zur startseite
zum archiv
Die
Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
Müde Mörder
Andrew Dominik nimmt in seinem subtil passionierten
Film "Die Ermordung des Jesse James" seinen Helden auseinander - bis
dieser am Ende einem kraftlosen Schleimer zum Opfer fällt.
Tom, ruft die Frau, aus dem Esszimmer, und der Mann
reagiert sofort, wendet den Kopf zu einem spontanen "Komme gleich".
Sein wirklicher Name allerdings ist Jesse, Jesse James, aber der berühmte
Outlaw lebt schon seit einiger Zeit inkognito. Hat die andere Existenz perfekt
verinnerlicht, als unbescholtener Bürger von St. Joseph, Missouri, der
ein wenig abseits wohnt auf einem Hügel vor der Stadt, in einem Meer von
Gras. Mit seiner Familie und mit wenigen unauffälligen Kontakten zu den
Honoratioren der Stadt, die ihn als Thomas Howard kennen. Seine Kinder haben
keine Ahnung, woher der Reichtum der Familie kommt, wissen nichts von den Überfällen
auf Banken und Züge und den siebzehn Morden, derer ihr Daddy sich rühmt
und von denen er keinen bedauert.
Im September 1881 war Jesse James 34 Jahre alt, da
veranstaltete die Bande ihren letzten spektakulären Zug-Coup, bei Blue
Cut in Missouri. Von der alten Gang, deren cooles Zusammenspiel einst für
die Legende der James-Brüder gesorgt hatte, war keiner geblieben, und Jesse
und Frank füllten die Reihen mit großspurigen Kleinbanditen und Möchtegern-Revolverhelden,
darunter auch die Brüder Bob und Charley Ford. Frank James sieht auf den
ersten Blick, dass der Niedergang der Gang unvermeidlich ist - du hast nicht
die Zutaten für diesen Job, erklärt er Bob, als der sich vor dem Überfall
an ihn ranmacht. Sam Shepard spielt ihn in "Die Ermordung des Jesse James
durch den Feigling Robert Ford", mit statuarischer Souveränität
steht er in der Landschaft, und nach dem Überfall ist er schnell aus Jesses
Leben und aus dem Film verschwunden.
Am 3. April 1882 wurde Jesse James dann erschossen,
in seinem Haus in St. Joseph, es war der Palmsonntag. Es war der geradezu logische
Endpunkt einer Karriere und eines Lebens, das sehr früh schon keine Zukunft
mehr zu kennen schien. Es war der Beginn einer neuen Ära, in der die Helden
nicht mehr mit der Planung ihrer Taten und Unternehmungen sich befassen sollten,
sondern mehr mit der Logistik ihrer Legenden. Was in den Monaten vor diesem
3. April sich wirklich abspielte zwischen den Beteiligten, ist in unzähligen
Studien und Büchern immer wieder durchgearbeitet und dargestellt worden.
Eine Mischung aus destruktiven und selbstdestruktiven Trieben, die sich verstärken
im Schatten des Bürgerkriegs - die James-Brüder als Südstaatenrebellen.
Doch er erinnert dabei stark ans frühe moderne Theater in Europa, mit einem
Helden, dieser Mr. Howard, der sich nah an der Grenze zur Apathie bewegt und
der doch immer wieder einen Drang zum Coming-out beweist und zu Gewaltausbrüchen.
Der Mord, wie er hier inszeniert wird, hat einen selbstmörderischen Unterton.
Jesse James legt den Revolver ab und bietet seinem Mörder demonstrativ
den Rücken dar. Das novellistische Ereignis zerbröselt in dem Gewirr
der sich überlagernden Motive. Den Beinamen coward hat Ford vor allem weg, weil er sich so schön
reimt auf Mr. Howard, in der berühmten Ballade, die im Film Nick Cave singt.
Der neue Film entstand nach dem gleichnamigen Roman
von Ron Hansen von 1983, dessen kompromissloser Abstieg in die Psyche des Outlaws
und die seines Mörders die Produzenten und den Star Brad Pitt überzeugte,
den Neuling Andrew Dominik die Adaption wagen zu lassen. Ron Hansen hat dann
einige starke Psychotrips nachgelegt, von der Nonne auf ihrem Stigmatisierungs-Selbsterfahrungstrip
in "Marietta in Ecstasy" bis zu Hitler und seiner Geli-Raubal-Beziehung
in "Hitler's Niece". Die Faszination, Historisches zu erzählen,
sagt Hansen, das sei ein starker katholischer Impuls - die katholische Imagination
ist weit stärker als die protestantische, die in den USA dominiert. Als
katholischer Autor fühlt man sich wie ein Outlaw in der Gesellschaft, und
das Schreiben ist eine Art einsame, gefahrvolle Operation. "Man meint,
man würde etwas Verbotenes tun . . ."
