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Der
eiskalte Engel
Der letzte Samurai
"Es gibt keine größere
Einsamkeit als die des
Samurai, es sei denn
die eines Tigers im
Dschungel."
(Bushido: Das Buch
des Samurai)
Eine wortkarge Welt. Die ersten
knapp zehn Minuten des Films wird kein Wort gesprochen. Doch auch wenn später
geredet wird, ist dies kaum Ausdruck einer intensiven menschlichen Kommunikation,
eher einer fast schon technizistischen, reaktiven Logik der Ereignisse, die
wiederum - wie auch die Akteure - wie lebende Maschinen wirken.
Ein Mann namens Jef (Alain Delon)
zieht sich einen grauen Regenmantel an, setzt sich einen Hut auf, sieht noch
einmal zu dem Vogel im Käfig hinüber und verlässt seine Wohnung,
schaut sich auf der Straße um, stiehlt ein Auto, das in einer Werkstatt
neue Nummernschilder bekommt, erhält vom Monteur eine Waffe und Geld, fährt
weiter zur Wohnung einer Frau namens Jane (Nathalie Delon), vereinbart mit ihr
ein Alibi für sich, besorgt sich ein weiterer Alibi bei einer Pokerrunde
irgendwo unterwegs, fährt weiter in ein Tanzlokal, in dem Jazz gespielt
wird, geht dort in eines der Hinterzimmer und erschießt einen Mann, der
der Besitzer des Lokals sein könnte. Auf dem Rückweg wird er von der
Pianistin Valérie (Cathy Rosier) gesehen. Er geht aus dem Lokal, wirft
die Waffe in die Seine, geht zurück zur Wohnung von Jane, um dann in dem
Moment, in dem ein anderer Mann das Haus betritt, von diesem beim Weggehen gesehen
zu werden.
Polizei, Festnahme von Männern,
die in der Nähe des Tatorts gesehen wurden. Auch Jef wird festgenommen.
Valérie behauptet, er sei nicht der Mann, den sie im Lokal gesehen habe.
Auch der Barkeeper sagt dies aus. Die anderen Beschäftigten glauben Jef
erkannt zu haben. Und der Mann, der Jef beim Verlassen des Hauses, in dem Jane
wohnt, gesehen hat, bestätigt der Polizei dieses (scheinbare) Alibi.
Alles scheint perfekt zu laufen
für den Auftragskiller, nur, dass er bei der vermeintlichen Übergabe
des restlichen Geldes durch einen Vertreter des Auftraggebers des Mordes angeschossen
wird. Man will Jef lieber beseitigen, als ihn zu bezahlen, um jeglichen Rückschluss
auf die Urheber des Mordes zu verhindern. Das misslingt. Doch ab nun wird Jef
sowohl von der Polizei, als auch von seinen Auftraggebern verfolgt. Jef wandelt
auf dem äußerst schmalen Grat des Entkommens ...
Jean-Pierre Melville zeigt einen
Mann ohne besondere Eigenschaften, einen kühlen Killer, dessen Gesichtsausdruck
sich kaum einmal verändert, der nur so viel redet, wie er es gerade einmal
für nötig hält, der eiskalt tötet, Leute, die er nicht kennt.
Alain Delon spielt diesen Mann aber nicht nur wie einen skrupellosen Berufskiller.
Jef Costello ist tatsächlich so etwas wie ein moderner Samurai, der zwar
nicht einem Herrn treu dient, sondern jedem, der ihn bezahlt, aber im Grunde
eine ähnliche Mentalität an den Tag legt.
Selbst bei den Verhören und
Gegenüberstellungen bei der Polizei gerät Jef nie aus der Fassung.
Die Ruhe und Gelassenheit, die er ausstrahlt, ist aber nicht von jener Art,
dass man sagen könnte: Dieser Mensch hat beruhigende Wirkung auf andere.
Nein, Jefs Ruhe und Gelassenheit ist von der gleichen Kaltblütigkeit, mit
der er seinen Job betreibt. Jef taktiert, arbeitet "sauber", gründlich
und effektiv. Jef hat eine feine Beobachtungsgabe. Er registriert jede Veränderung
in seiner Umgebung, bemerkt z.B. sofort, dass die Polizei in seiner Wohnung
ein Mikrophon installiert hat. Er weiß auch, dass Valérie und der
Barkeeper ihm ein Alibi verschafft haben, weil sie von den Auftraggebern des
Mordes dazu veranlasst wurden. Jef ist ein Fuchs, einer, der sich im Metier
auskennt und weiß, wie er wann zu reagieren hat.
Doch diese Kaltblütigkeit
fokussiert sich im Film nicht allein auf die Person Jefs. Nein, auch der ermittelnde
Kommissar (François Périer) und seine Kollegen und die Auftraggeber
des Mordes agieren in einer Weise, die fast schon mechanisch zu nennen ist.
Man kann darüber hinaus sagen, dass die gesamte Atmosphäre des Films
Rückschlüsse zulässt auf die Zeit, in der der Film entstanden
ist - eine kalte, gefühllose Welt des Übergangs, in der überkommene
Strukturen, Mentalitäten und Umgangsformen ihrem Ende entgegengehen, aber
nur weil sich andere gegen das Überkommene aufbäumen. Diese Welt scheint
über ihr Ende hinaus zu wuchern, im Todeskampf zu liegen. Man wehrt sich
gegen Änderungen, Neuerungen, indem man den alten Pfaden einfach weiter
folgt.
