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Endstation
Sehnsucht
Sehnsucht und
Besessenheit
"I don't want realism. I want magic!
Yes, yes,
magic. I try to give that
to people.
I do misrepresent things.
I don't
tell truths. I tell what ought
to be truth."
(Blanche)
Die Zensur kann einen Film zerstückeln
bis zur Unkenntlichkeit. Sie kommt in der Regel daher als moralische Instanz,
als Sittenwächter. Dabei ist sie in Wahrheit nichts weiter als der Machtwillen
einer Minderheit von Menschen, die ihre Kleinlichkeit, ihre Selbstbezogenheit
und ihr Spießbürgerlichkeit kaschieren wollen - durch die Hybris
scheinbarer Überlegenheit und die Ausübung von Macht.
Elia Kazan hatte mit Erfolg Tennessee
Williams Drama "A Streetcar Named Desire" 1947 in New York für
das Theater inszeniert. Das Stück lief zwei Jahre erfolgreich am Broadway.
Jack Warner und andere mussten ihn davon überzeugen, das Stück auch
für das Kino zu inszenieren - und es waren Karl Malden, Marlon Brando und
Kim Hunter, die sich bereit erklärten, auch für den Film ihre Rollen
zu spielen, die sie so erfolgreich auf der Bühne gespielt hatten. Nur die
Rolle der Blanche Du Bois wurde neu besetzt, mit Vivien Leigh.
Von Anfang an wusste man um die
Schwierigkeiten, die man mit der Selbstzensurbehörde der Filmindustrie,
dem sog. Breen Office (Motto: "Eine Eintrittskarte für einen unanständigen
Film ist eine Fahrkarte zur Hölle."), haben würde, wenn man Williams
Stück unverändert auf die Leinwand bringen wollte. So wurden die Szenen,
in denen die vermeintliche Nymphomanie von Blanche, die Homosexualität
ihres Ex-Mannes und die Vergewaltigung von Blanche durch Kowalski, thematisiert
werden, fast bis zur Unkenntlichkeit geändert (insgesamt wurden vier bis
fünf Minuten weg geschnitten). Die Sittenwächter der sog. "Legion
of Decency", einer katholischen Zensurbehörde setzten noch eins drauf
und erzwangen, dass die Treppenszene - in der Stella Kowalski noch einmal zu
ihrem Mann zurückkehrt - stark gekürzt wurde und einige Dialoge entschärft
wurden.
Erst 1993 wurde der Film dann
in einer ungekürzten Fassung auf DVD veröffentlicht.
Der Freundschaft zwischen Williams,
der auch das Drehbuch zum Film schrieb, und Kazan, der beginnenden Freundschaft
zwischen Malden und Brando sowie den hervorragenden Leistungen der weiblichen
Hauptdarsteller Leigh und Hunter sowie derer von Brando und Malden ist es zu
verdanken, dass trotz des Eingriffs der Zensur ein Film entstand, der das Kino
in einigen Punkten neu definierte.
Williams und Kazan erzählen
die Geschichte der Lehrerin Blanche (Vivien Leigh - unvergessen als Scarlett
O'Hara in "Gone With The Wind", 1939), die in einem dieser typischen
schwülen Sommer des Südens bei ihrer Schwester Stella (Kim Hunter)
im französischen Viertel von New Orleans auftaucht. Stella ist schon vor
Jahren von Zuhause weggegangen und inzwischen mit dem Arbeiter Stanley Kowalski
(Marlon Brando) verheiratet - einem ungehobelten, rauen Kerl, den Stella aber
von ganzem Herzen zu lieben scheint. Blanche erzählt, sie sei, um sich
zu erholen, von dem Direktor ihrer Schule beurlaubt worden. Und sie erzählt,
das gesamte Vermögen der einst wohlhabenden Familie Du Bois sei verloren
gegangen.
In der äußerst beengten
Zwei-Zimmer-Wohnung kommt Blanche in einem der Zimmer unter, das von dem anderen
nur durch einen Vorhang getrennt ist. Und dann kommt Kowalski nach Hause, schwitzend,
im Unterhemd, und von Anfang an ist ihm diese Schwester seiner Frau ein Dorn
im Auge. Ihre ganze Art ist ihm zuwider. Er fragt sie aus, zwingt sie schließlich,
ihm alle Papiere zu zeigen, die das Vermögen der Familie betreffen, weil
er hofft, irgend etwas an Geld oder Grundbesitz müsse doch noch vorhanden
sein.
