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Fahrenheit
9/11
Der
einsamste Bush-Krieger
Was
nicht passt, wird passend gemacht: Michael Moore dokumentiert auch mit seinem
neuen Film, wie man sich sein Weltbild bis hin zum "Schleimbeutel"-Vorwurf
des Präsidenten zurechtkämmt.
In
Boston tummelt er sich diese Woche, auf dem Parteitag der Demokraten, der am
Montag eröffnet wurde. Eine eher ungewohnte Rolle spielt er da, als geladener,
durchaus gern gesehener Gast, willkommen und akkreditiert. Eine Rolle, die nicht
recht zu seiner Erscheinung passt, zu dem fettleibigen Watschelschritt und dem
Rotkäppchenblick unter der Kappe - der gern ungeniert und frech sein Recht
aufs Hiersein, aufs Dazugehören signalisiert. Now
watch this drive . . .
Er
wolle mit seinem neuen Film seinen Teil beitragen, um den amtierenden Präsidenten
aus dem Weißen Haus zu treiben, hat Michael Moore immer wieder vor dem
Start von „Fahrenheit 9/11" erklärt, und er beginnt den Film mit dem
Florida-Debakel bei der letzten Bush-Wahl im Jahr 2000. Mit sanfter Suspense-Dramaturgie
bewegt man sich dann zielstrebig auf den Sommer 2001 zu, den Tag, der im Titel
angekündigt ist. Kurz die Katastrophe von New York, danach die Flugzeuge,
die sich auf den Flugplätzen drängeln, Passagiere, die in den Transiträumen
warten müssen. Alle Flüge gecancelt, ein Land sieht sich zum Stillstand
verurteilt. Nur ein paar Ausgewählte dürfen dank eines dubiosen Deals
der Bush-Regierung losziehen, in die Heimat Saudi-Arabien, Mitglieder der Familie
bin Laden. Stillstand versus Bewegung, so skizziert Michael Moore den Zustand
seines Landes, dieser Gegensatz löst seine Empörung aus.
Was
macht die Mächtigen und die Reichen, die von Bush gehätschelte Elite
so besonders, dass sie weiter mobil bleiben darf, während das Land in Stagnation
und Resignation verfällt, der Arbeitslosigkeit, der Verarmung, der Mutlosigkeit
zum Opfer fällt? Gegen diese Resignation macht Michael Moore von unten
mobil, und wie er sich vordrängelt und überall reindrückt, wie
er Terrain okkupiert, das ist schöne alte Kinotradition - investigativer
Slapstick, mit dem Moore sich als ein Urenkel des wilden Fatty Arbuckle präsentiert.
In einem Kino, das im einen Augenblick aggressiv, im nächsten ganz sensibel
sein kann. Dann zeigt es uns zum Beispiel, in einem TV-Ausschnitt, einen Jungen,
der in einem Klassenzimmer hockt, ein Buch - über eine kleine Geiß
- in der Hand, und still den andern lauscht. Lesen macht ein Land groß,
sagt ein Plakat hinter ihm, in seinem Blick mischt sich Andacht mit Konzentration.
Und Fassungslosigkeit. Der Junge ist 55 Jahre alt und Präsident der Vereinigten
Staaten von Amerika, George W. Bush am Morgen des 11. September 2001. Eben hat
er von einem Mitarbeiter vom Einschlag des Flugzeugs in den zweiten Tower des
World Trade Center in New York gehört. Blackout, Stillstand, sieben Minuten
lang. Die Geschichte hält den Atem an.
Michael
Moore hat Bush und seine Clique zu Feinden des amerikanischen Volks erklärt.
Sein Film scheint seit vielen Wochen vom Glück begünstigt. Die Goldene
Palme in Cannes, der angenehme Verleih-Deal mit den Weinstein-Brüdern -
nach den Querelen mit Disney-Chef Michael Eisner, der die Überparteilichkeit
seines Studios bewahren wollte -, die erregten Reaktionen aus dem Lager der
Republikaner (Bush sen.: ¸¸Schleimbeutel!"), der Erfolg an
den Kinokassen - am Wochenende überstieg der Film die 100-Millionen-Einspiel-Grenze.