Nur hier und da scheinen Gefühle
wie spärliches Licht durch unscheinbare Ritzen hindurch, etwa wenn Jane,
als Jef sie später im Film noch einmal aufsucht, so etwas wie Zuneigung
für ihn durchblicken lässt. Oder wenn Valérie am Ende des Film
sichtlich ihre Gefühle angesichts dessen, was bis dahin geschehen ist,
unter Kontrolle hält. Doch diese Momente sind rar. Das einzig wirklich
Lebendige in dieser Welt scheint der Vogel im Käfig in Jefs Wohnung zu
sein. Und es ist dieses Paradoxon - ein gefangener Vogel, der auch unter diesen
beengten Umständen noch versucht, seinem Lebensgefühl Ausdruck zu
geben, versus einer Welt der Menschen, die in keinem Käfig zu leben scheinen,
sich aber trotzdem bloß in routinierten, technizistischen Verhaltensweisen
bewegen -, es ist dieses Paradoxon, dass darauf hindeutet, wie überkommen
diese historische Phase letztlich ist.
Die Menschen wirken wie Maschinen,
wie Roboter in einer Hülle aus Haut, ihre Handlungen wie logische Operatoren
einer mathemischen Formel. Verändert sich eine Variable, kann sich die
andere nur in einer Weise ändern. Melville untermauert diese kühl-mechanische
Atmosphäre mit einer quasi dokumentarischen Inszenierung, in die Zeitangaben
über den Ablauf der Ereignisse eingeblendet werden.
Dabei ist andererseits natürlich
klar, dass wir es nicht mit Maschinen zu tun haben, dass Jef keine Art Terminator
ist, nicht einmal so etwas wie eine andere biologische Spezies. Nein, er ist
Mensch.
Vielleicht wird dies eher verständlich,
wenn man bedenkt, dass in der Nachkriegszeit bis in die Mitte der 60er Jahre
in fast allen Ländern der westlichen Hemisphäre eine Art politischer
und sozialer Erstarrung - bis hinein in (überkommene) Familienstrukturen
oder auch in die Architektur jener Jahre - eingetreten war, die in den USA wie
in Europa erst durch neue soziale Bewegungen aufgebrochen werden sollte. Jef
ist eine Art Prototyp dieses durch eine kalte Vernunft und einen kalten Verstand
geleiteten Individuums, ein Mann, der perfekt - eben wie eine gut geölte
Maschine - funktionieren will. Desgleichen gilt allerdings auch für fast
alle anderen Akteure.
Manchmal wirkt der Blick Jefs
auf seinen Vogel im Käfig fast sehnsüchtig - als ob beim ihm eine
schwache Ahnung davon vorhanden wäre, was Leben eigentlich bedeutet. Und
doch sind selbst die Geschlechterbeziehungen zu einem mechanischen und gefühllosen
Verhältnis reduziert. Wenn Jane bei seinem letzten Besuch bei ihr Jef in
den Arm nimmt, beugt er sich zwar zu ihr. Aber auch diese Bewegung ist mehr
ein Automatismus, denn irgend
etwas wie Zuneigung.
Der "moderne Samurai",
der uns hier präsentiert wird, hat selbst jegliche Vasallentreue seines
historischen Vorgängers verloren. Er ist nur noch ein vereinsamter Mensch,
der seine Einsamkeit nur ertragen kann, wenn er allen Gefühlen entsagt
- im Beruf des Auftragskillers wie im Privaten.
Wenn der Kommissar am Schluss
Jef mit dem einsamen Tiger im Dschungel vergleicht, so ist ihm nicht bewusst,
dass er selbst zwar im Gegensatz zu Jef Leute um sich herum hat, dass aber dieser
Apparat, dem er angehört, sich kaum mehr als numerisch von Jef unterscheidet.
Jef hingegen weiß am Schluss, dass er verloren hat - und zieht die einzig
ihm denkbare Konsequenz.
"Le Samouraï" hat
natürlich seine Bezüge zum film noir, v.a. zu den amerikanischen Gangsterfilmen
der 40er Jahre. Doch er geht darüber hinaus.
DVD
Format: Farbe, Widescreen, NTSC
Sprache: Französisch
Untertitel: Englisch
Region: Region 1
Studio: Criterion
Erscheinungsdatum:25. Oktober 2005
Bonusmaterial: Aktuelle Interviews
mit Melville sowie den Historikern Nogueira und Vincendeau; Auszüge aus
Interviews mit Melville, Delon, Rosier, Nathalie Delon und François Perier
aus der Entstehungszeit des Films
Leider gibt es den Film nur auf
einer amerikanischen DVD (Region 1!) für knapp 22 Dollar oder auf einer
französischen für € 13,09 (Preise bei amazon). Die amerikanische DVD
erschien erst vor einigen Monaten beim Hersteller Criterion und kann in Bild
und Ton überzeugen. Englische Untertitel sind kein Problem, da der Film
sowieso in weitem Maße von den Bildern und nicht von den Dialogen lebt.
Man braucht allerdings einen Player, der diese DVD (Region 1) auch abspielt.
Oder man muss ihn am PC unter Verwendung des Region-Killer
anschauen.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen
in:
Der
eiskalte Engel
(Le
Samouraï)
Frankreich,
Italien 1967, 105 Minuten
Regie:
Jean-Pierre Melville
Drehbuch:
Jean-Pierre Melville, Georges Pellegrin, nach dem Roman "The Ronin"
von Joan McLeod
Musik:
François de Roubaix
Kamera:
Henri Decaë
Schnitt:
Monique Bonnot, Yolande Maurette
Ausstattung:
François de Lamothe
Darsteller:
Alain Delon (Jef Costello), François Périer (Der Kommissar), Nathalie
Delon (Jane Lagrange), Cathy Rosier (Valérie, die Pianistin), Jacques
Leroy (Mann mit Gewehr), Michel Boisrond (Wiener), Robert Favart (Barkeeper),
Jean-Pierre Posier (Olivier Rey)
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