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Eyes Wide Shut
(Zwei Kritiken
von G. Seeßlen)
Kubricks Objekt der Begierde
Stanley Kubrick verfilmt die »Traumnovelle«
von Arthur Schnitzler. Und er macht das natürlich, wie wir es von Stanley
Kubrick gewohnt sind: Lange Vorbereitung, Dreharbeiten zwischen Perfektionismus
und Folter - 90 Takes für eine einzige Aufnahme -, höchste Geheimhaltung.
Und drumherum jede Menge Gerüchte und Legenden. Bei »Star Wars« nennt man so etwas »Hype«. Diesmal,
so scheint es, soll alles auf einen erotischen Skandal hinaus. Haben Nicole
Kidman und Tom Cruise, Hollywoods Traum-Ehepaar derzeit, wirklich richtig vor
der Kamera? Hat Harvey Keitel, bevor er gefeuert wurde, wirklich auf das Kleid
der Hauptdarstellerin? Sieht man wirklich dies? Und das auch? Und müssen
wir wirklich so über Filme reden?
Kritik:
Müssen wir natürlich nicht. Die amerikanische
Fassung von »Eyes Wide Shut« ist so zahm, daß man sich fragen
mag, was die ganze Aufregung soll. Kubricks Film hat seinen eigenen, düsteren
Erotismus, und daß er hier und dort die Grenzen zumindest des Gewohnten
überschreitet, erklärt sich aus seinem Thema. »Eyes Wide Shut«
handelt nämlich davon, wie das bürgerliche Konzept der Liebe vor unseren
Augen durch Begehren und Eifersucht zerfällt, von der Lust und der Qual
des Sehens, von der Verwandtschaft von Eros und Tod.
Ein bürgerliches Ehepaar. Liebevoll verabschiedet
man sich vom Kind, um sich auf einen Ball zu begeben. Dort kommt es zu kleinen,
kaum bedeutenden erotischen Irritationen. Am nächsten Tag steigen die »Schattengestalten«
der Redoute, nachdem sie sich zunächst eher anregend gezeigt hatten, wieder
auf, und »aus dem leichten Geplauder über die nichtigen Abenteuer
der verflossenen Nacht gerieten sie in ein ernsteres Gespräch über
jene verborgenen, kaum geahnten Wünsche, die auch in die klarste und reinste
Seele trübe und gefährliche Wirbel zu reißen vermögen«.
Und die beiden versuchen einander ihre geheimen Wünsche zu entlocken. Das
Bild der geträumten Untreue, das Bild einer als Subjekt begehrenden Frau,
das sich weder ins patriarchalische Modell der auf ewig untreuen Frau zurück
bannen läßt, noch in eine Utopie der sexuellen Freiheit projizieren,
wird für den Mann zum Auslöser einer bizarren erotischen Odyssee.
Sie führt ihn von den überraschenden Avancen einer Frau, deren Vater
gerade gestorben ist, über die Begegnung mit einer Prostituierten und einer
Nymphe im Hause eines Kostümverleihers bis zu einem grandios makabren sexuellen
Maskenspiel in einer Villa. Bei seiner Rückkehr erzählt ihm seine
Frau von ihrem Traum, in dem er sich wieder betrogen und gedemütigt fühlen
muß. Am nächsten Tag geht er den Stationen seiner nächtlichen
Reise nach. Alles erscheint nun in anderem Licht, trivialer und doch zugleich
mysteriöser. Schließlich findet er die Maske, die er bei seinem Abenteuer
verloren hat, im Bett neben seiner schlafenden Frau. Es ist ein »Erwachen«,
das keine Lösung bringt.
Stanley Kubrick und sein Co-Autor Frederic Raphael haben
die Handlung der »Traumnovelle« ins New York von heute, oder auch
an einen Ort, der ebenso zeitlos und unwirklich ist wie Schnitzlers Wien, verlegt.
