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Elementarteilchen
Große Verschwendung
Ein bisschen Komödie, ein bisschen Kitsch
und viele Hiebe auf die emanzipatorischen Projekte der Vergangenheit: Oskar
Roehler hat aus Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" ein
pathetisch verlängertes Pubertätsdrama gemacht
Wie Bruno, das kleine Arschloch
aus Oskar Roehlers Verfilmung der "Elementarteilchen", schleicht dieser
Film sich an: immer etwas zu intim steht er mit seinen sexuellen Nöten
in der Tür, bevor man überhaupt Hallo sagen konnte. Ein bisschen schleimig
und kumpelhaft ist der Film in seinen Witzen; etwas ausgerastet im Blick auf
das Leben im Allgemeinen und gewaltig Mitleid heischend, was das Schicksal der
armen Männer angeht. Die Frauen im Leben von Bruno und seinem Bruder Michel
sind entweder gemein oder sterbenskrank. Großmütter- und Mütter-Leichen
geben zudem prima Vorlagen für kleine Slapstick-Nummern ab.
Eine der Frauen aber darf sogar
über ihren Tod hinaus auftreten und als Geist erscheinen, um Bruno zu trösten
und von seiner Einsamkeit zu erlösen. Oskar Roehler, der Drehbuchautor
und Regisseur, glaubt mit dieser Abweichung von dem Roman von Michel Houellebecq
den kaltschnäuzigen Zynismus der Vorlage abgemildert und etwas mehr Seele
in den Stoff hineingetragen zu haben. Na, schönen Dank auch, für diese
Heiligsprechung der liebenden Frau nach ihrem Tod. Früh sterben,
um dann verehrt zu werden, war schon immer ein klasse Rollenvorbild und wird
im Kontext des Gelächters über die sexuellen Bedürfnisse alternder
Frauen nicht gerade besser.
Grrrr. Warum, um Himmels Willen,
macht mich gerade das so wütend. Steht dahinter etwa das Verlangen, in
dieser Komödie doch noch eine Nische der Identifikation zu finden? Oder
ist es der vorhersehbare Erfolg einer mittelmäßigen Literaturverfilmung,
die mit dem Ruch des radikalen Gefühlskinos von ihrer Mittelmäßigkeit
ablenkt?
Der prompte Kinostart der "Elementarteilchen"
nach der Berlinale hat etwas vom Weitertrinkenmüssen nach dem großen
Kater. Der Film gehört zu den Gewinnern der Berliner Filmfestspiele, nicht
nur weil Moritz Bleibtreu für seine Rolle des Spanners Bruno einen Silbernen
Bären bekommen hat, sondern mehr noch, weil er der Verkaufsschlager unter
den deutschen Filmen der Berlinale ist: Interessierte Käufer aus 23 Ländern
haben sich schon gemeldet. Schon der Trailer der Bernd-Eichinger-Produktion
verspricht eine Starparade des deutschen Kinos, mit Moritz Bleibtreu, Christian
Ulmen, Michael Gwisdeck, Uwe Ochsenknecht, Nina Hoss, Franka Potente, Martina
Gedeck, Corinna Harfouch, Jasmin Tabatabai. Man fragt sich bei der Vorschau,
wie die denn alle Platz haben in einer Erzählung von 105 Minuten. Und fühlt
sich dann auch ein wenig verarscht, wenn Corinna Harfouch ein paar Mal verständnisvoll
nicken darf als Brunos Analytikerin. Wie, das war's mit dieser Rolle?, fragt
man sich verblüfft. Was für eine Verschwendung, um sich mit großmäuligem
Einsatz über die dürftige Erzähltechnik wegzumogeln.
Denn über weite Strecken
ist der Film eine bloße Illustration, ein Reigen kurzer Rückblenden,
der dort, wo der Roman seinen bösen Blick auf die Zeitreise durch die Vergangenheit
schickt, anekdotisch bebildert. Auch das Zukunftsszenario, das der Roman über
Brunos Bruder Michel in Aussicht stellt und in dem die Schwierigkeiten menschlicher
Beziehungen und der Sexualität vermieden und durch das Klonen ersetzt werden,
wird zwar in einigen Szenen angedeutet, beeinflusst aber nicht die Erzählperspektive.
Der Roman schlägt seine Funken aus der eigenen Widersprüchlichkeit:
Die Botschaft, die er am Ende verkündet, der Abgesang auf alle Konzepte
von Individualität und Freiheit, widerspricht genau den Erwartungen, mit
denen er einen beim Lesen hält. Nicht zuletzt die Lüsternheit ist
ein Motiv für die Lektüre, der skurril verpackte Umgang mit dem Pornografischen.
Für diese doppelbödigen Strategien des Erzählens findet der Film
keine Entsprechungen.
Dass man mit dem Stoff des Houellebecq'schen
Romans auch anders umgehen kann, zeigte vor zwei Jahren eine Inszenierung von
Johan Simons im Schauspielhaus Zürich. Simons legte die Konstruiertheit
der Figuren frei, die Bestimmung ihres Schicksals zum Beweis einer These. Doch
indem er sie wie Spielfiguren auf einem Brett aufstellte, gab er ihnen zugleich
eine andere Dimension von Mitgefühl zurück. Je mehr sie von ihrem
Verlangen nach Nähe redeten, desto bedrückender nahm die Distanz zwischen
ihnen fast physische Präsenz an. Gerade durch das Spröde und formal
Strenge der Inszenierung fand eine Übersetzung statt, in der sowohl die
diskursive Ebene des Romans aufgehoben war wie auch die den philosophischen
Anspruch immer unterlaufende Körperlichkeit.
Von diesen Schizophrenien des
Romans bleibt in der Verfilmung nicht viel. Nur die emotionale Gemengelage der
Gefühle, das gleichzeitige Angezogen- und Abgestoßenwerden von den
Figuren und ihren Bedürfnissen, transportiert der Film, nicht die intellektuellen
Konflikte, nicht das Kokettieren mit einem Wettrennen zwischen Kunst und Pornografie.
Von seinem gesellschaftskritischen Potenzial sind nur die Hiebe auf Bewegungen
der Vergangenheit, Hippietum, Emanzipation der Frauen und Geist der 68er übrig
geblieben, aber nicht das keineswegs beruhigendere Protokoll des Zynismus der
Gegenwart.
Nun muss man eine Romanverfilmung
nicht ständig am Roman messen, wenn sie denn ihre eigene Bildsprache findet
und ihre eigene Geschichte gut erzählt. Zieht man aber den Erwartungshorizont
der Vorlage von den "Elementarteilchen" ab, dann bleibt nur noch etwas
Komödie und etwas Kitsch übrig, ein pathetisch verlängertes Drama
der Pubertät, von dem man nicht recht weiß, warum es in der Liga
interessanter neuer Filme überhaupt diskutiert werden soll.
Katrin Bettina Müller
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der taz vom 23.2.2006
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Kritiken
Elementarteilchen
Deutschland
2005 - Regie: Oskar Roehler - Darsteller: Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen,
Martina Gedeck, Franka Potente, Nina Hoss, Uwe Ochsenknecht, Corinna Harfouch,
Herbert Knaup, Tom Schilling - FSK: ab 12 - Länge: 113 min. - Start: 23.2.2006
Eine DVD-Veröffentlichung des Films gibt es ab dem 5. Oktober 2006 bei Highlight Communications / Constantin Film
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