Expedition Bismarck
Ein
Kameradschaftsfilm und ein Film über Helden der Technologie. 1941 versenkten
die Engländer das Schlachtschiff Bismarck. Sechzig Jahre später holt
James Cameron Überlebende an Bord seines Tauchschiffs. Die Feinde von gestern
sind die Freunde von heute, und man bewundert sich den Film hindurch gegenseitig,
und das heftig. Cameron, so wird uns eingebläut, hat eine grandiose innovative
Tauchtechnik entwickelt. 5.000 Meter unter dem Meeresspiegel kann man das Wrack
ehrfürchtig bestaunen und ganz doll filmen. Und Hitler hatte seinerzeit
das modernste Schiff der Welt gebaut, eine "Kathedrale aus Stahl",
genauer "aus Kruppstahl". Das Wunderwerk schlägt knapp die Titanic.
Es ist so lang wie diese, aber neun Meter breiter. Wir hören das von der
ergriffenen Stimme im off, und die hat immer recht, denn auf der Tonspur wird
unterlegt, was wir im "Titanic"-Film hörten. Und dann sehen wir
in alten Wochenschaufnahmen den, der bei uns als Gröfaz verarscht wurde,
der doch aber der größte Schiffsbauer aller Zeiten war: der Führer
schuf das Technologiewunder Bismarck. "Die Bismarck" wird Nazifilm.
Heil! Heil! Heil! Jubeljubeljubel. Wir sind im Superstadion, ob es Nürnberg
ist oder nicht, egal, wir erfahren es nicht, aber dort thront er, der Größte,
und nimmt Paraden ab. Ein Meer von Hakenkreuzfahnen, und zum Marsch der Kolonnen
hören wir Rockmusik und die ekstatischen Schreie von Zehntausenden. "Hitler
war der ultimative Rockstar seiner Zeit", raunt es wieder bewundernd im
off. Wie war das noch? Die Feinde von gestern sind die Freunde von heute.
Die
Marinejungs von damals werden nachgespielt von Teenies aus dem Filmgenre von
heute. Geile Muscle Shirts haben sie an, Idole unsere Zeit. Auch sonst beruft
sich die "Die Bismarck" auf gängige Genres, wie wir sie lieben.
Die Schiffe "preschen aufeinander zu wie Ritter beim Turnier". Fantasy!
Das "Schlachtfest": "ein Stahlgewitter"! Ernst Jünger
hätte es hören sollen, aber Cameron macht nicht Literatur, sondern
einen Kriegsfilm und das noch als Teeniesoap. Wir sind in einem Spiel.
Spielerisch
geht es im Neunsekundentakt von der historischen Wochenschau zur Simulation
militärtechnischer Höchstleistung, wie sie jeder aus Animationen in
den aktuellen Nachrichten kennt. Von dort zu den Dokustatements alter Herren,
zerhackt in Halb- und Dreiviertelsätzen. Und zur Selbstbeweihräucherung
des heldischen Tauchteams.
Ich
hatt einen Kameraden. Der Zapfenstreich. Jemand von der Bundeswehr salutiert.
Jemand von der "Kameradschaft Seeschiff Bismarck" setzt den Helden
des Schlachtschiffs "die Schaumkrone der ewig wogende See" auf. "Grüß
das Vaterland und das Deutsche Volk", hatte es von dort heraufgemunkelt.
Ja, die "Ereignisse" endeten "tragisch", läßt
sich die nachwievor ergriffene Stimme aus dem off vernehmen. Und Cameron hat
sich mit seinem Film verdient gemacht. Er beantwortet die Frage, "die seit
sechzig Jahren die Gemüter erhitzt": wer genau hatte 1941 den ultimativen
Schuß auf die Bismarck abgefeuert? Whodunnit? Der Täter steht fest.
Der Britenflieger wars. Opfer ist die Bismarck.
Dieser
Artikel ist zuerst erschienen in: Konkret
OT: Expedition:
Bismarck
USA
2002
Regie:
James Cameron
Start :
10/2003