Dass Kafkas Geschichten
eigentlich Schwarzweißfilme sind, fällt jedem Schulkind auf, das
sich irgendwann mit einer seiner Parabeln konfrontiert sieht. Lars von Triers
Film „Europa“ beginnt in reinem Kafka-Schwarzweiß. Und wenn sich der „Verschollene“
Karl Roßmann in den merkwürdigen Ordnungssystemen von Kafkas „Amerika“
verirrt, dann ergeht es Leopold Kessler in Lars von Triers makabrem „Europa“
kaum anders. Symphatischer Größenwahn mag den Regisseur von „Element
of Crime“, und „Epidemic“ 1989 zum Abschluss seiner „Trilogie der Einsamkeit“,
diesem Film: „Europa“ inspiriert haben, munter den Stapfen des tuberkulös-literarischen
Genies der modernen Verzweiflung zu folgen, der mit dem Romanfragment „Amerika“
(„Der Verschollene“) - wie später sein Epigone - einen Werkabschnitt vollzog.
Nach „Der Prozess“ und „Das Schloss“: „Amerika“, Symbol und Vollzugsstätte
der modernen Welt. Näher heran, weiter hinaus konnte es für Kafka
nicht gehen.
Lars von Trier scheint
die Substanz der Moderne 86 Jahre nach „Amerika“, da zu vermuten, wo wir Europäer
sind. Besonders symptomatisch für moderne Strukturen ist für von Trier
aber das Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. „Zentropa“ ist der amerikanische
Filmtitel, weil „Zentropa“ der Name der deutschen Bahngesellschaft im Film „Europa“
ist, die vor und im 2. Weltkrieg Transporte von Passagieren, Waffen, Vieh und
Sondertransporte, wie die von Juden ermöglichte, und sich danach auf Schlafwagen
verlegt hat. „Zentropa“ in diesem Film ist das Herz, die Zentrale Deutschlands,
und Deutschland die Zentrale Europas.
„Aus New York mit dem
Schiff“ ist Leopold angereist; er hat den umgekehrten Weg des „Verschollenen“
hinter sich, um ein Zeichen zu setzen. Er will den Deutschen im Herbst 1945
„in ihrer Not helfen und zur Völkerverständigung beitragen“. Zu diesem
Zweck möchte er Schlafwagenschaffner bei „Zentropa“ werden. In Frankfurt/Main,
Deutschland, Europa, herrscht andauernde Nacht (wie in David Lynchs „Eraserhead“).
Die Deutschen leben in einem Zustand zwischen Trance und Geschäftigkeit.
Was sie wach hält, ist das Befolgen und Einhalten akribisch-absurder Regeln.
Heilig im Deutschland der Ruinen ist die Wiederherstellung des Betriebs, der
Eisenbahn, die Wiederaufnahme blinder Betriebsamkeit, Gehorsamkeit: Das wichtigste
ist, dass die Räder (wieder) rollen: Hunderte ausgemergelter Menschen,
Sklaven der Maschine, schleppen eine Lokomotive aus einer Halle. Eine Schlüsselszene
und Metapher für die Moderne angelehnt an Langs „Metropolis“ und Chaplins „Moderne Zeiten“. „Amerika“ trifft auf
„Europa“. Karl kehrt zurück als Leo. Auch das Kino nahm seinen Anfang in
Europa, führte in die USA und kehrte mit der Siegermacht zurück -
und „Europa“ ist auch ein Film über das Kino.
Sogar die früheren
Rollen der Schauspieler könnten in Beziehung zu ihren Figuren in diesem
filmischen Planspiel stehen: Der amerikanische, junge Idealist Leopold Kessler
(deutscher Abstammung) - „Immer tiefer tauchst du ein in Europa“ – gespielt
von Jean-Marc Barr, vor allem bekannt aus Bessons Extremtaucherfilm „Im Rausch
der Tiefe“. Auch hier wird er noch tauchen können müssen...
Der amerikanische Besatzungsoffizier
Colonel Harris: Eddie Constantine, als FBI-Agent Lemmy Caution Kultfigur des
trivialen frz./ital. Agentenfilms der fünfziger und sechziger Jahre, Klischee
des flotten, schlagfertigen US-Detektivs („Nick Carter schlägt alles zusammen“)
schon 1965 von Godard in „Alphaville“ („Lemmy Caution gegen Alpha 60“) erstmals
als sein eigenes Zitat verwendet, später mehrere Produktionen in Deutschland,
davon mindestens drei mit Fassbinder.
