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Ein Zombie hing am Glockenseil
In der kleinen Stadt Dunwich begeht
der Ortspfarrer auf dem heruntergekommenen Friedhof Selbstmord. Daraufhin geschehen
merkwürdige und unheimliche Dinge in der kleinen Stadt. Die Bewohner haben
längst vergessen, daß sich unter dem Friedhof die Ruinen der Hexenstadt
Salem befinden; und wie in einem 4000 Jahre alten Buch der Priesterselbstmord
prophezeit wurde, so öffnet sich auch das Tor zur Hölle. In einer
Gewitternacht erheben sich die Toten aus ihren Gräbern und terrorisieren
die Einwohner. Das junge Medium Mary Woodhouse (Catriona MacColl) und der Reporter
Peter Bell (Christopher George) gehen dem unheimlichen Geschehen nach und versuchen
dem Spuk ein Ende zu bereiten. Laut der alten Legende können die lebenden
Toten nur aufgehalten werden, wenn deren Anführer, der Pfarrer des verfluchten
Orts, gefunden und vernichtet wird. Mit Hilfe des Psychiaters Gerry (Carlo De
Mejo) stellen sie sich dem Dämon in einem unterirdischen Kreuzgang zum
Kampf...
„The
soul that pines for eternity shall outspan death. You, dweller of the twilight
void come. Dunwich“
Nur ein Jahr nach seinem Horrordebüt
Zombi 2 (Woodoo
– Die Schreckensinsel der Zombies)
kehrte Lucio Fulci mit Paura
nella città dei morti viventi
mit einem Paukenschlag zurück. Die Produktionsstätte Dania Films schielte
nicht nur mit Fulci auf einen erneuten Erfolg, sondern verpflichtete auch das
gleiche Filmteam: Erneut zeichnete sich Dardano Sacchetti, der dieses Mal offiziell
in den Stab aufgenommen wurde, für das Drehbuch verantwortlich, an dem
Fulci selbst noch etwas werkelte; und Giannetto De Rossi wühlte ebenfalls
wieder in seiner Trickkiste, während Sergio Salvati ein zweites Mal hinter
der Kamera stand. Aber trotz des großen Erfolgs des Vorgängerfilms
ist die vorliegende Arbeit erstaunlicherweise weder eine Fortsetzung noch eine
Variation des Erstlings. Und damit brach der gute Fulci sozusagen den regelhaften
Typus im italienischen Filmgeschäft, Gewinn bringendes neu aufzuwärmen.
Mit Paura gelang es dem Regisseur, eine recht
spannungsgeladene und zudem mit Anleihen an die Werke H.P. Lovecrafts versehene
Geschichte zu erzeugen, jedoch fernab jeglicher Logik. Hier wird deutlich auf
eine geschlossene Story verzichtet und sich vielmehr einem visuellen Bilderrausch
hingegeben. Dies führt auch dazu, daß kaum eine ausführliche
Vorstellung, geschweige denn eine tiefgründige Weiterentwicklung der Charaktere
zu finden ist. So bilden Catriona MacColl als junge Frau mit medialen Fähigkeiten
und der von Christopher George (bekannt aus dem 1976 entstandenen Tierhorrorschocker
Grizzly) gespielte nüchterne Reporter
die zentralen, jedoch recht identifikationslosen Protagonisten, dicht gefolgt
von Carlo De Mejo als Psychologe und Janet Agren als seine Freundin und Patientin.
Alle miteinander legen, gemessen an diesem filmischen Niveau, eine recht solide
schauspielerische Leistung ab, können allerdings nicht mehr aus ihren Figuren
herausholen als eine etwas tiefere Statistenrolle, die lediglich als menschliches
Bindeglied für die Schreckensvisionen dienen. Die restlichen Darsteller
bewegen sich auf einer eher unterdurchschnittlichen Ebene und geben in unwichtigen
Teilen (z.B. die Szenen in der Dorfkneipe) kaum mehr als verbalen Schwachsinn
von sich. Am Rande erscheint auch Lucio Fulci in einer kurzen Rolle als Gerichtsmediziner.
