zur startseite
zum archiv
Der Exorzist - Director's Cut
Das
Teuflische in uns
Als
ich Mitte der 70er Jahre im zarten Alter von 20 Friedkins (»French
Connection«,
1971; »To
Live and Die in L.A.«,
1985) "Exorzist" das erste Mal sah, konnte ich mich vor Begeisterung
kaum halten. Sicher, Suspense-Meister Alfred Hitchcock hatte etliche Male vorgemacht,
wie man Spannungsbögen über eineinhalb oder zwei Stunden durchhalten
kann und das Publikum in Angst und Schrecken versetzen konnte, vor allem mit
»Die
Vögel«
und »Psycho«.
Aber »Der Exorzist« war mehr, ging einige Schritte weiter, ohne
nur Horror-Film zu sein.
Der
Film brach alle Rekorde, war nach »Der
Pate«
der bis dahin erfolgreichste Film aller Zeiten. Er löste eine regelrechte
spirituelle Welle aus. Die US- amerikanische Presse reagierte mit Schlagzeilen
und Kommentaren wie »Gipfel des Wahnsinns und der Blasphemie« (»Washington
Post«) oder »Warum zum Teufel sind sie so verrückt nach dem
Teufel?« (»New York Times«). Die
hiesige »Welt« spekulierte über die »Rehabilitierung
des Mittelalters durch das modernste aller Medien – den Film«. Während
die katholische Kirche die religiöse Tendenz des Films lobte, geiferte
Profi-Prediger Billy Graham, der Film sei das Böse schlechthin.
Was
Friedkin und Blatty auf die Leinwand brachten, war durchaus zwiespältig.
Das geht schon aus den Stellungnahmen der beiden hervor. Blatty: »In gewisser
Hinsicht ist der Film einfach nur eine prächtige Achterbahnfahrt, aber
auf einer tieferen, unbewussten Ebene erfahren wir beim Zuschauen etwas über
die geistigen Mächte des Universums - einige positiv, andere weniger. Im
Grunde ist die Aussage: Es gibt einen Gott. Diese Botschaft steckt im Film und
sie überträgt sich auf den Zuschauer. Wie oft kann man sich schon
denselben Film ansehen und immer wieder aufs Neue etwas empfinden?« Friedkin
dagegen hielt sich eher bedächtiger: »Jeder sieht im ›Exorzisten‹,
was er bereits in sich hat...«
Inhalt
Schauplatz
1:
Pater
Merrin (Max von Sydow) entdeckt bei Ausgrabungen im Nord-Irak die Figur eines
Dämonen. Sichtlich erschüttert diskutiert er mit einem Kollegen im
Museum über die böse Natur des Dämonen. Plötzlich bleibt
das Pendel der Standuhr stehen.
Schauplatz
2:
Zur
gleichen Zeit dreht die Filmschauspielerin Chris MacNeil (Ellen Burstyn) in
Washington einen Film, der im Milieu der Universität spielt, unter dem
Titel »Crash Course«. Chris tituliert den Film als »die Walt-Disney-Version
der Ho-Chi-Minh-Story«. Mit ihrer Tochter Regan (Linda Blair) lebt Chris
im Universitätsviertel Georgetown hoch über dem Potomac-River. Regans
Vater lebt, geschieden von Chris, in Europa. Als sie mitbekommt, dass Regisseur
Burke Dennings (Jack MacGowran) ihrer Mutter den Hof macht, fragt sie Chris,
ob sie Dennings heiraten wolle. Doch Chris kann ihre Tochter beruhigen.
Schauplatz
3:
Der
Jesuitenpater Damian Karras (Jason Miller) hat etliche Probleme. Er zweifelt
zum einen an seinem Glauben und will sich von seiner Arbeit als psychiatrischer
Berater an der Universität entbinden lassen. Zum zweiten lebt seine Mutter
vereinsamt in einem heruntergekommenen Viertel und will dort nicht weg. Als
sein Onkel (Tito Vandis) seine Mutter (Vasiliki Mallaros) in die Psychiatrie
einliefern lässt und sie bald darauf stirbt, ist Karras am Boden zerstört
und fängt an zu trinken.