Blanche lebt in zwei Welten -
in der realen, die ihr so viel Leid zugefügt zu haben scheint, und in einer
Phantasiewelt, in der sie ihre Träume und Wünsche, Sehnsüchte
und Hoffnungen auszuleben versucht. Und genau das ist es, was ihren Schwager
auf die Palme bringt, sie ihm verhasst macht. Blanche wiederum versteht nicht,
wie Stella mit Stanley zusammenleben kann, mit einem Mann, der sie schlägt,
zu dem Stella, die schwanger ist, aber immer wieder zurückkehrt.
Als sie einen der Freunde Kowalskis,
Mitch (Karl Malden), der regelmäßig zum Pokerspiel mit zwei anderen
Männern zu Kowalski kommt, kennen lernt, glaubt Blanche in diesem ruhig
und besonnen wirkenden Mann denjenigen gefunden zu haben, bei dem sie den Schutz
bekommen könnte, den sie schon lange bei einem Mann sucht. Und Mitch verliebt
sich in die blonde Frau.
Stella, die ihre Schwester liebt,
versucht, Blanche vor allen Anfeindungen ihres Mannes zu schützen. Sie
will es sich mit beiden nicht verderben. Doch Stanley hat inzwischen Erkundigungen
über Blanche eingezogen. Und die besagen, dass Blanche eine Lügnerin
ist, die verheimlicht hat, dass sie als Lehrerin entlassen wurde, weil sie ein
Verhältnis mit einem 17jährigen Schüler hatte, dass sie aus einem
Hotel in Auriol, ihrer Heimatstadt, hinausgeworfen wurde, weil sie einen Mann
nach dem anderen hatte. Genau das erzählt Stanley auch Mitch, der sich
wütend und enttäuscht von Blanche abwendet. Die Situation spitzt sich
zu, als Kowalski, während Stella im Krankenhaus liegt, um ihr Kind zu bekommen,
Blanche vergewaltigt ...
Getragen wird diese Geschichte
von den vier in ihren Charakteren so unterschiedlichen Personen Blanche, Stanley,
Stella und Mitch. Blanche lebt in einer widersprüchlichen Doppelwelt. Sie
verschweigt die Tragik ihres Lebens, die Beziehung zu einem homosexuellen oder
bisexuellen Mann, der sich durch einen Schuss in den Mund das Leben nahm, den
Missbrauch durch andere Männer, ihre Hingezogenheit zu sehr jungen Männern,
insgesamt ihre Flucht in sporadische, kurze Beziehungen auf der Suche nicht
nach Liebe, sondern nach Schutz und Sicherheit vor der Unbill des Lebens . Sie
flüchtet immer deutlicher in eine Phantasiewelt ihrer Sehnsüchte,
lebt immer öfter in dieser Welt, die sie sich nur geschaffen hat, weil
sie in der wirklichen Welt nicht zurecht kommt.
Ihre Schwester Stella flüchtete
vor der Welt ihrer Familie und deren sozialen Abstieg frühzeitig - in die
Arme eines Mannes, der so ganz anders lebt, denkt und fühlt als die Menschen
ihrer Herkunft. Das arme, wenn auch nicht verarmte New Orleans wurde ihr Zuhause
- eine Welt des Glaubens nur an das, was (angeblich) ist, an die "harte
Realität", eine Welt ohne Phantasie, ohne Träume. Was sie zu
Kowalski trieb, war die Lust an dieser Welt der scheinbaren Einfachheit und
Klarheit, auch die sexuelle Lust, die von diesem breitschultrigen, starken Mann
ausstrahlt, eine Lust, die sie alles andere in Kauf nehmen ließ, auch
die Gewalttätigkeit dieses Mannes. Sie wird Kowalski hörig. Besonders
deutlich wird diese Beziehung Stellas zu Stanley in jener Treppenszene, die
in der Kinofassung zur Unkenntlichkeit gekürzt wurde, als Stella aus der
Wohnung der Nachbarin Eunice (Peg Hillias) zu dem verzweifelt "Stella"
schreienden Kowalski wieder einmal zurückkehrt. Mit einem Gesicht - Kim
Hunter ist hier einfach nur großartig -, in das Enttäuschung, Wut,
Verletzlichkeit, aber eben auch das Gefühl des Verlusts gezeichnet sind.
