zur startseite
zum archiv
Europa
Unter
Werwölfen
Allein mit Jean-Marc Barr, dem
Star. Verlegen nestle ich an seinem Kragen herum, bringe den Mund genau zehn
Zentimeter vor seinem linken Ohr in Position und versuche, der Unterweisung
in die ortsüblichen Praktiken einen raunenden bis verführerischen
Unterton zu geben. Jean-Marc pliert dreimal mit den Augen, sieht mich verwirrt,
aber kurz an und schweigt drei Minuten lang. Dann tritt er mir ebenso kurz wie
heftig auf den rechten Fuß. Ich haspele mit aller Gewalt dem Ende zu,
aber der Endspurt nützt nichts. "Dreiundzwanzig Sekunden zu spät",
bedauert Regisseur Lars von Trier. "Die Lokomotive ist schon durch, aber
das mit dem Gefummel war gar nicht schlecht."
Der mitfühlende Jean-Marc
ist auf die Idee gekommen, ein Zeichen aufzunehmen und mir durch besagten Fußtritt
weiterzugeben. Doch so geht es nicht. Kameramann Jean-Paul Meurisse moniert
mein Zusammenzucken. Jean-Marc, der durchtrainierte Sportler, ist einfach zu
kräftig.
Aber ich tue, wie mich Udo Kier,
der Star fürs Ungewöhnliche seit Fassbinders Zeiten, gelehrt hat:
"Bloß nicht schauspielern bei Lars von Trier! Bring' den Text aus
deinem innersten Innern und sonst nichts!" Udo Kier steht neben der Kamera
und nickt mir aufmunternd zu. Er hat recht. Bei Lars von Trier spielt
die Filmtechnik die Hauptrolle: die Farbrückprojektionen in der Schwarzweißrückprojektion,
der Lichtwechsel in den Kunstbauten. Dem Darsteller geschieht, was er nicht
erfährt. Lars ist der, der spielt - ein Meister der Aufbereitung des Materials.
Infolgedessen war der Film eigentlich
schon fertig, als die Darsteller in Kopenhagen eintrafen. Alles, was auf den
Rückprowänden läuft und sich bewegt, war ein halbes Jahr zuvor,
zu Beginn 1990, in Polen gedreht worden. Als wir in Kopenhagen eintreffen, sind
die Waggons längst nachgebaut und stehen drehfertig in den riesigen Ateliers
von Nordisk Film. Dort genügt es, die Kamera aufs Stativ zu setzen oder
ein paar Dezimeter auf der Schiene zu bewegen, um im Hintergrund die fertige
Bewegung aufzunehmen. Das bedeutet für mich leider, daß für
die drei Minuten Text kein Schnitt vorgesehen oder überhaupt nur denkbar
ist.
Als mir klar wird, daß ich
meinen Text in den vorgegebenen drei Minuten nur unterbringen kann, wenn ich
ihn verrückt schnell und ohne Pause herausbringe, hole ich mir Rat bei
einem anderen Partner, dem hochberühmten Hofschauspieler Ernst-Hugo Järegård
aus Stockholm, der viele Jahre später als Klinikchef der "Geister" populär werden sollte.
Järegård erläutert mir, daß er gerade den "Theatermacher"
für das königliche Hofschauspiel gelernt habe. Das sei ein Drei-Stunden-Monolog,
und er habe dafür anderthalb Jahre gebraucht. Somit ist nur noch ein Dreisatz
zu lösen. Wenn drei Stunden gleich anderthalb Jahre, dann sind drei Minuten
gleich x.
Aber irgendwie scheitere ich auch
an dieser Aufgabe und weil es mir zu anstrengend wird, weiter in den Drehpausen
die Rolle des Profi-Schauspielers zu spielen, halte ich mich an die Praktikanten,
von denen es zwei gibt. Der eine heißt Jörgen Johansson, trägt
Stiefel und total zerrissene Jeans, ist Däne und liest in einem Roman.
Er teilt mir mit, daß es Lars gestern nicht gelungen sei, dem Hofschauspieler
das Schauspielern auszutreiben und Eddie Constantine beim Drehen seinen ganzen
Text vergessen habe, obwohl er ihn beim Proben noch gebracht hätte. Dann
liest er weiter.
Der andere heißt Julian
Jencquel, ist Deutscher, trägt Anzug, Hemd und Schlips und studiert Jura.
Er hat die verantwortungsvolle Aufgabe, die Koproduktion für den deutschen
Produzenten zu überwachen. Ich empfehle ihm, sein Referendariat bei der
Staatsanwaltschaft zu machen, und erfahre, daß der Acht-Millionen-Mark-Etat,
die teuerste Nordisk-Film-Produktion aller Zeiten, im wesentlichen für die Technik
ausgegeben werde. Die Schauspieler hätten die Aufgabe, Europa auf sprachlicher
Ebene zu vertreten. So werde es eine skandinavische Fassung geben, in der lediglich
die deutschen und englischen Passagen untertitelt werden müßten,
während in der englischen und deutschen Fassung nur die jeweils fremdsprachigen
Dialoge gedubbt würden. Nur die französische Version werde vollständig
synchronisiert. Und das läge an mir. Der Grund: Ursprünglich hatte
Lars von Trier Matthieu Carrière für meinen Part vorgesehen. Der
sagte jedoch ab, nachdem Werner Schroeter ihm eine Rolle in "Malina"
angeboten hatte und damit Ruhm und Ehre auf den Filmfestspielen in Cannes winkten.
