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Eine
Dame verschwindet
Herriman's
Kräutertee und die Folgen
Tohuwabohu.
Koffer stürzen in ein kleines Hotel und an ihren Händen Menschen aller
Art. Die Zimmerzahl allerdings ist begrenzt; und Boris (Emile Boreo), der Hotelmanager,
hat alle Hände voll zu tun, die unerwarteten Gäste, deren Zug wegen
der durch Schnee blockierten Strecke nicht weiterfahren kann, für eine
Nacht unterzubringen.
Schon
diese Anfangsszenerie in Hitchcocks Kriminalkomödie aus dem Jahr 1938 deutet
auf die ihm eigene Fähigkeit hin, dieses gewisse Etwas an Tragik und Komik
spannungsgeladen miteinander zu verbinden, für das der britische Regisseur
so bekannt werden sollte. Im Hotel ist alles versammelt, was an britischen Charakteren
so versammelt werden kann:
- die
beiden Gentlemen Caldicott (Naunton Wayne) und Charters (Basil Radford), die
nur eines im Kopf haben: Cricket. Das einzige, was sie befürchten, ist,
ein Spiel zu verpassen, was am nächsten Tag in der Heimat ausgetragen wird;
- die
redselige, aber nichtsdestotrotz sympathische und hilfsbereite Gouvernante Miss
Froy (Dame May Whitty);
- der
Musiker und Schriftsteller Gilbert Redman (Michael Redgrave), der seine Mitmenschen
mit lautem Klarinettenspiel nervt, insbesondere
- die
Schönheit des Films, Iris Matilda Henderson (Margaret Lockwood), die daheim
in den Stand der Ehe zu treten gedenkt;
- das
Pseudoehepaar Todhunter, d.h. der in der Öffentlichkeit stehende und darum
um seinen Ruf besorgte Mr. Todhunter (Cecil Parker) und seine Geliebte, die
sich als Mrs. Margaret Todhunter (Linden Travers) ausgibt.
Geschickt
versteht es Hitchcock, uns diese Personen in den ersten 25 Minuten bekannt zu
machen:
- die
leicht zynischen Cricket-Fans, die im Zimmer der Hotelangestellten Anna (Kathleen
Tremaine) einquartiert werden, einer Frau, die des öfteren die deswegen
leicht verstimmten Herren aufsucht, um sich umzuziehen oder etwas zu holen.
- Iris,
die von Gilbert "belästigt" wird - weil sie sich über seine
Musik beschwert hat -, der wiederum mit an absolute Frechheit grenzender Selbstverständlichkeit
sich in ihrem Zimmer einquartieren will - Motto: "Auge um Auge, Zahn um
Zahnbürste."
- Und
last but not least das "Ehepaar" Todhunter, das sich offenbar nur
streiten kann, bedacht darauf, von anderen dabei nicht bemerkt zu werden.
Wir
befinden uns auf dem Balkan, in dem uns allen bekannten Land "Bandrika",
dem Zentrum des Balkans, in dem alle nur bandrikanisch sprechen - außer
dem Hotelmanager, der des Englischen mächtig ist. Bandrika kennen Sie nicht?
Das ist eine Bildungslücke! Egal. Bevor am nächsten Morgen jedenfalls
der Zug abfahren kann, geschehen zwei merkwürdige Dinge: einem Volkssänger
Bandrikas wird des nachts beim Singen das Lebenslicht ausgeknipst, und am Morgen
fällt der armen Iris ein Blumentopf auf den Kopf. Sie überlebt. Die
Fahrt kann beginnen und alle sind froh.
Alles
übrige spielt sich nun - wie so oft bei Hitchcock - im Zug ab. Hitchcock
liebt Züge und ich auch. Iris und Miss Froy kommen ins Gespräch, betreten
das Restaurant, trinken Tee - gebrüht aus einem Teebeutel der alten Dame
- und stören die beiden Cricket-Fanatiker, als die aus Zuckerstückchen
gerade ein wichtiges Spiel aufbauen, durch die Frage: "Könnten wir
bitte den Zucker haben?" So etwas kann schwer wiegen - zumindest bei Cricket-Fans.
Noch
leicht benommen von dem Blumentopf und müde der Anstrengungen der letzten
Stunden schläft Iris im Abteil ein. Als sie wieder erwacht, ist Miss Froy
verschwunden. Das allein wäre keine Rede wert. Doch alle behaupten, eine
Miss Froy nie gesehen zu haben - sowohl der Zauberkünstler Signor Doppo
(Philip Leaver) und seine Frau (Zelma Vas Dias), als auch die im Abteil sitzende
Baroness Nisatona (Mary Clare). Und selbst unsere beiden Cricket-Gentlemen und
das "Ehepaar" Todhunter verleugnen die Existenz der alten Dame.