Auch hier mag eine Gesellschaft zu beobachten sein, die an ihrer Ungleichzeitigkeit
leidet. Das Alte und das Neue, eine Lockerung der Sitten und ein innerer und
äußerer Zwang zur Offenheit, stehen einer nach wie vor fundamentalen
Organisation von Liebe und Familie gegenüber. Kubrick stellt nicht die
Frage, warum eine Beziehung funktioniert oder nicht, und unter welchen Bedingungen,
er stellt die unbescheidene, philosophische Frage: Was ist die Liebe?
Gewiß kann man »Wide Eyes Shut« wie
einen erotischen Thriller in der Manier von Alfred Hitchcock sehen, ein »Vertigo« für das Ende des Jahrtausends. Das Scheitern
des männlichen Begehrens vollzieht sich auf radikale Weise. Daß sich
die Frau nicht mehr spaltet in das Objekt der Begierde und das Subjekt der Liebe,
das macht den Helden der »Traumnovelle« ganz buchstäblich verrückt.
Aber worin besteht sein Wahn? Oberflächlich gesehen darin, daß die
Spannung zwischen Eifersucht und (unterdrücktem) Begehren so groß
wird, daß er beides als Kette beständiger Übertretungen und
Bestrafungen in einem Alptraum zusammenbringt, in dem ihm Erfüllung ebenso
wie Klarheit versagt wird. In der wahnwitzig choreographierten und großartig
gespielten Szene, in der Alice - so heißt die von Nicole Kidman gespielte
Heldin im Film - ihrem Mann Bill (Tom Cruise) von ihrem eigenen Begehren spricht,
alle seine Rationalisierungs- und Kompromißvorschläge, seine Konzepte
der Liebe, um genau zu sein, ablehnt, ist es, als würde er zum ersten Mal
im anderen nicht nur das Bild, sondern auch den Spiegel sehen. Und das ist,
wir wissen es aus beinahe allen dreizehn Filmen, die Kubrick gedreht hat, der
Beginn eines langen Prozesses von Auflösung und Spaltung. Als höchst
brüchig erweist sich der Film der Vernunft und Zivilisation um die sexuelle
Ökonomie. Es genügt ein Stachel der Eifersucht, ein Stachel, mehr
noch der emotionalen Unordnung, um diesen Film zu zerreißen - was man
bei Kubrick auch durchaus wörtlich nehmen kann. So wie er in allen seinen
Filmen die Mythen der bürgerlichen Zivilisationsgeschichte zerlegt hat,
so zerlegt er hier auch den letzten: »Eyes Wide Shut« ist zugleich
ein letzter Liebesfilm und ein Film über die Fortsetzung des Krieges in
der kleinsten Einheit der Gesellschaft. Daß sich die Verhältnisse
zwischen den Geschlechtern doch erheblich geändert hätten seit Schnitzler
und Freud, argumentierte der durch Kubricks konsequente Werktreue leidlich frustrierte
Frederic Raphael. »Glaubst du? Ich nicht.«, war die lakonische Antwort
des Regisseurs. Genau dies, vermute ich, ist der Punkt, an dem sich »ideologische«
Zustimmung oder Ablehnung gegenüber Kubricks letztem Film erweisen werden.
Aber der ist bestimmt mehr als ein pessimistisches Statement über die Liebe
in der bürgerlichen Gesellschaft. »Eyes Wide Shut« ist, wie
einst »2001«, die Geschichte einer Odyssee an den Rand des
Verstehens und darüber hinaus, es ist die Geschichte einer paranoiden Auflösung
wie »The Shining«, es ist die Geschichte einer scheiternden Revolte
gegen gesellschaftliche Isolation wie »Barry Lyndon«.
