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Ein Ticket für Zwei
Ein
Buddy-Film zwischen Komödie und Melodram
Der
Buddy-Film ist eines der letzten großen Mysterien Hollywoods, seit langem
immens erfolgreich, doch nach wie vor kaum erforscht. Immerhin widmete Thomas
Koebner in seinem 2002 bei Reclam erschienenen „Sachwörterbuch des Films“
rund anderthalb Seiten diesem Stiefkind der internationalen Filmgeschichtsschreibung
– freilich, um den ansonsten so geflissentlich angefügten Verweis auf entsprechende
Forschungsliteratur zum Thema schuldig zu bleiben. Was also macht es so schwierig,
über Buddy-Filme zu schreiben? Nun, vermutlich die Tatsache, dass man es
hier mit einer Kategorie filmischer Wahrnehmung zu tun hat, die sich einem objektiv-analytischen
Blick zu entziehen scheint, die sich nicht durch Methoden der Kameraführung,
der Montage oder der Mise en Scène erfassen lässt. Wenn auf der
großen Leinwand Geschichten erzählt werden von tiefen zwischenmenschlichen
Bindungen, davon, wie zwei zumeist völlig unterschiedliche Individuen sich
trotz aller charakterlichen Divergenzen immer wieder zusammenraufen – weil sie
eben doch nur miteinander zum Ziel kommen können, weil sie einander auf
Gedeih und Verderb benötigen – dann ist man filmwissenschaftlich betrachtet
sehr schnell mit seinem analytischen Vokabular am Ende. Statt über Einstellungsgrößen,
Kostüme oder musikalische Untermalung nachzudenken, gerät man hier
sehr schnell ins Reich der Phrasendrescherei und spricht von einer „geheimnisvollen
Magie“, die zwei Schauspieler miteinander verbinde, von „blindem Einverständnis“
oder „passender Chemie“. Und vielleicht ist das nicht einmal das Schlechteste.
Denn schließlich ist Film mehr als nur die Summe seiner inszenatorischen
Teile, mehr als nur eine Haufen technischer Kabinettsstückchen oder intellektueller
Abstraktion.
Anschaulich
gesprochen gleicht das Kino einem Zug, der nur auf den Gleisen der Emotion im
Bahnhof des Betrachters einläuft, einer Dampflok, die fröhlich pfeifend
und mit Gänsehaut erzeugender Turbulenz immer wieder die Geschwindigkeit
variiert und den Fahrgast in einen wahren Rausch der Bilder versetzt – Bilder,
die nach und nach an den Abteilfenstern vorbeirauschen, so als sei eine gesamte
Landschaft nur zum Zwecke individuellen Sinnentaumels komponiert. Zweifellos
gibt es Ausnahmen: Problem- und Essayfilme, engagierte, sozialkritische Filme,
Filme von Bergman, Ken Loach und Tarkowskij, Filme wie „Schindlers Liste“ oder Hans Dieter Grabes bestürzender Dokumentarbericht
„Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“. Doch die bereist man nicht im Zug.
Dafür braucht es gefährlichere, extremere Fortbewegungsmittel, wie
den Ozeandampfer, der im Polarmeer zwischen herumdriftenden Eisbergen manövriert,
oder das Flugzeug, bei dem man immer mit etwas mulmigem Gefühl an Bord
geht. Der herkömmliche Unterhaltungsfilm aus Hollywood allerdings kommt
auf Schienen zu uns, gemächlich und auf vorgegebener Wegstrecke. Und hier
gilt eben, an Schauwerten möglichst nicht zu sparen, sondern den Zuschauern
etwas zu bieten – eskapistisches Wohlgefühl, sensuelle Massagen, warme
Wolldecken, die einen umhüllen in kalter Winternacht. Und was könnte
es da Besseres geben als einen Film, der ausschließlich an das Beste im
Menschen appelliert und gleichzeitig das Wenigste (nämlich nicht einmal
die Heirat) dafür einfordert: das Buddy Movie eben.