Dennoch schafft es der Film den
Zuschauer in eine Art horriblem Kreislauf von prägnanten Szenen eintauchen
zu lassen. Die aufbrechende Wand in der Kneipe, der urplötzliche Sturm,
der Tonnen von ekligen Maden auf die Darsteller schleudert; und natürlich
die Szene, in der Christopher George mit Hilfe einer Spitzhacke die in einem
frisch ausgeschaufelten Grab und in einem Sarg lebendig begrabene, vor panischer
Todesangst schreiende Catriona MacColl rettet, bleiben unvergessen und sind
unbestreitbar Höhepunkte von Paura. Ebenso die düster fotografierten
Locations in den Gassen und Straßen, in der u.a. ein kleiner Junge von
den Zombies verfolgt wird, haben im weitesten Sinne beinahe Auswüchse des
Film Noir der 40er Jahre. Doch trotz aller positiv beeindruckenden Ansätze
sollte man nicht vergessen, daß dieser Film, wie auch seine Nachfolger,
ein Kommerzprodukt ist. Obschon die soeben aufgezählten Details eine höhere
Wertung durchaus rechtfertigen. Nichtsdestotrotz dient die Story innerhalb der
stilvollen Optik auch dazu, die Darstellung der vermeintlich publikumswirksamen
Splatterszenen einzusetzen und so den damaligen Erwartungshaltungen auch entgegen
zu kommen. Das hat zur Folge, daß hier zum ersten Mal Ansätze eines
eigenen filmischen Stils erkennbar sind, die Fulci mit seinen Folgearbeiten
inniger verfolgen und insbesondere in seinem persönlichen Meisterwerk L’aldilà (Über
dem Jenseits / Die Geisterstadt der Zombies)
von 1981 perfektionieren sollte.
Fulci beginnt hier erstmals zu experimentieren,
die Tiefen der Horrormythologie und -metaphysik zu erforschen. Die Sage der
antiken Hexenstadt Salem und die Prophezeiungen aus den finsteren Anfängen
der Menschheit dienen genauer betrachtet mehr als Aufhänger und werden
keinesfalls tiefer untersucht. Dafür erinnern die Szenen, in der die weiblichen
Akteure mit dem dämonischen Priester intensiven Augenkontakt pflegen, bis
ihnen blutige Tränen über die Wangen fließen, an die hypnotischen
Sequenzen der Dracula-Filme der britischen Hammer Film-Studios. Auch drängt
sich förmlich eine augenfällige Hommage an den klassischen Gotikhorror
auf, was im Finale allzu deutlich wird. Denn dort offenbart sich das unterirdische
Friedhofsgewölbe in einem stimmungsvoll ausgeleuchteten und in kräftigen,
mal kühlen, mal warmen Farben getränkten Setdesign, in dem dicke Spinnweben
und Skelette von der Felsendecke baumeln. Selbst die endgültige Vernichtung
der lebenden Toten bedient sich klassischer Mittel und so verfallen die Zombies
zu Asche, nachdem sie hübsch in Flammen aufgegangen sind. Das visuelle
Endresultat wäre aber weniger gut, wenn die perfekt ergänzende Filmmusik
von Fabio Frizzi nicht vorhanden wäre. Denn Frizzis synthetische Mixtur
aus Gruselscore und 70er Jahre Synthie-Pop, die mit düsteren, textlosen
Chorälen verfeinert wurde, untermalt die Atmosphäre doch ungemein
und erzeugt ferner einen nicht unbeachtlichen Anteil am Spannungsaufbau.
