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Elbe
Flussschiffer auf der Elbe. Der eine schwätzt
dem anderen die Huke voll. Der andere schweigt. Das ist ein genialer Kunstgriff.
Denn da der Dialog nicht zustande kommt, kommt das Bild selbst zur Sprache.
Das ist die Elblandschaft in ihren wechselnden Stimmungen. Das Elbsandsteingebirge,
Dresden, Dessau, Torgau, Magdeburg - im Flachland wird der Blick freier, der
Horizont weitet sich, die Totalen werden größer, die Sonnenauf- und
–untergänge farbiger. Dann wieder lasten dichte graue trübe Wolkenmeere,
und den beiden wird gekündigt, wieder wortlos. Wir sind kurz vor einem
Stummfilm, wenn da nicht die Musik von den 17 Hippies wäre und den anderen.
Die beiden, die sich narrativ
nicht verständigen können, reisen gleichwohl schicksalhaft gebunden
die Elbe abwärts – in einem Segelboot, der Ghost. Die Strömung treibt
dem Ziel zu: Ayers Rock, der Rote Felsen, allerdings Kontinente weit in Australien.
Das Verkehrsmittel darf wechseln, die Richtung bleibt, ob im geklauten Ruderboot,
ob mit dem Fahrrad auf dem Deich. – Soweit die Geschichte, die große Gefühle
zulässt, auch Grandios-unheimliches und Geisterhaftes. Der Film hätte
großartig sein können.
Er traut sich nicht. Kleinkariertes
mengt sich ein. In Ordnung ist, dass der eine, landschaftlich kodiert, Spökenkieker
ist und Dinge sieht, die kein Mensch sehen kann. Zum Beispiel was bei einem
verdeckt hingehaltenen Kartenspiel auf den Karten steht. 17 und 4. Bingo! Schon
wieder gewonnen. Im geheimen Spielsalon wird den Landratten das Geld abgenommen.
Das gibt sehr lange Sequenzen, bis die Spieler was merken und wir zur Elbe zurückkommen
können.
Der Film bedient unterwegs das
ein und andere Thema. Arbeitslosigkeit und ihre Folgen für die Familie
(„Dein Vater hat seinen Job verloren“. – „Dann gewöhnt Euch schon mal an
mich“). Der Vater, der auf den dresdner Elbauen Zeit hat, die Achtung seines
Sohnes wieder zu erringen. Der andere Vater, der im magdeburger Hotel Maritim
der Rezeptionsdame nicht offenbaren mag, dass sie seine Tochter ist. – Eine
Mini-Liebesgeschichte ist dabei, auch ein Mini-Tatort-Krimi. Ein Raub, eine
Verfolgung, ein Todesschuss. Wer wars? Und Moral sowieso: unrecht Gut ins Wasser
werfen oder als Ausgleich für Hartz IV behalten?
Schon richtig, dass all diese
Sequenzen wortkarg erzählt werden. Das Bild dominiert. Der Schnitt
bringts. Zu untertiteln wäre nichts. Aber auch als schöne Bildmontage
platzt die Nebenhandlung ins Konzept. Die Elbe, die Reise, das Geisterschiff.
Mit Genreklischees können wir da nichts anfangen, auch nicht mit einer
Chronologie. Die Montage des Films hat den Mut gehabt, den Zeitablauf zu brechen.
„Elbe“ startet in der gefühlten Mitte des Ablaufs. Die noch rätselhafte
Anfangssequenz wird dann wieder aufgenommen. Bis dahin haben wir den narrativen
Boden verloren und sind nicht sicher, wo wir stehen: Gegenwart, Vergangenheit,
Vorschein? Das ist gut so, weil wir Traum, Schicksal und Rätsel ausgeliefert
werden und bang hoffend in die norddeutsche Weite starren, fokussiert aufs nichts
und niemand. Der Himmel! Auf der Elbbrücke kuckt Kowsky hoch und ruft:
„Gero! Vielleicht schwebst du heimlich über Saras Roten Berg!“
Das aber war schon das Äußerste
an explizitem Dialog. Dem Allgemeinen zutrotz spielen Henning Peker und Tom
Jahn bodenständig und glaubhaft. Es fasziniert, ihnen zuzusehen, wie sie
Masten aufrichten, Segel setzen, in Tätigkeit sind, während ihre Stimmung
der Großwetterlage entspricht. – Danke Marco Mittelstaedt („Jena Paradies“
2004, Abschlussfilm an der DFFB) für die langen Einstellungen, in denen
der ICE mal kurz über die Brücke fährt, folgenlos und unbeachtlich!
Das Konzept ist grandios. Die „Ghost“ und der schwebende Gero hätten sie
nicht bedurft, die genrekompatiblen Zutaten.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser
Text ist zuerst erschienen in der taz
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Elbe
Deutschland
2006 - Regie: Marco Mittelstaedt - Darsteller: Henning Peker, Tom Jahn, Steffi
Kühnert, Gabriela Maria Schmeide - FSK: ab 6 - Länge: 86 min. - Start:
24.5.2007
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