Ebenso ein Fassbinderschauspieler: Udo Kier, schwules Enfant Terrible des Andy Warhol-/Paul Morisseyfilms („Blut für Dracula“), des deutschen Autorenfilms, des Schlingensieffilms, des von-Trierfilms, zuletzt düsterer „Supporting Actor“ in Hollywood-B-Movies (und später in Triers „Geister“ die zentrale, bizarre Vater-Figur), als Larry Hartmann, der schwule, müde-intellektuelle Bruder der im deutschnationalen Widerstand „Werwölfe“ engagierten Katharina Hartmann. Die Industriellen-Familie Hartmann ist übrigens eine Neuauflage der in Machenschaften des "Dritten Reichs" verwickelten Krupp-Familie aus Luchino Viscontis "Die Verdammten", und Udo Kier der Epigone von Helmut Berger.
Katharina Hartmann wird gespielt von Barbara Sukowa, der bezwingenden „Lola“ (in Fassbinders Nachkriegs-Neuauflage von „Der blaue Engel“) wie auch von Trottas RAF-Terroristin Gudrun Ensslin in „Die bleierne Zeit“. Sie war also schon vor „Europa“ cineastisch im deutschen Untergrund tätig. Wenn auch auf der anderen Seite.
Leos Onkel (Ernst Hugo
Järegård, vor seinem Tod noch zu verdienter Berühmtheit gelangt
als göttlich misanthropischer Dr. Helmer in von Triers „Geister“(„Kingdom“)), auch
in „Europa“ schon ein Mann ohne positive Eigenschaften, ein „pathologischer
Tyrann“ wie der Onkel des „Verschollenen“ Karl, und deutscher als deutsch.
In einer Nebenrolle
Regisseur Lars von Trier als halbe Portion, als Jude, dem die Haare nach dem
KZ kaum wieder auf Streichholzlänge wachsen konnten, er, wie alle drei
in diesem Film identifizierbaren Juden: Ein armes Schwein, kein Befreiter. Schon
wieder, oder immer noch ein Unterdrückter.
Schließlich: Dietrich Kuhlbrodt, Filmkritiker seit 1957, als Oberstaatsanwalt Verfolger
von Naziverbrechern, jüngst, Oktober 2002, im Verbrecherverlag sein „Kuhlbrodtbuch“
veröffentlichender Mitherausgeber dieses Internetfilmmagazins „filmzentrale“,
als Zuginspektor, dessen Glatzenform von Trier beinahe dazu verleitet hätte,
ihm die Dienstmütze vom Kopf zu nehmen, bevor Kuhlbrodt Leopold Kessler
in seine Aufgaben und die Welt von Zentropa einweist - und der Szene dadurch
die halbe Bedeutung (Militär, Bahn, Rang, Posten, Ordnung) zu nehmen...
(Mehr dazu in D. Kuhlbrodts „Idioten“-Kritik) Kuhlbrodt steht auch bewegt dabei, als der Zug aus
der Lokhalle gezogen wird, der Onkel vor Rührung weint und Leo sich wundert.
Wenn von Trier eine
riesige, liebevoll aufgebaute, wie ein Uhrwerk laufende Modelleisenbahnanlage
ins Spiel bringt, zeigt er mit ihr auch das deutsche Ideal. Wichtiger als ihr
Sinn ist das Funktionieren der Ordnung. Und das ist wieder Kafka. Irgendwann
platzt Leopold angesichts des absurden, deutschen, europäischen: modernen
Vorschriftendschungels der Kragen, und das ist erbaulich und für einen
Augenblick befreiend: „Ich hab das Gefühl, seit ich hier bin, haben mich
alle nur fürchterlich angeschissen – jetzt bin ich an der Reihe, jetzt
sag’ ich mal was...“ Er wird nicht weit kommen.
Überraschend ist,
dass und wie genau von Trier als Däne die Deutschen kennt, beschreibt,
und ihren Lebensstil gar zum Paradigma europäischen Seins an sich stilisiert.
Das ist gewagt und vermessen - und deshalb lustig, weil der Film vor Zitaten
strotzt und als Patchwork der Genres Nachkriegsfilm, Melodram, Thriller, mit
seinen demonstrativen Anleihen beim Expressionismus, bei Eisenstein, beim Comic,
sich und seine Ernsthaftigkeit unablässig selbst anzweifelt. Von mancher
Seite wurde das Unausgeglichene, Überbordende, Verspielte an „Europa“ kritisiert,
doch gerade diese Elemente sind für von Triers Filme typisch, sie führen
bewusst neben jede politisch korrekte Spur, hinter oder vor jede Eindeutigkeit.