Einfacher
und zugleich schwieriger geht es wahrlich kaum: Man finde zwei Darsteller, die
auf der Leinwand auf „magische“ Art und Weise miteinander interagieren, die
ihren Text, ihre Mimik und Gestik so aufeinander abstimmen, dass es unweigerlich
„Klick“ macht, dass es anrührt, bezaubert, den Zuschauer überwältigt
– nur durch einen Blick, eine Handbewegung, ein Augenrollen. Dienlich ist es
dabei, so würde man denken, wenn diejenigen, die da nur durch ihr Spiel
den Film zum Erfolg verhelfen sollen, sich auch privat gut verstehen, am Ende
gar befreundet sind. Doch wirkliche Voraussetzung ist das nicht: Schaut man
sich die Pioniere des „Buddy“-Movies mal an, die großen Komikerduos der
Filmgeschichte, dann muss man fast erstaunen: Stan Laurel und Oliver Hardy trennten
fast ihre gesamte Laufbahn lang sorgfältig zwischen Berufs- und Privatleben
und trafen sich erst im Alter auch nach Drehschluss hin und wieder zum kleinen
Plausch, Carl Schendstrøm und Harald Madsen (alias „Pat und Patachon“)
entzweiten sich ebenso wie Bud Abbott und Lou Costello oder Jerry Lewis und
Dean Martin im Streit um gegenseitige Übervorteilungen und auch Bud Spencer
und Terence Hill machten aus ihrem unterschiedlichen privatem Naturell kein
Geheimnis.
Harmonischer
ging es hingegen zu bei den unzertrennlichen Freunden Jack Lemmon und Walter
Matthau, auch bei den „Lethal Weapon“-Cops Mel Gibson und Danny Glover oder
dem Franzosen Fernandel und dem Italiener Gino Cervi alias „Don Camillo und
Peppone“. Je mehr die beiden Buddies auch beruflich als eigenständige Schauspieler
etabliert sind, so lässt sich anhand dieser Liste folgern, je mehr gelingt
es auch, die gemeinsame Spielfreude auf Dauer aufrecht zu erhalten.
Und
dann sind da noch die Fälle, bei denen man sich unweigerlich fragt, warum
nicht mehr aus dem offensichtlichen Potential gemacht wurde. Da wäre zum
Beispiel das Gespann Robert Redford / Paul Newman, die gemeinsam mit Regisseur
George Roy Hill zwei unvergleichliche Klassiker des Buddy-Films schufen („Zwei
Banditen", 1969, „Der Clou“, 1973) und seitdem nie mehr wieder gemeinsam vor die Leinwand
traten. Da wären John Travolta und Samuel L. Jackson, deren bizarre Gespräche
und gestylte Coolness aus „Pulp Fiction“ (1994) in Rekordgeschwindigkeit den Olymp des popkulturellen
Zitatenschatzes erklommen, und da wären nicht zuletzt auch Steve Martin
und John Candy, die 1987 gemeinsam den Film „Ein Ticket für Zwei“ drehten
und damit ein ganz großes Buddy Movie der achtziger Jahre ablieferten.
Leider erhielt auch dieses sympathische Gespann keine Chance auf ein weiteres
gemeinsames Werk, zumal John Candy bereits 1994 verfrüht an Herzversagen
starb. So bleibt „Ein Ticket für Zwei“ einzigartiges Vermächtnis eines
wunderbaren schauspielerischen Einverständnisses zwischen zwei begnadeten
Darstellern, die die ausgelassene Komödie genauso beherrschten wie den
emotionalen Tear-Jerker. Dieser Film ist deshalb so herzergreifend, weil er
in gleichem Maße zu Tränen wie zu Gelächter anrührt, weil
er zeigt, wie schön das Leben sein kann, wenn man sich zusammenreißt
und versucht, ein guter Mensch zu sein – weil er aber auch zeigt, welche Schicksalsschläge
es für jedermann bereit hält, zu wieviel Traurigkeit es manchmal Anlass
gibt.
Eine
kurze Inhaltsskizze: Steve Martin spielt den unter Stress stehenden Werbetexter
Neal Page, der kurz vor Thanksgiving verzweifelt versucht, pünktlich zum
Fest nach Hause zu kommen. Doch ein jäher Wintereinbruch macht seine Reisepläne
zunichte. Unterwegs wird sein Weiterflug gecancelt und immer wieder erlebt Neil
auf seinem Weg zur heimischen Festtagsidylle jähe Rückschläge:
Taxis werden ihm vor der Nase weggeschnappt, Mietwagen stehen nicht an vereinbarter
Stelle, Züge werden durch technische Probleme an der Weiterfahrt gehindert.
Dass Neil am Ende doch noch wohlbehalten zuhause ankommt, hat er vor allen Dingen
einem Mann zu verdanken: dem übergewichtigen Duschring-Vertreter Del Griffith,
der ihm in kurioser Hartnäckigkeit immer wieder über den Weg läuft
und ihm Mal auf Mal eine neue verwegene Mitreisemöglichkeit anbietet.
