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Fahrraddiebe
Teufelskreise
"Die
Götter hatten Sisyphos dazu
verurteilt,
unablässig einen Felsbrocken
einen
Berg hinauf zu wälzen, von dessen
Gipfel
der Stein selber wieder herunter
rollte.
Sie hatten mit einiger Berechtigung
bedacht,
dass es keine fürchterliche
Strafe
gibt als eine unnütze und
aussichtslose
Arbeit. ... Kurz und gut:
Sisyphos
ist der Held des Absurden." (1)
Neorealismus
- was ist das? Neorealismus ist italienisches Kino, Nachkriegskino, Nach-Faschismus-Kino,
aber eben kein "realistisches" Kino im Sinne der Forderung, Filme
müssten angeblich "realistisch" sein, die Wirklichkeit also wie
eine Kopie ablichten (ein Ding der Unmöglichkeit). Und trotzdem ist neorealistisches
Kino zwar nicht die Wirklichkeit, aber so real wie sie, eine Dramatisierung
der Wirklichkeit, oft mit Hilfe von Laien-Schauspielern, nicht gegen Hollywood
gerichtet, aber dennoch aus sich selbst heraus oft sein Gegenteil, sein Anti-Punkt.
Neorealismus ist Kino über die Probleme und Konflikte derjenigen, die im
Kino "eigentlich" nichts zu suchen haben: arme Leute, "unbedeutende"
Menschen, die nach Meinung einiger nicht für's Kino taugen.
Vittorio
de Sica war einer jener Neorealisten - neben Visconti, Zavattini, Rossellini,
Zampa und anderen. Schuhputzer und Fahrraddiebe, Arbeiter und Arbeitslose, Fischer
und Bauern waren die "unbedeutenden" Helden dieses Kinos. In seinem
1948 zusammen mit Cesare Zavattini nach einem Roman von Luigi Bartolini inszenierten
Film "Fahrraddiebe" zeigte Vittorio de Sica ("Rom, Station Termini",
1961; "Und dennoch leben sie", 1960; "Die Eingeschlossenen von
Altona", 1962), wie "einfach" diese Art Filmemachen war. Einfach
im Sinne einer "einfachen" Geschichte, in der doch so viel pralles
Leben, Leiden und Dramatik steckt wie in kaum einem Hollywood-Streifen jener
Zeit.
Antonio
(Lamberto Maggiorani) sitzt außerhalb. Die
anderen drängen sich um einen Mann, der Scheine ausgibt für Arbeit.
Als er Antonio Ricci ruft, muss der von einem anderen geholt werden. Antonio
ist verzweifelt. Er hat eine Familie zu versorgen, seine Frau Maria (Lianella
Carell) und zwei Kinder, darunter den kleinen Bruno (Enzo Staiola). Antonio
wartet seit langem auf Arbeit, irgend etwas an Arbeit. Jetzt hat er eine Chance.
Der Arbeitsvermittler will ihn als Plakatkleber vermitteln. Dazu ist unabdingbar,
dass Antonio ein Fahrrad besitzt, auf dem er mit Leiter, Plakaten und Leim durch
halb Rom fahren muss, um Geld zu verdienen. Doch er hat sein Fahrrad verpfändet,
was er dem Vermittler verschweigt.
Als
Maria davon hört, handelt sie kurz entschlossen. Sie zieht die das Bett
ab, holt die restliche Bettwäsche aus dem Schrank, bringt alles in die
Pfandleihe und so kann Antonio sein Fahrrad wieder auslösen. Ein bisschen
Sonne und ein bisschen Glück scheinen die Familie Ricci zu erwarten. Ein
ganz ordentliches Gehalt, mit einigen Zulagen, steht ins Haus. Und am nächsten
Morgen fängt Antonio an. Ein Plakat mit Rita Hayworth ist rasch angebracht,
auch wenn noch ein paar Falten auf dem Plakat nicht ausgebügelt sind. Antonio
wird es schnell lernen, Plakate "sauber" zu kleben. Doch dann stiehlt
jemand Antonios Fahrrad. Obwohl er dem Dieb (Vittorio Antonucci) hinterherrennt,
bekommt er ihn nicht zu fassen.
