum Wohle desselben.” Wahrhaftig!
Eine
bitterböse, schwarze Komödie, die Fassbinders tiefe Bedenken gegen
jede Art von festgefahrener gesellschaftlicher Struktur nicht besser zum Ausdruck
bringen konnte, und ein ebenso böser Kommentar gegen links wie rechts.
Oder, wie die Münchner Abendzeitung damals schrieb: „Ein schriller, bösartiger
Film, der nach links schlägt, nach rechts keilt und immer trifft.” Und
insofern Fortsetzung seiner beiden Filme „Mutter Küsters' Fahrt zum Himmel”
(1975) und „Satansbraten” (1976).
DVD
Sprache:
Deutsch (Dolby Digital 1.0)
Bildformat:
4:3
Dolby,
HiFi Sound, PAL
DVD
Erscheinungstermin: 19. Oktober 2004
Die
von Arthaus editierte DVD präsentiert den Film in exzellenter Bild- und
Tonqualität. Dass an einigen Stellen des Films die Dialoge der Personen
nur „unsauber” zu verstehen sind, liegt nicht an der Tonqualität, sondern
an der Inszenierung selbst. Da hört man Dialoge, einen, der aus einer Schrift
von Bakunin vorliest und die Fernsehnachrichten bzw. Dutschke. Diese Szenerie
war von Fassbinder gewollt.
Die
DVD enthält zudem Schrifttafeln aus dem damaligen Programmheft, die oben
teilweise wiedergegeben wurden, eine Fotogalerie sowie Ausschnitte aus einem
Interview mit Juliane Lorenz, der damaligen Lebensgefährtin Fassbinders,
die diesen Film (wie auch andere Fassbinders) schnitt, und seit 1992 Vorsitzende
der Fassbinder Foundation ist. Sie berichtet u.a. von den finanziell eingeschränkten
Möglichkeiten, diesen Film zu produzieren. Fassbinder selbst drehte, Raúl
Gimenez und Volker Spengler kümmerten sich um das Szenenbild, ein Drehbuch
lag nicht vor, lediglich ein längeres Exposee von Fassbinder, der über
Nacht jeweils einzelne Szenen schrieb.
Die
DVD kostet derzeit (10.3.2005) bei amazon und jpc € 14,99.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Wertung
DVD: 9,5 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in:
Die
dritte Generation
(Int.
Titel: The Third Generation)
Deutschland
1979, 105 Minuten
Regie:
Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch:
Rainer Werner Fassbinder
Musik:
Peer Raben
Director
of Photography: Rainer Werner Fassbinder
Montage:
Juliane Lorenz
Produktionsdesign:
Raúl Gimenez
Darsteller:
Harry Baer (Rudolf Mann), Hark Bohm (Gerhard Gast), Margit Carstensen (Petra
Vielhaber), Eddie Constantine (Peter Lurz), Jürgen Draeger (Hans Vielhaber),
Raúl Gimenez (Paul), Claus Holm (Großvater Gast), Günther
Kaufmann (Franz Walsch), Udo Kier (Edgar Gast), Y Sa Lo (Ilse Hoffmann), Bulle
Ogier (Hilde Krieger), Lilo Pempeit (Mutter Gast), Hanna Schygulla (Susanne
Gast), Volker Spengler (August Brem), Vitus Zeplichal (Bernhard von Stein)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0079083
©
Ulrich Behrens 2005
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