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Epsteins
Nacht
Schales
Betroffenheitskino
Urs
Egger beschäftigte für seine Geschichte über drei Männer,
die dem Holocaust entkommen sind, und einen SS-Mann, der sich nach dem Krieg
hinter der Identität eines Pfarrers verbergen konnte, eine ansehnliche
Zahl von Schauspielern. Vorneweg sei gesagt: Adorf, Tausig, Lamprecht und Annie
Girardot spielen ihre Rollen in sich überzeugend. Daran gibt es nichts
auszusetzen. Nina Hoss (zuletzt in Doris Dörries „Nackt“ als Charlotte
zu sehen) allerdings bleibt äußerst blass und Bruno Ganz wird seiner
Rolle kaum gerecht. „Epsteins Nacht“ ist einer der Filme, in denen eine paradoxe
Situation entsteht: Das Gros der Schauspieler spielt, was man von ihnen erwarten
kann, insbesondere Adorf. Die Inszenierung selbst allerdings krankt ganz gewaltig
an Spannungsarmut und bedient Erwartungen des Publikums oder zumindest eines
Teils des Publikums. Nach „Der
Stellvertreter“
(F, D 2002, Regie: Costa-Gavras), „Taking Sides – Der Fall Furtwängler“
(D, F, GB 2001, Regie: István Szabó), „Invincible“ (D, GB, USA
2001, Regie: Werner Herzog) sowie Polanskis großartigem „Der
Pianist“
(GB, F, D, POL 2002) ist „Epsteins Nacht“ ein weiterer Versuch der letzten beiden
Kinojahre, sich den Folgen des Holocaust auf eine sehr spezifische Weise zu
nähern.
I
N H A L T
Die
Brüder Karl und Adam Rose (Otto Tausig, Bruno Ganz) und ihr langjähriger
Freund Jochen Epstein (Mario Adorf) haben einen Weihnachtsbaum besorgt. Mit
Hilfe der Nachbarin Paula (Nina Hoss) bereiten sie eine Feier für alle
Hausbewohner vor. Die drei Männer haben das KZ Birkenau überlebt.
Vor allem Adam leidet unter der Vergangenheit, nicht so sehr unter dem, was
er selbst erlebt hat, sondern darunter, dass er seine Jugendliebe Hannah verloren
hat. Während die anderen ihn immer wieder davon überzeugen wollen,
dass Hannah ermordet worden sein muss, glaubt Adam auch Jahrzehnte nach dem
Krieg, dass sie noch irgendwo leben könnte.
Kurz
vor Beginn der Weihnachtsfeier fahren Jochen und Adam Paulas Tochter in eine
Kirche in Berlin-Spandau, weil Katharina (Josephina Vilsmaier) dort im Chor
singen muss. Als Pfarrer Groll (Günter Lamprecht) die Weihnachtsmesse beginnt,
glauben Jochen und Adam, in ihm den ehemaligen SS-Hauptsturmführer Giesser
zu erkennen, ihren Peiniger in Birkenau. Jochen verlässt entsetzt die Kirche,
Adam, der ganz ruhig wirkt, folgt ihm nach. Karl kann nicht glauben, was die
beiden ihm erzählen. Denn Giesser befand sich als Toter auf einer Liste,
die sie alle selbst gesehen hatten.
Jochen
lässt das Ereignis nicht mehr los. Adam nimmt sich die Pistole seines Bruders
und geht zu der Kirche, wartet bis zum nächsten Tag, bis sie geöffnet
wird und stellt Groll zur Rede. Er will nur eines von ihm wissen: Was ist mit
Hannah geschehen? Groll leugnet natürlich Giesser zu sein. Jochen und Karl,
besorgt, dass Adam Groll erschießen könnte, folgen ihm in die Kirche
und stellen Groll zur Rede. Nach einer Fangfrage von Karl gibt Groll zu, Giesser
zu sein ...
I
N S Z E N I E R U N G
Alles,
wirklich so gut wie alles in diesem Film ist vorhersehbar. „Epsteins Nacht“
ist inszeniert wie ein Theaterstück, in denen Dialoge vorherrschen und
Bilder in den Hintergrund treten. Tatsächlich inszeniert Egger seine Geschichte,
die nun wirklich für einen guten Film taugen würde, ohne Überraschungen,
ohne Spannung und in Erfüllung von Erwartungen, die er bei seinem Publikum
vermutet. Die Pistole, die Adam einsteckt, ist ein deutliches Indiz für
den ganzen Film. Man weiß zum einen, dass dieser sensible Adam sie nicht
benutzen wird; er will nur über das Schicksal Hannahs etwas von Groll /
Giesser wissen. Man weiß aber auch, dass Jochen, der seinen Peiniger und
den Folterer von Tausenden von anderen Menschen wiedererkannt hat, sie einsetzen
wird – das alles ist glasklar.