Enttäuscht
geht Antonio nach Hause, liefert Bruno an der Haustür ab, traut sich aber
selbst nicht, Maria von dem Unglück zu berichten. Er sucht Hilfe bei Baiocco
(Gino Saltamerenda), der am nächsten Morgen ganz früh mit anderen
Männern von der Müllabfuhr mit Antonio zum Fahrradmarkt geht, um das
gestohlene Rad vielleicht dort zu finden. Vergeblich.
Als
Antonio, der sich mit Bruno weiter auf die Suche nach dem Rad macht, den Dieb
plötzlich wiedererkennt, aber wieder nicht fassen kann, folgen beide einem
Mann, dem der Dieb Geld gegeben hatte. Sie verfolgen ihn bis in eine Kirche,
in der ein Gottesdienst mit anschließender Armenspeisung stattfindet.
Doch der Bettler (Giulio Chiari) leugnet, den Dieb zu kennen. Als Antonio nicht
locker lässt und Unruhe in die Kirche bringt, nennt der Bettler ihm eine
Adresse, wo der Dieb angeblich wohnt. Doch das einzige, was Antonio, als er
den Fahrraddieb stellt, erntet, ist der Zorn und die Ablehnung der Nachbarn
und Freunde des Diebes.
Völlig
verzweifelt sitzt Antonio mit Bruno am Straßenrand - und sieht ein Fahrrad,
einsam an einer Hauswand. Soll er es stehlen?
"Dieser
Mythos ist tragisch, weil
sein
Held bewusst ist. Worin
bestünde
tatsächlich seine Strafe,
wenn
ihm bei jedem Schritt die
Hoffnung
auf Erfolg neue Kräfte
gäbe?
Heutzutage arbeitet der
Werktätige
sein Leben lang unter
den
gleichen Bedingungen, und
sein
Schicksal ist genauso absurd.
Tragisch
ist es aber nur in den wenigen
Augenblicken,
in denen sich der
Arbeiter
bewusst wird." (1)
Antonio
und seine Familie sind diese "gewöhnlichen", "einfachen"
Leute, die in den Randbezirken von Rom leben und auf die einerseits der Spruch
zutrifft, dass sie zu viel Geld zum Sterben und zu wenig zu Leben haben, die
sich aber andererseits unter schwierigsten Bedingungen jene Würde erhalten
haben, die sie erst zu Menschen macht. Antonio verlangt nicht viel vom Leben,
eigentlich nur, dass er eine Arbeit bekommt, um seiner Familie ein bisschen
von dem zu gönnen, das über das aller Notwendigste hinaus geht. Auch
der Dieb, der ihm das Fahrrad stiehlt, lebt unter ganz ähnlichen Umständen,
nur, dass er bereits die Konsequenz gezogen hat, ohne Dieb-stahl nicht überleben
zu können. Beide, der Dieb wie Antonio, leben in einer Nachbarschaft, in
der sie sich auf Freunde und Bekannte verlassen können. Mit dem Dieb, der
mit seiner Mutter und Geschwistern in einem einzigen Raum wohnen muss, solidarisieren
sich gleich zwei Dutzend Nachbarn und Bekannte, und sicherlich auch einige andere
Diebe, als Antonio ihn beschuldigt. Antonio andererseits ist sich der Solidarität
von Baiocco und seinen Männern von der Müllabfuhr sicher.
Außen
vor stehen die Polizei und die Behörden, die weder gegen den Fahrraddiebstahl,
noch gegen die soziale Armut etwas ausrichten können. Außen vor steht
auch die Wahrsagerin, zu der die Menschen gehen, wenn sie gar keinen Ausweg
mehr sehen. Und nicht zuletzt steht auch die Kirche außen vor, die außer
religiösem Trost und Armenspeisung nichts zu bieten hat. Eine schier aussichtslose
Situation, ein Teufelskreis, dem kaum jemand entrinnen kann - selbst Antonio
nicht, der der Verhaftung nur entkommt, weil der Besitzer des Fahrrads, das
er am Schluss zu stehlen versucht, auf eine Anzeige verzichtet.