Ein besonders gemeiner Trick des Regisseurs ist es, die
ganze Geschichte zur Weihnachtszeit spielen zu lassen (natürlich gibt es
bei Kubrick dabei keinen Schnee), und so werden grell und häßlich
erleuchtete Weihnachtsbäume zu einer Art visuellem Leitmotiv, das sarkastisch
den Widerspruch zwischen einem sexuellen Traumrausch und der bürgerlichen
Konstruktion der Familie betont. Vielleicht sollte man dabei nicht vergessen,
daß Kubricks erste Idee, sich den Stoff anzueignen, die einer Komödie
war: Auch »Eyes Wide Shut« ist Tragödie und Farce zugleich.
Note: 2-
Georg Seeßlen
Dieser Text ist zuerst erschienen in:
Eyes Wide Shut
Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" ist eines
dieser hübschen Rätsel der Literaturgeschichte, eine Erfüllung
und ein Sonderfall in einem Werk zugleich. 1907 begonnen, hat der Autor die
Erzählung erst 20 Jahre später, am Ende seiner Arbeit, vollendet.
Dazwischen lagen ein Weltkrieg, der soziale und kulturelle Niedergang eines
imperialen und eines bürgerlichen Reiches, und die Entwicklung der Psychoanalyse
von einer Wissenschaft zu einem Kulturspiel. So vermischen sich in der "Traumnovelle"
nicht nur die literarischen Methoden, sondern auch die Zeiten; wir befinden
uns zugleich in den Unterwelten der K.u.K-Gesellschaft und in der Trümmerlandschaft
des Nachkrieges, wir befinden uns in einer Traumwelt und in der bürgerlichen
Wirklichkeit. Leicht ist es, die Parallelen zwischen dem literarischen Werk
und der psychoanalytischen Methode zu ziehen, zumal Sigmund Freud Schnitzler
als jemanden bewunderte, der in künstlerischer Intuition vorwegnahm, was
er durch "objektive" Untersuchung zu Tage förderte. Man kann
sich des Bildes kaum erwehren: Freud hat in Schnitzler so etwas wie einen Doppelgänger
gesehen (und ganz bestimmt hätte dieses Bild Stanley Kubrick gefallen).
Schnitzler selbst war da eher skeptisch: "Nach dem Dunkel der Seele gehen
mehr Wege, ich fühle es immer stärker, als die Psychoanalytiker sich
träumen (und traumdeuten) lassen", schrieb er an den Freud-Schüler
Theodor Reik. Tatsächlich lässt sich der Traum in der "Traumnovelle"
weder als Abbildung noch als Kommentar zur Seelenwirklichkeit ihrer Protagonisten
deuten, aber auch nicht als eine Rückkehr zur "gothischen" Phantastik,
wo das Übernatürliche in das Leben einbricht. Denn es geht nicht nur
darum, dass die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen, sondern
gerade darum, dass der Versuch der Rationalisierung so gründlich, ja katastrophal
scheitern muss. Man mag daher die "Traumnovelle" zugleich als Parallele
und als Widerspruch zur "Traumdeutung" sehen, nicht nur als verschlüsselte
Selbstdarstellung des Autors in seiner Isolation und Besessenheit, sondern auch
als Widerspruch des Ästhetischen gegen die Wissenschaft.
Ein bürgerliches Ehepaar, Fridolin und Albertine.
Der Mann ist Arzt - wie es Arthur Schnitzler bis zum Tod seines Vaters war.
Liebevoll verabschiedet man sich vom Kind, um sich auf einen Ball zu begeben.
Dort kommt es zu kleinen, kaum bedeutenden erotischen Irritationen; Fridolin
folgt zwei roten Dominos, die ihm versprechen, "unmaskiert" zurückzukehren,
ohne dass dieses Versprechen erfüllt wird, Albertine entzieht sich nach
anfänglicher Faszination einem Unbekannten von "melancholisch-blasiertem
Wesen". Am nächsten Tag steigen die "Schattengestalten"
der Redoute, nachdem sie sich zunächst eher anregend gezeigt hatten, wieder
auf, und "aus dem leichten Geplauder über die nichtigen Abenteuer
der verflossenen Nacht gerieten sie in ein ernsteres Gespräch über
jene verborgenen, kaum geahnten Wünsche, die auch in die klarste und reinste
Seele trübe und gefährliche Wirbel zu reißen vermögen".
