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Durchgeknallt
(1999)
Winona Ryder im Sanatorium - lachhafte Charakterstudie
vor dem Hintergrund der Sechziger.
1967: Die 17jährige Susanna Kaysen (Winona Ryder)
findet sich in der Gesellschaft nicht zurecht. Nach einem one-night-stand mit
einem ihrer Lehrer spült sie ein paar Packungen Aspirin mit einer Flasche
Wodka runter. Dies führt zu ihrer Einweisung ins Claymore Hospital, wo
unter der Aufsicht der verständnisvollen Schwester Valerie (Whoopi Goldberg)
ihre Persönlichkeitsspaltung behandelt werden soll. Dort schließt
sie Kontakt mit den anderen Insassen: Polly (Elizabeth Moss), die sich einmal
mit Benzin übergossen und angezündet hat, Daisy (Brittany Murphy),
Tochter des Besitzers einer Brathühnchenkette, die die Kadaver der Tierchen
unter ihrem Bett hortet, die pathologische Lügnerin Georgina (Clea DuVall),
die immer nur vom Zauberer von Oz erzählt und vor allem die dominante Soziopathin
Lisa (Angelina Jolie), deren rebellisches Gehabe sie zur Anführerin der
Mädchen gemacht hat. Nach langem Hin und Her überredet Lisa Susanna
zur Flucht - doch die verläuft anders als erwartet.
Kritik
Hoch waren die Erwartungen an James Mangolds neuem
Film nach seiner gelungenen Schauspielerkonfrontation Copland - mit Durchgeknallt legt er jetzt allerdings einen Film vor, der auch
einem Ed Wood gut zu Gesicht gestanden hätte, wenn auch das Resultat selbst
noch unfreiwilligen Humors größtenteils entbehrt. Man kann deutlich
sehen, was für ein Film den Machern vorgeschwebt hat: Eine komplexe Studie,
die sprunghaft dem Borderline-Syndrom der Heldin folgen soll und dabei die sechziger
Jahre als Kontrastfolie zur Entwicklung der Hauptfigur nutzt.
Tja, nutzen sollte. Was die sechziger Jahre hier
nämlich sind, ist ein vages Gemisch unausgegorener Hinweise. Susannas Freund
Tobias (Jared Leto) wird nach Vietnam eingezogen (reicht für sporadisches
Gerede von Ungerechtigkeit und Flucht), ebenso strategisch wie Sechziger-Hadern
am Soundtrack kommen, werden im Hintergrund Martin Luther King- und Kennedy-Verweise
gesetzt und Susanna raucht Gauloises, weil das schon französische Widerstandskämpfer
getan haben. Das mag als Widerpiegelung der Weltsicht einer Siebzehnjährigen
durchgehen, als Konstruktionsprinzip für einen Film ist es mehr als armselig.
Noch dazu, weil der Film dem selbst mißtraut: Rund um die schleppend vorankriechende
Psychostudie hat man nämlich vorsichtshalber eine Serie von Klischeeszenen
gezimmert, weil man vor der eigenen Courage zur Handlungslosigkeit offensichtlich
doch noch Angst bekommen hat.
Da wird nichts ausgelassen: Polly, die sich selbst
einst angezündet hat, sieht nicht nur aus wie das außerirdische Wesen
einer Star-Trek-Episode, was man rund um sie so an Sentimentalität und
einfache moralische Lektionen schachtelt, steckt noch von den peinlichsten Lehrfolgen
der Next Generation locker in die Tasche. Das geht den ganzen Film lang so dahin:
Die Ärzte des Sanatoriums sind prinzipiell nur gut und hilfsbereit, die
tieferen Probleme der Figuren erschöpfen sich in Floskeln wie "Die
Welt ist beschissen" (die gelegentlich zu sehenden Tagebucheintragungen
von Susanna bewegen sich auf dem Stammbuchniveau von Hauptschülern) und
überhaupt scheint sich hier Teenagerrenitenz zum grundlegenden Konstruktionsprinzip
des Drehbuchs aufgeschwungen zu haben.