De
Sica zeigt diese Situation und die Mentalität "seiner" Menschen
ungeschminkt. Man spürt die Solidarität des Regisseurs, aber gleichzeitig
auch, dass er sie nicht zu Helden hochstilisiert. Cesare Zavattini, der am Drehbuch
mitarbeitete, war damals Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens. Und trotzdem
spürt man nichts von einer Heroisierung armer Leute, "nur" weil
sie arm sind. So bleibt die Visualisierung der Geschichte einerseits nüchtern,
was die Darstellung der Verhältnisse angeht. Auf der anderen Seite überzeugt
zugleich die Dramatisierung der Geschichte, weil sie aufgrund echter, also nicht
nur vorgetäuschter Gefühle den Teufelskreis von Armut und Kleinkriminalität
- ohne etwas rechtfertigen oder entschuldigen zu wollen - benennt und de Sica
dadurch verhindert, dass die Betroffenen zu "Tätern", zu "Verbrechern"
stigmatisiert werden, die sie in dieser simplen Klassifizierung eben nicht sind.
"Sisyphos,
der ohnmächtige und rebellische
Prolet
der Götter, kennt das ganze
Ausmaß
seiner unseligen Lage:
über
sie denkt er während des
Abstiegs
nach. Das Wissen, das
eigentlich
eine Qual bewirken sollte,
vollendet
gleichzeitig seinen Sieg.
Es
gibt kein Schicksal, das durch
Verachtung
nicht überwunden
werden
kann." (1)
Besonders
eindrücklich wird dies am Schluss, als Antonio - völlig verzweifelt
nach dem Diebstahl, den er selbst begangen hat - fast traumatisiert nach Hause
geht und Bruno, weinend, seinen Vater an die Hand nimmt. Der Junge hat in diesem
Moment die Zusammenhänge völlig klar und in all ihrer Tragik begriffen.
Er weiß jetzt, es ist ihm nun bewusst, welches Leben für ihn und
seine Familie vorgesehen ist; er weiß, warum sein Vater so gehandelt hat.
In diesem Moment liegt - auch das wird hier deutlich - die einzige Chance für
Bruno und Antonio. In diesem Augenblick der Verzweiflung sind beide völlig
klar.
Es
ist nicht so, dass sie sich mit ihrem "Schicksal" abgefunden haben;
aber sie ähneln zwei Menschen, die, wie Sisyphos, dieses Schicksal verachten.
Antonio wird den Stein wieder den Berg hinauf wälzen, er wird wieder nach
Arbeit suchen, wird es so lange versuchen, bis er seiner Familie ein etwas besseres
Leben verschafft hat. Die Schlussszene zeigt Antonio und Bruno, wie beide in
einer Menge anderer Menschen, denen es ähnlich wie ihnen geht, verschwinden.
Obwohl
Marxismus und Existentialismus in der Zeit, in der Film gedreht wurde, sich
spinnefeind waren, zeigt der Film dennoch den entscheidenden Anknüpfungspunkt,
zumindest eines intelligenten (italienischen) Marxismus bzw. Neorealismus (nicht
des in der KP vorherrschenden Stalinismus) mit den vor allem in Frankreich damals
starken Existentialisten um Camus, Sartre und andere. Man kann es auch in den
Worten von Sartre ausdrücken: Selbst in einer existentiell schier ausweglosen
Situation bleibt die Freiheit, sich mit dieser Situation abzufinden oder dagegen
anzugehen. Dieser Begriff von Freiheit steht auch am Ende von "Ladri di
biciclette".
Wertung:
10 von 10 Punkten.
Prädikat:
Besonders wertvoll.
Ulrich
Behrens
Dieser Text ist zuerst erschienen bei: follow me now
(1)
Albert Camus: Der Mythus des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde (1942),
Hamburg 1992 (1959), S. 98, 99.
Fahrraddiebe
(Ladri
di biciclette)
Italien
1948, 93 Minuten
Regie:
Vittorio de Sica
Drehbuch:
Cesare Zavattini, Vittoria de Sica, Suso Cecchi d'Amico, Adolfo Franci, Gerardo
Guerrieri, nach dem Roman von Luigi Bartolini
Musik:
Alessandro Cicognini
Kamera:
Carlo Montuori
Montage:
Eraldo da Roma
Produktionsdesign:
Antonio Traverso
Darsteller:
Lamberto Maggiorani (Antonio Ricci), Enzo Staiola (Bruno Ricci), Lianella Carell
(Maria Ricci), Gino Saltamerenda (Baiocco), Vittorio Antonucci (Der Dieb), Giulio
Chiari (Der Bettler)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0040522
©
Ulrich Behrens 2005
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