Dann
geschehen einige merkwürdige Dinge. In einer Kirche in Georgetown wird
eine Marienstatue auf obszöne Weise entstellt. Chris hört merkwürdige
Geräusche vom Dachboden ihres Hauses, vermutet Ratten und beauftragt ihren
Angestellten Karl (Rudolf Schindler), Fallen aufzustellen. Aber noch viel schlimmer
ist das plötzlich auftretende merkwürdige Verhalten Regans. Sie reagiert
hypermotorisch, benutzt unflätige Worte und reagiert aggressiv, als die
Ärzte sie untersuchen. Die finden keine körperlichen Schädigungen
und vermuten psychische Probleme aufgrund der Trennung der Eltern. Während
einer Party erscheint Regan vor den Gästen im Nachthemd und flucht: »Ihr
werdet alle da oben sterben.«
Eines
Nachts hört Chris Schreie ihrer Tochter und beobachtet, wie Regan im Bett
liegt, das durch irgendeine unbekannte Kraft hin und her geschüttelt wird.
Weitere Experten werden konsultiert, Regan erhält starke Beruhigungsmittel,
aber nichts hilft. Als Chris ihre Assistentin Sharon (Kitty Winn) beauftragt,
auf Regan aufzupassen, und später nach Hause zurückkehrt, findet sie
Dennings an der Treppe tot, das Gesicht mit brutaler Gewalt in den Nacken gedreht.
Lt. Kinderman (Lee J. Cobb) nimmt die Ermittlungen auf, ein Psychiater vermutet
etwas Unglaubliches: dass ein Dämon sich in Regan festgesetzt hat. Die
Ärzte empfehlen Exorzismus: »Weil die Opfer selbst glauben, dass
sie besessen sind, hilft manchmal ein Exorzismus. Letztlich ist das natürlich
eine komplizierte, aber funktionierende Form von Autosuggestion.«
In
ihrer Verzweiflung bittet Chris Pater Karras und später Pater Merrin, der
schon Erfahrungen mit Teufelsaustreibungen gesammelt hat, mit dem Exorzismus
zu beginnen ...
Inszenierung
Friedkin
ist in Inszenierung, Spannungsaufbau, Dramatisierung der Geschichte und inhaltlicher
Aussage ein visuelles und filmhistorisches Meisterwerk gelungen. In einer fast
schon nüchternen Art und Weise erzählt er zu Anfang drei Geschichten,
die kaum etwas von dem Szenario des Horrors ahnen lassen, das den Betrachter
unvorbereitet trifft. Es sind Geschichten der Normalität, in denen sich
allerdings Konflikte abspielen, deren Bedeutung sich durch den Schrecken völlig
wandelt. Das gilt für den zweifelnden und verzweifelten Pater Karras ebenso
wie für den körperlich und seelisch angeschlagenen Pater Merrin und
die Familiengeschichte der MacNeils. Der Horror bricht nicht ein wie ein Sturm,
der ein Haus verwüstet, oder ein Verbrechen, dem Menschen zum Opfer fallen.
Der Schrecken kommt im wortwörtlichen Sinne von »innen«. Er
hat sich längst eingenistet, bevor irgend jemand davon auch nur den Hauch
einer Ahnung hat.
Dieser
Horror hat keine Gestalt, wird für den Betrachter nicht personifiziert,
sondern äußert sich – in der kleinen Regan, also ausgerechnet in
einem Kind, einem jungen Menschen, der seine Unschuld noch nicht verloren hat.