"Ambivalent: Das ist mein neues Lieblingswort",
sagt Susanna einmal, um auf die Frage "Weißt Du, was das heißt?"
mit einem "Das ist mir egal" zu kontern. Ähnliches haben sich
die Macher auch öfters gedacht: Die Vorstellung, die ein Dreijähriger
vom (auch überschätzten) Einer
flog über das Kuckucksnest haben
mag, ist noch um einiges schärfer als jede Szene dieses Films, der sich
zielstrebig auf die Anpassung einer Heldin zubewegt.
Davor braucht man allerdings noch eine Quelle des
Bösen: Angelina Jolie als Lisa, oscargekrönt wohl eher dafür,
daß sie als einzige Leben in diesen Film bringt, als dass sie ihrer klischeehaften
Rolle einen wirklichen Charakter abgewinnen könnte, wird hier schön
sorgfältig zur Schurkin aufgebaut. Man kennt das ja: Diese unangepassten
Typen sind sooo cool, aber eigentlich bringen sie nur Unglück über
alle. Folgerichtig erkennt Susanna nach verfehlter Bewunderung, wie böse
Lisa wirklich ist (vorsichtshalber lässt sie das Drehbuch noch eins der
anderen armen Hascherln in den Tod treiben, um auch sicherzugehen) - "Dein
Herz ist so kalt" lautet die ultimative Einsicht. Toll gesagt: Wo man auf
dem Sanatoriumsgang ein wenig "Downtown" klampft, um Tränen der
Rührung zu erzeugen (nur das Lagerfeuer fehlt), hat Kontraproduktivität
keinen Platz.
Hier geht es nämlich gar nicht mehr um Heilung
oder auch nur Persönlichkeitsängste (das wird einem hier zwar ständig
erzählt, aber es wirkt mehr wie eine Entschuldigung, um die Unfähigkeit
der Drehbuchkonstruktion zu rechtfertigen), hier geht es darum, Winona Ryder
viel Gelegenheit zu geben, ihren rehäugigen Blick aufzusetzten, Sätze
wie "Die machen dich fertig. Die Zeiten ändern sich." als Gedanken
auszugeben, und ansonsten ein paar frische und ein paar bekannte Gesichter durch
so peinlich vorhersehbare Szenen zu zwängen, wie sie selbst in den täglichen
Arztserien nur mehr den unangenehmen Beigeschmack von abgestandenem Flickwerk
produzieren könnten.
Wie dieser Film aussehen hätte können,
hätte er zumindest Inszenierungsqualitäten, davon gibt der derzeit
ebenfalls in den Kinos laufende Die
Neue Eva eine ungefähre Vorstellung.
Durchgeknallt
aber wird seinem miesen Drehbuch voll gerecht: Abwechselnd wird hier die Tränendrüse
massiert, weil man sonst keine Empfindungen für diese Pappendeckelfiguren
aufbringen könnte oder in nutzlosen Überblendungen Verwirrung behauptet,
wo nur Leere herrscht (die Übergänge kleistert man mit Soundtrackfetzen
zu). Nur von seiner eigenen Überflüssigkeit handelt dieser Film, der
seine eigenen Unsicherheiten als die seiner Hauptfigur ausgeben will - man kann
sich nicht wundern, wenn es dem Zuschauer irgendwann so geht wie Lisa, die wieder
einmal zur Handlungsankurbelung einen Anfall hat und wild um sich schlägt,
während sie schreit: "Ich halt das nicht aus!"
Christoph Huber
Dieser Text ist
zuerst erschienen in www.allesfilm.com
Durchgeknallt (1999)
GIRL,
INTERRUPTED
USA
- 1999 - 127 min. - Verleih: Columbia TriStar- Produktionsfirma: Red Wagon Prod.
- Produktion: Douglas Wick, Cathy Konrad
Regie:
James Mangold
Buch:
James Mangold, Lisa Loomer, Anna Hamilton Phelan
Vorlage:
nach einem Roman von Susanna Kaysen
Kamera:
Jack N. Green
Musik:
Mychael Danna
Schnitt:
Kevin Tent
Darsteller:
Winona
Ryder (Susanna Kaysen)
Angelina
Jolie (Lias)
Clea DuVall
(
Brittany
Murphy (Daisy)
Elizabeth
Moss (Polly)
Jared Leto
(Tobias)
Jeffrey Tambor
(Dr. Melvin Potts)
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