Bob Ford fängt als kleiner Schleimer bei Jesse
James an, er hat in einer Schuhschachtel die Groschenhefte bei sich, die von
seinem Idol erzählen, und will ihm beweisen, dass er ganz gewiss kein Nobody,
sondern etwas "Spezielles" ist: "Ich bin überzeugt, ich
bin zu etwas Großem geboren, Jesse . . ." Aber das Mühlwerk
des Misstrauens, das damals schon kräftig vor sich hinrumpelt und mehreren
der Banditen den Tod durch Jesses Hand bringt, wird auch ihn zermürben.
"Pardon my saying", sagt er eines Abends beim gemeinsamen Mahl, und
versucht in einer rührenden, geradezu kafkaesken Aufzählung die beiden
Figuren, Jesse James und Robert Ford, zur Deckung zu bringen: der Vater jeweils
ein Pastor, das jüngste Kind der Familie, die blauen Augen, 1 Meter 72
Zentimeter groß . . .
Brad Pitt gibt den Jesse mit nahezu religiöser
Inbrunst, voll erlösungsbedürftig, er legt die eigene Sehnsucht nach
einem stillen, zurückgezogenen Leben, ohne die Auswüchse der Paparazzi-Plage,
in die Figur. Jesse ist müde und bleich, ein Wiedergänger, ein Vampir,
der den andern die Gedanken direkt aus dem Hirn schlürft. Brad Pitt ist
so voll dabei in dieser Rolle wie einst zur "Fight
Club"-Zeit, und auf dem Festival
in Venedig ist er dafür mit der Coppa Volpi belohnt worden, als bester
Schauspieler. Ein Jahr zuvor war Ben Affleck dran, für seinen mindestens
ebenso müden und melancholischen Schauspieler George Reeves in der "Hollywoodverschwörung"
- Venedig schaut auf Kontinuität, ist auf Hollywood-Dekadenz programmiert.
Bens Bruder Casey Affleck spielt nun den Feigling
Robert Ford, und das ist die eigentlich erstaunliche Leistung in diesem Film
- ein solches Nichts, ein derart glatter, kontur- und kraftloser Wicht. Sein
Gesicht ist völlig ausdruckslos, die Stimme monoton. Die Kamera von Roger
Deakins, die draußen in den Feldern üppig schwelgt, scheint den Atem
anzuhalten, wenn sie auf dieses Gesicht geht, als wollte sie um keinen Preis
den Moment verpassen, wenn sich da doch mal der Mund leicht verschiebt, ein
Lid zuckt.
Andrew Dominiks Film ist kein Western, eher eine
Meditation übers Genre, und als solche markiert er eine momentane Wiederkehr
des Western, zusammen mit dem Remake von "3:10 to Yuma" zum Beispiel,
der ein wirklich kraftvoller Western-Durchmarsch ist, mit dem charismatischen
Russell Crowe. Der "Jesse James" ist ein Blick von draußen,
sehr distanziert, bisweilen bewusst manieristisch. Dominik ist Neuseeländer,
sein Film ist vom europäischen Kino inspiriert, von Bergman und "Barry Lyndon" - Kubricks Film ist eins seiner großen
Vorbilder. Hier hat er gelernt, wie man einen Helden auseinandernimmt und ein
Zeitalter zerlegt.
Fritz Göttler
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der: Süddeutschen Zeitung vom 24.10.2007
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Die
Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
THE ASSASSINATION
OF JESSE JAMES BY THE COWARD ROBERT FORD, USA 2006 - Regie, Buch: Andrew Dominik.
Nach dem Roman von Robert
Hansen. Kamera: Roger Deakins. Musik: Nick Cave, Warren Ellis. Mit: Brad
Pitt, Casey Affleck, Sam Shepard, Mary-Louise Parker, Zooey Deschanel, Sam Rockwell.
Universal, 156 Minuten.
Start(D): 25.10.2007
zur startseite
zum archiv