Zunächst ist der Businessman Neil von der unermüdlich vor
sich hin brabbelnden Nervensäge Del alles andere als angetan, was er diesen
auch mit zunehmender Deutlichkeit wissen lässt. In der Tat zieht Candy
als naiver Einfaltspinsel alle Register seines Könnens, erlaubt ihm John
Hughes frisches Drehbuch Gelegenheit zu mancherlei Kabinettsstückchen.
Wenn er den ihm sozusagen hilflos ausgelieferten Neil in der Tourismusklasse
eines Flugzeugs mit den enervierendsten Geschichten bombardiert und das Desinteresse
seines Sitznachbarn einfach nicht zur Kenntnis nehmen will, dann sieht sich
jeder Zuschauer mit seinen schlimmsten Reise-Ängsten konfrontiert. Steve
Martin verleiht diesem Unmut immer wieder vorzüglich ein Gesicht. Mal auf
Mal entgleiten ihm sein Gesichtsmuskeln angesichts des üblen Spiels, das
das Schicksal nur allzu augenscheinlich mit ihm spielt. Doch letztlich kapituliert
er vor dem Mitteilungsbedürfnis seines Kompagnons. Ganz behutsam, Schritt
für Schritt und Nuance auf Nuance gleitet Martins Spiel von der angewiderten
Abneigung hinüber zur geduldigen, wenn auch zum Teil ungläubigen Toleranz,
während John Candy seine nervige Tanzbärentapsigkeit in einer gegenläufigen
Annäherungsbewegung feinfühlig auf ein erträgliches Niveau herunterfährt.
Diese
zwei, das wird schon bei Ihrem ersten Aufeinandertreffen klar, passen eigentlich
nicht zusammen und doch sind sie auf zunächst nicht greifbare Art und Weise
füreinander bestimmt. Was schon für Laurel und Hardy galt, erweist
sich auch hier als unwiderstehliches Erfolgsgeheimnis: Steve Martins und John
Candys Figuren sind dermaßen diametral entgegengesetzt, dass sie sich
immer wieder ganz wunderbar ergänzen. Indem sie sich gegenseitig ihre Schwächen
Mal auf Mal bewusst machen, helfen sie einander, sie sich selbst erst einzugestehen
und so zu „besseren“ Menschen zu werden. Neils Hartherzigkeit und sein trockener
Zynismus werden durch Dels unerschütterlichen Frohsinn dabei ebenso langsam
aber sicher ad absurdum geführt, wie Dels blindwütiger und nicht selten
fataler Aktionismus durchs Neils geradezu mäeutisch zu nennenden Standpredigten.
Am Ende des Films haben diese beiden so unterschiedlichen Individuen ihre Lektion
gelernt, sind sie durch die gemeinsame Reise reifer und besonnener geworden.
Mit sanfter, überaus berührender Intimität meistert Candy Dels
unsagbar traurige verbale Selbstgeißelung als Nervensäge und Chaot,
die Regisseur Hughes mit untrüglichem Gespür in einem ausgebrannten
Wagen inmitten dichten Schneegestöbers inszeniert. Und in gleicher Art
und Weise brilliert Steve Martin als fassungsloser, zunehmend verlotternder
und zeitweise in den Wahnsinn abgleitender Familienvater der „Upper Class“,
der am Ende dem eigenen Gewissen den Sieg beschert. Als Lohn kehren sie gemeinsam
heim, Neil mit einem neuen Freund an der Seite, der heimatlose Del in den Kreis
einer neuen Familie. Und unter den Klängen von Ira Newborns herrlich arrangiertem
Score („Everytime You Go Away“) ist am Ende alles, alles gut.
Mit
„Ein Ticket für Zwei“ gelang John Hughes ein poetisches und sehr besinnliches
Märchen für kalte Winterabende, das zeigt, wie schön die Welt
manchmal sein könnte, wenn der „Thanksgiving“-Gedanke, den sein Film so
herzzerreißend feiert, doch das ganze Jahr über anhielte. Und das
rührende Duo Steve Martin und John Candy ist nichts weniger als der anschauliche
Beweis dafür, dass die Geschichte einer Männer-Freundschaft mit Leichtigkeit
neben den großen „Love Stories“ Hollywoods bestehen kann.
Christian
Heger
Ein Ticket für Zwei
Planes, Trains and Automobiles
USA 1987 – Regie / Drehbuch / Produktion: John Hughes – Kamera:
Don Peterman – Musik: Ira Newborn – Schnitt: Paul Hirsch – Darsteller: Steve
Martin (Neil Page), John Candy (Del Griffith)
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