Und die beiden versuchen einander ihre geheimen Wünsche zu entlocken. Albertine
schließlich erzählt von einer Bekanntschaft im letzten Sommer: "Wenn
er mich riefe - so meinte ich zu wissen -, ich hätte nicht widerstehen
können. Zu allem glaubte ich mich bereit; dich, das Kind, meine Zukunft
hinzugeben, glaubte ich mich so gut wie entschlossen, und zugleich - wirst du
es verstehen? - warst du mir teurer als je." Dieses Bild der geträumten
Untreue, das Bild einer als Subjekt begehrenden Frau, das sich weder ins patriarchalische
Modell der auf ewig untreuen Frau zurück bannen, noch in eine Utopie der
sexuellen Freiheit projizieren lässt, wird für Fridolin zum Auslöser
einer bizarren erotischen Odyssee. Sie führt ihn von den überraschenden
Avancen einer Frau, deren Vater gerade gestorben ist, über die Begegnung
mit einer Prostituierten und einer Nymphe im Hause eines Kostümverleiher
bis zu einem grandios makabren sexuellen Maskenspiel in einer Villa. Bei seiner
Rückkehr erzählt ihm seine Frau von ihrem Traum, in dem er sich wieder
betrogen und gedemütigt fühlen muss. Am nächsten Tag geht er
den Stationen seiner nächtlichen Reise nach. Alles erscheint nun in anderem
Licht, trivialer und doch mysteriöser. Schließlich findet er die
Maske, die er bei seinem Abenteuer verloren hat, im Bett neben seiner schlafenden
Frau. Es ist ein "Erwachen", das keine Lösung bringt.
Stanley Kubrick und sein Co-Autor Frederic Raphael haben
die Handlung der "Traumnovelle" ins New York von heute, oder auch
an einen Ort, der ebenso zeitlos und unwirklich ist wie Schnitzlers Wien, verlegt.
Auch hier mag eine Gesellschaft zu beobachten sein, die an ihrer Ungleichzeitigkeit
leidet. Das Alte und das Neue, eine Lockerung der Sitten und ein innerer und
äußerer Zwang zur Offenheit, stehen einer nach wie vor fundamentalen
Organisation von Liebe und Familie gegenüber. Die Stadt selbst hat ihr
eigenes, "neoklassisches" Leben, hat ihre eigenen Untergründe,
ihre Labyrinthe, sie lässt auch den besten Bürger gefährliche
Wege gehen. Die Projekte der Modernisierungen im Mikrokosmos der Gesellschaft
sind gescheitert, die scheinhafte Liberalisierung erweist sich als Phantasma.
So wie Full Metal Jacket zugleich ein Film über den Vietnam-Krieg ist und
eine Reflexion über das Ende des Industriezeitalters, so ist Eyes Wide Shut zugleich ein Film über ein verlorenes Traumreich
der Dekadenz und ein Film über das Ende der achtziger Jahre in New York,
das Ende der sexuellen Ökonomie und einer Ästhetik, in der sich, vielleicht,
"Kultur" noch einmal dagegen zur Wehr setzte, schiere pulp fiction
zu werden. Es ist ein Film über das Ende jenes Bürgertums, das seine
Hoffnung auf der Vorstellung von "Liebe" aufgebaut hat, als mythisches
Ineinander von Begehren, Offenheit und Planung, oder, um es in Kubricks Kosmologie
zu sagen: das Paradox einer vollkommen freiwilligen Gefangenschaft. Die Liebe
kann nur funktionieren, wenn sie zugleich Ausdruck des freien Willens und des
Schicksals ist.