Das absolut Böse, das nicht mit sich reden oder handeln lässt, das
unweigerlich sein Unwesen treibt, nistet sich dort ein, wo man es am wenigsten
erwartet. Du wirst nicht unschuldig bleiben, vermittelt der Dämon, Du wirst
so schuldig werden wie Deine Eltern. Friedkin lässt dem Zuschauer keine
Wahl, keinen Ausweg, keine Hoffnung. Er entzaubert jegliche Form von Wissenschaft,
von Erklärung, Logik, Vernunft, Verstand, um deren Konsequenzen um so drastischer
zu offenbaren. Hier liegt u.a. die zeithistorische Bedeutung des Films. Der
Glaube an die vollständige Erklärbarkeit der Welt durch Wissenschaft,
Technik, der Fortschrittsutopismus werden radikal gebrochen und als Aberglaube
enthüllt.
Aber
nicht nur dies. In fast schon Goethescher Manier enthüllt Friedkin die
Konsequenzen dieses Aberglaubens: der alles erklärende Verstand ist der
tötende Verstand. Wenn er die Transzendenz des menschlichen Lebens und
damit das Unerklärbare versucht zu vernichten, melden sich die Mächte
der Finsternis, die hier die kleine Regan befallen.
Der
Fortschrittsoptimismus war Konsequenz der aufräumenden Arbeit der Protestbewegungen
gegen Mitte/Ende der 60er Jahre. Insofern ist diese Zeit vergleichbar (nicht
etwa gleichzusetzen!) mit anderen umwälzenden Epochen der Geschichte. Die
Aufklärung erzeugte als ergänzende Gegenbewegungen sowohl die erzkonservative
Reaktion etwa eines Edmund Burke, als auch die »Fingerzeige« der
Romantik. Ähnlich bei »Der Exorzist«: Die Watergate-Affäre
hier, die Protestbewegungen dort offenbarten auf erschütternde Weise den
Glauben an die Reinheit der Politik wie den an die Reinheit des Protestes. Nixon,
Kissinger und das Vietnam-Desaster stehen hier auf der einen Seite, der hilflose
Verfall eines Teils der Protestbewegungen in Formen des modernen Aberglaubens
(Sinnstiftung durch Drogen, psychedelische Experimente, Outsider- und Aussteigerideologien
und anderes mehr) auf der anderen Seite.
Während
Friedkin mehr die Erschütterung des Glaubens an Wohlstand und Glück
durch eine aufgeblähte Fortschrittsmetaphorik interessierte, die sich ihrer
eigenen irrationalen Basis nicht bewusst war (und ist), sondern sich als einzig
rationale Grundlage der modernen Welt verstand und verkaufte, galt Blattys Augenmerk
eher der von ihm für unumgänglich gehaltenen Renaissance des religiösen,
metaphysischen Diskurses über Gut und Böse. Beide Tendenzen finden
sich in »Der Exorzist« – und das ist aus heutiger Sicht zumindest
vorteilhaft. Beides steht für die genannten Reaktionen auf scheinbar alles
umwerfende und umwerfen wollende Tendenzen: konservative restaurative Reorganisation
(Blatty) und sinnstiftendes Korrektiv rationalistischer Ideologien (Friedkin).
Für
Blatty ist der Dämon, der sich in aller Scheußlichkeit breit macht,
das Böse schlechthin, dem nur mit Teufelsaustreibung beizukommen ist. Für
Friedkin sind eher die verdrängten Ängste vor einer durchrationalisierten
Welt das Zentrum, aus dem sich das Böse drängt. Dieses Böse ist
nicht leicht zu lokalisieren: Steht es für die Schattenseiten menschlichen
Daseins oder ist es »Hinweisgeber« oder beides?
Das
Zimmer Regans ist das körperliche und seelische Zentrum des Abgrunds. Von
hier aus bricht sich das Böse Bahn. Seine Austreibung durch einen Exorzisten
ist nicht seine Vernichtung, sondern nur seine Verdrängung aus dem Kind.
So hinterlässt »Der Exorzist« einen mehrdeutigen Eindruck im
positiven Sinn. Das Böse, Verdrängte, die (Ur-)Ängste melden
sich in brutaler Form. Am Schluss sind sie wieder verdrängt, durch die
Religion, das Kreuz. Regan scheint befreit. Aber nichts ist mehr wie vorher.