Bis zur Wahl im November will Moore den Film in den Kinos halten, im Herbst
eine DVD- und Video-Edition nachschicken. Der Film ist Propaganda, erklären
viele Kritiker - und das ist verächtlich gemeint oder anerkennend. Einige
nehmen endlich Michael Moore als Filmemacher wahr - von Cannes-Jurychef Tarantino
bis zu A. O. Scott, dem Kritiker der New York Times. Man darf die beiden Ebenen
nicht trennen - die Ästhetik nicht von der Politik, das Dokument nicht
von der Fiktion. Moore manipuliert seine Zuschauer, was die Informationen angeht
und die Emotionen, aber Manipulation gehört zum Wesen des Kinos von Anfang
an, des großen melodramatischen in Hollywood allemal, von John Ford oder
King Vidor. Es geht nicht um die Wahrhaftigkeit der Fakten, sondern um die der
Emotionen. So wird die Kasperlfigur George Bush erstaunlich milde abgewatscht
- in einigen Szenen wirkt er gar so armselig wie der gestiefelte Kater in ¸¸Shrek
2". Auf einem Golfplatz ermahnt er die Großen der Welt, nicht nachzulassen
im Kampf gegen die terroristischen Mörder, dann wendet er sich seinem nächsten
Schlag zu: Watch this drive . . . Der eigentliche Hass Michael Moores gilt den
Instanzen der Gesellschaft, in Wirtschaft und Politik. Die Ölgeschäfte
im Irak, der Kongress, der über den Patriot Act und die Beschränkung
bürgerlicher Rechte berät, obwohl das 300-seitige Ding gerade erst
aus der Druckerei kommt.
Stagnation
und verbrecherische Dynamik - die Dialektik geht immer weiter, und Moores Filme
ergänzen sich zur Chronik des Niedergangs. Immer wieder zieht es ihn nach
Flint, Michigan, zurück, seine Heimatstadt, der er beim Sterben zuschaut,
seitdem General Motors ihr Werk dort stilllegten. Es zerreißt ihm das
Herz, wenn er durch die Straßen fährt und die verfallenden, verlassenen
Häuser sieht. Hier trifft er Lila Lipscomb, die jeden Morgen ihre Flagge
vor ihrem Haus hisst: „Ich bin eine extrem stolze Amerikanerin . . . Wenn ich
meine Flagge hisse, darf sie nicht den Boden berühren, weil ich weiß,
wie viele Leben geopfert wurden und wie viel Blut vergossen wurde, damit ich
hier sein und meine Flagge haben kann." Das Rückgrat von Amerika,
das sind Laura und Millionen anderer - auch republikanischer - Frauen und Männer.
Im Irak hat sie ihren Sohn verloren. Sie bricht nach Washington auf, zu denen,
die Politik machen, und Michael Moore bleibt dicht dran an ihrem Schmerz, ihrer
Verzweiflung. „Für ein Volk", schreibt der Philosoph Jedediah Purdy,
„kann es sich, genau wie für einen Menschen, verheerend auswirken, wenn
es ein Zuwenig oder ein Zuviel an Erinnerung gibt." Kann, muss eine Kamera
Scham kennen? Vielleicht sollten auch die Demokraten in Boston sich vorsehen,
solange Michael Moore sich bei ihnen herumtreibt.
Fritz
Göttler
Diese
Kritik ist zuerst erschienen in der: Süddeutschen Zeitung
Fahrenheit
9/11,
USA 2004 - Regie, Buch: Michael Moore. Kamera: Mike Desjarlais, Kirsten Johnson,
William Rexer. Musik: Jeff Gibbs, Bob Golden. Schnitt: Kurt Engfehr, T. Woody
Richman, Chris Seward. Mit: Michael Moore, George W. Bush, John Tanner. Falcom,
123 Min.
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