Gewiss kann man Eyes Wide Shut auch wie einen erotischen Thriller in der Manier von
Alfred Hitchcock sehen, ein Vertigo für das Ende des Jahrtausends, oder auch als Fortsetzung
und Revision der Fantasie von Federico Fellinis Casanova (nicht zuletzt das Maskenfest erinnert an diesen Film).
Das Scheitern des männlichen Begehrens vollzieht sich auf ganz ähnliche,
freilich radikalere Weise. Dass sich die Frau nicht mehr spaltet in das Objekt
der Begierde und das Subjekt der Liebe, das macht den Helden der "Traumnovelle"
ganz buchstäblich verrückt. Aber worin besteht sein Wahn? Oberflächlich
gesehen darin, dass die Spannung zwischen Eifersucht und (unterdrücktem)
Begehren so groß wird, dass er beides in einem Alptraum zusammenbringt,
als Kette beständiger Übertretungen und Bestrafungen, in dem ihm Erfüllung
ebenso wie Klarheit versagt wird. Aber mehr noch als bei Schnitzler stellt sich
in Kubricks Film auch die Frage nach den Spiegelungen und Anachronismen dieser
Obsession. Ist es nicht, als würde der Mann in den Traum seiner Frau eindringen,
und zugleich ihn vorwegnehmen? Muss er, selbst in der Maske verborgen, nicht
hinter jeder weiblichen Maske das Begehren seiner Frau vermuten? In der wahnwitzig
choreografierten und großartig gespielten Szene, in der Alice - so heißt
die von Nicole Kidman gespielte Heldin im Film - ihrem Mann Bill (Tom Cruise)
von ihrem eigenen Begehren spricht, alle seine Rationalisierungs- und Kompromissvorschläge,
seine Konzepte der Liebe, um genau zu sein, ablehnt, ist es, als würde
er zum ersten Mal im Anderen nicht nur das Bild, sondern auch den Spiegel sehen.
Aber je mehr er die Ordnung der Dinge betont, desto deutlicher wird in dem Gespräch
der beiden, dass es sich dabei nur um einen dünnen Film der Vernunft, der
Konvention, der Zivilisation handelt. Es genügt ein Stachel der Eifersucht,
ein Stachel, mehr noch der emotionalen Unordnung, um diesen Film zu zerreißen
- was man bei Kubrick auch durchaus wörtlich nehmen kann. Und dann muss
er hinein, muss hinter den Spiegel und findet dort nicht nur seine eigenen Abgründe
- das verbotene Begehren mit seinen Anklängen an Lolita, die sich wiederholende Erfahrung des Versagens, das
sich zuerst im Geheimnis und dann, furchtbarer, in der Banalität entziehende
Objekt, ganz buchstäblich jene Maskierungen des Begehrens, von denen am
Ende nur die Maske selbst übrigbleibt -, sondern getrieben von dem (in
Schwarzweiß) wiederholten Bild des imaginierten Geschlechtsverkehrs seiner
Frau mit ihrem Traumliebhaber auch in alles, was von diesem weiblichen Begehren
in ihm vorstellbar ist.
So wie Kubrick in allen seinen Filmen die Mythen der
bürgerlichen Zivilisationsgeschichte zerlegt hat, so zerlegt er hier auch
den letzten: Eyes Wide Shut ist zugleich ein letzter Liebesfilm und ein Film über
die Fortsetzung des Krieges in der kleinsten Einheit der Gesellschaft. Dass
sich die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern doch erheblich geändert
hätten seit Schnitzler und Freud, argumentierte der durch Kubricks konsequente
Werktreue leidlich frustrierte Frederic Raphael. "Glaubst du? Ich nicht",
war die lakonische Antwort des Regisseurs. Genau dies, vermute ich, ist der
Punkt, an dem sich "ideologische" Zustimmung oder Ablehnung gegenüber
Kubricks letztem Film erweisen werden.