Die
Dialoge zwischen den drei alten Männern und auch die zwischen ihnen und
Giesser sind nach einem allzu simplen Muster eines aufklärenden, ja fast
belehrenden Duktus gestrickt. Man ahnt jeden Satz im voraus. Von Anfang an ist
ebenso klar, dass Groll der SS-Mann ist; daran besteht kein Zweifel. Die Gespräche
zwischen Jochen, Adam und Karl über die schreckliche Vergangenheit wirken
erschreckend alltäglich und vereinfachend. Auch hier gilt wie für
den ganzen Film, dass Egger das Publikum bis zum Erbrechen bedient. Dem Film
fehlt somit das, was einen Film ausmacht: wirkliche Dramatisierung. Allzu sehr
erscheinen die Personen als Charaktermasken, die für jemanden stehen, und
es ist Adorf, Tausig und Lamprecht zu verdanken, dass sie aus den Figuren noch
einiges an Individualität herausholen können. Ganz ist an dieser Rolle
des Adam gescheitert, und zwar auf der ganzen Linie. Er kann diesem früher
einmal verträumten, äußerst sensiblen und durch Birkenau zerstörten
Menschen, der immer noch daran glaubt, seine Hannah könne noch leben, nicht
sehr viel an Überzeugungskraft abgewinnen, bis auf wenige Momente, wenn
er etwa Paula mit Hannah anredet; manchmal wirkt seine Mimik und Gestik geradezu
grotesk lächerlich.
Auch
die überstrapaziert oft eingeführten schemenhaften Rückblenden
in die Kindheit der drei Männer und in die Zeit von Birkenau tragen nicht
wirklich etwas zur Dramatisierung des Stoffes bei, wirken gewollt aufklärend,
können aber nichts klären. Die Bilder sprechen nicht in diesem Film,
Worte sollen sie ersetzen. Alles läuft glatt, als wenn es für das
das Dramatische einebnende, allzu gewohnte Fernseherlebnis gedreht worden wäre.
Auch wenn man – das ist das Paradoxe an diesem Film – einem Mario Adorf abnehmen
kann, was er spielt, kann man dem Film insgesamt gar nichts abgewinnen. Selbst
als sich der Konflikt in der Kirche zuspitzt, Lamprecht diesen kalten, noch
immer völlig skrupellosen SS-Mann unter dem Mantel der Kirche ausspielt
und einige Enthüllungen über Jochen preisgibt, der im KZ alles getan
hat, um Adam zu schützen, verbleibt eine merkwürdige Distanz zum Geschehen.
Egger vermag keine Nähe zum Geschehen und der damit verbundenen Vergangenheit
herzustellen, weil er auf vermeintliche oder tatsächliche Erwartungen setzt
und Worte statt Bilder sprechen lässt.
F
A Z I T
Es
gibt einige wenige Szenen, in denen durchscheint, was aus diesem Film hätte
werden können. In der Anfangsszene, zehn Jahre nach den Ereignissen in
der Kirche, steht überraschend Hannah (Annie Girardot) vor der Tür
von Epsteins Wohnung, die er verkaufen will. Epstein hatte Nachforschungen angestellt
und erkennt Hannah zuerst nicht wieder. Dieses langsame Erkennen, was dann folgt,
die Erinnerungen die dabei in Epstein hochkommen, die Gespräche, die beide
führen, die Art, wie sie sich ansehen, die Nähe die hierbei aufkommt,
als Epstein Hannah von den Ereignissen in der Kirche und von Adam erzählt,
und besonders die Schlussszene des Films, als sich Hannah von Epstein verabschiedet
– das ist der Hauch von großem Kino und hätte Ausgangspunkt für
einen großartigen Film sein können.
Doch
über den Rest des Films gerät „Epsteins Nacht“ sehr schnell zu dem,
was man Betroffenheitskino nennen muss. Egger führt seine Schauspieler,
ohne sie wirklich spielen zu lassen, rasch in die vorgefertigte Schiene dieser
Betroffenheitsfalle, die nichts wirklich klärt und keine Nähe zu erzeugen
vermag.
Wertung:
4 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Dieser
Text ist zuerst erschienen bei: www.ciao.de
Epsteins
Nacht
(Intern.
Titel: Epstein’s Night)
Deutschland,
Österreich, Schweiz 2001, 85 Minuten
Regie:
Urs Egger
Drehbuch:
Jens Urban
Musik:
Christoph Gracian Schubert
Kamera:
Lukas Strebel
Schnitt:
Hans Funck
Darsteller:
Mario Adorf (Jochen Epstein), Bruno Ganz (Adam Rose), Otto Tausig (Karl Rose),
Günter Lamprecht (Groll / Giesser), Annie Girardot (Hannah), Nina Hoss
(Paula), Josephina Vilsmaier (Katharina)
Offizielle
Homepage: http://www.epsteins-nacht.de
Internet
Movie Database: http://us.imdb.com/Title?0285547
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