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Die fabelhafte Welt der Amélie

 

 

Audrey im Wunderland

 

Monsieur Jeunet, was haben Sie da gemacht… Ganz Paris ist in Verzückung, fühlt sich fabelhaft. Ein französischer Doppelschlag gewissermaßen, im Fernsehen guckt man die "Loft Story", den französischen "Big Brother", im Kino ergötzt man sich an der zauberhaften Welt von Amélie Poulain. Jahrzehnte lang sind wir einem anderen Mädchen gefolgt, dessen Name ebenfalls mit A begann, ins Reich hinter die Spiegel - das allgemeiner Einsicht nach jenes der Kinematographie vorwegzunehmen schien. Nun werden wir, in mehr schlafmütziger denn traumwandlerischer Manier, zum Sightseeing durch Paris geladen, dem Prévert-und-Clair-Paris, unter den Dächern und auf den Straßen. Jeunet ist ein cineastischer Giftzwerg, man wußte es aus den Filmen, die er mit seinem Kompagnon Caro gemacht hatte, und die delikate rosafarbene Anmut, die seine neue Heldin, Audrey Tautou, verbreitet, deckt einen giftiggrünen Untergrund von Obsessionen und Neurosen zu, ein Klima von grotesker Zwanghaftigkeit, das sich schon in Jeunets Inszenierung kundtut. Extreme Close-Ups, verzerrender Weitwinkel in den Montmartre-Panoramen, Kameraschwenks und -bewegungen, die den Blick unerbittlich mit sich ziehen.

 

Es geht um Erlösung, um Resurrection, die Frage, was ein Kind zum Kind macht und welche Rolle es seinen Eltern gegenüber spielen soll. Das war's dann also, nun ist die Nouvelle Vague wirklich am Ende. Der Film bricht Brücken hinter sich ab. Das verwirrt, verunsichert, erschreckt. In den letzten Tagen habe ich Chabrol wieder gesehen, Simenon wieder gelesen - Filme und Romane aus einer anderen Welt, einem freien Paris.

 

Fritz Göttler

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im:  Schnitt

 

Die fabelhafte Welt der Amélie(Le fabuleus destin d'Amélie Poulain), Frankreich 2001. R. und B: Jean-Pierre Jeunet, B: Guillaume Laurant, K: Bruno Delbonnel, M: Yann Tiersen, P: Claude Ossard, D: Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz, Rufus, Yolande Moreau, Maurice Benichou, Artus De Penguerin, Dominique Pinon, u. a.

Prokino, 16. August 2001

 

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