Als mir Lars die Carrière-Rolle
gab, muß er sich irgend
etwas Optisches falsch gemerkt haben. Denn
als ich zum allerersten Termin eilends zu einem der Nordisk-Film-Ateliers gefahren
werde, erwartet mich in Valby, gut eine Stunde nordwestlich der Metropole, ein
Stammfriseur, um mir die Haare zu schneiden. Der Maestro fährt frustriert wieder
ab, als er meinen kahlen Schädel erblickt, und läßt mir Zeit,
mich im ganz aus Holz gebauten, altertümlichen Filmstudio umzusehen, in
dem Carl Theodor Dreyer in den 20er Jahren die Filme gedreht hat, die schon
vor von Triers Zeiten Dänemark weltberühmt gemacht haben.
Lars bewundert, wie konsequent
ich die Kürze des geforderten Militärhaarschnitts zu Ende gedacht
habe, und erwägt, was sensationell ist, eine Änderung des Drehbuchs:
einen Reichsbahninspektor ohne Dienstmütze. Doch er trägt den Bedenken
des Kameramanns ("zu starker optischer Reiz") Rechnung. Lars, in Auftreten
und Erscheinung ganz das Gegenteil eines genialischen Moguls, ermuntert mich
während der streßfreien Drehtage zu einer Frage, die ich immer schon
auf den Lippen hatte: "Herr Trier, man findet Ihren Namen häufig ohne
das ,von' geschrieben. Was sagen Sie dazu?" Lars: "Als ich in
der Schule immer schlechter wurde und die Lehrer immer schlimmer, habe ich das ,von'
in meinen Namen eingefügt, um so meine Selbstachtung zu bewahren."
Dann setzt er ungefragt hinzu, er sei ganz zufrieden, daß Carrière
abgesagt habe, denn einen schönen Mann habe er gar nicht gebrauchen können.
Ich nehm's als Kompliment und erfahre, daß Lars schon im Sommer 1990 wußte,
daß sein Film auf der Croisette in Cannes laufen werde und daß er
das dem "Malina"-Abtrünnigen auch hätte sagen können.
Ja, ich weiß, ich hätte
längst den "Europa"-Plot erzählen sollen. Aber wie geht
das, wenn Eddie Constantine im Dreyer-Studio neben mir steht und von Godard
erzählt und von dem, mit dem er die Godard-Bewunderung teilt, nämlich
von Lars von Trier. "Element Of Crime" ist ein wunderbarer Film",
sagt er. Zu "Europa" sagt er nichts. Aber Eddie träumt von Hollywood,
vom Oscar. Wieder erzählt er die berühmte Geschichte, wie er auf dem
Podium steht, um die Trophäe in Empfang zu nehmen. Auch diesmal hat er
seinen Text vergessen. Ein Alptraum.
Ich habe meinen Text offenbar
nicht vergessen, aber leider, so ist mein Alptraum, wird Oliver Tolmein, ex-"taz"
und ex-"konkret"-Redakteur, wieder zu bemäkeln haben, daß
mich mein antifaschistisches Gewissen im Stich gelassen habe. Denn, es muß
heraus, die Helden von "Europa" sind Werwölfe in Gestalt einer
unverbesserlichen Nachkriegsunternehmerfamilie, die das deutsche Geschick wieder
in die Hand zu nehmen gedenkt. Aus Amerika eilt der Sippensproß herbei,
der dort den Krieg heil überstanden hat, um sich vom Eisenbahninspektor
in die Praktiken des Unternehmens ("Die Bahn") einweisen zu lassen.
Die ersten Wagen, die wieder fahren, sind mit Schlafgestellen gefüllt,
die denen eines Konzentrationslagers nicht unähnlich sind. Udo Kier durchschreitet
sie im Trenchcoat.
Nach dem Drehtag sitze ich mit
Jean-Marc im Szene-café "Den Turelle" in der Store Regne Gade.
Es ist Sommer, nachts und immerhin knapp über null Grad. Jean-Marc weiß
auch nicht, warum der Werwolf-Film so heißt, wie er heißt. Aber
er gibt mir das Stichwort: "Ich bin US-Bürger, aber meine Heimat ist
Europa."
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen im: schnitt
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Europa
DK/D/S/F/CH 1991. R,B: Lars von Trier. B: Niels
Vørsel. K: Henning Bendtsen, Edward Klosinski, Jean-Paul Meurisse. S:
Hervé Schneid. M: Joachim Holbek. P: Nordisk Film u.a. D: Jean-Marc Barr,
Barbara Sukowa, Udo Kier, Ernst-Hugo Järegård, Eddie Constantine,
Dietrich Kuhlbrodt u.a. 112 Min. RealFiction ab 21.7.05
zur startseite
zum archiv