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Elsewhere
Inhalt:
Im
Jahr 2000 machte sich ein Filmteam um den österreichischen Regisseur Nicolaus
Geyrhalter auf, jenseits des Millennium-Wahnsinns das "Anderswo" zu
finden. Jeden Monat des Jahres hielten sich Geyrhalter und sein Team in einem
anderen Land dieser Erde auf. Von Namibia, über den Niger, Indonesien,
Indien, China und Russland bis hin nach Finnland bereisten sie Welten jenseits
der - uns bekannten - Zivilisation und ließen das Auge ihrer Kamera gleiten
über die Menschen, die dort leben, dokumentierten in zwölf je 20-minütigen
Episoden ihren Alltag und ließen sie zu Wort kommen.
Kritik:
Mit
schon nach den ersten Minuten gebannten Augen verfolgen wir die kleine Karawane,
wie sie sich durch die endlosen Dünen der nigerschen Wüste dahinschlängelt.
Wir wundern uns über so vieles: Etwa über die seltsam anmutenden Begrüßungsgesten
der vermummten Tuareg, bei denen man sich immer wieder die Hand reicht, fünf
oder zehnmal. Wir hören zu, wenn einer von ihnen vor einem gigantischen
Wüstenpanorama auf einem Felsen sitzt und davon erzählt, wie schwer
das Leben wird, wenn immer mehr ihr Glück in den Städten versuchen
und wie wichtig es sei, einen Garten für die Kamelzucht zu haben. Wir werden
Zeuge einfachster Alltagsbegebenheiten, die uns oft befremdlich erscheinen.
Nach 20 Minuten dann werden die Kamele zu Rentieren, der Sand zu Schnee und
die Kamel- zu Rentierzüchtern und Jägern. Viele tausend Kilometer
nordwärts setzt sich unsere Reise fort, im Februar des Jahres 2000.
Jonathan
Rosenbaum sagte über die Genialität der beiden herausragenden Gegenwartsfilmemacher
Abbas Kiarostami und Hou Hsiao-hsien einmal, dass sie mit ihren Filmen zu Chronisten
dessen geworden wären, was sich auf unserem Planeten ereignet. Folgt man
diesem Sinn, ist Elsewhere
einer der ganz großen Filme der letzten Jahre. Wie kein anderer Film der
jüngeren Zeit beschäftigt ihn fast unterbewusst die Vielfältigkeit
unserer Welt, zeigt er doch, was abseits dessen liegt, was wir als "Zivilisation"
definieren. In logistisch unglaublich aufwendiger Form bereiste der Regisseur
Nicolaus Geyrhalter dafür im Jahr 2000, dem "Millenniumsjahr",
jeden Monat einen anderen Ort der Welt (in chronologischer Reihenfolge: Niger,
Finnland, Namibia, Indonesien, Grönland, Australien, Indien, Russland,
China, Italien, Kanada, Mikronesien) und suchte dort jene Plätze und Menschen
auf, die von der "Westlichkeit" soweit wie möglich unberührt
geblieben sind. Jedem dieser Länder und Schauplätze widmete er dann
in seinem Meisterwerk Elsewhere
eine 20-minütige Episode, die jede für sich das wunderschöne
Zitat Roger Eberts von der durch uns belebten "Box" aus Raum und Zeit,
in der Filme die Fenster bilden, wahr werden lassen. Mit guten vier Stunden
Lauflänge nimmt Elsewhere
sich berechtigte Zeit für eine Thematik von enormer Größe: Nichts
weniger als einen kleinen Einblick in die Welt, in der wir leben, gewährt
Geyrhalters Film; einen Fernglasblick, der ein Toleranzgefühl evoziert,
Verständnis mehrt und neue Perspektiven auftut. Dass gerade ein Film, dessen
Anliegen vor allen Dingen in unseren Tagen so immens dringlich und wertvoll
ist, neben Lobeshymnen auch von einigen Kritikern als "zu lang" und
- so zu lesen in der größten deutschen Kinozeitschrift - "für
Hobby-Ethnologen" abgestempelt wurde, ist traurig und zeugt von einem in
Deutschland immer mehr verschwindenden Interesse am unkonventionellen, das Gewohnte
sprengenden Film, an dem besagte größte und einflussreichste Kinozeitschrift
eine nicht unerhebliche Mitschuld trägt.
Es
steht außer Frage, dass Elsewhere
kein einfacher Film ist. In seiner rigorosen Fokussierung auf die Simplizität
des Alltags und der enormen Länge ist er für ungeduldige Betrachter
sicherlich schwer zu ertragen: Das Konzept, nach dem Geyrhalter seine zwölf
Episoden vom "Anderswo" gestaltet, ist praktisch immer das gleich.