Mehr noch als Schnitzler und darin wiederum The Shining verwandt, bietet Kubrick neben dem inneren Zerfall der
Person noch eine andere, "objektive" Lösung an: In der Figur
des von Sidney Pollack dargestellten Freundes Victor Ziegler, der zuerst das
Fest organisierte, auf dem alles begann, und sich dann als einer der Teilnehmer
der erotischen Séance zu erkennen gibt, lässt er die Möglichkeit
einer "realen" Verschwörung, einer bewussten Inszenierung offen,
die Bill daran hindern sollte, in den "verbotenen Raum" zu gelangen.
Damit wird ein mögliches zweites Motiv angeschlagen, das parallel zur paradoxen
Auflösung des liebenden Paares durch die Ehrlichkeit läuft: Die Isolation
des Helden, wie wir sie aus so vielen Kubrick-Filmen kennen. Auf die Frage seiner
Frau, ob er hier jemanden kenne, antwortet Bill bei Kubrick: "Not a soul."
Er fühlt sich als - erfolgreicher - Ausgestoßener der Gesellschaft,
in deren Licht er steht, und mit deren Sünden er paktiert (gleich am Anfang
wird er zu einer Frau gerufen, die eine Überdosis Rauschgift geschluckt
hat und verpflichtet sich zum Schweigen), und in seiner erotischen Odyssee ist
dieses Ausgestoßensein so sehr Triebkraft wie der Bruch in seiner Beziehung.
Bildnis eines Künstlers auch, der Teilhabe nur über die Imagination
erreichen kann. Daher auch der Wunsch, an den Riten der "Geheimgesellschaft"
teilzuhaben, an jenem Ritual absurder, pseudo-religiöser Prächtigkeit,
die sich als vollkommen inhaltsleer erweist und am Ende möglicherweise
nichts anderes ist als ein nur für ihn selbst inszeniertes Schauspiel,
das ihn zugleich anziehen und wieder ausstoßen soll. Neben der sexuellen
steht also auch die Erfahrung der sozialen Ohnmacht, die wir bei Schnitzler
in der Begegnung mit den Korpsstudenten erleben, bei Kubrick vor allem in Tom
Cruises Dialog mit Sidney Pollack: Es ist eine Kafka-Situation der Unmöglichkeit
eines "Sohnes", in den Raum des Vaters einzudringen. Obwohl Eyes Wide Shut sehr genau dem Text der "Traumnovelle" folgt,
könnte man den Film ebenso gut als eine Negativ-Version von "Das Schloss"
ansehen.
Ein besonders gemeiner Trick des Regisseurs ist es, die
ganze Geschichte zur Weihnachtszeit spielen zu lassen (natürlich gibt es
bei Kubrick dabei keinen Schnee), und so werden grell und hässlich erleuchtete
Weihnachtsbäume zu einer Art visuellem Leitmotiv, das nicht nur den Widerspruch
zwischen einem sexuellen Traumrausch und der ökonomisch-semiologischen
Konstruktion der Familie betont, sondern eine Ebene tiefer auch in die Mythologie
der Heiligen Familie führt, die hier auf dem Prüfstand steht. Der
Weihnachtsbaum erscheint ein wenig wie der Obelisk in "2001", ein "reminder", dessen Auftauchen,
sogar in der Wohnung der Prostituierten, stets zu einer neuen Phase der Entwicklung,
und zu einer neuen Form der Entfremdung führt. Auch Bill macht, ausgestoßen
aus einer scheinbar sicheren Organisation von Liebe und Familie, eine ganze
Menschheitsentwicklung durch, alle Formen von Angst und Begehren, alle Möglichkeiten
des Mannes, sich der Frau zugleich zu nähern und sich von ihr zu entfernen:
Der Film ist nicht nur eine Reise in einen Traum, oder in ein System der Träume,
sondern auch eine Grammatik des Begehrens, einmal mehr in einer Komposition
in vier Sätzen gefasst. Und wie Schnitzler die verschiedensten literarischen
Techniken gebraucht, so wechselt auch Kubrick von Szene zu Szene den Ton; er
erzählt in lauter kleinen Filmen im Film. (Und vielleicht sollte man dabei
nicht vergessen, dass seine erste Idee, sich den Stoff anzueignen, die einer
Komödie war: Auch Eyes Wide Shut ist Tragödie und Farce zugleich.)