Sie geht langsam die Treppe hinunter, und man sieht, wie sich ihr Gesicht verändert,
wie die Zuspitzung ihres Lebens auf einen Punkt, die reine Lust, die Hörigkeit
alles andere wieder überwiegt.
Marlon Brandos Kowalski ist für
die damalige Zeit ein neuer Typus im Kino. Die Zweideutigkeit seines Charakters
ist es nicht, was diesen Typus ausmacht. Auch Bogart konnte dies verkörpern,
gerade in jenen Jahren. Aber von der äußerlichen Geschliffenheit,
ja fast Vollkommenheit eines Bogart ist bei Brando nichts mehr zu spüren. Das Rohe, das Gewalttätige
ist in ihm genauso wie die unermessliche kindliche Schwäche zu finden.
Nur, dass das alles hier nicht "versteckt" wird, verborgen liegt hinter
einer äußerlichen Fassade. Brando zeigt diesen Kowalski zumeist im
Unterhemd, verschwitzt, dreckig von der Arbeit, und vor allen in seinen Blicken
kommt diese Figur in einer Weise zum Tragen, die im amerikanischen Kino etwas
Neues darstellte.
Zu erwähnen ist schließlich
Karl Malden, der diesen zurückhaltenden, freundlichen, zuvorkommenden Mitch
spielt, der sich in Blanche verliebt, dessen Urteilsfähigkeit jedoch durch
seine eigene Biografie getrübt ist. Zu Hause kümmert er sich um seine
todkranke Mutter. Zu Frauen hat Mitch offenbar nie richtigen Kontakt gehabt,
außer eben zu seiner Mutter. Williams und Kazan lassen durchblicken, wie
stark Mitchs Verhältnis zu Frauen eben durch das Verhältnis zu seiner
(Über-)Mutter geprägt zu sein scheint. Auch Mitch sucht nicht so sehr
die erwachsene Liebe zu einer Erwachsenen. Auch er handelt und fühlt eher
wie Blanche: Beide suchen den Schutz und die Sicherheit, die ein Kind sucht.
Man könnte auch mit Erich Fromm sagen: Sie brauchen sich nicht, weil sie
sich lieben. Sie lieben sich, weil sie sich brauchen. An dem Punkt, als Mitch
erfährt, wie Blanche wirklich gelebt hat, bricht für ihn eine Welt
zusammen. Eine Frau, die einen Mann nach dem anderen hatte, kann für ihn
nicht die Ersatzmutter sein, die er sich wünscht.
Obwohl "A Streetcar Named
Desire" ein typisches Theaterstück ist, das im wesentlichen
in einem überschaubaren Raum spielt (der Wohnung der Kowalskis), gelang
es Kazan dennoch, den Film von der Bühneneigenschaft des Stücks weitgehend
zu befreien. Der Raum, die Wohnung, bekommt eine eigentümliche Beengtheit,
ja klaustrophobische Atmosphäre, bedingt vor allem durch das exzellente
Spiel seiner vier Akteure. Williams rekapituliert über die konkrete Geschichte
der vier Akteure hinaus den Untergang des alten Südens des Geldadels und
Großgrundbesitzes und das Aufkommen der durch Einwanderungswellen geprägten
neuen Mentalität, repräsentiert durch Stanley, polnischer Abstammung,
und Mitch. Die "Verbannung" von Blanche am Schluss des Films in die
Psychiatrie - beweint nur von Mitch und Stella -, die ihre Unfähigkeit
erkennen, Blanche wirklich zu verstehen, markiert den Sieg der durch Kowalski
repräsentierten neuen "Moral" der Realistik.
Überhaupt stehen sich in
Blanche und Stanley zwei Lebensprinzipien diametral gegenüber, die zwar
beide durch tiefe Wunden geprägt sind, deren positive Elemente jedoch gerade
durch diese Wunden immer wieder zerstört werden. Kowalskis Mentalität
ist stark von einem brutalen Realismus geprägt, der immer wieder seine
zweifellos vorhandene Liebe zu Stella überschattet. Blanche hingegen kann
ihre unerfüllte Sehnsucht nach einem glücklichen Leben abseits des
alten Südens nicht verwirklichen, weil sie zu wahrhaftigen Beziehungen
unfähig ist. Die Phantasie, die Illusion tritt immer deutlicher an die
Stelle realer Möglichkeiten.