Er kommt an, fängt einige paraphrasierende Impressionen der Normalität
ein, greift dann gezielt eine oder zwei Person heraus, die über ihr Leben
referieren, unterschneidet dies mit einigen typischen Sequenzen dieses Lebens
und verabschiedet sich dann förmlich, indem er die Personengebundenheit
der vorangegangenen Szenen wieder auflöst, und hier und da wieder ein Bild
von Arbeit und Zusammenleben ganz allgemeiner Art vorstellt. Die Virtuosität
und Rhythmik, mit der Geyrhalter diesen immer wiederkehrenden Prozess entwickelt,
entfaltet ein tiefes Gefühl von Meditation und Aufgehobenheit beim Zuschauer.
Wir dürfen Staunen über das, was wir selber sind (Menschen nämlich),
und was uns dennoch von den Medien immer wieder als "fremd" und manches
Mal gar als "Wilde" verkauft wird. Elsewhere
führt uns vor Augen, dass das "Anderswo" zwar praktisch nicht
existent ist, dies jedoch nicht nur durch aufgezwungene westliche Sozialisation
der vermeintlich "Wilden" bedingt ist, sondern schon in der natürlichen
"Parallelität der Welten" liegt. Ja, es erscheint und fremd,
wenn ein Volkstamm praktisch komplett nackt lebt, oder wenn ein Mann unter ganz
selbstverständlicher Duldung aller beteiligten Frauen in Polygamie lebt.
Auch wirkt es auf uns beinahe schon grotesk, wenn ein finnischer Jäger
mit einem sofort tief gefrorenen Schneehuhn herumgestikulierend die Art demonstriert,
wie die Tiere ihre Federkleider je nach Jahreszeit wechseln können. Aber
genauso gut können wir es nachvollziehen, wenn eben jene fast nackten,
polygamen Frauen aus Namibia über die Schwierigkeiten in der Kindererziehung
berichten und der finnische Jäger auf seine zeitweiligen Einsamkeit zwischen
den eisigen Grenzen von Norwegen, Schweden und Russland zu sprechen kommt. Geyrhalter
erlaubt uns diese gewisse Identifikation mit den gezeigten Menschen, indem er
sich als Filmemacher geschickterweise soweit wie möglich zurücknimmt.
Seine Bilder sind meistens statisch und einfach, lassen es aber nicht vermissen,
durch elegante Fahrten gelegentlich die Szenerien zu beleben und den Status
einer "Reise", also eines steten Fortbewegens aufrechtzuerhalten.
Er hält aber gezielt immer dann gänzlich an, wenn er seine Personen
vor Ort direkt in die Kamera sprechen lässt. Man hat auf ganz erstaunliche
Weise dann immer das Gefühl, als säße man diesen Leuten gegenüber,
wenn sie berichten über die Probleme mit der Arbeit, ihre Sorgen, ihre
finanziellen Not, die Freuden und Leiden des Lebens. Diese unglaublich schönen
Szenen des Films wirken an ihren besten Stellen dann so, als hätte Geyrhalter
jenen Leuten für einige Minuten ein kleines Fenster zur großen Welt
aufgestoßen und sie ermuntert: "Sagt, was euch am Herzen liegt".
Und irgendwie empfinden wir es dann auch als ungemein wichtig, was diese Menschen
uns mitzuteilen haben, und Geyrhalters zumeist ohne das Erklingen von Fragen
geführten Interviews vermitteln denn auch jenen Eindruck, dass dies für
die Menschen eine Chance ist, sich kundzutun, vielleicht einmal etwas zu erreichen,
was sonst so fern läge. Vielen ist vielleicht nicht einmal bewusst, dass
sie in eine Kamera sprechen, und dass ihr Gesicht irgendwann einmal auf Kinoleinwänden
in der ganzen Welt zu sehen sein wird. Dies gibt Elsewhere
einen authentischen Charakter vor allem im Hinblick auf die Ehrlichkeit der
Aussagen seiner Befragten.