Iris
ist verzweifelt - zumal ihr der im Zug anwesende Dr. Hartz (Paul Lukas) bescheinigt,
ein Schlag auf den Kopf könne in manchen Fällen Halluzinationen auslösen.
Selbst der gar nicht so üble Gilbert, der zunehmend Gefallen an Iris findet,
glaubt der jungen Frau zunächst nicht - bis, ja "bis" wäre
schon zu viel verraten ...
Hitchcock
lässt den Zufall ebenso spielen wie die Vorbehalte und egoistischen Interessen
einzelner und die bösen Absichten anderer, um Iris als jemand da stehen
zu lassen, die sich etwas einbildet. Ein Schriftzug auf der Scheibe im Restaurant
verschwindet, als der Zug einen Tunnel durchfährt; Miss Froys Teebeutelverpackung
(Marke Herriman) ist plötzlich aus der Küche verschwunden; die beiden
Cricket-Fanatiker wollen von Miss Froy nichts wissen, weil sie und Iris ihr
Cricket-Zückerchen-Strategiespiel jäh abgebrochen haben; "Mrs."
Todhunter, die zunächst auch Gilbert gegenüber zugegeben hatte, Miss
Froy zu kennen, ändert ihre Meinung, weil Mr. Todhunter durch eine Zeugenaussage
Wirbel um seine Person befürchtet - schließlich ist der Gute verheiratet.
Doch
so unvermittelt angebliche Beweismittel sich in Luft auflösen - oder aufgelöst
werden? -, so wenig die anderen Reisenden von einer Miss Froy wissen wollen,
so rasch erscheinen dann plötzlich wiederum neue Aussagen, neue oder auch
alte Indizien. Ein munteres Geplänkel zwischen Iris und Gilbert im Gepäckwagen
zwischen lauter Zauberutensilien und Signor Doppo tut ein übriges, um Gilbert
davon zu überzeugen: Miss Froy muss sich noch im Zug befinden.
Durch
dieses Hin und Her in der Enge eines Zuges, zwischen Abteilen und Restaurant,
Gängen und Gepäckwagen entsteht eine Spannung, die sich zudem auch
daraus ableitet, dass wir genau wissen, dass Miss Froy existiert und irgend
etwas faul ist im Staate Dänemark respektive Bandrika. Doch auch die ersten
beiden, "sanften" Hinweise - der Tod eines Volkssängers und der
unsägliche Blumentopf - lassen uns lange Zeit noch im Ungewissen, bis,
ja bis ...
Dass
sich aus der anfänglich so komödienhaft anmutenden Geschichte später
eine handfeste Spionagegeschichte entwickelt, heißt übrigens nicht,
dass das Komische mit zunehmender Zeit seine Bedeutung verliert. Bis zum Schluss
bleiben Dialogwitz und Ironie erhalten - und das ist gut so in einem Film, den
ich (neben "Rebecca")
für Hitchcocks besten der Vorkriegszeit erachte. Der Film ist spannend
und amüsant und kann sich auch heute noch vielen Gegenwartsfilmen gegenüber
mehr als behaupten.
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist vorher erschienen bei:
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diesem Film gibt’s im archiv
der filmzentrale mehrere Kritiken
Eine
Dame verschwindet
(The
Lady Vanishes)
Großbritannien
1938, 92 Minuten
Regie:
Alfred Hitchcock
Drehbuch:
Sidney Gilliat, Frank Launder, nach dem Roman von Ethel Lina White ("The
Wheel Spins")
Musik:
Charles Williams
Kamera:
Jack E. Cox
Schnitt:
R. E. Dearing
Darsteller:
Margaret Lockwood (Iris Matilda Henderson), Michael Redgrave (Gilbert Redmann),
Paul Lukas (Dr. Hartz), Dame May Whitty (Miss Froy), Cecil Parker (Eric Todhunter),
Linden Travers ("Mrs." Margaret Todhunter), Naunton Wayne (Caldicott),
Basil Radford (Charters), Mary Clare (Baroness Isabel Nisatona), Emile Boreo
(Boris, Hotelmanager), Googie Withers (Blanche), Sally Stewart (Julie), Philip
Leaver (Signor Doppo), Zelma Vas Dias (Signora Doppo), Catherine Lacey (Nonne),
Josephine Wilson (Madame Kummer),Charles Oliver (Offizier), Kathleen Tremaine
(Anna, Hotelangestellte)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0030341
©
Ulrich Behrens 2005
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