Eyes Wide Shut ist, wie einst "2001", die Geschichte einer Odyssee an den Rand des
Verstehens und darüber hinaus, und es ist die Geschichte einer paranoiden
Auflösung wie The Shining. Der Regisseur legt genügend Spuren zum eigenen
Werk aus, um das Kreisen seiner Motive in Gang zu setzen. Zum Beispiel sagt
Bill zu seiner Tochter, als die sich ein "pet", ein Haustier, zu Weihnachten
wünscht, dasselbe "We'll see about that", wie es der Astronaut
in "2001" mit der seinen tut, die Geschichte dieser Familie
ist wie die Spiegelung der von The Shining (was wäre, wenn man, statt sich von einander abzukapseln,
einander alles zu offenbaren versuchte?), die Visionen des öffentlichen
Schauspiels von Sexualität erinnern an das Ende von A Clockwork Orange, das Empfinden des Helden, in einem gesellschaftlichen
Raum zu verkehren, ohne wirklich dazuzugehören, setzt Barry Lyndon fort. Die Motive von Mantel und Stock, Maske und Blick,
der Bildung und Auflösung des menschlichen Kreises, der Spiegelung und
des Todeskusses und viele andere, die wir so gut aus seinen Filmen kennen, werden
auch hier in neuem Zusammenhang entwickelt. Die Kreise im Inneren des Films
- zum Beispiel versprechen die beiden "Models" auf der Party, Bill
ans Ende des Regenbogens zu führen, und im Kostümverleih "Rainbow"
beginnt auch seine Odyssee - ergänzen sich mit Kreisen in Kubricks Gesamtwerk.
Wenn Barry Lyndon ein Film der melancholischen Öffnungen durch die
Fahrt der Kamera zurück war, und Full Metal Jacket ein Film der grotesken Verknüpfung von Distanz
und Nähe, dann ist Eyes Wide Shut der Film des kreisenden Blicks. Sparsamer eingesetzt
sind hier Kubricks "Tunneleffekte", dafür gibt es in einer ganzen
Reihe von Einstellungen einen beängstigenden Aspekt der Tiefenschärfe.
Mal sind wir mitten drin, mal zu einem hinterhältigen analytischen Sehen
herausgefordert. Das Subjekt und die objektive Betrachtung kommen nicht zusammen.
Ich wage zu behaupten, dass Schnitzler mit der "Traumnovelle" das
Scheitern der Psychoanalyse als "Heilmittel" der bürgerlichen
Welt vorweggenommen hat, und dass Kubrick mit Eyes Wide Shut unter vielem anderen auch vom Scheitern des psychologischen
Realismus im Kino gesprochen hat.
Kubrick stellt nicht die Frage, warum eine Beziehung
funktioniert oder nicht, er stellt die unbescheidene, philosophische Frage:
Was ist die Liebe? Und hat in Schnitzler einen idealen Komplizen. Ach was: Einen
Doppelgänger. Eyes Wide Shut ist eine Einladung und eine Falle für die Post-Psychoanalyse.
Der erste Film, in dem Lacan sich heillos verirren würde. Oder, wie man
so sagt, zu sich kommen könnte.
Georg Seeßlen
Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 9/99
Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale weitere Kritiken
EYES WIDE SHUT
von Stanley Kubrick, GB 1999, 159 Min. mit Tom Cruise,
Nicole Kidman, Sydney Pollack nach der »Traumnovelle« von Arthur
Schnitzler
Drama
Start: 09.09.99
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