Während
sich der Regisseur also innerhalb der Sequenzen in filmtechnischer Hinsicht
ganz der Bedeutung der Botschaften seiner Gesprächspartner unterwirft,
so nutzt er, wenn es um den Punkt geht, auf den sein Film letztlich "hinaus
will", dennoch den filmischsten "modus operandi" - die Dialektik
der Filmbilder im Zusammenschnitt. Denn während jede Episode allein für
sich zu stehen scheint und tausende von Kilometern oftmals die einzelnen Abschnitte
voneinander trennen, so entdeckt man an manchen Stellen doch eine interessante,
kommentarartige "Kommunikation" unter den verschiedenen Folgen. So
spricht etwa der finnische Jäger in der zweiten, der Februar-Episode davon,
dass er meint, dass die Indianer ihm sehr ähnlich seien. Sie lebten mit
Sicherheit ein Leben in gänzlicher Harmonie mit der Natur und wären
dadurch zu freundlicheren Menschen geworden. Dieser Mann träumt ganz offenkundig
den Traum vom realen "Anderswo", das Geyrhalter dann in der elften
Episode, fast drei Stunden später bei seinem Aufenthalt unter echten Indianern
in Kanada als Illusion demaskiert: Hier leben die Indianer in Zorn über
die Vertreibung durch die Weißen, beherrschen ihre eigene Sprache (Nisga'a)
nicht mehr und einer von ihnen steht am Ende jener Episode in einer Einstellung
voller Traurigkeit inmitten eines Meeres von gerodeten und verbrannten Baumstümpfen,
die viel früher einmal Teil seiner Heimat waren. An vielen Stellen wird
Elsewhere
zu einem bitteren Plädoyer gegen die Sinnlosigkeit der "Missionierung"
der Ursprünglichkeit mittels der Werte, die unsere westliche Gesellschaft
in ihrer oftmals selbst überschätzenden Art als die einzig richtigen
definiert hat. Geyrhalter findet hierfür vielleicht unbewusst das interessanteste
Symbol in der letzten Episode des Films, wenn eine junge Lehrerin in Mikronesien
von dem so genannten "christmas drop" berichtet: Jedes zweite Jahr
fliegt zu Weihnachten das "Rote Kreuz" mit einem Flugzeug über
die winzigen Inseln und wirft Geschenke ab - zumeist alte Kleidung und Spielsachen
aus der Ersten Welt. Die Lehrerin verurteilt diese Aktion als unnütz, weil
sowieso alle Menschen auf der Insel praktisch immer mit einem nackten Oberkörper
lebten. In ihrem Redefluss mischen sich hierbei Begriffe des Englischen ein,
für die es in ihrer eigenen Sprache offenkundig keine Entsprechung gibt.
Besonders auffällig und interessant wird dies bei dem Wort "trash":
Logisch, denn eine Gesellschaft, die effektiv keinen Müll produziert, benötigt
natürlich auch kein Wort dafür.
Elsewhere
erreicht somit den Höhepunkt seiner Brillanz immer dann, wenn er uns zeigt,
wie gut eine Gesellschaft auch gänzlich ohne die von uns als vorbildlich
empfundenen Werte und Moralvorstellungen existieren kann. Schockierend und dennoch
am anschaulichsten wird das dann, wenn Geyrhalter im indonesischen Dschungel
(der visuell vielleicht schönsten Episode des Films) mit einem Stammesmann
spricht, der davon berichtet, wie es bis zum Vordringen der Weißen in
seinem Dorf so üblich war, einen denunzierten und überführten
Hexer unter dem Mitwissen seiner Familie zu töten und danach zu essen.
Dieser für uns gänzlich barbarische Kannibalismus wird zunächst
selbstverständlich als ungemein abstoßend und widerwärtig empfunden,
entpuppt sich aber als Selbstverständlichkeit dieser Gesellschaft, die
von dieser praktisch geschlossen als "Wert" und "Brauch"
akzeptiert wird. Der Film führt hier also vor, dass Ordnungen, so abstrus
sie uns in den Industriestaaten auch erscheinen mögen, in jedem Zusammensein
von allein entstehen und irgendwann auch Bestand haben; dass das "Anderswo"
vielmehr allenfalls ein "Ungewohnt" sein kann, weil sich die Grundstrukturen
überall auf der Welt ähneln, ebenso wie alle Menschen. Elsewhere
verdeutlicht, dass der gerade in letzter Zeit viel bemühte Begriff von
der "zivilisierten Welt" in dieser Form eigentlich keinen Sinn macht.
Janis
El-Bira
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei:
Elsewhere
(Elsewhere,
2002)
Regie:
Nikolaus Geyrhalter
Premiere:
31. Mai 2002 (Österreich)
Drehbuch:
Silvia Burner, Nikolaus Geyrhalter, Michael Kitzberger & Wolfgang Widerhofer
Dt.Start:
24. Oktober 2002
Land:
Österreich
Länge:
240 min
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