Existenz David Cronenberg, Kanada 1999
David Cronenberg ist der Regisseur der Metamorphosen. In "Die Fliege"
mutiert Jeff Goldblum zunehmend in ein Insekt, in "Naked Lunch"
kulminiert die cronenbergsche Phantasie im ganz bildlich übersetzten
"Agenten, der ein Arschloch war", in "Crash" teilen junge Leute ein
pathologisch libidonöses Verhältnis sowohl zu ihren Körperprothesen,
als auch den Pferdestärken hochtouriger Sportwagen. Cronenbergs Filme
waren nie großes Kino, aber wenn man ihre voraussetzungsreiche Legende
akzeptieren konnte, so doch in sich schlüssig und voll origineller
Einfälle.
Wohl am Augenfälligsten ist Cronenbergs Hang zur Verdinglichung.
Psychosomatisches, das andere Filme nur metaphorisch verklausuliert
darzustellen wissen, erhält hier seine körperliche Gestalt. Wenn die
Hauptfigur in "Videodrome" sich vom TV manipuliert und entmündigt
fühlt, scheut Cronenberg nicht zurück vor dem Ausbuchstabieren dieser
Phobie: James Woods krallt beide Hände in seine Bauchdecke, reißt sie
auseinander und belädt den zwischen seinen Innereien platzierten
Videorecorder mit neuen Bändern.
Der neue Film heißt "Existenz" und entführt in das Labyrinth eines
interaktiven Computerspiels. Die Metamorphose wird hier natürlich
positioniert in der neuronalen Vernetzung von Gigabyte und Stammhirn,
die Hardware ist aus Biomasse, die Software aus Einbildungskraft, "Das
Spiel bist Du", wie der Untertitel posaunt. Zur Story so viel: Was
passiert, wenn ausgewählte Probanden ein neues, realitätsechtes
Cybergame testen und innerhalb einer Spielebene ein ganz neues Spiel
beginnen? Sie können nicht mehr beurteilen, wann und ob sie auf den
Ausgangslevel zurückgekehrt sind. Ist hier schon Spiel? Oder noch
Realität? Oder schon Realität?
"The Game" und "Matrix", die letzten dicken Filme, die sich an dieser
fürchterlich spannenden Frage entlanggehangelt haben, hingen einige
Momente so kurzatmig wie plump über dem gähnenden Abgrund, der ihnen
und der Geduld der Zuschauer bald gnädig entgegenrülpste. "Existenz"
ist nicht gar so muffig und verschont halbwegs mit
populärphilosophischem Mißtrauen an der Moderne, aber fesselt an
keiner Stelle. Zu absehbar die Figurenkonstellation aus ätherischer
Künstlerin und unerfahrenem Bodyguard, aus väterlichem Verräter und
schmierigem Doppelagenten. Außerdem bleibt völlig unverständlich,
warum trotz des unerschöpflichen Phantasieraums der Cyberwelt
ausgerechnet wieder die chinesische Küche für wohlige Schauer beim
abendländischen Gourmet sorgen muß, warum ausgerechnet
feuchtgelutschte Joysticks in vaginalförmige Rückenmarksadapter
flutschen und warum ein Handy der Parallelwelt zwar rosa und glibberig
ist und von innen her leuchtet, aber immer noch ein Handy bleibt. "Hallo Virtual Reality. Genau. Du mich auch."
Urs Richter
Diese Kritik ist zuerst erschienen bei:
filmtext.com - Texte zum Film.