Apropos Zombies. Diese spielen in
Paura eine eher untergeordnete Rolle
und fügen sich gerade deshalb harmonisch in die Surrealität ein, die
den ganzen Film durchzieht. Die lebenden Toten zeigen sich nicht ausschließlich
stapfender Weise, sondern springen schon mal geübt von Häuserdächern,
treiben ein schauriges Versteckspiel mit den Protagonisten, um danach ihr spontanes
Auftauchen ebenso plötzlich wieder rückgängig zu machen. Doch
dabei bleibt es nicht und Fulci schickt De Rossi ins Spiel. Dieser läßt
in genüßlichem Ausmaß nicht nur Blut aus den Augen von Darstellerin
Daniela Doria träufeln, sondern sie obendrein auch Innereien hervorwürgen.
Diese Szene zeigt, obwohl man sieht, daß es sich um eine Puppe handelt,
unbestreitbar den mitunter wirkungsvollsten Effekt des Films; und das hervorkommende
Ekelgefühl wird durch die Verstärkung verschiedener Geräuscheffekte
immens verstärkt. Dieses Stilmittel fand ja bereits in Zombi
2 seine Verwendung
und wird auch hier reichlich ausgekostet. Zusätzlich wird das unsichtbare
Grauen durch extrem aufdringliche und monströs klingende Schreie und Stöhnlaute
akustisch umgesetzt und die Außenszenen werden mit dem Gezwitscher tropischer
Vögel und anderem Getier versehen, was der ohnehin getilgten Natürlichkeit
noch weitreichender zu schaden kommt. Weiterhin wiederholt sich eine offensichtlich
beliebte Tätigkeit der Untoten, die sich darin zeigt, daß sie ihren
Opfern das Hirn aus dem Schädel quetschen. In diesem Zusammenhang sei der
damals noch weit unbekannte Michele Soavi, der 1987 mit seinem Spielfilmdebüt
Deliria (Aquarius
– Theater des Todes)
einen bemerkenswerten Slasherfilm inszenierte und spätestens mit seinem
1994 entstandenen, genialen Meisterstück Dellamorte
Dellamore zu
den letzten Hoffnungen der alten italienischen Horrorfilm-Schule gehört.
An Brutalität und Realismus kaum zu übertreffen ist gewiß die
berüchtigte Szene mit dem Drillbohrer, der Giovanni Lombardo Radice, der
kurze Zeit später mit Ruggero Deodatos La
casa sperduta nel parco
(Der Schlitzer, 1980), Antonio Margeritis Apocalypse domani (Asphalt-Kannibalen, 1981) und natürlich Umberto
Lenzis Cannibal
ferox (Die Rache der Kannibalen, 1981) den Splatterfans ein bekanntes
Gesicht wurde, extrem schmerzhafte Kopfschmerzen zufügt.
„Die Hölle, die Sie in
diesem Film erleben, macht Ihren Kinosessel zum elektrischen Stuhl!“ (Deutsche
Werbezeile)
Unter anderem hat diese Szene dazu
geführt, daß besorgte Eltern und Jugendschützer auf die Palme
gingen und fortan ein Auge auf Fulci und seine „Machwerke“ warfen. Der Regisseur
verteidigte sich in einem Interview damit, daß der Hintergrund dieses
Effektes ein „Schrei gegen den Faschismus“ sei. Gut, mit genügend ausschweifender
Überlegungskraft kann man in diesem Statement gewisse Parallelen zu der
hier stattfindenden Auseinandersetzung zwischen dem voreilig besorgten, aber
reaktionären Vater und dem zurück gebliebenem Dorfjüngling erkennen,
aber innerhalb der eindeutigen Darstellungsweise bleibt dieser Erklärungsversuch
auf der Strecke. Ein Umstand, den deutsche Staatsanwälte damals sicherlich
genauso sahen und dies sogar mit Gewaltverherrlichung gleichsetzte und den Film
kurzerhand nach §131 StGB beschlagnahmten. Sicherlich scheint der beschriebene
Effekt zum Teil überflüssig, aber die F/X-Einlagen überbrücken
gewisse Längen im Handlungsverlauf. Daß dies für die deutschen
Bürger aber noch lange keine Rechtfertigung zu sein schien, wird an dem
Beschlagnahmebeschluß mehr als deutlich. Es folgte eine entschärfte
und FSK-freigegebene Videofassung mit dem Titel Ein
Toter hing am Glockenseil
(76 Min.), die ebenfalls bundesweit verboten wurde. Erst im dritten Anlauf schaffte
es der Streifen in den Videotheken zu verweilen, unter dem Namen Eine Leiche hing am Glockenseil (75 Min.). Daß diese Fassungen
jegliche Gore-Effekte vermissen lassen, dürfte offensichtlich sein. Anzumerken
sei außerdem, daß die deutsche Kinofassung und die nachfolgenden
Videoveröffentlichungen gegenüber der italienischen Originalversion
um gut neun Minuten an Handlungs- und Dialogszenen kürzer waren. Im Ausland
kam Fulcis Paura
nella città dei morti viventi
deutlich besser weg. Die Einspielergebnisse waren überzeugend und auf dem
Festival des Phantastischen Films gewann der Film 1980 den Publikumspreis.