Stella ist - so macht der Schluss
des Films deutlich - ihrer Schwester viel näher, als sie glaubt. Die Vergewaltigung
Blanches wird kaschiert, auch von den Nachbarn und Kollegen Stanleys, Blanche
selbst psychiatrisiert. Kowalski scheint als Sieger aus der Geschichte hervorzugehen.
Aber der Schein trügt auch diesmal. Williams und Kazan zeigen diesen Sieg
als Pyrrhussieg einer neuen Gesellschaft, die sich nur vermeintlich über
die untergehende des alten Südens erhebt. Und so erscheint dann auch der
Bürgerkrieg zwischen dem Norden und dem Süden - der in der Geschichte
des Stücks quasi kleinräumig wiederholt wird - in Williams Interpretation
als ebenso trügerisch.
Die Sehnsüchte der Akteure
werden gefressen - von ihrer Besessenheit.
DVD
Format:
Dolby, HiFi Sound, PAL, Special Edition
Sprache: Polnisch, Deutsch, Englisch,
Spanisch
Untertitel: Englisch, Spanisch, Deutsch,
Portugiesisch, Tschechisch, Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Polnisch,
Finnisch, Griechisch, Ungarisch
Untertitel für Hörgeschädigte:
Deutsch, Englisch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 4:3
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio:
Warner Home Video - DVD
DVD-Erscheinungstermin: 12. Mai 2006
Die von Warner Bros. editierte Special-Edition
des Films ist ein wahres Meisterwerk der DVD-Geschichte, dazu noch zu einem
äußerst günstigen Preis (amazon derzeit: € 9,89; jpc € 9,99).
Der Schwarz-Weiß-Film wurde für die DVD nicht nur hervorragend restauriert,
er enthält auch die geschnittenen Szenen, insbesondere die Treppenszene,
die mit deutschen Untertiteln versehen wurden.
Nicht nur das. Auf einer zweiten
DVD finden sich weitere Glanzstücke:
"Elia Kazan: A Directors Journey"
(1 h 15 m) ist ein von Eli Wallach erzähltes und dem Filmhistoriker Richard
Schickel geschriebenes Porträt des (wegen seiner Aussagen vor dem McCarthy-Ausschuss
in den 50er Jahren umstrittenen) Regisseurs, in dem Kazan selbst ausführlich
zu Wort kommt. Das Feature liefert einen überaus interessanten Überblick
über Kazans Werk und seine Art, Filme zu machen.
"A Streetcar On Broadway"
(22 m) und "A Streetcar in Hollywood" (28 m) erzählen die Geschichten
von der Entstehung des erfolgreichen Theaterstücks und des ebenso erfolgreichen
Films. Die beiden Features enthalten Aussagen von Karl Malden, Rudy Behlmer
(Filmhistoriker), Richard Schickel, Kim Hunter und Elia Kazan.
"Censorship and Desire"
(16 m) erzählt die Geschichte der Zensur des Films durch das Breen Office
und die katholische "Legion of Decency". Auch hier äußern
sich Malden, Behlmer, Hunter und Schickel.
"North And The Music Of The
South" (9 m) berichtet über die Arbeit des Filmkomponisten Alex North.
"An Actor Named Brando"
(8 m) zeigt die Bedeutung des Films für die steile Karriere Brandos und
die Arbeit an seiner Rolle.
Schließlich findet man zwei
weitere Featurettes, Probeszenen vor dem Bildschirm mit Brando ("Marlon
Brando: Screen Test", knapp 5 m) und "Outtakes", also Szenen,
die nicht verwendet wurden (15 m 30 s).
Insgesamt eine exzellente DVD-Edition,
wie man sie sich öfter bei verschiedenen Filmen wünscht.
Ulrich Behrens
Dieser Text ist
zuerst erschienen bei:
Endstation
Sehnsucht
(A Streetcar
Named Desire)
USA
1951, 122 Minuten
Regie:
Elia Kazan
Drehbuch:
Tennessee Williams, nach seinem Roman
Musik: Alex
North
Kamera:
Harry Stradling Sr.
Schnitt:
David Weisbart
Ausstattung:
Richard Day, George James Hopkins
Darsteller:
Vivien Leigh (Blanche Du Bois), Marlon Brando (Stanley Kowalski), Kim Hunter
(Stella Kowalski), Karl Malden (Harold "Mitch" Mitchell), Rudy Bond
(Steve), Nick Dennis (Pablo Gonzales), Peg Hillias (Eunice)
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