Die Austreibung steht für die wiederholte Verdrängung des Bösen.
Die Religion wird entzaubert, gegen die Absicht Blattys übrigens. Sie steht
am Schluss für die Austreibung, aber sie ist ebenso machtlos gegenüber
dem Bösen wie alle anderen. Sie ist nicht der Ort der Erlösung, sondern
nur der Schein, der die Erlösung in ein unbestimmtes Jenseits verbannt.
What’s
new?
Knapp
zwölf Minuten wurden für the »version you’ve never seen«
hinzu geschnitten. Der Streit darüber, ob dies notwendig, sinnvoll war,
geht durch die Kinowelt. Die digitale Neufassung beim Ton hat dem Film nicht
besonders gut getan, jedenfalls nicht in der deutschen Synchronisation.
Bei
den zusätzlichen knapp zwölf Minuten handelt es sich um vier Szenen.
Die eine ist aus diversen DVD- und Video-Fassungen bekannt und passt sich meinem
Empfinden nach in den Film gut ein: Der Spider-Walk, bei dem Regan blutspeiend
und verkrümmt gleich einer Spinne die Wände entlang krabbelt.
Die
hinzugefügte Schlusssequenz verändert zwar nicht den ganzen Sinn des
Films, ist aber völlig unnötig. Die Originalversion endete mit der
Abfahrt von Chris und Regan. Chris übergibt Pater Dyer Pater Merrins Medaillon.
Das Auto fährt ab, Dyer schaut noch einmal auf die Treppe des Grauens und
geht weg. In der Neufassung trifft Dyer auf Lt. Kinderman. Sie sprechen über
irgendeinen Film namens »Wuthering Heights«. Ein völlig sinnloser
Schluss, der aber dem Pessimismus der Originalfassung tatsächlich etwas
nimmt. Völlig unnötig.
Ebenso
unnötig ist eine Szene nach dem ersten Versuch von Exorzismus, ein Gespräch
zwischen Karras und Merrin auf der Treppe, der die Handlung eher stört,
als irgend etwas zur Dramatik beizutragen.
Sinnvoll
dagegen ist die Krankenhausszene, in der Regan von verschiedenen Ärzten
untersucht wird. Sie passt auch inhaltlich, weil sie die These des Films untermauert,
dass die Wissenschaft keine Antwort auf das Phänomen hat, was Regan befallen
hat.
Fazit
»The
Exorcist« hinterlässt – auch in der verlängerten Fassung und
nach 29 Jahren – immer noch einen überwältigenden Eindruck und stellt
Fragen an die moderne Gesellschaft und ihren schier unbegrenzten Fortschrittsglauben,
dem wir alle mehr oder minder verhaftet sind. Dabei ist der Film durchaus, aufgrund
der unterschiedlichen Absichten Friedkins und Blattys, zwiespältig, aber
ich finde in einem positiven Sinn. Für die einen ist die Religion der einzige
Hort, der Schutz vor dem Bösen. Friedkin dagegen entzaubert die Religion
als Schein. Regan ist am Schluss gerettet, die Angst, der Schrecken, das Böse
bleiben. Was tun wir damit? Für Blatty ist der Dämon eher das personifizierte
Andere, das es zu bekämpfen gilt, für Friedkin das Böse, was
in uns allen steckt, und dessen Existenz wir gerne verdrängen. Hier liegt
die enorme (film)historische Bedeutung von »The Exorcist«.
Ulrich
Behrens
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in http://www.ciao.com
unter dem Mitgliedsnamen Posdole,
danach in: F.LM - Texte zum Film
Zu diesem Film gibt es im Archiv der filmzentrale mehrere Kritiken.
Der
Exorzist (The Exorcist)
(USA
1973, R: William Friedkin)
zur startseite
zum archiv