Björn Thiele
Diese
Besprechung ist auch erschienen in:
Ein
Zombie hing am Glockenseil
Originaltitel:
Paura nella città dei morti viventi
Alternativtitel:
Blood
Orgy (Alternativtitel USA)
aka.
City of the Living Dead (GB)
aka.
Entrada al infierno (Videotitel Spanien)
aka.
Fear in the City of the Living Dead
aka.
The Fear
aka.
Frayeurs (La paura) (Frankreich)
aka.
The Gates of Hell (USA)
aka.
Eine Leiche hängt am Glockenseil (Alternativer Videotitel Deutschland)
aka.
Miedo en la ciudad de los muertos vivientes (Spanien)
aka.
Pater Thomas (Bootleg-Titel Europa)
aka.
La paura (Arbeitstitel)
aka.
Die Stadt der lebenden Toten (Bootleg-Titel Deutschland)
aka.
Ein Toter hängt am Glockenseil (Alternativer Videotitel Deutschland)
aka.
Twilight of the Dead (Alternativtitel USA)
Produktionsland/-jahr:
Italien 1980
Deutsche
Erstaufführung: 11. September 1980
Verleihfirma:
Alemannia/Arabella
Altersfreigabe:
ab 18 Jahre
Bildformat:
1.85:1 (35mm)
Laufzeit:
89 Minuten (PAL)
Regie:
Lucio Fulci
Produktionsfirma:
Dania Film, Medusa Distribuzione, National Cinematografica
Produktion:
Giovanni Masini
Drehbuch:
Dardano Sacchetti & Lucio Fulci
Kamera:
Sergio Salvati
Musik:
Fabio Frizzi
Schnitt:
Vincenzo Tomassi
Spezialeffekte:
Gino De Rossi (= Giannetto De Rossi)
Kostüme:
Massimo Antonello Geleng
Darsteller:
Christopher George (Peter Bell), Katriona MacColl [= Catriona MacColl] (Mary
Woodhouse), Carlo De Mejo (Gerry), Antonella Interlenghi (Emily Robbins), Giovanni
Lombardo Radice (Bob), Daniela Doria (Rosie Kelvin), Fabrizio Jovine (Pater
William Thomas), Luca Venantini (John-John Robbins), Michele Soavi (Tommy Fisher),
Venantino Venantini (Mr. Ross), Enzo D’Ausilio (Sheriff Russells Deputy), Adelaide
Aste (Theresa), Luciano Rossi (Polizist beim Apartment), Robert Sampson (Sheriff
Russell), Janet Agren (Sandra), Lucio Fulci (Dr. Joe Thompson), Michael Gaunt
(Totengräber), Perry Pirkanen (Blonder Totengräber), Martin Sorrentino
(Sgt. Clay)
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