„Europa“, zum großen Teil in ranzigem Schwarzweiß gedreht, bedient
sich der Farbe, wenn es schön gefühlig oder schön blutig wird,
der Verfremdung durch überdimensionale Hintergrundprojektionen, der Hypnose,
um uns zur Identifikation mit Leo zu zwingen, des plakativen Schockeffekts,
als in „Waggons, von deren Existenz du keine Ahnung hattest“ (die landläufige
Antwort der Deutschen 1945 auf die Frage nach Konzentrations- und Vernichtungslagern)
bis auf die Knochen ausgehungerte Sträflinge auftauchen.
Alles ist gleichzeitig
da: Die melodramatische Liebesgeschichte zwischen Leo und Katharina, die absurde
Komik sinnloser und unmenschlicher Dienstvorschriften, und das Erschrecken vor
der unvermittelten Konfontation mit der „Ikonographie des Grauens“ (Seeßlen).
Ausgehungerte Juden sind ausgehungerte Juden sind ausgehungerte Juden. In „Europa“
fallen sie aus ihrem gewohnten Rahmen, das KZ befindet sich plötzlich im
Zug (der eigentlich Deutschland selbst ist).
In von Triers „Europa“
wird Deutschland mit seinen gleichgeschalteten Vollstreckern und Sklaven - ob
vor oder nach dem Krieg - mit
seinen Vernichtungsmaschinen und dem Holocaust als dessen aufwändigster
Leistung zur denkbar finsteren Verdichtung und Vollendung der modernen Welt,
zu einer Weiterentwicklung des kafkaschen Hauptthemas aus der Post-Kafka- und
post-modernen Perspektive heraus. Nicht einmal nach dem Holocaust und nach der
ungeheuerlichsten Katastrophe ist in diesem Deutschland irgend jemand lernfähig,
und selbst Leopold kann sich den normativen Zwängen von Zentropa-Europa
nicht entziehen. Jede seiner Handlungen wird als parteiische interpretiert und
von der dazu gehörenden Partei ausgenutzt. Er wird „schuldlos schuldig“,
er hat keine Wahl - wie sein Vorgänger Karl in „Amerika“. Alles ist Determination,
und der allwissende, raunende Hypnotiseur und Erzähler im Off ist gleichzeitig
„Determinator“, ein böser Gott. Nur ein Weg führt aus diesem dunklen
Europa heraus, der durch den Tod. Aus dem Schlafwagenschaffner wird ein „Schläfer“:
„Am Morgen hat der Schläfer endlich Ruhe gefunden - am Grunde des Meeres...“.
„Europa“ war von Triers
letzter hochartifizieller, streng durchkonzipierter Film, bevor er sich mit
und nach „Breaking the Waves“ viel mehr den Schauspielern, der Improvisation,
der Geschichte und - der Handkamera zuwandte. Die Fernsehserie „Geister“ und
der Dogma 95-Film Nr.2 „Die Idioten“ waren Höhepunkte dieser dem Stil von
Dokumentationen oder Heimvideos nachempfundenen Werke, deren alltägliche
Form die Zuschauer schnell dazu verleiteten, deren transportierte Geschichten
für banal zu halten. Doch der Gehalt der Filme des Lars von Trier ist (fast?)
immer doppelbödig und komplex geblieben, ob in „Die Idioten“, oder in „Europa“.
Dieser
Text ist zuerst an dieser Stelle erschienen, am 2.12.2002
EUROPA
Dänemark
/ Schweden / BR Deutschland / Frankreich - 1990 - 112 min. - teils schwarzweiß,
Scope
FSK:
ab 16; feiertagsfrei
Prädikat:
besonders wertvoll
Verleih:
NEF 2
Erstaufführung:
27.6.1991/21.1.1993 premiere
Fd-Nummer:
28983
Produktionsfirma:
Gunnar Obel Prod./Nordisk Film TV/Gerard Mital Prod./PCC/WMG/Schwedisches Filminstitut/Dänisches
Filminstitut/EURIMAGES
Produktion:
Peter Aalbaek Jensen, Bo Christensen
Regie:
Lars von Trier
Buch:
Niels Vorsel, Lars von Trier
Kamera:
Henning Bendtsen, Jean-Paul Meurisse, Edward Klosinski
Musik:
Joakim Holbek
Schnitt:
Hervé Schneid
Darsteller:
Jean-Marc Barr (Leopold Kessler)
Barbara
Sukowa (Katharina Hartmann)
Udo Kier (Lawrence Hartmann)
Ernst-Hugo
Järegard (Onkel Kessler)
Eddie
Constantine (Oberst Harris)
Dietrich
Kuhlbrodt (Zuginspektor)